Prolog – Vor zweitausend Jahren

Der Wald brannte.
Roter Feuerschein wanderte über die Stämme der alten Eichen und spiegelte sich auf den Schilden der Männer, die zwischen den Bäumen kämpften.
Es war das Jahr, in dem das Schicksal des Stammes entschieden werden sollte.
Auf der Anhöhe stand Fürst Artan.
Sein Schwert war blutig, sein Mantel zerrissen. Hinter ihm sammelten sich die letzten Krieger seines Stammes.
Ihnen gegenüber standen die Männer von Fürst Movran.
Movran hatte Artan einst seinen Bruder genannt.
Nun wollte er dessen Land.
Und etwas, das noch wertvoller war.
Ein Geheimnis.
Seit Generationen bewahrte Artans Familie etwas, von dem nur wenige wussten.
Etwas, das niemals in die Hände eines Feindes gelangen durfte.
Neben Artan stand die Druidin Rowanna.
Ihr langes, graues Haar bewegte sich im Wind. In ihrer Hand hielt sie einen Stab aus Eichenholz.
„Du musst fliehen“, sagte sie leise.
Artan schüttelte den Kopf.
„Ein Fürst flieht nicht, wenn sein Volk hinter ihm steht.“
Rowanna sah ihn lange an.
„Dann wirst du heute sterben.“
Artan blickte in ihre Augen.
„Vielleicht.“
Er griff unter seinen Mantel und holte ein kleines Amulett hervor.
Es bestand aus dunklem Silber.
Auf seiner Oberfläche befanden sich mehrere geheimnisvolle Zeichen.
Rowanna nahm es entgegen.
„Du weißt, was darauf steht?“
Artan nickte.
„Nicht alles.“
Die Druidin betrachtete die Zeichen.
„Dann ist es gut.“
Artan sah sie fragend an.
„Warum?“
Rowanna schloss ihre Finger um das Amulett.
„Weil niemand das Geheimnis finden kann, solange er die Zeichen nicht versteht.“
In diesem Augenblick ertönte ein Horn.
Movrans Männer griffen an.
Artan zog sein Schwert.
Der Kampf begann.
Stunden später war der Wald still.
Artan lag auf einer Lichtung.
Sein Schwert lag wenige Schritte entfernt.
Movran stand über ihm.
„Wo ist es?“, fragte er.
Artan antwortete nicht.
Movran kniete sich hin.
„Das Geheimnis deiner Familie. Wo ist es?“
Artan lächelte schwach.
„Du wirst es niemals finden.“
Movrans Gesicht verhärtete sich.
Dann stieß er sein Schwert in Artans Brust.
Der Fürst starb ohne ein weiteres Wort.
Doch Movran hatte nicht gewonnen.
Denn Rowanna hatte gesehen, was geschehen war.
Sie wartete, bis Movran und seine Männer verschwunden waren.
Dann ging sie zu Artan.
Sie kniete neben seinem Körper nieder.
Eine Träne lief über ihre Wange.
„Du hast dein Wort gehalten.“
Sie nahm das Amulett aus ihrer Tasche.
Dann setzte sie sich unter die älteste Eiche des Waldes.
Mit einem kleinen Messer begann sie, die Zeichen auf dem Amulett zu verändern.
Nicht die Runen selbst.
Sie fügte ihnen etwas hinzu.
Eine verborgene Ordnung.
Eine Folge.
Eine Bedeutung, die nur jemand erkennen konnte, der wusste, wonach er suchen musste.
Schließlich hielt Rowanna das Amulett gegen das Mondlicht.
Nun war ein Satz darin verborgen.
Doch kein Mensch konnte ihn einfach lesen.
Er musste die Zeichen verstehen.
Und genau darin lag Artans letztes Geheimnis.
Rowanna stand auf.
Sie ging zu einem abgelegenen Hügel tief im Wald.
Dort lagen drei gewaltige Steine.
Zwischen ihnen befand sich eine schmale Öffnung.
Rowanna legte das Amulett hinein.
Bevor sie den Eingang mit Steinen verschloss, flüsterte sie:
„Du hast gesagt, die Wahrheit müsse warten.“
Sie blickte zum Mond.
„Dann soll sie warten.“
Ein letzter Stein fiel an seinen Platz.
Das Grab verschwand.
Und mit ihm das Geheimnis von Fürst Artan.
Kapitel 1 – Das Vermächtnis
Eva
Der Regen hatte gerade aufgehört, als Eva die Tür der Buchhandlung abschloss.
Sie zog den Schlüssel aus dem Schloss und blieb einen Moment stehen. Die nasse Straße glänzte im Licht der Laternen. Es war ein kühler Herbstabend, und aus den Schornsteinen der alten Häuser stieg bereits der erste Rauch.
Eva mochte diese Stunden.
Wenn die Stadt langsam stiller wurde und die Bücher hinter ihr in ihren Regalen ruhten.
Seit fast sechs Jahren arbeitete sie in der kleinen Buchhandlung. Sie liebte alte Bücher, ihren Geruch, die vergilbten Seiten und die kleinen Spuren, die frühere Besitzer hinterlassen hatten.
Doch mit Geschichte hatte sie eigentlich wenig zu tun.
Schon gar nicht mit der keltischen Kultur.
Für Eva waren Kelten bisher hauptsächlich eine Mischung aus alten Steinkreisen, geheimnisvollen Druiden und Geschichten, die man auf Mittelaltermärkten erzählte.
Mehr wusste sie nicht darüber.
An diesem Abend sollte sich das ändern.
Als sie noch einmal durch das Schaufenster sah, bemerkte sie ein Paket auf dem Verkaufstresen.
Eva runzelte die Stirn.
Das war merkwürdig.
Sie war allein gewesen, als sie vor zehn Minuten die Kasse geschlossen hatte.
Das Paket war definitiv vorher nicht dort gewesen.
Sie schloss die Tür wieder auf.
Auf dem braunen Packpapier stand nur ein Name.
Eva.
Kein Absender.
Keine Adresse.
Nur ihr Name.
Sie nahm das Paket und stellte es auf den Tresen.
„Sehr lustig“, murmelte sie.
Vielleicht hatte einer ihrer Kollegen es dort hingelegt.
Sie öffnete die Schnur.
Zum Vorschein kam ein altes Buch.
Der Einband war dunkelbraun und an den Ecken stark abgenutzt. Es war schwerer, als es aussah.
Eva drehte es um.
Kein Titel.
Sie schlug die erste Seite auf.
Nichts.
Die zweite.
Wieder nichts.
Dann bemerkte sie auf der dritten Seite eine handgeschriebene Zeile.
Die Tinte war bereits verblasst.
„Was verborgen wurde, wird eines Tages wiedergefunden.“
Eva lächelte unsicher.
„Na toll.“
Sie blätterte weiter.
Viele Seiten waren leer.
Andere enthielten Zeichnungen, die sie nicht verstand.
Kreise.
Linien.
Seltsame Zeichen.
Und dann fiel etwas aus dem Buch.
Ein leises metallisches Klirren.
Eva blickte nach unten.
Ein kleines Amulett lag auf dem Holzboden.
Sie hob es auf.
Es war dunkel angelaufen und hing an einer alten Lederschnur.
Auf der Vorderseite befanden sich mehrere Zeichen.
Eva betrachtete sie.
Sie hatte keine Ahnung, was sie bedeuteten.
Runen vielleicht.
Oder irgendeine alte Schrift.
Sie drehte das Amulett um.
Auf der Rückseite war ein einziges Wort eingeritzt.
Eva konnte es lesen.
ARTAN
„Artan?“
Der Name sagte ihr nichts.
Sie legte das Amulett neben das Buch.
Dann bemerkte sie etwas.
Auf einer der letzten Seiten befand sich eine Zeichnung.
Drei große Steine.
Dahinter ein Hügel.
Und unter der Zeichnung standen vier Worte:
„Wo der Stein schweigt.“
Eva schloss das Buch.
Sie wusste nicht, warum.
Aber plötzlich hatte sie das Gefühl, als würde sie etwas in der Hand halten, das sie besser nicht hätte finden sollen.
Tim
Fast zur gleichen Zeit brannte im Archiv der Universität noch Licht.
Tim saß allein an einem langen Holztisch.
Vor ihm lagen mehrere Bücher, Kopien alter Dokumente und Fotografien archäologischer Fundstücke.
Er arbeitete seit Jahren über die keltische Kultur Mitteleuropas.
Nicht über die romantische Vorstellung von Druiden und geheimnisvollen Zauberwäldern.
Tim interessierte sich für die Menschen selbst.
Ihre Siedlungen.
Ihre religiösen Vorstellungen.
Ihre Bestattungsrituale.
Ihre Schriftzeugnisse.
Und besonders für die Frage, wie viel von ihrer Geschichte tatsächlich verloren gegangen war.
Vor ihm lag ein Dokument, das er erst am Nachmittag aus einem bislang kaum beachteten Universitätsbestand erhalten hatte.
Ein Bericht aus dem späten 19. Jahrhundert.
Tim las die letzten Zeilen erneut.
Dann hielt er inne.
Dort standen zwei Namen.
Artan.
Und:
Rowanna.
Tim lehnte sich zurück.
Diese Namen kannte er nicht.
Zumindest nicht aus den bekannten Quellen.
Er griff nach einem Notizbuch und schrieb sie auf.
ARTAN – Fürst?
ROWANNA – Druidin?
Daneben setzte er ein Fragezeichen.
Er las weiter.
Der alte Bericht erwähnte eine mündliche Überlieferung über einen keltischen Fürsten, der während eines Stammeskonflikts getötet worden sein sollte.
Der Name seines Gegners:
Movran.
Tim wurde aufmerksam.
Er suchte in seinen Datenbanken.
Nichts.
Er nahm ein weiteres Buch aus dem Regal.
Dann noch eines.
Er verglich Namen, Ortsangaben und alte Fundberichte.
Immer wieder tauchte eine ähnliche Geschichte auf.
Ein Fürst.
Ein Verrat.
Eine Druidin.
Ein verborgenes Grab.
Aber keine dieser Quellen verriet, wo das Grab gelegen hatte.
Tim stand auf und ging zu einem alten Kartenschrank.
Nach einigen Minuten fand er eine historische Karte des Gebietes.
Er breitete sie auf dem Tisch aus.
Mit einem Bleistift markierte er die wenigen Stellen, an denen in alten Aufzeichnungen keltische Gräber erwähnt wurden.
Dann entdeckte er einen handschriftlichen Vermerk am Rand der Karte.
Er stammte nicht aus dem 19. Jahrhundert.
Er war deutlich älter.
Tim beugte sich darüber.
Die Schrift war kaum zu entziffern.
Doch ein Wort konnte er erkennen.
Rowanna.
Darunter befand sich ein Zeichen.
Tim kannte es.
Eine alte keltische Darstellung, deren genaue Bedeutung bis heute nicht eindeutig geklärt war.
Er setzte sich wieder.
Langsam begann er, die verstreuten Hinweise zusammenzufügen.
Artan.
Rowanna.
Movran.
Ein verschwundenes Grab.
Und immer wieder ein Hinweis auf einen Schlüssel.
Tim schrieb das Wort auf ein frisches Blatt.
SCHLÜSSEL
Darunter:
Was sollte geöffnet werden?
Er starrte auf seine Notizen.
Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass sich hinter der alten Geschichte mehr verbarg als eine überlieferte Stammesfehde.
Vielleicht hatte jemand absichtlich dafür gesorgt, dass die Geschichte vergessen wurde.
Zwei Wege
Eva saß inzwischen zu Hause an ihrem Küchentisch.
Das alte Buch lag vor ihr.
Das Amulett daneben.
Sie hatte es mehrmals fotografiert und versucht, die Zeichen im Internet zu finden.
Ohne Erfolg.
Schließlich nahm sie ihr Handy.
Sie tippte:
„Artan keltisch“
Die Suchergebnisse waren enttäuschend.
Ein paar moderne Namen.
Einige Fantasyfiguren.
Nichts, was mit ihrem Fund zu tun hatte.
Eva legte das Handy weg.
Sie nahm das Amulett in die Hand.
Das Metall war kalt.
Sie betrachtete die Zeichen.
Noch wusste sie nicht, dass zur gleichen Zeit ein Mann an einer Universität über genau diese Zeichen nachdachte.
Sie wusste nichts von Artan.
Nichts von Rowanna.
Nichts von Movran.
Und schon gar nichts von dem Grab.
Tim wiederum wusste nicht, dass sich das Amulett, nach dem er gerade suchte, bereits in den Händen einer jungen Frau befand.
Zwei Menschen.
Zwei völlig unterschiedliche Leben.
Und zwischen ihnen ein Geheimnis, das fast zweitausend Jahre gewartet hatte.
Eva legte das Amulett zurück auf das Buch.
In diesem Augenblick glaubte sie, aus dem Inneren des alten Einbands ein leises Geräusch zu hören.
Ein Kratzen.
Sie hielt den Atem an.
Dann war es wieder still.
Kapitel 2 – Der alte Zettel
Eva war noch immer nicht aufgestanden.
Das alte Buch lag vor ihr auf dem Küchentisch.
Daneben das Amulett.
ARTAN, stand auf seiner Rückseite.
Und darunter, auf der letzten Seite des Buches:
Wo der Stein schweigt.
Eva hatte den Satz bestimmt zehnmal gelesen.
Er ergab keinen Sinn.
Sie kannte keinen Artan. Sie wusste nicht, was es mit den seltsamen Zeichen auf dem Amulett auf sich hatte, und mit Steinen konnte sie überhaupt nichts anfangen.
Dann war da noch dieses Geräusch.
Ein leises Kratzen aus dem Inneren des Buches.
Eva nahm es wieder in die Hand.
Sie drehte es herum und klopfte vorsichtig gegen den hinteren Einband.
Klopf.
Diesmal war das Geräusch deutlich zu hören.
Eva sah das Buch misstrauisch an.
„Da ist doch irgendetwas drin.“
Sie strich mit dem Finger über die Kante des Einbands. An einer Stelle hatte sich das Leder gelöst. Darunter zeichnete sich ein schmaler Spalt ab.
Vorsichtig schob sie den Fingernagel hinein.
Das Leder gab nach.
Eva zog daran.
Ein kleines Stück Papier kam zum Vorschein.
Sie hielt den Atem an.
Langsam zog sie den Zettel heraus.
Er war dünn, brüchig und an mehreren Stellen eingerissen. Die Schrift darauf war kaum noch lesbar.
Eva legte ihn unter die Lampe.
Zunächst konnte sie nur einzelne Buchstaben erkennen.
Dann ein Wort.
Artan.
Ihr Herz schlug schneller.
Sie sah zum Amulett.
„Du schon wieder.“
Sie legte den Zettel neben das Amulett und begann erneut zu lesen.
„Artan …“
Danach fehlten mehrere Wörter.
Dann:
„… wenn er fällt …“
Eva fröstelte.
Sie las weiter.
„Rowanna …“
Der Name sagte ihr nichts.
Aber er stand eindeutig dort.
Darunter befand sich eine Zeichnung.
Eva beugte sich näher heran.
Ein Kreis.
Vier Linien.
Und in seiner Mitte ein Zeichen.
Eva nahm das Amulett.
Sie hielt es über die Zeichnung.
Ihre Finger wurden plötzlich kalt.
Die Zeichnung auf dem Papier und die Zeichen auf dem Amulett waren identisch.
Nicht ähnlich.
Identisch.
Eva legte das Amulett direkt auf die Zeichnung.
Es passte genau darauf.
Für einen Augenblick sagte sie nichts.
Das bedeutete, dass der Zettel nicht zufällig im Buch gesteckt hatte.
Er gehörte zum Amulett.
Und wahrscheinlich auch zu Artan.
Eva nahm die Lupe.
Unter der Zeichnung konnte sie weitere Wörter erkennen.
„… das Zeichen bewahren …“
Eine Lücke.
Dann:
„… bis der Weg gefunden wird …“
Und darunter, fast vollständig verblasst:
„… wo der Stein schweigt.“
Eva erstarrte.
Sie kannte diese Worte.
Sie standen bereits im Buch.
Genau dieselben Worte.
Sie griff nach dem Buch und schlug die letzte Seite auf.
Dort stand:
WO DER STEIN SCHWEIGT.
Sie sah zwischen Buch, Zettel und Amulett hin und her.
Jetzt war sie sicher.
Das waren keine drei voneinander unabhängigen Dinge.
Das Buch führte zu dem Zettel.
Der Zettel führte zum Amulett.
Und das Amulett führte offenbar zu einem Ort.
Zu einem Ort, an dem ein Stein schwieg.
Eva wusste nicht, was das bedeutete.
Aber plötzlich erschien ihr der Satz nicht mehr poetisch.
Vielleicht war er eine Wegbeschreibung.
Vielleicht war er ein Hinweis auf einen Ort.
Vielleicht sogar auf ein Grab.
Sie nahm den Zettel erneut.
Ganz unten befand sich eine letzte Zeile.
Sie war fast vollständig zerstört.
Eva konnte nur noch einige Worte entziffern:
„Wenn Artan fällt … Rowanna wird …“
Der Rest fehlte.
Doch direkt darunter war ein einziges Wort noch deutlich lesbar.
BEWAHREN.
Eva sah das Amulett an.
Sie verstand noch immer nicht, was die Zeichen bedeuteten.
Aber eines begann sie zu begreifen:
Rowanna hatte etwas bewahrt.
Etwas, das mit Artan zu tun hatte.
Etwas, das mit seinem Tod verbunden war.
Und jemand hatte dafür gesorgt, dass dieses Wissen fast zweitausend Jahre lang verborgen blieb.
Eva nahm das Amulett in die Hand.
„Was hast du mit Artan zu tun?“
Natürlich antwortete es nicht.
Doch als ihre Finger über die eingravierten Zeichen glitten, hatte Eva für einen kurzen Moment das Gefühl, dass sie nicht einfach einen alten Gegenstand gefunden hatte.
Sie hatte etwas gefunden, das darauf gewartet hatte, gefunden zu werden.
Und zum ersten Mal dachte sie daran, dass sie vielleicht jemanden brauchte, der diese Zeichen lesen konnte.
Jemanden, der wusste, was sie bedeuteten.
Jemanden, der sich mit alten Kulturen auskannte.
Sie wusste noch nicht, dass es an der Universität einen Historiker gab, der seit Wochen nach genau diesen beiden Namen suchte.
Artan.
Rowanna.
Kapitel 3 – Die Namen aus der Vergangenheit
Am nächsten Morgen lag das Amulett noch immer auf Evas Küchentisch.
Sie hatte kaum geschlafen.
Immer wieder hatte sie den alten Zettel gelesen. Die wenigen Worte gingen ihr nicht aus dem Kopf.
Artan.
Rowanna.
Wo der Stein schweigt.
Und dann dieser merkwürdige Satz:
Wenn Artan fällt … Rowanna wird … bewahren.
Eva wusste, dass sie allein nicht weiterkommen würde.
Sie brauchte jemanden, der sich mit alten Schriften und Geschichte auskannte.
Nach kurzer Suche fand sie heraus, dass an der Universität ein Institut für Alte Geschichte und Archäologie existierte. Dort beschäftigte sich ein Wissenschaftler mit keltischer Kultur.
Sein Name war Tim Berger.
Eva steckte das Buch, den Zettel und das Amulett vorsichtig in ihre Tasche.
Dann machte sie sich auf den Weg.
Die Universität war größer, als Eva erwartet hatte.
Sie fragte sich bis zum historischen Institut durch und blieb schließlich vor einer Tür stehen.
Dr. Tim Berger
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Alte Geschichte – Keltische Kultur
Eva atmete tief durch und klopfte.
„Herein.“
Sie öffnete die Tür.
Ein Mann Anfang dreißig saß hinter einem Schreibtisch. Vor ihm lagen Bücher, alte Karten und mehrere Ausdrucke.
Tim sah auf.
„Ja?“
„Entschuldigung. Ich hoffe, ich störe nicht.“
„Eigentlich immer“, sagte er mit einem leichten Lächeln. „Aber das gehört zum Beruf.“
Eva musste ebenfalls lächeln.
„Ich suche jemanden, der sich mit keltischer Geschichte auskennt.“
Tim deutete auf den Stuhl.
„Dann sind Sie vermutlich richtig.“
Eva setzte sich.
Sie öffnete ihre Tasche.
„Ich habe etwas gefunden.“
Tim sah zunächst nur auf das alte Buch.

Doch als Eva das Amulett danebenlegte, veränderte sich sein Gesichtsausdruck.
Er beugte sich vor.
„Woher haben Sie das?“
„Aus dem Buch.“
„Was für ein Buch?“
„Das weiß ich nicht.“
Eva erzählte ihm von dem Paket, das plötzlich in der Buchhandlung gelegen hatte. Sie erzählte von dem Buch, den Zeichnungen und dem Satz „Wo der Stein schweigt.“
Tim hörte aufmerksam zu.
Als sie schließlich den alten Zettel hervorholte, nahm er ihn vorsichtig entgegen.
Er las.
Dann noch einmal.
„Artan“, sagte er leise.
Eva sah ihn an.
„Sie kennen den Namen?“
Tim antwortete nicht sofort.
Stattdessen stand er auf und ging zu einem Regal.
Er zog einen Ordner heraus.
Dann noch einen.
„Ich habe diesen Namen gestern Abend gelesen.“
Eva sah ihn überrascht an.
„Artan?“
Tim nickte.
„Und Rowanna.“
Jetzt wurde Eva aufmerksam.
„Sie haben nach ihnen gesucht?“
„Seit gestern.“
Er legte einige Kopien auf den Tisch.
„Ich bin auf einen alten Bericht gestoßen. Darin werden beide Namen erwähnt. Allerdings ist die Geschichte sehr lückenhaft.“
Eva sah auf die Dokumente.
„Was wissen Sie über sie?“
Tim nahm das Amulett noch einmal in die Hand, ohne die Oberfläche zu berühren.
„Nicht genug.“
Dann sagte er:
„Aber ich kenne jemanden, der Ihnen mehr darüber erzählen kann.“
Wenige Minuten später gingen sie gemeinsam durch einen langen Korridor.
Tim blieb vor einer Tür stehen.
Prof. Dr. Friedrich Albrecht
Lehrstuhl für Alte Geschichte und Archäologie
Er klopfte.
„Herein.“
Im Büro saß ein älterer Mann mit grauem Haar hinter einem Schreibtisch. An den Wänden standen Regale voller Bücher. Alte Karten hingen eingerahmt neben Fotografien archäologischer Fundstätten.

Der Professor blickte zunächst zu Tim.
„Was gibt es?“
„Ich glaube, wir haben etwas gefunden.“
Der Professor lächelte.
„Das sagst du jedes Mal.“
„Diesmal meine ich es ernst.“
Tim legte den Zettel auf den Tisch.
Der Professor nahm seine Brille ab.
Er las.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Woher haben Sie das?“
Eva trat näher.
„Ich habe es gefunden.“
Der Professor sah sie lange an.
Dann nahm er das Amulett.
Er drehte es vorsichtig um.
Als er den Namen auf der Rückseite sah, wurde er plötzlich sehr still.
ARTAN
„Das ist unmöglich“, sagte er.
Tim sah ihn an.
„Sie kennen ihn.“
Der Professor legte das Amulett langsam zurück.
„Artan ist eine der rätselhaftesten Gestalten in unseren regionalen Überlieferungen.“
Er ging zu einem Schrank und holte ein altes Buch heraus.
„Es gibt keine zeitgenössische schriftliche Quelle, die seine Geschichte vollständig bestätigt. Das meiste, was wir wissen, stammt aus späteren Aufzeichnungen und mündlichen Überlieferungen.“
Er schlug das Buch auf.
„Artan soll ein keltischer Fürst gewesen sein. Ein Stammesführer. Einer Überlieferung zufolge geriet er in einen Konflikt mit einem anderen Fürsten namens Movran.“
Eva erinnerte sich an den Zettel.
„Und Rowanna?“
Der Professor sah sie an.
„Eine Druidin.“
Tim trat näher.
„Was ist über sie bekannt?“
„Sehr wenig. Aber sie scheint in den Überlieferungen eine ungewöhnlich wichtige Rolle zu spielen.“
Der Professor blätterte einige Seiten weiter.
„Nach der Legende wurde Artan während eines Kampfes getötet. Angeblich nicht im offenen Zweikampf, sondern durch Verrat.“
Eva sah auf das Amulett.
„Von Movran?“
Der Professor nickte langsam.
„So erzählt es die Geschichte.“
Er zeigte auf eine Zeichnung in dem Buch.
Ein Hügel.
Drei Steine.
Und ein Kreis.
Eva bekam eine Gänsehaut.
Es war dieselbe Darstellung, die sie in ihrem Buch gesehen hatte.
„Das ist es“, flüsterte sie.
Tim sah sie an.
„Was?“
Eva holte ihr eigenes Buch aus der Tasche und schlug es auf.
Sie zeigte die Zeichnung.
Der Professor beugte sich darüber.
Sein Gesicht wurde ernst.
„Woher haben Sie dieses Buch?“
„Das weiß ich nicht.“
„Und das Amulett?“
„Es lag darin.“
Der Professor schwieg lange.
Dann sagte er:
„Dann haben Sie etwas gefunden, nach dem andere Menschen seit mehr als hundert Jahren suchen.“
Eva sah ihn fragend an.
„Was?“
Der Professor deutete auf das Amulett.
„Artans Grab.“
Tim atmete tief ein.
„Das Grab wurde nie gefunden.“
„Offiziell nicht.“
Der Professor ging zum Fenster.
„Die Überlieferung erzählt, dass Rowanna nach Artans Tod etwas vor Movran verbarg. Etwas, das Artan zu Lebzeiten bewahrt hatte.“
„Was?“, fragte Eva.
Der Professor schüttelte den Kopf.
„Das ist das eigentliche Rätsel.“
Er drehte sich zu ihr um.
„Man spricht von einem Geheimnis. Manche Quellen nennen es einen Schatz. Andere sprechen von Wissen. Wieder andere behaupten, Artan habe etwas hinterlassen, das niemals in die Hände seines Feindes gelangen durfte.“
Tim nahm den alten Zettel.
„Und das Amulett?“
Der Professor sah auf die Runen.
„Es soll der Schlüssel gewesen sein.“
Eva spürte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief.
„Der Schlüssel zu seinem Grab?“
„Vielleicht.“
Der Professor deutete auf die Inschrift.
„Aber wahrscheinlich nicht im wörtlichen Sinne.“
Er betrachtete die Zeichen genauer.
„Diese Runen sind nicht einfach eine Wegbeschreibung.“
Tim sah ihn überrascht an.
„Was dann?“
Der Professor antwortete leise:
„Eine Botschaft.“
Im Raum wurde es still.
Eva sah auf das Amulett.
Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, dass sie vielleicht nicht zufällig auf dieses Buch gestoßen war.
Der Professor legte den Zettel neben das Amulett.
„Wenn diese Überlieferung stimmt, dann hat Rowanna das Geheimnis nach Artans Tod verschlüsselt.“
Tim nahm seine Notizen.
„Und wir müssen die Runen verstehen, bevor wir herausfinden können, wo das Grab liegt.“
Der Professor nickte.
„Genau.“
Er sah Eva und Tim an.
„Aber eines sollten Sie beide verstehen.“
Sein Blick blieb auf dem Amulett.
„Wenn dieses Stück wirklich zweitausend Jahre alt ist und tatsächlich zu Artan gehört, dann haben wir es nicht mit einer gewöhnlichen archäologischen Spur zu tun.“
Eva fragte:
„Warum?“
Der Professor antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Weil die Überlieferung behauptet, dass Rowanna dafür gesorgt hat, dass das Geheimnis nur von denjenigen gefunden werden kann, die die Bedeutung der Zeichen verstehen.“
Tim sah Eva an.
Eva sah Tim an.
Keiner von beiden sagte etwas.
Doch beide wussten in diesem Moment:
Ihre Suche hatte gerade erst begonnen.
Kapitel 4 – Die Spur des Fürsten

Der Regen hatte aufgehört.
Doch die dunklen Wolken hingen noch immer tief über der Stadt, als Eva am nächsten Morgen die Universität betrat.
Sie hatte kaum geschlafen.
Immer wieder war sie in Gedanken zu dem Moment zurückgekehrt, in dem sie das Amulett berührt hatte.
Rowanna.
Dieser Name ließ sie nicht los.
Und noch weniger die Stimme, die ihn ausgesprochen hatte.
Artan … mein Fürst …
Es war kein Traum gewesen.
Davon war Eva inzwischen überzeugt.
Trotzdem wusste sie nicht, was sie davon halten sollte.
Vielleicht gab es eine vollkommen natürliche Erklärung.
Vielleicht war sie einfach übermüdet.
Vielleicht hatte ihr Verstand aus den wenigen Informationen, die sie inzwischen kannte, ein Bild zusammengesetzt.
Aber eines wusste sie sicher:
Das Amulett war nicht einfach nur ein altes Schmuckstück.
Und die Geschichte von Artan und Rowanna war offenbar noch lange nicht erzählt.
Tim wartete bereits vor Professor Albrechts Büro.
„Du siehst aus, als hättest du überhaupt nicht geschlafen.“
Eva lächelte müde.
„Habe ich auch nicht.“
„Wegen Rowanna?“
Eva nickte.
„Und wegen dem Amulett.“
Tim sah sie einen Moment lang schweigend an.
„Ich habe gestern Abend noch einmal alles durchgesehen, was ich über Artan finden konnte.“
„Und?“
„Nicht viel. Zumindest nichts, was uns direkt weiterbringt.“
Er öffnete die Tür zum Büro.
Professor Albrecht saß bereits an seinem Schreibtisch. Vor ihm lagen mehrere Bücher, alte Kopien von Karten und einige handschriftliche Notizen.
Das Amulett lag in der Mitte des Tisches.
Eva blieb stehen.
„Sie haben es aus meiner Tasche genommen?“
Der Professor sah sie ruhig an.
„Nein. Sie haben es gestern hier liegen lassen.“
Eva war sich sicher, dass sie es eingesteckt hatte.
Aber sie sagte nichts.
Professor Albrecht deutete auf einen Stuhl.
„Setzen Sie sich.“
Tim nahm neben Eva Platz.
Der Professor schob ihnen ein vergilbtes Blatt Papier entgegen.
„Ich habe die Nacht damit verbracht, die Hinweise aus Ihrem Buch mit verschiedenen historischen Quellen zu vergleichen.“
Eva sah auf das Blatt.
Darauf waren mehrere Namen vermerkt.
ARTAN
MOVRAN
ROWANNA
Darunter stand ein weiterer Name:
ARDANN
„Was ist Ardann?“, fragte Eva.
„Das wissen wir nicht genau.“
Tim beugte sich über das Blatt.
„Ich habe diesen Namen gestern schon auf einer alten Karte gesehen.“
Professor Albrecht nickte.
„Richtig. Das Problem ist, dass sich die Schreibweise im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Ardann, Ardan, Ardainn. In einigen Abschriften taucht sogar eine Form auf, die kaum noch Ähnlichkeit mit dem ursprünglichen Namen besitzt.“
Eva betrachtete die Karte.
Ein Fluss zog sich durch eine bewaldete Landschaft.
Nördlich davon erhob sich ein Hügel.
Und dort, zwischen Wald und Fluss, stand ein kleines Zeichen.
Drei Steine.
Drei senkrechte Linien, die durch eine waagerechte Linie verbunden waren.
Eva erstarrte.
„Das.“
Tim sah sie an.
„Was?“
Sie holte ihr Buch hervor.
Vorsichtig schlug sie es auf.
Auf der Zeichnung, die sie am Tag zuvor entdeckt hatte, war dasselbe Symbol zu sehen.
Drei Steine.
Genau wie auf der Karte.
„Das ist das Zeichen aus dem Buch.“
Professor Albrecht nahm die Karte und verglich sie mit der Zeichnung.
Sein Gesicht wurde ernst.
„Dann haben wir möglicherweise endlich eine Verbindung.“
„Zu Artan?“, fragte Eva.
„Vielleicht.“
Der Professor breitete eine weitere Karte aus.
„Diese Gegend war vor ungefähr zweitausend Jahren Teil eines größeren Siedlungsraumes. Wir wissen, dass dort mehrere befestigte Anlagen existierten. Von einer davon gibt es nur noch wenige Hinweise.“
„Ardann?“
„Möglicherweise.“
Tim zeigte auf den Hügel.
„Und was ist dort?“
„Heute? Ein Waldgebiet.“
„Und damals?“
Professor Albrecht schwieg einen Augenblick.
„Das ist die interessante Frage.“
Eva spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Sie glauben, dort könnte Artan gewesen sein?“
„Ich glaube, dass wir einen Ort gefunden haben, der in mehreren voneinander unabhängigen Quellen mit seiner Geschichte verbunden werden kann.“
„Das klingt fast wie dasselbe.“
Der Professor lächelte schwach.
„In unserer Arbeit ist ein Unterschied zwischen möglich und bewiesen manchmal lebenswichtig.“
Tim griff nach einer Kopie.
„Hier steht etwas über Artans Tod.“
Professor Albrecht nickte.
„Eine spätere Chronik berichtet, dass Artan während eines Treffens mit Movran getötet wurde.“
„Von Movran?“
„Das wird behauptet.“
„Aber Sie glauben es nicht?“
Der Professor lehnte sich zurück.
„Ich glaube, dass wir sehr vorsichtig sein müssen. Die meisten Quellen über Artan wurden erst Jahrhunderte später niedergeschrieben. Und je älter eine Geschichte wird, desto stärker vermischen sich Wahrheit, Erinnerung und Legende.“
Eva dachte an Rowanna.
„Und sie?“
„Rowanna taucht in mehreren Überlieferungen auf.“
„Als seine Druidin?“
„Ja. Aber nicht nur.“
Professor Albrecht nahm ein weiteres Blatt.
„In manchen Fragmenten wird sie als Beraterin bezeichnet. In anderen als Hüterin seines Wissens. Und in einer besonders interessanten Überlieferung heißt es, Rowanna sei die einzige Person gewesen, der Artan vor seinem Tod vollständig vertraute.“
Eva sagte nichts.
Das Bild vom vergangenen Abend erschien wieder vor ihren Augen.
Eine Frau mit langen dunklen Haaren.
Artan in ihren Armen.
Blut auf seiner Brust.
Verzweiflung in ihrem Gesicht.
Und ihre Stimme:
Artan … mein Fürst …
„Was wissen wir über ihre Beziehung?“, fragte Eva schließlich.
Professor Albrecht sah sie aufmerksam an.
„Historisch? Sehr wenig.“
„Und die Legenden?“
„Sie sprechen von einer außergewöhnlich engen Verbindung.“
Tim hob den Blick.
„Politisch?“
Der Professor zögerte.
„Vielleicht. Aber manche Texte klingen persönlicher.“
Eva sah auf das Amulett.
„Vielleicht hat sie sein Geheimnis bewahrt.“
Professor Albrecht antwortete nicht sofort.
„Das ist möglich.“
„Und wenn sie wusste, wo er begraben wurde?“
„Dann könnte sie diejenige gewesen sein, die den Ort verborgen hat.“
Eva nahm das Amulett vorsichtig zwischen zwei Finger.
„Dann könnte dieses Amulett von ihr stammen.“
Tim sah auf die Zeichen.
„Oder von jemandem, der später versucht hat, ihre Botschaft zu bewahren.“
Eine Weile sagte niemand etwas.
Dann nahm Professor Albrecht eine Lupe und untersuchte die Zeichen.
„Wir müssen versuchen, die Inschrift zu entschlüsseln.“
Sie verbrachten die nächsten Stunden damit.
Ogham-Zeichen.
Frühe keltische Schriftformen.
Abweichungen durch spätere Abschriften.
Professor Albrecht verglich jedes einzelne Zeichen mit historischen Beispielen.
Doch je länger sie suchten, desto weniger schien sich die Inschrift erklären zu lassen.
„Es ergibt keinen Sinn“, sagte Tim schließlich.
Eva sah ihn an.
„Gar keinen?“
„Einzelne Zeichen lassen sich zuordnen. Aber als Satz funktioniert es nicht.“
Professor Albrecht legte die Lupe beiseite.
„Weil es möglicherweise gar kein Satz ist.“
„Was dann?“
„Eine Verschlüsselung.“
Eva blickte auf.
„Rowanna hat die Botschaft verschlüsselt?“
„Vielleicht.“
„Warum?“
Der Professor sah sie ernst an.
„Wenn sie wusste, dass jemand nach Artans Geheimnis suchen würde, wäre eine einfache Inschrift zu gefährlich gewesen.“
Tim fuhr mit dem Finger über die Karte.
„Dann müssen wir nicht die Zeichen lesen.“
„Sondern?“
„Verstehen, worauf sie verweisen.“
Professor Albrecht nickte.
„Genau.“
Sie begannen, die Geschichte rückwärts zu rekonstruieren.
Artan.
Movran.
Rowanna.
Der Streit zwischen den beiden Fürsten.
Die Machtkämpfe innerhalb der Stämme.
Die letzte Reise Artans.
Und schließlich sein Verschwinden.
Immer wieder tauchte dieselbe Gegend auf.
Der Fluss.
Der Hügel.
Der Wald.
Ardann.
Eva betrachtete die Karte.
„Wenn Artan dort getötet wurde, müsste es doch irgendeinen Hinweis auf sein Grab geben.“
„Das wäre zu erwarten“, sagte Professor Albrecht.
„Aber?“
„Es gibt keinen.“
Tim runzelte die Stirn.
„Gar keinen?“
„Keinen eindeutigen.“
Professor Albrecht zog eine weitere Karte hervor.
„Allerdings gibt es etwas Merkwürdiges.“
Er legte sie neben die erste.
Auf beiden Karten war derselbe Hügel eingezeichnet.
Und auf beiden fand sich das Symbol der drei Steine.
„Das kann kein Zufall sein“, sagte Tim.
Eva berührte die Zeichnung.
„Vielleicht sind die drei Steine der Ort.“
„Oder der Weg dorthin“, sagte Professor Albrecht.
Eva dachte an den Satz im Buch.
Wo der Stein schweigt.
Plötzlich schien alles miteinander verbunden.
Das Buch.
Der Zettel.
Das Amulett.
Die drei Steine.
Ardann.
Artan.
Rowanna.
„Wir müssen dorthin“, sagte sie.
Professor Albrecht sah sie lange an.
„Das wollte ich gerade vorschlagen.“
Tim stand auf.
„Wann?“
„Morgen.“
Eva sah ihn überrascht an.
„So schnell?“
„Wenn wir tatsächlich eine Spur gefunden haben, sollten wir sie verfolgen, solange sie noch nachvollziehbar ist.“
Professor Albrecht begann, die Karten zusammenzulegen.
„Aber Sie beide bleiben zusammen. Keine Alleingänge.“
Tim nickte.
Eva steckte das Amulett wieder ein.
Da fiel ihr Blick auf den alten Zettel.
Sie nahm ihn heraus.
„Professor.“
„Ja?“
„Sie sagten gestern, der Zettel sei vollständig untersucht worden.“
„Ja.“
„Dann erklären Sie mir bitte das.“
Sie drehte den Zettel um.
Professor Albrecht nahm ihn.
Er hielt ihn gegen das Licht.
Zuerst war nichts zu erkennen.
Dann bewegte er das Papier langsam.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Das war vorher nicht sichtbar.“
„Was?“, fragte Tim.
Professor Albrecht legte den Zettel unter die Lampe.
Ganz schwach erschienen auf der Rückseite zusätzliche Linien.
Ein Satz.
Verblasst.
Fast unsichtbar.
Der Professor las ihn langsam.
„Wer den Stein findet …“
Er hielt inne.
Eva beugte sich näher.
„… weckt, was darunter schläft.“
Niemand sagte etwas.
Tim sah Professor Albrecht an.
„Was soll das bedeuten?“
Der Professor antwortete nicht.
Eva spürte plötzlich wieder dieses unangenehme Kribbeln in ihren Fingern.
Das Amulett.
Es war warm geworden.
Sie zog es aus ihrer Tasche.
„Es reagiert.“
Tim trat näher.
„Worauf?“
Eva sah auf die Karte.
Das Symbol der drei Steine schien für einen Moment heller zu werden.
Nur für einen Augenblick.
Dann war alles wieder normal.
Professor Albrecht stand auf.
„Wir sollten für heute Schluss machen.“
Eva wollte gerade antworten, als sie eine Stimme hörte.
Ganz leise.
Direkt neben ihrem Ohr.
„Rowanna.“
Eva fuhr herum.
Niemand stand hinter ihr.
„Was ist?“, fragte Tim.
Sie sah ihn an.
„Nichts.“
Doch dann hörte sie die Stimme erneut.
Noch leiser.
Fast wie ein Atemzug.
„Findet ihn.“
Eva griff nach dem Amulett.
„Wen?“, flüsterte sie.
Keine Antwort.
Stattdessen wurde das Metall plötzlich eiskalt.
Professor Albrecht sah sie aufmerksam an.
„Eva?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich glaube … ich habe nur etwas gehört.“
„Was?“
Eva zögerte.
„Ihre Stimme.“
„Wessen?“
Sie sah auf das Amulett.
„Rowannas.“
Stille.
Dann geschah etwas, das keiner von ihnen erwartet hatte.
Das alte Buch, das die ganze Zeit unbeachtet auf dem Tisch gelegen hatte, begann sich zu bewegen.
Ganz langsam.
Die Seiten flatterten.
Obwohl kein Fenster geöffnet war.
Eine Seite schlug um.
Dann noch eine.
Bis das Buch von selbst auf der letzten Seite liegen blieb.
Dort, wo zuvor nur das verblasste Papier gewesen war, erschien eine feine dunkle Linie.
Eva trat näher.
Die Linie bewegte sich.
Langsam.
Als würde eine unsichtbare Hand schreiben.
Ein zweiter Strich entstand.
Dann ein dritter.
Die Linien verbanden sich.
Ein Zeichen entstand.
Drei Steine.
Tim wich einen Schritt zurück.
„Das war eben noch nicht da.“
Professor Albrecht wurde bleich.
„Nein.“
Eva starrte auf das Zeichen.
„Was bedeutet es?“
Der Professor antwortete zunächst nicht.
Dann sagte er leise:
„Das ist nicht das Zeichen der drei Steine.“
Tim sah ihn an.
„Was dann?“
Professor Albrecht hob langsam den Kopf.
„Das Zeichen für ein Grab.“
In diesem Moment wurde das Amulett heiß.
Eva schrie leise auf und ließ es beinahe fallen.
Und wieder hörte sie Rowannas Stimme.
Diesmal so deutlich, als würde die Frau direkt neben ihr stehen.
„Findet ihn …“
Eva presste die Hand auf den Mund.
Dann kam der zweite Satz.
Nur zwei Worte.
Aber sie ließen ihr das Blut in den Adern gefrieren.
„Bevor er erwacht.“
Das Amulett wurde schlagartig kalt.
Im selben Augenblick schlug irgendwo auf dem Flur eine Tür zu.
Hart.
Einmal.
Alle drei fuhren herum.
Dann hörten sie Schritte.
Langsam.
Schwer.
Einen Schritt.
Dann noch einen.
Sie kamen näher.
Professor Albrecht trat von der Tür zurück.
Tim stellte sich neben Eva.
Die Schritte verstummten.
Direkt vor dem Büro.
Stille.
Niemand bewegte sich.
Dann senkte sich langsam der Türgriff.
Eva hielt den Atem an.
Die Tür begann sich zu öffnen.
Und in diesem Augenblick wusste sie:
Sie waren nicht allein.
Kapitel 5 – Der Weg nach Ardann
Der Türgriff bewegte sich langsam nach unten.
Eva hielt den Atem an.
Tim stand dicht neben ihr. Professor Albrecht war einige Schritte zurückgewichen und starrte auf die Tür.
Dann öffnete sie sich.
Langsam.
Ein Spalt.
Noch ein Stück.
Doch niemand stand auf dem Flur.
Nur Dunkelheit.
Und dann kam der Wind.
Ein eisiger Luftzug schoss durch die geöffnete Tür und fegte durch das Büro. Die Papiere auf dem Schreibtisch wirbelten durcheinander. Eine Karte löste sich von der Wand und segelte zu Boden.
Eva wich erschrocken zurück.
„Wo kommt der Wind her?“
Tim sah zu den Fenstern.
Alle waren geschlossen.
Professor Albrecht ging langsam zur Tür und blickte in den Flur.
Leer.
Keine Schritte.
Keine Person.
Nichts.
Er schloss die Tür.
Im selben Augenblick verstummte der Wind.
Eine unheimliche Stille legte sich über den Raum.
„Das war nicht normal“, sagte Tim.
Professor Albrecht antwortete nicht.
Eva bemerkte etwas auf dem Schreibtisch.
„Professor …“
Er drehte sich um.
Zwischen den verstreuten Papieren lag etwas, das dort zuvor nicht gelegen hatte.
Ein schmales Stück Pergament.
Alt.
Vergilbt.
An den Rändern dunkel verfärbt.
Tim trat näher.
„Das war eben noch nicht da.“
„Nein“, sagte Professor Albrecht.
Eva blieb stehen.
Sie wusste nicht warum, aber sie hatte plötzlich das Gefühl, dass das Pergament für sie bestimmt war.
Langsam ging sie zum Tisch.
Vier Zeichen waren darauf zu erkennen.
Ein Fluss.
Drei aufrecht stehende Steine.
Eine Eiche.
Und ein Halbmond.
Darunter stand eine Zeile in einer alten Schrift.
Professor Albrecht nahm seine Lupe.
„Ich versuche es zu lesen.“
Er beugte sich darüber.
„Wo der Fluss den Schatten des Steins berührt …“
Er hielt inne.
Dann las er weiter:
„… beginnt der Weg.“
Eva bekam eine Gänsehaut.
„Der Weg wohin?“
Tim hatte inzwischen eine alte Karte aus dem Stapel genommen.
„Vielleicht dorthin.“
Er breitete sie auf dem Tisch aus.
Ein Fluss zog sich durch eine bewaldete Landschaft.
Nördlich davon erhob sich ein Hügel.
Und an seinem Fuß waren drei kleine Steine eingezeichnet.
Eva sah das Symbol.
„Das ist es.“
„Was?“
Sie holte das alte Buch hervor.
Schlug es auf.
Dort war dasselbe Zeichen.
Drei Steine.
Professor Albrecht verglich beide Darstellungen.
„Das kann kein Zufall sein.“
Tim fuhr mit dem Finger über die Karte.
„Der Fluss. Der Hügel. Die drei Steine.“
Dann zeigte er auf eine kaum lesbare Beschriftung.
„Und hier.“
Eva trat näher.
Ardann.
„Ardann“, sagte sie leise.
Der Name schien plötzlich schwer im Raum zu liegen.
Professor Albrecht nickte.
„Wir haben möglicherweise den ersten wirklichen Anhaltspunkt.“
Eva nahm das Amulett aus ihrer Tasche.
Sofort wurde es warm.
„Es reagiert.“
Tim sah sie an.
„Auf Ardann?“
Eva legte das Amulett vorsichtig auf das Pergament.
Zunächst geschah nichts.
Dann begann die Oberfläche des Metalls schwach zu schimmern.
Eine Linie erschien.
Sie verlief vom Fluss zu den drei Steinen.
Dann weiter in den Wald.
Tim beugte sich vor.
„Das ist eine Wegbeschreibung.“
Professor Albrecht nickte.
„Aber wohin genau?“
Die Linie endete mitten im Wald.
Nicht bei einem Gebäude.
Nicht bei einem Grab.
Einfach irgendwo zwischen den Bäumen.
„Das wissen wir noch nicht“, sagte Tim.
Eva blickte auf die Eiche.
„Und die?“
Professor Albrecht deutete auf das Zeichen.
„Vielleicht ist sie ein weiterer Orientierungspunkt.“
„Eine bestimmte Eiche?“
„Möglich.“
Tim sah auf die Karte.
„Hier ist keine eingezeichnet.“
„Dann müssen wir sie vor Ort suchen.“
Eva betrachtete den Halbmond.
„Und was bedeutet der?“
Niemand wusste es.
Das war das Beunruhigende.
Die Hinweise zeigten ihnen einen Weg.
Aber sie erklärten nicht, wohin dieser Weg letztlich führte.
Oder warum Rowanna ihn vor zweitausend Jahren verborgen hatte.
Eva sah auf das Pergament.
„Es gibt noch etwas.“
Sie drehte es um.
Die Rückseite war leer.
Professor Albrecht hielt es gegen die Lampe.
Nichts.
Dann legte er es zurück.
Und plötzlich veränderte sich die Oberfläche.
Dunkle Linien erschienen.
Langsam.
Wie von einer unsichtbaren Hand geschrieben.
Zuerst standen dort vier Worte.
ICH KONNTE IHN NICHT RETTEN.
Eva bekam keine Luft.
Das Büro verschwand vor ihren Augen.
Sie hörte keinen Tim mehr.
Keinen Professor Albrecht.
Nur Wind.
Und das Knacken eines Feuers.
Dann sah sie eine Frau.
Rowanna.
Sie saß unter einer alten Eiche.
Neben ihr Artan.
Lebendig.
Jünger.
Sein Gesicht war entspannt.
Er hielt das Amulett in der Hand.
Rowanna sah ihn an.
Nicht wie eine Druidin ihren Fürsten.
Nicht wie eine Beraterin ihren Herrscher.
Sondern wie eine Frau einen Menschen ansah, den sie über alles liebte.
Artan lächelte.
„Du solltest mich nicht immer so ansehen.“
Rowanna hob eine Augenbraue.
„Wie sehe ich dich denn an?“
„Als wüsstest du bereits, was ich sagen werde.“
„Vielleicht weiß ich es.“
Er setzte sich neben sie.
Eine Weile schwiegen sie.
Es war ein vertrautes Schweigen.
Eines, das keine Erklärung brauchte.
Artan nahm ihre Hand.
Rowanna sah auf ihre Finger.
„Du bist der Fürst“, sagte sie leise.
„Das weiß ich.“
„Und trotzdem glaubst du, du könntest alles allein entscheiden.“
Artan lächelte.
„Ich entscheide nicht allein.“
„Doch.“
„Nein.“
Er sah sie an.
„Nicht, solange du bei mir bist.“
Rowannas Gesicht veränderte sich.
Für einen Moment war die starke Druidin verschwunden.
Eva sah nur eine Frau, die Angst hatte, den Menschen zu verlieren, den sie liebte.
„Artan …“
Er strich mit dem Daumen über ihre Hand.
„Du hast Angst.“
„Nicht um mich.“
Artan sah sie lange an.
„Um mich.“
Rowanna antwortete nicht.
Artan nahm das Amulett ab.
Er legte es in ihre Hand.
„Wenn etwas geschieht …“
„Sag das nicht.“
„Rowanna.“
„Nein.“
Ihre Stimme wurde schärfer.
„Du wirst zurückkommen.“
Artan sah sie an.
Und Eva spürte plötzlich, dass er selbst nicht daran glaubte.
Er legte seine Hand auf Rowannas Wange.
„Wenn ich nicht zurückkomme, musst du es bewahren.“
Rowanna schüttelte den Kopf.
„Ich will nichts bewahren.“
„Doch.“
„Ich will dich.“
Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern.
Artan schloss die Augen.
Dann zog er sie an sich.
Rowanna legte den Kopf an seine Brust.
Lange sagte keiner etwas.
Dann flüsterte Artan:
„Du bist die Einzige, der ich es anvertrauen kann.“
Rowanna hob den Kopf.
„Was?“
Artan sah in den Wald.
„Was kommen wird.“
Die Vision zerbrach.
Eva stand wieder im Büro.
Tim hielt ihren Arm.
„Eva!“
Sie atmete schwer.
„Sie war da.“
„Wer?“
„Rowanna.“
Professor Albrecht trat näher.
„Was haben Sie gesehen?“
Eva sah auf das Amulett.
„Artan und sie.“
Sie schluckte.
„Sie waren einander sehr nahe.“
Tim sagte nichts.
Eva sah ihn an.
„Sie liebte ihn.“
Stille.
Professor Albrecht senkte langsam den Blick.
„Dann erklärt das vielleicht, warum sie bereit war, alles zu riskieren.“
„Sie hat ihn verloren“, sagte Eva.
„Und trotzdem hat sie sein Geheimnis bewahrt.“
In diesem Augenblick erschien die nächste Zeile auf dem Pergament.
DOCH ICH KONNTE BEWAHREN, WAS ER MIR ANVERTRAUTE.
Eva trat näher.
„Was hat er ihr anvertraut?“
Keine Antwort.
Stattdessen begann das Pergament zu zittern.
Das erste Zeichen erschien.
Ein Fluss.
Die blaue Linie bewegte sich über das Pergament.
Rowannas Stimme erklang.
Diesmal klar.
„Das Erste führt euch.“
Der Fluss wurde länger.
Er schlängelte sich über das Papier.
Dann blieb er stehen.
Ein schwarzer Punkt erschien.
Professor Albrecht verglich ihn sofort mit der Karte.
„Das ist der alte Flusslauf.“
Unter dem Zeichen erschienen Worte:
DER SCHWEIGENDE FLUSS.
Dann erlosch das Zeichen.
Das zweite erschien.
Eine Eiche.
Doch sie war seltsam.
Kein Schatten fiel von ihr.
Nicht einmal im Licht des Mondes.
Eva flüsterte:
„Die Eiche ohne Schatten.“
Rowannas Stimme kam zurück.
„Das Zweite bewahrt, was nicht vergessen werden darf.“
Unter der Eiche erschienen feine Linien.
Sie führten tief in die Erde.
Ein dunkler Kreis zeichnete sich unter den Wurzeln ab.
Tim trat näher.
„Ist das ein Grab?“
Professor Albrecht schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht.“
Der Kreis verschwand.
Die Eiche blieb.
Dann erschien das dritte Zeichen.
Der Halbmond.
Doch darunter erschien etwas, das Eva sofort erkannte.
Das Zeichen von Artan.
ᚐᚏᚈᚐᚅ
Das Amulett wurde heiß.
Eva keuchte auf.
Rowannas Stimme wurde leiser.
„Das Dritte führt euch zu dem, was er mir anvertraute.“
Eva schloss die Finger um das Amulett.
„Was hat er dir anvertraut?“
Keine Antwort.
Stattdessen erschien ein Satz.
WO DER FLUSS SCHWEIGT, SUCHT DEN BAUM OHNE SCHATTEN.
Tim sah auf die Karte.
„Das können wir finden.“
Eine zweite Zeile erschien.
DORT BEGINNT DER WEG NACH ARDANN.
Niemand sagte etwas.
Die drei sahen sich an.
Jetzt war es eindeutig.
Sie mussten nach Ardann.
Aber noch immer wussten sie nicht, was sie dort finden würden.
Und genau das machte den Weg dorthin so unheimlich.
Professor Albrecht nahm das Pergament.
Doch plötzlich erschien am unteren Rand eine weitere Zeile.
Viel kleiner.
Fast verborgen.
VERTRAUT NICHT DEM, DER DEN WEG BEREITS KENNT.
Professor Albrecht erstarrte.
Tim sah ihn an.
„Was bedeutet das?“
„Ich weiß es nicht.“
Eva sah ihn lange an.
„Sie wissen mehr.“
„Nein.“
„Professor.“
Albrecht senkte den Blick.
„Ich weiß nicht, wer damit gemeint ist.“
Er steckte das Pergament ein.
„Aber wir müssen davon ausgehen, dass jemand anderes ebenfalls nach Ardann sucht.“
Eva dachte an die Schritte vor der Tür.
An den eisigen Wind.
Und an Rowanna.
Dann spürte sie etwas in ihrer Hand.
Das Amulett.
Es war wieder warm.
Sie schloss die Finger darum.
Und plötzlich hörte sie Rowannas Stimme ein letztes Mal.
Ganz leise.
Nur für sie.
„Ich habe ihn verloren.“
Eva schloss die Augen.
„Verliert nicht, was er bewahren wollte.“
Dann war die Stimme fort.
Eva öffnete die Augen.
„Was hat sie gesagt?“, fragte Tim.
Eva sah ihn an.
„Sie hat Angst.“
„Wovor?“
Eva blickte auf die Karte.
Auf den Wald.
Auf Ardann.
„Ich glaube nicht, dass sie Angst davor hat, dass wir den Weg finden.“
„Wovor dann?“
Eva schwieg.
Denn plötzlich wusste sie, was sie beunruhigte.
Rowanna hatte nie gesagt:
Findet Artan.
Sie hatte gesagt:
Findet, was er zurückgelassen hat.
Und niemand wusste, was das bedeutete.
Professor Albrecht faltete die Karte zusammen.
„Wir fahren morgen.“
Tim nickte.
„Nach Ardann.“
Eva nahm das Amulett.
„Nach Ardann.“
Draußen begann es erneut zu regnen.
Doch weit entfernt, dort, wo der alte Fluss durch den Wald floss, bewegte sich etwas zwischen den Bäumen.
Etwas, das seit Jahrhunderten niemand mehr gesehen hatte.
Und unter einer alten Eiche ohne Schatten lag etwas verborgen.
Etwas, das auf sie wartete.
Seit zweitausend Ja
Kapitel 6 – Die Caturix-Halle
Der Morgen war grau und still, als Eva, Tim und Professor Albrecht sich auf den Weg nach Ardann machten.
Über den Wiesen lag dichter Nebel. Die Bäume am Straßenrand verschwanden darin wie dunkle Gestalten, die sich im letzten Moment zurückzogen, sobald das Auto näher kam.
Professor Albrecht saß am Steuer. Neben ihm hatte Tim eine alte Landkarte ausgebreitet, während Eva auf der Rückbank das Pergament und das Amulett in den Händen hielt.
Seit dem Erwachen der geheimnisvollen Zeichen in der vergangenen Nacht hatte sie kaum geschlafen.
Immer wieder hörte sie Rowannas Stimme in Gedanken.
Ich habe ihn verloren.
Und dann:
Verliert nicht, was er bewahren wollte.
Eva schloss die Finger um das Amulett. Das Metall fühlte sich kühl an, beinahe gewöhnlich. Doch sie wusste inzwischen, dass dieser Eindruck täuschen konnte.
„Ich glaube, wir haben die drei Hinweise bisher falsch verstanden“, sagte sie plötzlich.
Tim drehte sich halb zu ihr um. „Was meinst du?“
Eva breitete das Pergament auf ihren Knien aus. Die drei Symbole waren noch immer zu erkennen: der Fluss, die Eiche ohne Schatten und der Halbmond mit Artans Namen.
„Wir behandeln sie, als wären es drei Orte, die wir finden müssen. Aber vielleicht beschreiben sie einen einzigen Weg.“
Professor Albrecht warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel. „Erkläre das bitte.“
Eva deutete auf das erste Zeichen.
„Der schweigende Fluss ist unser Anfang. Dort sollen wir suchen. Die Eiche ohne Schatten ist nicht unbedingt ein zweiter Ort, den wir unabhängig davon finden müssen. Vielleicht steht sie in der Nähe des Flusses. Und die drei Steine zeigen uns dann, wo es weitergeht.“
„Das wäre möglich“, sagte Tim nachdenklich. „Eine Abfolge von Orientierungspunkten.“
„Und der Halbmond?“, fragte der Professor.
Eva strich mit dem Finger über das letzte Symbol.
„Vielleicht sagt er uns, wann wir den Weg erkennen können. Nicht nur, wo.“
Einen Augenblick lang sagte niemand etwas.
Dann nickte Tim langsam. „Du hast recht. Wir haben uns zu sehr auf die einzelnen Zeichen konzentriert. Wenn sie zusammengehören, müssen wir nach ihrer Verbindung suchen.“
„Dann fahren wir nicht einfach nach Ardann“, sagte Eva. „Wir suchen zuerst den Fluss. Und von dort aus die Eiche.“
Professor Albrecht lächelte schwach. „Offenbar haben wir unsere Führung gefunden.“
Eva erwiderte das Lächeln nicht. Sie blickte aus dem Fenster, wo der Nebel dichter wurde.
„Nein“, sagte sie leise. „Ich glaube, der Weg hat uns gefunden.“
In diesem Moment wurde das Amulett in ihrer Hand warm.
Nur für einen Augenblick.
Dann war es wieder kalt.
Die Straße, die es nicht geben durfte
Sie fuhren fast zwei Stunden.
Die breitere Landstraße ging schließlich in eine schmale Straße über, die sich durch bewaldete Hügel wand. Die Häuser wurden seltener, die Wälder dichter. Immer wieder ragten moosbewachsene Felsen zwischen den Bäumen hervor.
Tim verglich die Karte mit der Anzeige des Navigationsgeräts.
„Das ist merkwürdig.“
„Was denn?“, fragte Albrecht.
„Laut Karte müssten wir in wenigen Kilometern an einer Abzweigung vorbeikommen. Aber das Navigationsgerät zeigt hier eine Straße, die auf der Karte gar nicht eingezeichnet ist.“
„Vielleicht eine Forststraße“, meinte der Professor.
„Nein. Sie wird als öffentliche Straße angezeigt. Und sie führt direkt nach Ardann.“
Eva beugte sich zwischen die Vordersitze. Auf dem Bildschirm war eine dünne graue Linie zu sehen, die sich durch eine ansonsten leere Fläche zog.
„Wie lange ist diese Straße schon dort?“
„Das kann ich nicht sagen.“
Eva nahm das Amulett aus ihrer Tasche.
Sofort spürte sie die Wärme.
„Halten Sie bitte an.“
Professor Albrecht sah sie überrascht an. „Hier?“
„Ja. Bitte.“
Er lenkte das Auto an den Straßenrand. Eva stieg aus, ohne auf die Fragen der beiden Männer zu warten.
Der Wind roch nach feuchter Erde und Laub. Zwischen den Bäumen führte ein schmaler Weg in den Wald. Er war kaum zu erkennen, überwuchert von Farnen und niedrigen Zweigen.
Eva hielt das Amulett vor sich.
Die Spitze des eingravierten Zeichens zeigte genau auf den Weg.
„Hier müssen wir lang“, sagte sie.
Tim trat neben sie. „Eva, wir wissen nicht, wohin dieser Pfad führt.“
„Das weiß ich.“
„Woher?“
Sie sah ihn an. Für einen Moment suchte sie nach einer vernünftigen Erklärung.
„Weil Rowanna es mir zeigt.“
Tim schwieg.
Er hätte widersprechen können. Er hätte sagen können, dass sie sich von ihrer Angst und den Ereignissen der letzten Nacht beeinflussen ließ.
Doch er hatte selbst gesehen, wie sich Zeichen auf einem leeren Pergament verändert hatten. Er hatte die Kälte gespürt, als sich die Tür des Professorenzimmers von allein geöffnet hatte.
Und er hatte den Ausdruck in Evas Gesicht gesehen, als sie Rowannas Stimme hörte.
„Wir können den Wagen nicht hier stehen lassen“, sagte Albrecht schließlich. „Außerdem wissen wir nicht, wie weit es noch bis zur nächsten Ortschaft ist.“
„Dann fahren wir erst einmal weiter“, entschied Eva. „Aber wir behalten den Weg im Auge.“
Sie stiegen wieder ein.
Kaum hatte Professor Albrecht den Motor gestartet, flackerte die Anzeige des Navigationsgeräts. Die graue Linie verschwand.
Auf dem Bildschirm erschien für einen Sekundenbruchteil ein Zeichen.
Drei senkrecht stehende Steine.
Dann wurde der Bildschirm schwarz.
„Das gefällt mir überhaupt nicht“, murmelte Tim.
Niemand widersprach.
Der Wagen bleibt stehen
Eine halbe Stunde später begann der Motor zu stottern.
Professor Albrecht nahm den Fuß vom Gas.
„Das gibt es doch nicht.“
Der Wagen ruckelte, verlor an Geschwindigkeit und blieb schließlich mitten auf der einsamen Straße stehen.
Albrecht versuchte, den Motor erneut zu starten.
Ein kurzes Husten. Ein Knacken.
Dann Stille.
„Batterie?“, fragte Tim.
„Unwahrscheinlich. Vorhin lief noch alles einwandfrei.“
Der Professor stieg aus und öffnete die Motorhaube. Tim folgte ihm. Gemeinsam untersuchten sie den Motor, kontrollierten die Anschlüsse und versuchten herauszufinden, was geschehen war.
Eva blieb zunächst im Wagen sitzen.
Sie betrachtete das Amulett.
Es war eiskalt.
Nicht einfach kühl, wie Metall an einem Herbsttag. Die Kälte schien aus seinem Inneren zu kommen und kroch langsam in ihre Handfläche.
Plötzlich glitt es ihr aus den Fingern.
Das Amulett fiel auf den Fußraum.
Eva beugte sich hinunter, um es aufzuheben. Doch bevor sie es berühren konnte, drehte es sich auf dem Teppich.
Einmal.
Noch einmal.
Dann blieb es liegen.
Die Spitze zeigte auf die Beifahrertür.
Eva öffnete sie und stieg aus.
„Habt ihr etwas gefunden?“, fragte sie.
Albrecht schüttelte den Kopf. „Nichts, was den Ausfall erklären würde.“
Tim wischte sich die Hände an einem Tuch ab. „Es ist, als hätte jemand die gesamte Elektrik lahmgelegt.“
Eva sah zum Waldrand.
Dort, zwischen zwei knorrigen Bäumen, lag der schmale Pfad, den sie vorhin entdeckt hatten. Sie war sich sicher, dass sie ihn jetzt von einer anderen Stelle aus sah. Trotzdem erkannte sie dieselben gekrümmten Äste und denselben dunklen Felsen am Eingang.
„Wir müssen zu Fuß weiter“, sagte sie.
„In welche Richtung?“, fragte Albrecht.
Eva zeigte auf den Waldweg.
Tim sah zum Himmel. Dunkle Wolken zogen über die Hügel. Das Tageslicht schwand schneller, als es sollte.
„Wenn wir jetzt in den Wald gehen und uns verirren, haben wir ein ernstes Problem.“
„Und wenn wir hierbleiben, auch“, erwiderte Eva. „Wir haben weder Empfang noch einen funktionierenden Wagen. Wir brauchen einen Ort, an dem wir die Nacht verbringen können.“
„Du willst in den Wald?“, fragte Tim.
„Nein. Ich will einen Weg finden, der uns aus dieser Lage bringt.“
Sie hob das Amulett auf. Es fühlte sich wieder normal an.
Doch als sie sich umdrehte, sah sie zwischen den Bäumen etwas, das vorher nicht da gewesen war.
Ein Licht.
Schwach und gelblich.
Es flackerte wie eine alte Laterne.
„Dort“, sagte sie.
Die beiden Männer folgten ihrem Blick.
„Ein Haus?“, fragte Tim.
„Oder ein Gasthof“, vermutete Albrecht.
Eva steckte das Amulett ein.
„Dann gehen wir dorthin.“
Diesmal wartete sie nicht auf eine Zustimmung.
Die Caturix-Halle
Der Weg führte tiefer in den Wald, als Eva erwartet hatte. Feuchte Zweige streiften ihre Kleidung. Unter ihren Schuhen knirschten alte Blätter, und irgendwo in der Ferne rief ein Vogel, dessen Laut viel zu lang durch die Bäume hallte.
Nach etwa zwanzig Minuten öffnete sich der Wald.
Vor ihnen stand ein altes Gebäude.

Es war größer, als es aus der Ferne gewirkt hatte. Dunkle Holzbalken stützten ein schiefes Dach, die Mauern bestanden aus unregelmäßigen, moosbewachsenen Steinen. Kleine Fenster leuchteten warm in der Dämmerung. Über der schweren Eingangstür hing ein verwittertes Holzschild.
Darauf stand:
CATURIX-HALLE
Tim blieb stehen.
„Das ist interessant.“
„Was ist interessant?“, fragte Eva.
Er betrachtete die Buchstaben, als hätten sie eine längst vergessene Erinnerung geweckt.
„Caturix ist ein Name aus der gallischen Überlieferung. Er wird mit einer Gottheit beziehungsweise einem göttlichen Beinamen in Verbindung gebracht. Häufig wird er als ‚König des Kampfes‘ oder ‚Kampfkönig‘ gedeutet. Ganz eindeutig ist die sprachliche Herkunft allerdings nicht.“
„Und warum heißt ein Gasthof so?“, fragte Eva.
„Das weiß ich nicht. Vielleicht wurde das Gebäude auf einem alten Kultplatz errichtet. Vielleicht ist der Name aber auch nur eine spätere Erfindung.“
Albrecht betrachtete das Haus. „Es sieht jedenfalls nicht so aus, als wäre es erst gestern gebaut worden.“
Über der Tür war ein Zeichen in das Holz geschnitzt.
Drei Steine.
Eva spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Das ist unser Zeichen.“
Tim trat näher. „Tatsächlich.“
Unter den drei Steinen verlief eine gebogene Linie, die an einen Fluss erinnerte. Darüber war ein Baum dargestellt, dessen Äste ungewöhnlich gerade nach oben ragten.
Eva berührte das Amulett durch den Stoff ihrer Tasche.
Es wurde warm.
„Wir sollten hineingehen“, sagte sie.
Albrecht sah sie prüfend an. „Bist du sicher?“
„Nein.“ Eva blickte zur Tür. „Aber ich glaube, dass wir nicht zufällig hier sind.“
Sie klopfte dreimal.
Einen Moment geschah nichts.
Dann hörten sie Schritte.
Langsam. Schwer.
Die Tür öffnete sich.
Ein alter Mann stand im Eingang. Er war hager, hatte tief liegende Augen und schneeweißes Haar, das ihm bis über den Kragen reichte. Sein Gesicht war von Falten durchzogen, doch sein Blick war ungewöhnlich klar.
Er trug eine dunkle Weste über einem grauen Hemd.
„Wir suchen eine Unterkunft für die Nacht“, erklärte Professor Albrecht. „Unser Wagen ist liegen geblieben.“
Der Alte antwortete nicht sofort.
Sein Blick wanderte über Albrecht zu Tim und blieb schließlich an Eva hängen.
Genauer gesagt: an ihrer Tasche.
„Woher habt ihr das?“, fragte er.
Eva erstarrte.
„Was meinen Sie?“
Der Mann hob den Kopf. „Das Amulett.“
Tim machte einen Schritt nach vorn. „Sie kennen dieses Zeichen?“
Der Alte sah ihn nicht einmal an.
„Woher habt ihr es?“, wiederholte er.
Eva spürte, wie das Amulett unter dem Stoff ihrer Tasche heiß wurde.
„Es wurde mir übergeben“, sagte sie vorsichtig.
„Von wem?“
„Das weiß ich nicht.“
Zum ersten Mal veränderte sich der Ausdruck des Alten. Für einen kurzen Augenblick sah er nicht überrascht aus, sondern erschrocken.
Dann trat er zur Seite.
„Kommt herein.“
Die Halle war überraschend warm. Ein offener Kamin brannte an der Rückwand. An den dunklen Wänden hingen alte Werkzeuge, verblasste Bilder und schwere, beinahe schwarze Holztafeln. Der Boden bestand aus breiten Steinplatten, die in der Mitte glatt getreten waren.
Es roch nach Rauch, Kräutern und etwas anderem, das Eva nicht einordnen konnte.
Etwas, das sie an feuchte Erde und geöffnete Gräber erinnerte.
Der Wirt führte sie zu einem langen Tisch.
„Ich bin Roderik“, sagte er. „Ihr könnt hier übernachten. Mehrere Zimmer sind frei.“
„Gibt es hier ein Telefon?“, fragte Albrecht.
„Ja.“
„Und könnten wir einen Abschleppdienst rufen?“
Roderik sah ihn lange an.
„Morgen.“
„Aber unser Wagen steht mitten auf der Straße.“
„Morgen“, wiederholte der Alte.
Seine Stimme war nicht laut. Trotzdem widersprach der Professor nicht.
Tim betrachtete die Wände. „Wie lange gibt es diesen Gasthof schon?“
Roderik stellte drei Becher auf den Tisch.
„Länger, als die meisten Menschen glauben.“
„Und der Name? Caturix-Halle?“
Der Alte hielt mitten in der Bewegung inne.
„Manche nennen es einen Gasthof. Andere nennen es einen Zufluchtsort.“
„Und wieder andere?“, fragte Eva.
Roderik stellte den letzten Becher ab.
„Einen Ort, an dem alte Dinge nicht vergessen werden.“
Dann sah er Eva direkt an.
„In diesem Haus kennt man manches, das man besser vergessen sollte.“
Drei Zimmer und eine Warnung
Roderik brachte sie in den ersten Stock.
Der Flur war schmal und wurde nur von wenigen Wandlampen erhellt. Die Holzdielen knarrten bei jedem Schritt. An den Wänden hingen alte Gemälde, deren Farben so verblasst waren, dass die dargestellten Personen kaum noch zu erkennen waren.
Eva blieb vor einem Bild stehen.
Es zeigte einen bewaldeten Hügel, einen Fluss und drei große Steine.
Am Fuß des Hügels stand eine Frau mit langem Haar. Sie trug ein helles Gewand und hielt einen Stab in der Hand.
Eva trat näher.
Die Frau auf dem Bild hatte die gleiche Haltung wie die Gestalt, die sie in ihrer Vision gesehen hatte.
Rowanna.
„Tim“, flüsterte sie.
Er kam zu ihr und betrachtete das Bild.
„Das könnte irgendeine Darstellung einer Priesterin sein.“
„Nein.“
Eva wusste selbst nicht, warum sie so sicher war.
„Sie ist es.“
Tim sah sie an, sagte aber nichts.
Am Ende des Flurs blieb Roderik stehen.
„Professor Albrecht, Sie bekommen das Zimmer links. Herr Tim das nächste. Eva, Ihr Zimmer liegt gegenüber.“
„Warum bekomme ich ein eigenes Zimmer?“, fragte Eva.
„Weil es so vorgesehen ist.“
„Von wem?“
Roderik öffnete die Tür zu ihrem Zimmer.
„Von jemandem, der wusste, dass Ihr kommen würdet.“
Eva spürte einen kalten Schauer.
„Wer?“
Doch der Alte antwortete nicht. Er deutete auf das Bett, den kleinen Schreibtisch und den Kamin, in dem ein schwaches Feuer brannte.
„Ruhen Sie sich aus. Das Abendessen wird in einer Stunde serviert.“
Er wollte gehen.
„Herr Roderik?“, rief Eva.
Der Alte drehte sich um.
„Warum haben Sie so erschrocken reagiert, als Sie von dem Amulett erfahren haben?“
Lange sah er sie schweigend an.
„Weil es seit vielen Jahren nicht mehr hier gewesen ist.“
„Es war schon einmal hier?“
Roderik blickte kurz zum Fenster. Draußen bewegten sich die Äste im Wind.
„Nicht das Amulett allein“, sagte er schließlich. „Auch derjenige, der es trug.“
Dann ging er.
Eva blieb in der Tür stehen.
Sie hörte, wie seine Schritte den Flur entlang verklangen. Doch als sie die Tür schließen wollte, hörte sie noch etwas anderes.
Ein leises Flüstern.
Direkt hinter ihr.
Eva.
Sie fuhr herum.
Das Zimmer war leer.
Die Geschichte, die der Wirt nicht erzählen wollte
Beim Abendessen saßen sie wieder gemeinsam in der Halle.

Roderik servierte eine einfache Suppe, Brot und Käse. Das Feuer knackte im Kamin. Doch trotz der Wärme wollte sich keine entspannte Stimmung einstellen.
Tim hatte das Gemälde aus dem Flur nicht vergessen.
„Herr Roderik“, begann er, „wissen Sie etwas über die Geschichte dieser Gegend? Über die Kelten?“
Der Alte stellte den Brotkorb ab.
„Jeder hier kennt Geschichten über die Kelten.“
„Mich interessieren keine Geschichten. Mich interessieren die historischen Tatsachen.“
Roderik lächelte kaum merklich.
„Dann sind Sie vermutlich am falschen Ort.“
„Warum?“
„Weil die Tatsachen längst vergraben sind.“
Professor Albrecht legte den Löffel beiseite.
„Wir beschäftigen uns mit einem Fürsten namens Artan. Und mit einer Frau namens Rowanna.“
Bei diesen Namen veränderte sich Roderiks Gesicht.
Es war nur ein kurzer Augenblick. Doch Eva bemerkte ihn.
„Woher kennen Sie diese Namen?“, fragte der Alte.
„Aus historischen Aufzeichnungen“, antwortete Albrecht.
„Dann sollten Sie vorsichtig sein mit dem, was Sie darin lesen.“
Tim beugte sich vor.
„Wissen Sie etwas über Artans Tod?“
Roderik sah ihn an.
„Ich weiß, dass manche Menschen glauben, ein Toter sei vergessen, sobald niemand mehr seinen Namen ausspricht.“
„Und Sie glauben das nicht?“, fragte Eva.
„Nein.“
Der Alte wandte sich ihr zu.
„Manchmal wird ein Name so lange bewahrt, bis jemand kommt, der ihn wieder hören kann.“
Eva spürte das Amulett an ihrer Brust.
„Meinen Sie Rowanna?“
Roderik stand abrupt auf.
„Ihr solltet euch nicht mit Dingen beschäftigen, die ihr nicht versteht.“
„Wir haben keine Wahl“, sagte Eva.
Der Alte blieb stehen.
„Jeder Mensch hat eine Wahl.“
„Nicht, wenn etwas Hilfe braucht.“
Zum ersten Mal schien Roderik sie wirklich anzusehen. Nicht das Amulett, nicht die Tasche, sondern sie selbst.
„Du hast ihre Stimme gehört“, sagte er.
Es war keine Frage.
Eva antwortete nicht.
„Dann ist es bereits weiter, als ich befürchtet habe.“
Er nahm den leeren Brotkorb und ging zur Küche.
Tim wartete, bis die Tür hinter ihm geschlossen war.
„Eva, was meinte er damit?“
„Ich weiß es nicht.“
„Doch“, sagte Tim. „Du hast eine Vermutung.“
Eva blickte auf das Amulett, das sie inzwischen auf den Tisch gelegt hatte.
„Ich glaube, Rowanna versucht, uns etwas zu sagen. Und Roderik weiß, dass sie es tut.“
Albrecht verschränkte die Arme.
„Dann müssen wir herausfinden, was er verschweigt.“
Eva schüttelte den Kopf.
„Nein. Wir müssen herausfinden, warum er Angst hat.“
Die unruhige Nacht
Kurz nach zehn Uhr zogen sie sich auf ihre Zimmer zurück.
Eva konnte nicht schlafen.
Der Wind rüttelte an den Fensterläden. Das Feuer im Kamin war fast erloschen, und die Schatten der Möbel schienen sich mit jeder Bewegung der Flammen zu verändern.

Sie nahm das Amulett aus ihrer Tasche und legte es auf den Schreibtisch.
Daneben breitete sie das Pergament aus.
Fluss.
Eiche.
Halbmond.
Drei Steine.
Sie versuchte, die Hinweise in eine Reihenfolge zu bringen. Der Fluss führte zur Eiche. Die Eiche zu den drei Steinen. Und der Halbmond sagte ihnen möglicherweise, wann sie weitergehen mussten.
Doch wo lag die Verbindung zur Caturix-Halle?
Sie betrachtete das Zeichen über der Eingangstür, das sie aus dem Gedächtnis auf das Pergament gezeichnet hatte.
Drei Steine, ein Fluss, ein Baum.
Es war dasselbe Muster.
Nicht ähnlich.
Dasselbe.
Eva legte das Amulett auf die Zeichnung.
Das Metall vibrierte.
Sie zog erschrocken die Hand zurück.
Auf dem Pergament erschienen feine dunkle Linien, als würde unsichtbare Tinte durch das Papier sickern. Sie verbanden den Fluss mit dem Baum, den Baum mit den drei Steinen und die drei Steine schließlich mit einem kleinen Kreis.
Dem Ort, an dem die Caturix-Halle stand.
Eva beugte sich über die Zeichnung.
Am Rand erschien ein neuer Satz.
„DER ERSTE WEG FÜHRT NICHT NACH ARDANN.“
Darunter schrieb sich langsam eine zweite Zeile.
„ER FÜHRT ZU DEM, DER ARDANN BEWACHT.“
Eva hielt den Atem an.
Ein Geräusch kam aus dem Flur.
Schritte.
Langsam näherten sie sich ihrer Tür.
Dann hielten sie an.
Eva stand auf und ging zur Tür. Sie legte die Hand auf die Klinke, zögerte aber.
„Tim?“, fragte sie leise.
Keine Antwort.
Sie öffnete die Tür einen Spalt.
Der Flur war leer.
Doch am Ende des Ganges, dort, wo das Gemälde mit Rowanna hing, stand eine Gestalt.
Eine Frau mit langem Haar.
Eva konnte ihr Gesicht nicht erkennen. Die Gestalt stand mit dem Rücken zu ihr und blickte auf das Bild.
„Rowanna?“
Die Frau drehte sich nicht um.
Dann hob sie langsam die Hand und zeigte auf das Gemälde.
Als Eva blinzelte, war sie verschwunden.
Nur das Bild hing noch an der Wand.
Doch jetzt war etwas anders.
Die Frau darauf hielt nicht länger einen Stab.
In ihrer Hand lag ein Amulett.
Eva wich zurück und schloss ihre Tür.
Das Herz schlug ihr bis zum Hals.
Sie wollte Tim rufen, doch da hörte sie drei dumpfe Schläge.
Nicht an ihrer Tür.
Von unten.
Aus der Halle.
Drei Schläge, gleichmäßig und schwer, als hätte jemand mit einem Hammer gegen eine große Glocke geschlagen.
Eva öffnete die Tür erneut und lief zum Treppenabsatz.
Aus Tims Zimmer drang Licht. Er kam heraus, noch bevor sie ihn rufen konnte.
„Hast du das auch gehört?“
Sie nickte.
Gegenüber öffnete sich die Tür des Professors. Albrecht trat in den Flur und sah die beiden an.
„Was war das?“
„Eine Glocke“, sagte Tim.
„Hier gibt es keine Glocke“, erklang eine Stimme hinter ihnen.
Roderik stand am Ende des Flurs.
Er trug keine Schuhe. Sein weißes Haar hing ihm wirr ins Gesicht.
„Was ist hier los?“, fragte Albrecht.
Der Wirt sah an ihnen vorbei zur Treppe.
„Ihr hättet nicht hierherkommen dürfen.“
„Das haben Sie schon einmal gesagt“, erwiderte Eva. „Warum?“
Roderik hob den Kopf.
„Weil dieses Haus nicht für jeden Reisenden seine Türen öffnet.“
„Aber für uns hat es das getan.“
„Ja.“
„Warum?“
Der Alte schwieg.
Eva ging einen Schritt auf ihn zu.
„Sie wissen, wer Artan war. Sie kennen Rowanna. Und Sie wissen, warum das Amulett hierher zurückgekehrt ist.“
Roderik blickte sie lange an.
Dann sagte er leise: „Ich weiß, was dieses Haus bewacht.“
„Was bewacht es?“
„Nicht einen Schatz. Nicht ein Grab.“
Er wandte sich ab.
„Es bewacht eine Wahrheit, die niemals ans Licht kommen sollte.“
Der Raum unter der Halle
Eva konnte nicht zurück in ihr Zimmer.
Während Tim und Albrecht den Wirt mit weiteren Fragen bedrängten, bemerkte sie, dass sich hinter dem Kamin eine schmale Tür befand. Sie war fast vollständig von dunklen Wandbalken verdeckt.
Das Amulett in ihrer Hand wurde warm.
Eva ging darauf zu.
„Eva, warte!“, rief Tim.
Doch sie hatte die Tür bereits geöffnet.
Dahinter führte eine steinerne Treppe in die Tiefe.
Kalte Luft strömte ihr entgegen. Sie roch nach feuchtem Stein und altem Holz.

„Da geht es nach unten“, sagte sie.
Roderik erstarrte.
„Nicht dort hinein!“
Seine Stimme hallte durch die Halle.
Eva blieb auf der obersten Stufe stehen.
„Warum nicht?“
„Weil der Weg verschlossen ist.“
„Dann dürfte sich die Tür nicht öffnen lassen.“
Sie hielt das Amulett hoch.
„Aber sie hat sich geöffnet.“
Roderik trat auf sie zu, blieb jedoch abrupt stehen, als er das Zeichen sah.
Zum ersten Mal wirkte er nicht nur besorgt.
Er wirkte verängstigt.
„Das kann nicht sein“, flüsterte er.
Eva blickte in die Dunkelheit hinunter.
Ganz unten schimmerte ein schwaches silbernes Licht.
Und aus der Tiefe hörte sie eine Frauenstimme.
Eva.
Diesmal war sie so deutlich, als stünde Rowanna direkt neben ihr.
Er hat nicht alles bewahrt.
Eva drehte sich zu den anderen um.
„Ich muss dort hinunter.“
„Auf keinen Fall“, sagte Albrecht.
„Eva“, begann Tim vorsichtig, „wir wissen nicht, was sich dort unten befindet.“
Sie sah ihn an.
„Genau deshalb müssen wir es herausfinden.“
Roderik schüttelte langsam den Kopf.
„Ihr versteht nicht, was ihr weckt.“
Eva blickte wieder in die Tiefe.
„Dann erklären Sie es uns.“
Der Alte schloss die Augen.
Als er sie wieder öffnete, lag darin eine Müdigkeit, die viel älter schien als sein Gesicht.
„Vor langer Zeit kam ein Mann hierher“, sagte er. „Er trug ein Zeichen, das eurem Amulett glich. Er suchte den Weg nach Ardann. Er glaubte, dort die Wahrheit über Artan zu finden.“
„Und was geschah mit ihm?“, fragte Tim.
Roderik antwortete nicht sofort.
„Er kehrte zurück.“
„Dann hat er den Weg gefunden?“
„Nein“, sagte der Wirt. „Er kehrte zurück, weil er etwas mitgebracht hatte, das niemals hätte erwachen dürfen.“
Aus der Tiefe kam ein leises Knacken.
Als würde sich dort unten ein schwerer Stein bewegen.
Roderik sah Eva an.
„Und jetzt hat es deine Stimme gehört.“
Die Botschaft im Morgengrauen
Sie verbrachten den Rest der Nacht in der Halle.
Niemand wollte allein in sein Zimmer zurückkehren. Roderik entzündete weitere Holzscheite im Kamin, sagte jedoch kein Wort mehr über den Raum unter der Treppe.
Eva saß auf einer Bank und hielt das Amulett in beiden Händen.
Kurz vor Morgengrauen überkam sie eine seltsame Müdigkeit. Für einen Moment schloss sie die Augen.
Sie sah einen Fluss.
Schwarzes Wasser floss zwischen steilen Ufern. Auf der anderen Seite stand eine mächtige Eiche. Ihre Äste waren kahl, obwohl der Wald ringsum voller Blätter war.
Unter der Eiche lagen drei Steine.
Dahinter führte ein schmaler Pfad zu einem Hügel.
Auf dem Hügel stand ein Mann in einem dunklen Mantel.
Sein Gesicht lag im Schatten.
Als Eva näher kommen wollte, hob er den Kopf.
„Ihr dürft nicht zu dritt kommen“, sagte er.
Dann zerfiel das Bild.
Eva schreckte hoch.
Die Halle war leer.
Der Kamin glomm nur noch schwach. Das erste Morgenlicht fiel durch die Fenster.
Auf dem Tisch vor ihr lag ein Stück Pergament, das sie dort zuvor nicht gesehen hatte.
Daneben lag ein kleiner, dunkler Schlüssel.
Eva nahm das Pergament.
Darauf waren die drei Zeichen eingezeichnet: der Fluss, die Eiche ohne Schatten und die drei Steine.
Unter ihnen stand ein Satz.
„DER ERSTE WEG FÜHRT NICHT NACH ARDANN. ER FÜHRT ZU DEM, DER ARDANN BEWACHT.“
Eva las die Worte zweimal.
Hinter ihr knarrte eine Diele.
Roderik stand in der Tür.
„Jetzt weißt du, warum dieses Haus Caturix-Halle heißt“, sagte er.
Eva drehte sich zu ihm um.
„Nein. Das weiß ich noch nicht.“
Der Alte betrachtete den Schlüssel auf dem Tisch.
„Dann wirst du es bald erfahren.“
„Wer bewacht Ardann?“
Roderik antwortete nicht.
„Und was liegt unter dieser Halle?“
Wieder schwieg er.
Eva nahm den Schlüssel an sich.
„Ich werde es herausfinden.“
Der Wirt sah sie an, und für einen Augenblick glaubte sie, in seinen Augen Tränen zu erkennen.
„Das fürchte ich“, sagte er leise.
Draußen sprang plötzlich ein Motor an.
Sie liefen zur Tür.
Auf dem Waldweg stand Professor Albrechts Wagen. Die Scheinwerfer leuchteten, obwohl niemand am Steuer saß. Der Motor lief ruhig, als wäre nie etwas geschehen.
Tim trat neben Eva.
„Das ist unmöglich.“
Albrecht öffnete die Fahrertür und betrachtete die Instrumente.
„Die Batterie ist voll. Alles funktioniert.“
Eva blickte auf das Amulett. Es war kalt geworden.
Dann bemerkte sie etwas am Fenster neben der Eingangstür.
Auf der beschlagenen Scheibe erschien eine Schrift, als würde jemand von der anderen Seite mit dem Finger darauf schreiben.
Langsam bildeten sich drei Wörter.
GEHT NICHT ZU DRITT.
Tim las die Botschaft laut vor.
Albrecht wurde blass.
Eva spürte, wie sich die Kälte des Amuletts in ihrer Hand ausbreitete.
Sie dachte an den Mann aus ihrer Vision.
An den unbekannten Wächter von Ardann.
Und an Roderiks Worte:
Er kehrte zurück, weil er etwas mitgebracht hatte, das niemals hätte erwachen dürfen.
„Wir müssen trotzdem nach Ardann“, sagte Tim.
Eva nickte.
Doch sie sah nicht ihn an.
Sie blickte auf den Wirt.
„Herr Roderik, wer von uns dreien darf nicht mitkommen?“
Der alte Mann senkte den Blick.
Und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in der Caturix-Halle antwortete er nicht.
Kapitel 7 – Die Prophezeiung des Cathbad
Der Morgen über der Caturix-Halle war grau und still.
Eva stand vor dem beschlagenen Fenster und betrachtete die Worte, die in der vergangenen Nacht darauf erschienen waren.
GEHT NICHT ZU DRITT.
Die Schrift war inzwischen verschwunden. Nur ein schwacher Schleier auf dem Glas erinnerte daran, dass sie dort gestanden hatte.
Hinter ihr saßen Tim und Professor Albrecht am langen Tisch der Halle. Keiner von ihnen hatte besonders gut geschlafen. Zu viele Fragen waren offen geblieben, und die Begegnung mit dem alten Wirt hatte mehr Zweifel hinterlassen, als sie beantwortet hatte.
Eva drehte sich um.
„Wir können nicht einfach weiterfahren, als wäre nichts geschehen.“
„Das habe ich auch nicht vor“, erwiderte Professor Albrecht. „Aber solange wir nicht wissen, was die Warnung bedeutet, sollten wir keine überstürzten Entscheidungen treffen.“
„Und wenn wir gerade dadurch etwas verlieren?“
Der Professor sah sie nachdenklich an.
„Dann müssen wir lernen, zwischen einer Warnung und einer Aufforderung zu unterscheiden.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür zur Küche.
Roderik trat ein. In seinen Händen hielt er eine schmale, dunkle Holzschatulle.
„Ihr wollt nach Ardann“, sagte er. „Dann solltet ihr vorher etwas erfahren.“
Er stellte die Schatulle auf den Tisch.
„Was ist das?“, fragte Tim.
„Etwas, das ich lange genug verborgen gehalten habe.“
Roderik öffnete den Deckel.
Darin lag ein vergilbtes Pergament. Seine Ränder waren stellenweise verbrannt, und das Material war so brüchig, dass es aussah, als könne es bei der kleinsten Berührung zerfallen. Auf der Oberfläche standen mehrere Zeilen in einer fremdartigen Schrift. Darunter waren einige Wörter in einer jüngeren Handschrift ergänzt worden.
Eva beugte sich darüber.
„Ist das eine weitere Nachricht von Rowanna?“
„Das weiß ich nicht“, antwortete Roderik. „Aber die Worte werden seit Generationen in diesem Haus bewahrt.“
Professor Albrecht zog seine Brille aus der Tasche und setzte sie auf.
Dann erstarrte er.
„Woher haben Sie dieses Pergament?“
Der Wirt sah ihn an.
„Sie kennen die Schrift?“
„Nicht die Schrift. Den Namen, der am Rand steht.“
Albrecht deutete auf eine verblasste Zeile.
Dort war ein einziges Wort zu erkennen.
CATHBAD.
Der Professor lehnte sich zurück.
„Das ist unmöglich.“
„Was ist unmöglich?“, fragte Tim.
Albrecht antwortete nicht sofort. Er starrte auf das Pergament, als hätte er etwas entdeckt, das er lieber nicht gefunden hätte.
„Cathbad war ein Druide aus der irischen Sagenüberlieferung. Er erscheint vor allem im Ulster-Zyklus. Man schrieb ihm seherische Fähigkeiten zu, und seine Prophezeiungen kündigten häufig Unheil an.“
„Dann ist das Pergament sehr alt?“, fragte Eva.
„Das kann ich anhand einer einzelnen Zeile nicht beurteilen. Cathbad gehört zur Mythologie. Die Erzählungen wurden über lange Zeit mündlich überliefert und später niedergeschrieben. Wir dürfen nicht einfach behaupten, dieses Dokument stamme tatsächlich von ihm.“
„Aber Sie kennen den Namen“, sagte Tim.
„Mehr als mir lieb ist.“
Der Professor nahm das Pergament vorsichtig aus der Schatulle und legte es auf den Tisch.
„Vor vielen Jahren habe ich mich mit einer Sammlung düsterer Prophezeiungen beschäftigt, die Cathbad zugeschrieben wurden. Ihre Herkunft war umstritten. Einige Texte handelten von einem Fürsten, einem Verrat und einem Grab, dessen Ort nicht genannt werden durfte.“
Eva sah ihn an.
„Artan.“
Albrecht nickte langsam.
„Genau das befürchte ich.“
Roderik schloss die Tür zur Küche.
„Dann lest, was dort steht.“
Der Professor beugte sich über das Pergament und begann, die lesbaren Zeilen zu entziffern.
„Wenn der Fürst durch die Hand eines Freundes fällt, wird die Erde seinen Namen bewahren.“
Er hielt inne.
Tim blickte auf die nächsten Zeilen.
„Weiter.“
Albrecht las:
„Drei Steine stehen über dem Vergessenen. Der vierte steht außerhalb des Kreises.“
Ein kalter Schauer lief Eva über den Rücken.
„Der vierte Stein“, flüsterte sie.
Der Professor las weiter.
„Öffnet ihn nicht, wenn der Mond sein Gesicht verliert. Denn was dort gebunden liegt, kennt weder Leben noch Tod.“
Lange sagte niemand etwas.
Draußen rüttelte der Wind an den Fensterläden.
Eva dachte an die schwarze Steinplatte unter der Eiche. An den Namen Artan. An Rowannas verzweifelte Warnung.
Nicht den Stein öffnen!
„Woher stammen diese Worte?“, fragte Tim.
Roderik schüttelte den Kopf.
„Mein Vater bewahrte das Pergament auf. Sein Vater hatte es von seinem Vater erhalten. Mehr weiß ich nicht.“
„Und niemand hat versucht, es zu entschlüsseln?“, fragte Albrecht.
„Viele haben es versucht. Manche suchten nach dem Grab. Andere nach einem Schatz. Keiner fand, wonach er suchte.“
„Oder keiner kehrte zurück, um davon zu berichten“, murmelte Tim.
Roderik sah ihn scharf an.
„Auch das ist eine Möglichkeit.“
Eva nahm das Amulett aus ihrer Tasche und legte es neben das Pergament.
Sofort veränderte sich die Farbe des Metalls. Die Zeichen wurden dunkler, und für einen kurzen Moment schien ein silberner Schimmer über die Oberfläche zu laufen.
Dann erschien unter dem Namen Artan eine dünne Linie.
Eva beugte sich vor.
„Seht ihr das?“
Tim betrachtete das Amulett.
„Es sieht aus wie ein weiteres Zeichen.“
„Nein“, sagte Eva leise. „Es sieht aus wie eine Spur.“
Die Linie verschwand wieder.
Doch keiner der drei hatte sie sich eingebildet.
Der vierte Stein
Sie brachen wenig später auf.
Roderik begleitete sie bis zur Tür. Bevor Eva den Wagen erreichte, hielt er sie am Arm zurück.
„Eine Sache musst du verstehen.“
Sie sah ihn an.
„Welche?“
„Nicht alles, was dir antwortet, will dir helfen.“
Eva dachte an Rowannas Stimme. An die Worte, die sie in ihren Visionen gehört hatte. An das Gefühl, dass jemand sie aus einer längst vergangenen Zeit heraus erreichen wollte.
„Woher soll ich wissen, wem ich vertrauen kann?“
Roderik ließ ihren Arm los.
„Das wirst du nicht immer wissen können.“
„Das ist keine besonders hilfreiche Antwort.“
„Nein“, sagte er. „Aber eine ehrliche.“
Er wandte sich an die beiden Männer.
„Und ihr solltet euch an eines erinnern: Wenn ihr den vierten Stein findet, versucht nicht, ihn zu öffnen.“
Professor Albrecht nickte ernst.
„Wir haben die Prophezeiung gelesen.“
„Lesen ist nicht dasselbe wie verstehen.“
Dann trat der Wirt zurück in die Halle.
Die schwere Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Eva blieb einen Moment stehen und betrachtete das geschnitzte Zeichen über dem Eingang. Drei Steine, ein Fluss und ein Baum.
Sie wusste nicht, warum, aber sie hatte das Gefühl, dass sie Roderik nicht zum letzten Mal gesehen hatte.
Vielleicht würde sie zurückkehren müssen.
Vielleicht würde die Caturix-Halle sie eines Tages wieder zu sich rufen.
„Eva?“, fragte Tim.
Sie drehte sich um.
„Wir sollten los.“
Sie stieg ein.
Der Wagen sprang sofort an.
Die Fahrt führte sie tiefer in die bewaldeten Hügel. Tim saß neben dem Professor und verglich die alten Karten mit seinen Aufzeichnungen. Eva betrachtete das Pergament auf ihrem Schoß.
Die Worte des Wirts gingen ihr nicht aus dem Kopf.
Drei Steine stehen über dem Vergessenen. Der vierte steht außerhalb des Kreises.
„Vielleicht haben wir den vierten Stein falsch verstanden“, sagte sie plötzlich.
Tim drehte sich zu ihr um.
„Inwiefern?“
„Wir dachten, die drei Steine zeigen uns den Weg. Aber vielleicht sind sie gar keine Wegweiser. Vielleicht bilden sie eine Grenze.“
Albrecht blickte kurz in den Rückspiegel.
„Eine Grenze zwischen was?“
„Das weiß ich nicht. Aber wenn der vierte Stein außerhalb des Kreises steht, könnte er etwas markieren, das nicht zu den anderen gehört.“
Tim dachte darüber nach.
„Ein verschlossener Zugang?“
„Oder etwas, das absichtlich getrennt wurde“, sagte Eva.
Der Professor nickte langsam.
„Das wäre mit der Prophezeiung vereinbar. Aber wir sollten daraus noch keine Gewissheit ableiten.“
„Dann finden wir es heraus“, sagte Eva.
Sie nahm die Karte und zeigte auf einen alten Waldabschnitt am Rand von Ardann.
„Dornhain. Der Name taucht auf zwei unserer Karten auf. Hier muss der Fluss verlaufen, den wir suchen.“
Tim verglich die Linien.
„Du hast recht. Der Fluss wurde offenbar später umgeleitet. Der alte Lauf müsste weiter östlich liegen.“
„Und wenn der schweigende Fluss unser Anfang ist, führt er uns zur Eiche.“
Professor Albrecht lenkte den Wagen auf eine schmale Straße.
„Dann fahren wir nach Dornhain.“
Keiner von ihnen bemerkte, dass auf der Rückseite des Pergaments langsam eine neue Zeile erschien.
Die Schrift war so blass, dass sie im wechselnden Licht kaum zu erkennen war.
WER DEN WEG KENNT, IST NICHT IMMER DER WÄCHTER.
Die Eiche ohne Schatten
Am frühen Nachmittag mussten sie den Wagen an einer überwucherten Weggabelung zurücklassen.

Der Wald war hier dichter als zuvor. Moos bedeckte die Steine am Wegesrand, und die Luft roch nach nasser Erde. Zwischen den Bäumen lag ein stiller Nebel, obwohl es seit Stunden nicht mehr geregnet hatte.
Tim trug die Karte. Professor Albrecht hatte das Pergament in einer Schutzhülle verstaut. Eva ging voraus und hielt das Amulett in der Hand.
Es war warm.
Nicht heiß, nicht bedrohlich.
Es fühlte sich an, als würde es auf etwas reagieren, das sie noch nicht sehen konnte.
„Hier entlang“, sagte sie.
Der Pfad führte zwischen zwei Felsen hindurch und fiel dann sanft ab. Nach einigen Minuten hörten sie Wasser.
„Der Fluss“, sagte Tim.
Sie folgten dem Geräusch, bis sie an ein schmales Gewässer kamen. Das Wasser floss langsam zwischen moosbewachsenen Ufern. Keine Wellen waren zu sehen, obwohl die Strömung deutlich erkennbar war.
„Der schweigende Fluss“, murmelte Albrecht.
Am gegenüberliegenden Ufer führte ein kaum sichtbarer Pfad in den Wald.
Eva überquerte den Fluss über einige flache Steine. Die anderen folgten ihr.
Je tiefer sie in den Wald gelangten, desto stiller wurde es. Schließlich öffnete sich zwischen den Bäumen eine kleine Lichtung.
In ihrer Mitte stand eine gewaltige Eiche.
Ihre Äste waren kahl. Keine Blätter bewegten sich im Wind, obwohl die Bäume ringsum noch dicht belaubt waren.
Eva blieb stehen.
„Die Eiche ohne Schatten.“
Tim blickte auf den Boden.
„Das ist unmöglich.“
Die Eiche warf tatsächlich keinen Schatten. Das Licht fiel auf ihren Stamm und die knorrigen Äste, doch unter ihr lag nur ein gleichmäßiges Grau.
Drei große Steine standen in einem Halbkreis vor dem Stamm.
Professor Albrecht trat näher und untersuchte ihre Oberfläche.
„Das Zeichen ist dasselbe wie auf dem Pergament.“
Auf dem mittleren Stein war ein Symbol eingeritzt, das dem Zeichen auf dem Amulett glich.
Eva legte das Amulett darauf.
Ein leises Summen ertönte.
Silbernes Licht glitt über den Stein und zog eine dünne Linie über den Boden. Sie endete an einer Stelle zwischen den drei Steinen.
Dort schoben sich unter dem Laub die Ränder einer flachen Steinplatte hervor.
Tim kniete sich hin und entfernte vorsichtig die Erde.
Die Platte war schwarz und glatt, als hätte jemand sie aus einem einzigen Stück dunklen Glases gefertigt.
In ihrer Mitte lag ein vierter Stein.
Er war kleiner als die anderen und teilweise in die Platte eingelassen.
Auf seiner Oberfläche stand ein Name.
ARTAN.
Eva wich zurück.
Das Amulett wurde eiskalt.
Sie hörte Rowannas Stimme.
Nicht den Stein öffnen!
„Was ist los?“, fragte Tim.
Eva konnte zunächst nicht antworten.
„Rowanna“, flüsterte sie schließlich. „Sie warnt uns. Sie will nicht, dass wir den Stein öffnen.“
Professor Albrecht beugte sich über die Platte, ohne sie zu berühren.
„Dann könnte der vierte Stein tatsächlich ein Verschluss sein.“
„Für Artans Grab?“, fragte Tim.
„Das wissen wir nicht.“
Eva starrte auf den Namen.
„Vielleicht ist es überhaupt kein Grab.“
Sie dachte an die Prophezeiung.
Denn was dort gebunden liegt, kennt weder Leben noch Tod.
„Vielleicht ist es etwas, das Rowanna dort eingeschlossen hat.“
Der Wind strich über die Lichtung.
Für einen Augenblick glaubte Eva, zwischen den Bäumen eine Gestalt zu sehen.
Eine Frau mit langem Haar.
Doch als sie genauer hinsah, war dort nur das dunkle Dickicht.
Die zweite Prophezeiung
Tim untersuchte die drei großen Steine genauer.
„Hier sind weitere Zeichen.“
Er deutete auf die Rückseite des linken Steins. Die Gravuren waren fast vollständig von Moos bedeckt. Mit einem Tuch reinigte er vorsichtig die Oberfläche.
Professor Albrecht kniete sich neben ihn.
„Diese Zeichen erinnern an eine alte Inschrift, aber ich kann sie nicht sicher zuordnen.“
„Können Sie etwas lesen?“, fragte Eva.
„Einzelne Zeichen vielleicht. Aber keine zusammenhängende Übersetzung.“
Er zog sein Notizbuch hervor und verglich die Inschrift mit der Abschrift aus der Caturix-Halle.
Dann hielt er inne.
„Das ist merkwürdig.“
„Was?“, fragte Tim.
„Einige Wörter stimmen mit der Prophezeiung überein, die ich vorhin vorgelesen habe. Aber diese Fassung enthält weitere Zeilen.“
Er begann, die lesbaren Worte zu entziffern.
„Der erste Stein zeigt den Weg.“
Er fuhr mit dem Finger über die nächste Zeile.
„Der zweite bewahrt die Erinnerung.“
Dann die dritte:
„Der dritte schützt den Namen.“
Eva sah auf den schwarzen Stein in der Mitte der Platte.
„Und der vierte?“
Albrecht zögerte.
„Der vierte aber trägt die Schuld.“
Niemand sprach.
Schließlich las der Professor weiter:
„Wenn der Mond ohne Gesicht am Himmel steht, wird der Wächter erwachen. Und wer den Namen spricht, muss entscheiden, wen er verliert.“
Tim richtete sich langsam auf.
„Das ist Cathbad.“
„Es ist eine Prophezeiung, die Cathbad zugeschrieben wird“, korrigierte Albrecht. „Ob sie wirklich aus der Zeit stammt, die wir untersuchen, ist nicht bewiesen.“
„Aber sie passt zu Artan“, sagte Eva.
Der Professor nickte widerwillig.
„Ja. Und das macht sie so beunruhigend.“
Eva betrachtete den vierten Stein.
„Was bedeutet es, dass er die Schuld trägt?“
„Vielleicht die Schuld des Verrats“, sagte Tim. „Movran hat Artan getötet.“
„Oder die Schuld dessen, der ihn nicht retten konnte“, erwiderte Eva.
Sie dachte an Rowannas Vision.
Ich will nichts bewahren. Ich will dich.
Und an die Worte, die später auf dem Pergament erschienen waren:
Doch ich konnte bewahren, was er mir anvertraute.
Vielleicht war Rowanna nicht nur die Hüterin eines Geheimnisses gewesen.
Vielleicht war sie auch diejenige, die eine Entscheidung getroffen hatte, deren Folgen bis in die Gegenwart reichten.
„Wir sollten den Stein nicht berühren“, sagte Albrecht.
Eva nickte.
Doch in diesem Augenblick veränderte sich das Licht über der Lichtung.
Die Wolken zogen zusammen. Der Wald wurde dunkler, obwohl es noch früher Nachmittag war.
Und aus der Tiefe der Erde kam ein leises Knacken.
Was den Tod überdauert
Eva trat einen Schritt zurück.
Auf der Oberfläche des vierten Steins erschien ein feiner Riss.
Er war kaum breiter als ein Haar.
Silbernes Licht schimmerte darin.
Tim starrte auf die Platte.
„Hat jemand den Stein berührt?“
„Nein“, sagte Albrecht.
Eva hielt das Amulett fest umschlossen.
Es vibrierte so stark, dass ihr die Hand schmerzte.
Dann hörten sie eine Stimme.
Sie kam aus dem Wald, aus dem Boden und zugleich aus einer unbestimmbaren Ferne.
Eine Männerstimme.
Tief. Rau. Zornig.
„Ihr habt den Namen gefunden.“
Tim fuhr herum.
„Wer ist da?“
Die Stimme antwortete:
„Aber ihr kennt die Schuld nicht.“
Die Luft auf der Lichtung wurde eisig.
Professor Albrecht wich von der Platte zurück. Zum ersten Mal sah Eva, dass auch er Angst hatte.
Der Riss im Stein wurde ein wenig breiter.
Rowannas Stimme erklang erneut, diesmal so deutlich, als stünde sie direkt hinter Eva.
Geht!
Eva packte Tim am Arm.
„Wir müssen weg.“
„Aber wir haben noch nicht—“
„Jetzt!“
Sie liefen zurück zum Pfad. Albrecht folgte ihnen, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Erst am Fluss blieben sie stehen.
Das Wasser floss wieder hörbar zwischen den Steinen hindurch. Vögel riefen in den Baumwipfeln, und der Wind bewegte die Äste.
Die unheimliche Stille war verschwunden.
Tim rang nach Atem.
„Was war das?“
Niemand antwortete.
Professor Albrecht sah auf seine Hände. Sie zitterten leicht.
„Ich weiß es nicht“, sagte er schließlich. „Und ich werde nicht so tun, als könnte ich es erklären.“
Eva öffnete ihre Hand.
Das Amulett war wieder kalt und dunkel.
Doch unter Artans Namen war ein neues Zeichen erschienen.
Ein kleiner Halbmond, dessen Mitte vollkommen schwarz war.
Eva zeigte es den beiden Männern.
Albrecht wurde bleich.
„Der mondlose Mond“, flüsterte er.
„Was bedeutet das?“, fragte Tim.
Der Professor schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht. Aber wenn die Prophezeiung recht hat, dann könnte das, was dort gebunden liegt, bald erwachen.“
Eva blickte zurück in Richtung der Lichtung.
„Dann müssen wir herausfinden, was der vierte Stein bewahrt.“
„Und wie wollen wir das tun?“, fragte Tim.
Sie dachte an Roderik, an Cathbad und an Rowanna.
„Nicht, indem wir ihn öffnen.“
Sie steckte das Amulett ein.
„Wir müssen zuerst herausfinden, warum er verschlossen wurde.“
Die Worte, die fehlten
Als sie den Wagen erreichten, war es bereits später Nachmittag.
Professor Albrecht setzte sich auf den Fahrersitz, startete den Motor und wartete, bis Tim und Eva eingestiegen waren.
Doch bevor er losfuhr, holte er die Abschrift der Prophezeiung aus seiner Tasche.
„Etwas stimmt nicht“, sagte er.
Tim drehte sich zu ihm.
„Was meinen Sie?“
„Die Fassung, die ich vor Jahren untersucht habe, endete mit den Worten: Denn was dort gebunden liegt, kennt weder Leben noch Tod. Die Zeilen über den vierten Stein und den Wächter standen in meiner Abschrift nicht.“
„Vielleicht gibt es mehrere Fassungen“, sagte Eva.
„Das ist möglich. Aber es gibt noch etwas.“
Der Professor zeigte auf den unteren Rand des Pergaments.
Dort war ein Stück der Schrift abgeschabt worden. Nur wenige Buchstaben waren übrig geblieben.
Albrecht verglich sie mit seinen Notizen.
Dann schloss er das Notizbuch.
„Ich muss meine alten Unterlagen finden. Vielleicht gibt es eine vollständige Fassung.“
„Und wenn nicht?“, fragte Tim.
„Dann müssen wir nach einer anderen Quelle suchen.“
Eva sah aus dem Fenster.
Der Wald lag still da. Zwischen den Bäumen schien für einen Moment ein silbernes Licht aufzuleuchten.
Sie blinzelte.
Es war verschwunden.
„Rowanna wollte, dass wir den Ort finden“, sagte sie leise. „Aber sie wollte nicht, dass wir den Stein öffnen.“
Tim nickte.
„Vielleicht hat sie uns nur bis zu diesem Punkt führen können.“
„Oder sie versucht, uns vor etwas zu schützen, das sie selbst nicht mehr kontrollieren kann“, sagte Eva.
Der Professor startete den Wagen wieder und fuhr langsam vom Waldrand fort.
Keiner von ihnen bemerkte, dass auf der Rückseite des Pergaments eine letzte Zeile sichtbar wurde.
Sie erschien erst, als der Wagen die Straße nach Ardann erreichte.
Die Tinte war schwarz wie die Oberfläche des vierten Steins.
„DER WÄCHTER IST NICHT DER, DEN IHR SUCHT.“
Und tief im Wald, unter der Eiche ohne Schatten, antwortete etwas mit einem leisen, kaum hörbaren Klopfen.
Dreimal.
Dann ein viertes Mal.
Kapitel 8 – Das Ritual der Bewahrung
Der Regen hatte aufgehört, doch der Himmel über der Universität blieb grau. Professor Albrecht saß seit Stunden in seinem Arbeitszimmer. Vor ihm lagen Bücher über keltische Kultstätten, vergilbte Notizzettel und mehrere Abschriften alter Texte. Eine Schreibtischlampe warf einen gelblichen Lichtkreis auf die Dokumente.
Immer wieder kehrte sein Blick zu der Prophezeiung zurück, die sie unter der Eiche in Dornhain gefunden hatten.
Der vierte aber trägt die Schuld.
Und darunter die Warnung, die ihnen auf der Rückfahrt erschienen war:
DER WÄCHTER IST NICHT DER, DEN IHR SUCHT.
Albrecht rieb sich die müden Augen. Etwas stimmte nicht. Die Fassung, die er kannte, war unvollständig. Nicht nur ein paar Zeilen fehlten. Es schien, als hätte jemand bewusst jene Passagen ausgelassen, die den Sinn der Prophezeiung verändert hätten.
Er stand auf, ging zu einem hohen Schrank und zog eine schmale Schublade auf. Darin lagen seine älteren Forschungsnotizen, geordnet nach Fundorten und historischen Überlieferungen. Er blätterte, bis er auf eine Mappe stieß, die er seit Jahren nicht mehr geöffnet hatte.
Auf dem Deckblatt stand in seiner Handschrift:
Cathbad – Überlieferungen zu Schwellenorten und Totenriten.
Albrecht hielt inne.
„Das kann doch nicht sein“, murmelte er.
Zwischen zwei Seiten steckte eine Fotokopie eines handschriftlichen Dokuments. Am Rand hatte er vor vielen Jahren eine Notiz angebracht: Zweite Fassung. Herkunft ungeklärt. Möglicherweise Abschrift einer älteren Überlieferung.
Er legte das Blatt unter die Lampe.
Die Schrift war unregelmäßig. Manche Buchstaben waren kaum zu erkennen. Doch die Worte, die er entziffern konnte, ließen ihn langsam den Atem anhalten.
Drei Steine stehen im Kreis des Erinnerns.
Der vierte steht außerhalb des Kreises.
Drei bewahren den Weg.
Einer bewahrt die Entscheidung.
Öffne nicht, was der Druide versiegelte.
Denn nicht jeder Gefangene ist ein Feind.
Nicht jeder Tote ist verloren.
Und nicht jeder Wächter lebt.
Albrecht las die letzten Zeilen ein zweites Mal.
Dann griff er nach seinem Telefon.
„Tim?“, sagte er, als sein ehemaliger Student abhob. „Du musst mit Eva zu mir kommen. Sofort. Ich glaube, ich habe etwas gefunden, das wir bei der Eiche übersehen haben.“
„Die vierte Prophezeiung?“, fragte Tim.
„Nein.“ Albrechts Stimme wurde leiser. „Etwas, das uns erklären könnte, warum sie überhaupt existiert.“
Die zweite Fassung
Eine Stunde später saßen Eva und Tim dem Professor gegenüber. Zwischen ihnen lag die neue Abschrift. Eva betrachtete die verblassten Zeilen, während Tim bereits die Unterschiede zur ersten Fassung verglich.
„In der anderen Version hieß es, der vierte Stein trage die Schuld“, sagte er. „Hier bewahrt er die Entscheidung.“
„Vielleicht ist das dasselbe“, erwiderte Albrecht. „Eine Schuld entsteht oft durch eine Entscheidung. Aber wir wissen nicht, wessen Entscheidung gemeint ist.“
Eva legte die Fingerspitzen auf den Rand des Papiers.
„Rowannas“, sagte sie leise.
Tim sah sie an. „Warum glaubst du das?“
„Weil sie Artan nicht retten konnte.“ Eva schluckte. „Aber sie hat etwas bewahrt, das ihm wichtig war. Vielleicht musste sie sich zwischen zwei Dingen entscheiden. Ihn zu retten oder das zu schützen, was er ihr anvertraut hatte.“
Professor Albrecht lehnte sich zurück.
„Das ist möglich. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir bisher nur Bruchstücke einer Geschichte kennen. Wir wissen nicht, ob die Überlieferungen tatsächlich aus derselben Zeit stammen.“
„Und was bedeutet das Ritual?“, fragte Tim. „In der ersten Fassung wird von einem Druiden gesprochen, der etwas versiegelt hat.“
Der Professor zog ein weiteres Buch heran.
„Wir kennen aus verschiedenen keltischen Überlieferungen heilige Orte, Opfergaben, Weissagungen und Rituale im Zusammenhang mit bestimmten Festzeiten. Aber ein fest umrissenes historisches Ritual, das genau zu diesen vier Steinen passt, ist nicht belegt. Wenn wir die beiden Fassungen ernst nehmen, müssen wir das Ritual zunächst aus den Hinweisen rekonstruieren.“
Er deutete auf die Worte Kreis des Erinnerns.
„Vielleicht ging es nicht darum, etwas zu beschwören. Vielleicht sollte etwas geschützt werden.“
„Ein Ritual der Bewahrung“, flüsterte Eva.
Das Wort schien den Raum zu verändern.
Nicht wirklich. Es wurde nicht dunkler, und kein Windstoß fuhr durch die Fenster. Trotzdem hatte Eva für einen Moment das Gefühl, als hätte jemand ihren Satz gehört.
Jemand, der sehr lange darauf gewartet hatte.
Das Ritual der Bewahrung
Albrecht stand auf und holte eine weitere Mappe aus dem Schrank. Darin befand sich die Zeichnung einer steinernen Kultstätte. Sie zeigte drei größere Steine, die einen offenen Halbkreis bildeten. Ein vierter Stein stand außerhalb davon.
In der Mitte war ein kleines Zeichen eingezeichnet: ein Kreis, durch den eine senkrechte Linie führte.
„Diese Zeichnung stammt aus einer späteren Abschrift“, erklärte der Professor. „Ob sie einen realen Ort zeigt oder eine symbolische Darstellung, ist unklar. Aber die Anordnung erinnert auffällig an das, was wir in Dornhain gesehen haben.“
Tim beugte sich über die Zeichnung.
„Drei Steine im Halbkreis. Der vierte außerhalb.“
„Ja. Doch hier gibt es einen Unterschied.“ Albrecht tippte auf den Mittelpunkt. „Der Innenraum ist leer. Es ist nichts eingezeichnet, das dort eingeschlossen wäre.“
„Vielleicht sollte dort etwas liegen“, sagte Eva.
„Oder jemand“, entgegnete Tim.
Niemand sprach weiter.
Schließlich zog Albrecht ein leeres Blatt heran und begann, die Hinweise aufzuschreiben.
„Nehmen wir an, Rowanna wollte etwas bewahren, das Artan ihr anvertraut hatte. Dann könnte das Ritual aus drei Teilen bestanden haben.“
Er schrieb:
Erstens: Das Erinnern.
„Der Name desjenigen, für den das Ritual vollzogen wurde, musste ausgesprochen oder in ein Zeichen übertragen werden. Nicht, um ihn zurückzurufen, sondern damit er nicht vergessen wurde.“
Zweitens: Das Bewahren.
„Ein Gegenstand, ein Wissen oder eine Wahrheit wurde einem Ort anvertraut. Die Steine markierten möglicherweise die Grenze. Das Amulett könnte dabei eine Rolle gespielt haben.“
Drittens: Die Entscheidung.
Albrecht hielt inne.
„Und hier wird es schwierig. Wer etwas bewahrt, entscheidet zugleich, was verborgen bleiben muss. Vielleicht durfte das Geheimnis nicht geöffnet werden, solange die Folgen seiner Enthüllung nicht verstanden waren.“
Tim sah auf das Amulett, das vor Eva auf dem Tisch lag.
„Dann ist es kein gewöhnlicher Schlüssel.“
„Vielleicht ist es überhaupt kein Schlüssel, wie wir ihn verstehen“, sagte der Professor. „Vielleicht zeigt es uns nicht nur, wo etwas verborgen liegt. Vielleicht prüft es auch, wer bereit ist, die Wahrheit zu erfahren.“
Eva hörte kaum noch zu.
Das Amulett lag still auf dem Tisch.
Doch unter seiner dunklen Oberfläche glaubte sie einen silbrigen Schimmer zu erkennen.
Sie beugte sich vor.
„Habt ihr das gesehen?“
Tim sah auf. „Was?“
Da begann das Amulett zu vibrieren.
Ganz leicht.
Das Papier unter ihm bewegte sich, obwohl kein Luftzug durch das Zimmer ging. Das silberne Licht wurde heller und zeichnete sich in feinen Linien auf der Tischplatte ab.
Ein Kreis entstand.
Drei kurze Striche erschienen darin.
Dann öffnete sich der Kreis an einer Stelle.
Eva hörte einen leisen Laut. Zuerst glaubte sie, es sei der Wind draußen. Doch der Laut wurde deutlicher.
Ein Flüstern.
Erinnere dich.
Eva wollte antworten, aber ihre Lippen gehorchten ihr nicht.
Die Lampe über dem Tisch flackerte.
Und plötzlich war das Arbeitszimmer verschwunden.
Die Vision
Eva stand in einem Wald, den sie noch nie betreten hatte.
Über ihr wölbten sich mächtige Eichen. Ihre Äste waren so dicht miteinander verwoben, dass nur einzelne Streifen des Abendhimmels hindurchdrangen. Zwischen den Stämmen lagen Nebelschwaden. Der Boden war mit feuchtem Moos bedeckt, und irgendwo in der Ferne rauschte Wasser.
Vor ihr befand sich eine Lichtung.
Drei große Steine bildeten einen offenen Halbkreis. Der vierte stand einige Schritte entfernt, dunkel und glatt wie erstarrte Nacht.

In der Mitte der Lichtung kniete eine Frau.
Rowanna.
Ihr langes, graues Haar fiel über ein schlichtes Gewand. In ihrer rechten Hand hielt sie einen Stab aus Eichenholz. In der linken lag ein kleines Amulett.
Eva erkannte es sofort.
Es war dasselbe Amulett, das jetzt auf dem Schreibtisch des Professors lag.
Doch in Rowannas Händen schien es lebendig zu sein. Ein schwaches Licht pulsierte darin, als würde es auf einen Herzschlag reagieren.
Neben der Druidin stand ein junger Mann.
Artan.
Sein Gesicht war blass, und an seiner Seite zeichnete sich unter dem zerrissenen Stoff eine dunkle Wunde ab. Er wirkte erschöpft, aber in seinen Augen lag eine Ruhe, die Eva beinahe mehr erschreckte als seine Verletzung.
Er nahm Rowannas Hand.
„Du musst es bewahren“, sagte er.
„Ich will nicht dein Vermächtnis bewahren.“ Rowannas Stimme brach. „Ich will, dass du bei mir bleibst.“
Artan schloss für einen Moment die Augen.
„Wenn du mich liebst, musst du mir vertrauen.“
„Vertrauen?“ Sie sah ihn verzweifelt an. „Du verlangst von mir, dich gehen zu lassen.“
„Nein“, flüsterte er. „Ich verlange von dir, nicht alles mit mir sterben zu lassen.“
Dann legte er das Amulett in ihre Hand.
Eva spürte einen heftigen Schmerz in ihrer Brust, als wäre diese Erinnerung nicht nur eine Geschichte, sondern etwas, das sie selbst erlebt hatte.
Artan trat aus dem Steinkreis.
Er ging zu dem vierten Stein und legte die Hand darauf.
Sofort lief ein dunkler Riss über dessen Oberfläche.
Rowanna schrie auf.
„Nicht! Du darfst ihn nicht berühren!“
Artan zog die Hand zurück. Der Riss verschwand, doch unter dem Stein glomm etwas auf, das weder Feuer noch Licht zu sein schien.
Eine Stimme erhob sich aus der Tiefe.
„Die Schuld ist noch nicht bezahlt.“
Artan erstarrte.
Rowanna sprang auf und stellte sich zwischen ihn und den Stein.
„Die Schuld gehört nicht ihm!“
„Noch nicht“, antwortete die Stimme.
Der Wald schien den Atem anzuhalten.
Dann begann Rowanna mit dem Ritual.
Sie legte das Amulett in die Mitte des Halbkreises und zog mit dem Eichenstab eine Linie in das feuchte Erdreich. Sie verband die drei Steine miteinander, ließ aber die Stelle zum vierten Stein offen.
Eva begriff, dass es kein geschlossener Kreis war.
Es sollte keiner sein.
Rowanna hob beide Hände.
Ihre Worte waren in einer Sprache gesprochen, die Eva nicht kannte. Sie klangen alt, voller harter und weicher Laute, und doch verstand Eva plötzlich ihre Bedeutung. Nicht mit dem Verstand. Es war, als würde die Erinnerung selbst die Worte in ihr übersetzen.
Was geliebt wurde, soll nicht verloren gehen.
Was anvertraut wurde, soll nicht verraten werden.
Was verborgen liegt, soll nicht erwachen, bevor die Wahrheit erkannt ist.
Mit jedem Satz glomm einer der drei Steine auf.
Beim ersten erschien ein silberner Lichtstreifen.
Beim zweiten leuchtete ein tiefes Blau.
Beim dritten breitete sich ein warmes Gold aus.
Der vierte Stein blieb schwarz.
Rowanna nahm das Amulett wieder an sich und drückte es an ihre Brust.
„Ich bewahre seinen Namen“, sagte sie. „Ich bewahre seine Erinnerung. Und ich bewahre das, was er mir anvertraut hat.“
Ein Windstoß fuhr durch die Lichtung.
Die Blätter der Eichen wirbelten auf. Der Nebel schoss zwischen den Steinen hindurch und schloss sich um Rowanna.
Artan stand nun am Rand des Waldes. Er war blasser geworden. Seine Gestalt begann sich aufzulösen, als würde die Dämmerung ihn verschlucken.
„Rowanna!“, rief Eva, ohne zu wissen, warum sie seinen Namen aussprach.
Die Druidin blickte direkt zu ihr.
Nicht an ihr vorbei.
Nicht durch sie hindurch.
Sie sah Eva an.
„Du bist gekommen“, sagte Rowanna.
Eva wollte zu ihr laufen, doch ihre Füße waren wie im Boden verwurzelt.
„Was muss ich tun?“, rief sie. „Was bewahrst du?“
Rowanna hob das Amulett.
„Nicht alles, was eingeschlossen ist, muss befreit werden.“
Der vierte Stein begann zu zittern.
Ein dumpfer Schlag drang aus seinem Inneren.
Dann ein zweiter.
Beim dritten Schlag zerbrach ein kleiner Teil der Oberfläche. Dahinter glomm silbernes Licht, durchzogen von schwarzen Fäden.
Rowanna wandte sich dem Stein zu.
„Du wirst nicht öffnen, was ich verschlossen habe“, sagte sie mit einer Kraft, die Eva ihr nicht zugetraut hätte.
Das Licht im Stein erlosch.
Die Stille kehrte zurück.
Rowanna sank auf die Knie. Das Amulett lag in ihren Händen, und Tränen liefen über ihr Gesicht.
„Ich konnte ihn nicht retten“, flüsterte sie.
Dann hob sie den Kopf und sah Eva ein letztes Mal an.
„Aber ich konnte bewahren, was er mir anvertraute.“
Die Lichtung verblasste.
Die Bäume verschwanden im Nebel.
Und Rowannas Stimme begleitete Eva in die Dunkelheit.
„Wenn ihr die Wahrheit sucht, verwechselt sie nicht mit der Erlösung.“
Die Botschaft aus der Vergangenheit
„Eva!“
Jemand rüttelte sanft an ihrer Schulter.
Sie fuhr hoch.
Sie saß noch immer im Arbeitszimmer des Professors. Tim kniete neben ihrem Stuhl, während Albrecht das Amulett mit einem Taschentuch vom Tisch gehoben hatte.
„Was ist passiert?“, fragte Tim. „Du warst plötzlich nicht mehr ansprechbar.“
Eva atmete schwer. Ihre Hände zitterten.
„Ich habe Rowanna gesehen.“
Albrecht legte das Amulett vorsichtig auf ein Stück Stoff.
„Eine Vision?“
Eva nickte. Sie erzählte von der Lichtung, den drei Steinen, dem schwarzen vierten Stein und dem Ritual. Je mehr sie berichtete, desto stiller wurden die beiden Männer.
Als sie die Worte wiederholte, die Rowanna gesprochen hatte, zog Tim die zweite Fassung der Prophezeiung näher heran.
„Drei bewahren den Weg. Einer bewahrt die Entscheidung“, murmelte er. „Das passt zu dem, was du gesehen hast.“
„Und die offene Stelle im Kreis“, sagte Eva. „Sie war absichtlich offen. Rowanna wollte den vierten Stein nicht in den Kreis aufnehmen.“
Albrecht sah sie nachdenklich an.
„Vielleicht sollte das Ritual etwas von der Welt trennen. Aber es könnte ebenso gut eine Grenze geschaffen haben, die nicht überschritten werden durfte.“
„Dann ist der vierte Stein kein Teil des Schutzes“, sagte Tim. „Er ist das, wovor geschützt werden soll.“
Eva schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. Das glaube ich nicht.“
Beide sahen sie an.
„Rowanna hatte keine Angst vor dem Stein selbst. Sie hatte Angst davor, dass jemand ihn öffnen würde. Als sie das Ritual vollendete, sagte sie, dass nicht alles, was eingeschlossen ist, befreit werden muss.“
Sie sah auf ihre Hände. Noch immer glaubte sie, die Wärme des Amuletts darin zu spüren.
„Vielleicht hat sie nicht etwas Böses eingeschlossen. Vielleicht hat sie etwas bewahrt, das nur dann gefährlich wird, wenn wir es falsch verstehen.“
Professor Albrecht schwieg lange.
Dann nahm er die zweite Fassung der Prophezeiung und legte sie neben die erste.
„Wir haben bisher angenommen, dass Artans Geheimnis unter der Eiche verborgen liegt. Aber wenn deine Vision stimmt, dann könnte die Eiche nur ein Teil des Rituals gewesen sein.“
„Und der vierte Stein?“, fragte Tim.
„Vielleicht ist er die Grenze zwischen dem, was bewahrt wurde, und dem, was niemals wieder ans Licht gelangen sollte.“
Eva blickte zum Fenster.
Draußen hatte sich der Himmel verdunkelt, obwohl es noch nicht spät war. In der Scheibe spiegelte sich für einen kurzen Moment eine Gestalt mit langem, grauem Haar.
Eva drehte sich um.
Niemand stand hinter ihr.
Doch auf dem Tisch, unmittelbar neben den beiden Prophezeiungen, lag plötzlich ein dünner Streifen Pergament, den keiner von ihnen zuvor bemerkt hatte.
Die Schrift darauf war frisch und dunkel.
Eva beugte sich vor und las:
„WAS BEWAHRT WERDEN MUSS, LIEGT NICHT UNTER DEM STEIN.“
Darunter erschien langsam eine zweite Zeile.
„SUCHT DEN ORT, AN DEM ROWANNA ABSCHIED NAHM.“
Tim sah den Professor an.
„Der Druidenhain.“
Albrecht schüttelte den Kopf.
„Vielleicht. Oder ein anderer Ort, an dem das Ritual vollendet wurde.“
Eva spürte erneut die Gegenwart Rowannas. Diesmal war es kein Flüstern, keine Vision. Es war ein stilles Gefühl, als stünde die Druidin irgendwo in der Nähe und wartete darauf, dass Eva verstand.
Dann erschien auf dem Pergament ein letztes Zeichen: ein Halbkreis, drei Striche und ein einzelner Punkt außerhalb der Linie.
Das Amulett blieb dunkel.
Doch tief unter der Erde, weit entfernt in Dornhain, antwortete etwas auf das Zeichen.
Ein einzelner Schlag hallte durch den Wald.
Nicht dreimal wie zuvor.
Nur einmal.
Und diesmal klang es nicht wie eine Warnung.
Sondern wie eine Antwort.
Kapitel 9 – Das Tor zwischen den Welten
Der Morgen war grau und still, als Eva vor dem Fenster stand und auf die Straße hinunterblickte. Seit ihrer Vision im Arbeitszimmer von Professor Albrecht hatte sie kaum geschlafen. Immer wieder sah sie Rowanna vor sich, kniend zwischen den Steinen, das Amulett an ihre Brust gedrückt. Und immer wieder hörte sie ihre Stimme.
Was bewahrt werden muss, liegt nicht unter dem Stein.
Was hatte Rowanna damit gemeint?
Auf dem Tisch lag die zweite Fassung der Cathbad-Prophezeiung. Daneben befand sich die alte Karte, auf der Professor Albrecht am Vorabend die beiden Steinkreise eingezeichnet hatte. Die Linien schienen sich an einem einzigen Punkt zu berühren.
Eva strich mit dem Finger über die Zeichnung.
Zwei Orte.
Eine Verbindung.
Und ein Geheimnis, das selbst nach zweitausend Jahren nicht bereit war, sich preiszugeben.
Als es an der Tür klingelte, zuckte sie zusammen.
Tim stand draußen. Er hatte eine Thermoskanne Kaffee und eine Ledermappe unter dem Arm.
„Du siehst aus, als hättest du die ganze Nacht mit Rowanna gesprochen“, sagte er.
„Vielleicht habe ich das.“
Tim lächelte kurz, doch sein Blick wurde ernst, als er die Karte sah.
„Der Professor wartet bereits. Er hat etwas entdeckt.“
„Was?“
„Eine mögliche Erklärung dafür, was die Steine wirklich tun.“
Eva griff nach dem Amulett.
Es war ungewöhnlich kalt.
1. Die verborgene Ordnung
Professor Albrecht hatte seinen Wagen bereits vor dem Gebäude geparkt. Auf dem Beifahrersitz lagen mehrere Bücher und eine Mappe mit den Kopien alter Zeichnungen.
Als Eva und Tim einstiegen, reichte er ihnen eine Skizze.
„Ich habe die Steinpositionen von Dornhain mit der Zeichnung des Druidenhains verglichen“, erklärte er. „Dabei ist mir etwas aufgefallen, das wir bisher übersehen haben.“
Die Skizze zeigte zwei Kreise. Jeder bestand aus drei kleineren Zeichen, die um einen Mittelpunkt angeordnet waren. Zwischen den Kreisen verlief eine schmale Linie.
„Die Kreise stehen nicht für zwei Gruppen von Steinen“, sagte Tim nach kurzem Betrachten. „Sie stehen für zwei Orte.“
„Genau. Zumindest ist das die plausibelste Deutung unserer Zeichnung.“
Albrecht tippte auf den Verbindungspunkt.
„Dieser Punkt entspricht dem vierten Stein. Er steht weder im ersten noch im zweiten Kreis. Er liegt außerhalb beider Anordnungen und verbindet sie trotzdem.“
Eva betrachtete das Bild genauer.
„Dann gehört der vierte Stein zu keinem der beiden Orte.“
„Oder zu beiden“, sagte Tim.
Der Professor nickte langsam.
„Das ist der entscheidende Unterschied. Vielleicht war der vierte Stein nicht dazu bestimmt, einen Kreis zu vervollständigen. Vielleicht sollte er eine Verbindung ermöglichen, ohne die Grenze zwischen den beiden Orten aufzuheben.“
Eva dachte an ihre Vision zurück. An das Licht, das zwischen den Steinen aufgetaucht war. An die zweite Lichtung, die sie durch den Lichtbogen gesehen hatte.
„Rowanna hat diese Verbindung bewahrt“, sagte sie. „Aber sie wollte nicht, dass jemand sie einfach öffnen kann.“
„Das würde erklären, warum die beiden Prophezeiungen unterschiedlich formuliert sind“, erwiderte Albrecht. „In der einen trägt der vierte Stein die Schuld. In der anderen bewahrt er die Entscheidung.“
Tim beugte sich über die Zeichnung.
„Vielleicht ist die Schuld das, was damals geschehen ist. Und die Entscheidung ist das, was Rowanna daraus gemacht hat.“
Einen Moment lang herrschte Schweigen.
Dann sagte Eva: „Sie hat entschieden, die Verbindung bestehen zu lassen, aber den Zugang zu begrenzen.“
Albrecht sah sie nachdenklich an.
„Das ist eine Möglichkeit. Wir dürfen sie noch nicht als Tatsache behandeln. Aber wenn deine Vision einen historischen Kern bewahrt, dann war Rowannas Ritual womöglich kein gewöhnliches Verschließen. Es war eine Grenze.“
„Eine Grenze zwischen zwei Orten?“, fragte Tim.
„Vielleicht. Oder zwischen zwei Zuständen, die wir nicht verstehen.“
Eva blickte auf das Amulett in ihrer Hand.
„Und was ist auf der anderen Seite?“
Der Professor antwortete nicht.
Er wusste es nicht.
Und zum ersten Mal hatte Eva das Gefühl, dass gerade diese Unwissenheit sie alle schützen könnte.
2. Der Weg in den Druidenhain
Die Fahrt führte sie aus der Stadt hinaus, über schmale Landstraßen und schließlich auf einen unbefestigten Weg, der zwischen alten Bäumen verschwand.
Der Wald wirkte anders als bei ihrem letzten Besuch in Dornhain. Das Licht war blass, die Luft feucht. Über dem Boden lag ein dünner Nebel, der sich zwischen den Stämmen bewegte, obwohl kaum Wind zu spüren war.
Professor Albrecht hielt an einer kleinen Weggabelung.
„Hier müssen wir zu Fuß weiter.“
Tim nahm die Ledermappe, Eva steckte das Amulett unter ihren Mantel. Gemeinsam folgten sie einem kaum erkennbaren Pfad.
Nach etwa zwanzig Minuten öffnete sich der Wald.
Vor ihnen lag die Lichtung.
Sieben Steine standen im moosbedeckten Boden. Drei bildeten einen offenen Halbkreis. Ein vierter erhob sich abseits davon. Die übrigen drei waren kleiner und so stark von Moos und Erde bedeckt, dass sie auf den ersten Blick kaum auffielen.
Die alte Eiche am Rand der Lichtung neigte ihre mächtigen Äste über den Platz. Ihre Rinde war von tiefen Furchen durchzogen.
Eva blieb stehen.
„Hier war ich.“
Tim sah sie an. „In deiner Vision?“
Sie nickte.
„Die Fackeln standen dort. Rowanna kniete zwischen den drei großen Steinen. Artan stand auf der anderen Seite.“
Sie ging langsam über das feuchte Gras. Je näher sie dem Halbkreis kam, desto stärker spürte sie ein Ziehen in ihrer Brust.
Nicht Angst.
Eher das Gefühl, an einen Ort zurückzukehren, den sie nie zuvor betreten hatte.
Sie kniete sich neben den ersten Stein. In seiner Oberfläche waren feine Linien zu erkennen. Sie verliefen vom Rand zur Mitte und endeten in einem kleinen, kreisförmigen Zeichen.
„Tim, sieh dir das an.“
Er kniete sich neben sie und wischte vorsichtig das Moos an einer Stelle beiseite.
„Das ist kein einzelnes Symbol. Es besteht aus mehreren Linien.“
Professor Albrecht zog seine Lupe hervor.
„Die Linien könnten eine Richtung markieren. Oder sie bilden eine symbolische Darstellung des Rituals.“
Sie untersuchten auch den zweiten und dritten Stein. Unter der verwitterten Oberfläche kamen weitere Zeichen zum Vorschein. Jedes war anders, doch die Anordnung wiederholte sich: Linien führten von außen nach innen, ohne den Mittelpunkt vollständig zu schließen.
Dann untersuchte Tim die drei kleineren Steine.
„Hier ist es genauso“, sagte er. „Aber die Linien verlaufen in die entgegengesetzte Richtung.“
Albrecht richtete sich auf.
„Die großen Steine führen nach innen. Die kleinen führen nach außen.“
Eva blickte zwischen den beiden Gruppen hin und her.
„Als würde eine Seite etwas aufnehmen und die andere etwas weitergeben.“
„Oder als würden beide Seiten miteinander kommunizieren“, sagte Tim.
Der Professor schüttelte nachdenklich den Kopf.
„Das wäre eine denkbare symbolische Funktion. Wir sollten aber nicht behaupten, dass wir aus den Linien bereits ein vollständiges keltisches Ritual rekonstruieren können. Wir haben keine gesicherte historische Vorlage für genau diese Anordnung.“
„Aber die Steine sind absichtlich so aufgestellt“, sagte Eva.
„Davon bin ich überzeugt.“
Sie blickte zum vierten Stein.
Er stand außerhalb des Halbkreises, schwarz und glatt. Seine Oberfläche schien das Tageslicht zu verschlucken.
„Und er entscheidet, ob die Verbindung offen oder geschlossen ist.“
Niemand widersprach.
3. Was die Steine bewahren
Professor Albrecht breitete die alte Karte auf einer flachen Steinplatte aus. Tim übertrug die Positionen der Steine auf die Zeichnung und verband sie mit den bereits bekannten Markierungen aus Dornhain.
Nach mehreren Versuchen entstand ein klares Muster.
Die drei großen Steine des Druidenhains bildeten einen offenen Halbkreis. Die drei kleineren lagen auf einer Linie, die in Richtung eines alten Wasserlaufs führte. Beide Anordnungen waren durch den vierten Stein miteinander verbunden.
„Seht euch das an“, sagte Tim.
Er zog zwei Linien über die Karte.
„Wenn wir diese Richtung verlängern, landen wir bei Dornhain. Die zweite Linie führt zum Druidenhain. Beide Orte liegen auf derselben Achse.“
„Dann ist die Verbindung nicht zufällig“, sagte Eva.
„Nein“, antwortete Albrecht. „Zumindest deutet die Anordnung darauf hin, dass die beiden Plätze zusammengehören.“
Er zeigte auf die drei großen Steine.
„Vielleicht markierten sie den Ort, an dem das Ritual begonnen wurde.“
Dann deutete er auf die kleineren Steine.
„Diese könnten den zweiten Ort bezeichnet haben, an dem es vollendet wurde.“
Tim fuhr mit dem Finger die Linie entlang.
„Und der vierte Stein?“
„Der Übergang.“
Eva schloss die Augen.
Sofort sah sie wieder das silberne Licht zwischen den Steinen. Dahinter hatte sich die zweite Lichtung gezeigt, so deutlich, als wäre sie nur wenige Schritte entfernt gewesen.
Sie öffnete die Augen.
„Ich glaube, es war mehr als eine symbolische Verbindung.“
Der Professor musterte sie.
„Was meinst du?“
„In meiner Vision konnte ich durch das Licht hindurchsehen. Ich sah Dornhain, obwohl ich im Druidenhain stand. Es war, als wären beide Orte gleichzeitig vorhanden gewesen.“
Tim sah sie lange an.
„Du glaubst, das Ritual konnte die Entfernung zwischen ihnen überwinden?“
„Ich weiß nicht, wie. Aber Rowanna hat die Verbindung nicht zerstört. Sie hat sie bewahrt.“
Albrecht strich sich über das Kinn.
„Dann müssen wir zwischen zwei Dingen unterscheiden. Eine Verbindung kann bestehen, ohne dass jemand sie betreten kann. Und eine Grenze kann etwas schützen, ohne es vollständig von der Welt abzuschneiden.“
„Das bedeutet, der vierte Stein ist keine Tür, die einfach aufgeschlossen werden kann“, sagte Tim.
„Vielleicht ist er eher der Teil des Rituals, der darüber wacht, ob die Verbindung überhaupt zugänglich wird.“
Eva dachte an die Worte, die sie auf dem Pergament gelesen hatten.
Was bewahrt werden muss, liegt nicht unter dem Stein.
Vielleicht hatte Rowanna das Geheimnis nicht im vierten Stein versteckt. Vielleicht hatte sie dort lediglich die Grenze verankert, die das Geheimnis schützte.
Und wenn das stimmte, dann war der Stein nicht das Ziel ihrer Suche.
Er war die letzte Warnung vor dem Ziel.
4. Die Erinnerung erwacht
Eva trat in die Mitte des offenen Halbkreises.
„Was tust du?“, fragte Tim.
„Ich weiß es nicht.“
Sie holte das Amulett hervor. Seine Oberfläche war nun warm. Das Zeichen auf seiner Vorderseite schimmerte schwach silbern.
Eva hielt es über die flache Steinplatte in der Mitte des Ritualplatzes.
Zunächst geschah nichts.
Dann ertönte ein tiefes, kaum wahrnehmbares Summen.
Es schien aus dem Boden zu kommen.
Die feinen Linien auf den drei großen Steinen begannen zu leuchten. Ein silberner Schimmer wanderte von einem Stein zum nächsten, bis sich ein dünner Lichtbogen über dem offenen Halbkreis bildete.
Tim wich einen Schritt zurück.
„Professor …“
„Ich sehe es.“
Albrecht hatte die Hand gehoben, als wolle er die anderen warnen, nichts zu berühren.
Das Licht wurde heller.
Der vierte Stein blieb dunkel.
Eva hörte Rowannas Stimme.
Erinnere dich.
Die Lichtung vor ihren Augen verschwamm.
Für einen Augenblick war der Wald verschwunden. Stattdessen sah sie die Lichtung so, wie sie vor zweitausend Jahren gewesen sein musste. Fackeln brannten zwischen den Bäumen. Menschen standen schweigend um die Steine. Einige hielten Schalen in den Händen, andere trugen Zweige und kleine Bündel aus Kräutern.

In der Mitte kniete Rowanna.
Vor ihr lag das Amulett.
Artan stand am Rand der Lichtung. Er wirkte schwer verletzt, doch er hielt sich aufrecht. Sein Blick ruhte auf der Druidin.
„Wenn du den Weg bewahrst“, sagte er, „darfst du ihn niemals für dich allein beanspruchen.“
Rowanna sah zu ihm auf.
„Und wenn jemand ihn findet?“
„Dann muss er verstehen, was er sucht.“
„Und wenn er es nicht versteht?“
Artan schwieg einen Moment.
„Dann muss die Grenze ihn zurückhalten.“
Rowanna senkte den Kopf.
Dann begann sie, die alten Worte zu sprechen.
Die Menschen im Kreis antworteten. Ihre Stimmen waren leise, doch gemeinsam erzeugten sie einen Klang, der durch den Boden zu wandern schien.
Die drei großen Steine leuchteten auf.
Die kleineren Steine antworteten aus der Ferne.
Zwischen beiden Gruppen entstand ein Lichtbogen.
Eva erkannte die zweite Lichtung.
Dornhain.
Der vierte Stein stand dort, dunkel wie ein Loch in der Welt.
Rowanna hob das Amulett.
„Was anvertraut wurde, soll bewahrt bleiben.“
Der Lichtbogen wurde schmaler.
„Was bewahrt wird, soll nicht vergessen werden.“
Die Verbindung zwischen den beiden Orten flackerte.
„Und was nicht verstanden wurde, soll nicht erzwungen werden.“
Der Lichtbogen schloss sich nicht vollständig. Er blieb als dünne silberne Linie zwischen den Steinen bestehen.
Dann trat eine Gestalt aus dem Nebel auf der anderen Seite.
Ein Mann.
Sein Gesicht war nicht zu erkennen. Er trug einen dunklen Mantel und stand jenseits des vierten Steins, als hätte er dort bereits auf Rowanna gewartet.
„Du kannst die Grenze nicht für immer halten“, sagte er.
Rowanna richtete sich auf.
„Ich muss sie nicht für immer halten. Nur so lange, bis die Wahrheit verstanden wird.“
Der Mann hob eine Hand.
Der vierte Stein erzitterte.
Ein Riss lief über seine Oberfläche.
Rowanna presste das Amulett an ihre Brust.
„Nicht durch Gewalt“, sagte sie. „Nicht durch Macht. Und nicht durch den Willen eines Einzelnen.“
Das Licht erlosch.
Die Gestalt verschwand.
Artan war nicht mehr zu sehen.
Rowanna sank auf die Knie. Ihre Hände zitterten, aber sie ließ das Amulett nicht los.
„Ich konnte ihn nicht retten“, flüsterte sie.
Dann hob sie den Kopf.
„Aber ich kann verhindern, dass sein Vermächtnis missbraucht wird.“
Die Vision zerbrach.
5. Zurück in der Gegenwart
Eva taumelte.
Tim fing sie auf, bevor sie zu Boden stürzte.
„Eva! Hörst du mich?“
Sie nickte, doch ihre Augen waren noch immer auf die Stelle gerichtet, an der der Lichtbogen erschienen war.
Professor Albrecht stand reglos neben der Steinplatte. Sein Gesicht war blass.
„Was hast du gesehen?“, fragte er schließlich.
Eva berichtete von der Vision. Von Artan, von Rowanna und von dem unbekannten Mann, der auf der anderen Seite der Verbindung gestanden hatte.
Als sie fertig war, sagte niemand etwas.
Schließlich brach Tim das Schweigen.
„Der Mann war bereits dort, bevor das Ritual beendet wurde.“
„Ja.“
„Dann könnte er gewusst haben, was Rowanna vorhatte.“
„Oder er war ein Teil des Rituals“, überlegte Albrecht. „Vielleicht ein Wächter. Vielleicht jemand, der die Verbindung kontrollieren sollte. Wir wissen es nicht.“
„Aber Rowanna wollte nicht, dass er die Grenze überwindet“, sagte Eva.
Der Professor nickte.
„Das scheint so.“
Tim blickte auf die Karte.
„Dann könnte die Verbindung zwischen den beiden Orten noch immer bestehen. Nur der Zugang ist versiegelt.“
„Nicht ganz“, sagte Eva.
Sie sah zum vierten Stein.
„Rowanna sagte, sie müsse die Grenze nur so lange halten, bis die Wahrheit verstanden wird. Vielleicht hat sie das Ritual nicht für immer geschlossen. Vielleicht hat sie es so eingerichtet, dass es erst auf jemanden reagiert, der die Bedeutung dahinter begreift.“
Albrecht schwieg.
„Das würde erklären, warum das Amulett uns hierhergeführt hat“, fuhr Eva fort. „Es zeigt uns nicht nur den Weg. Es bringt uns dazu, die Verbindung zu erkennen.“
„Aber noch nicht, sie zu öffnen“, ergänzte Tim.
„Genau.“
Eva ging zum vierten Stein. Sie blieb in einigem Abstand stehen.
„Ich glaube, er bewahrt nicht einfach etwas Gefährliches. Er bewahrt eine Entscheidung, die Rowanna getroffen hat.“
Sie dachte an Artans Worte.
Wenn du den Weg bewahrst, darfst du ihn niemals für dich allein beanspruchen.
Vielleicht hatte Rowanna damals eine Grenze geschaffen, die niemand allein überschreiten durfte.
Vielleicht war das die eigentliche Bedeutung des Rituals der Bewahrung.
Nicht alles, was verborgen war, sollte für immer verborgen bleiben.
Aber nichts sollte geöffnet werden, nur weil jemand die Macht dazu besaß.
6. Der vierte Stein schweigt
Sie beschlossen, das Ritual nicht weiter zu verändern, bevor sie mehr verstanden hatten. Doch bevor sie die Lichtung verließen, wollte Tim noch einmal überprüfen, ob das Amulett mit den Zeichen des vierten Steins übereinstimmte.
Er kniete sich vor den Stein und hielt das Amulett in geringem Abstand darüber.
„Wenn es wirklich der Verbindungspunkt ist, müsste es darauf reagieren“, sagte er.
Zunächst blieb alles still.
Dann glomm tief in der Risslinie ein schwaches Licht auf.
Eva trat näher.
Auf der schwarzen Oberfläche erschienen langsam zwei ineinandergreifende Kreise. Sie berührten sich an einem einzigen Punkt. Genau dort, wo in der Zeichnung die Verbindung zwischen den beiden Ritualplätzen verlief.
„Das ist es“, flüsterte Tim. „Die beiden Orte.“
Professor Albrecht betrachtete das Zeichen.
„Es könnte die Verbindung darstellen. Aber es sagt uns noch nicht, wie sie funktioniert.“
Eva legte ihre Hand auf den Stein.
Er war eiskalt.
„Rowanna?“, flüsterte sie.
Das Licht flackerte.
Sie hörte ein leises Geräusch, das beinahe wie ein Atemzug klang.
Dann eine Stimme.
„Ihr habt erkannt, was die Steine bewahren.“
Eva hielt den Atem an.
„Dann sag uns, was sich auf der anderen Seite befindet.“
Stille.
„Wer ist der Wächter?“, fragte sie. „Und wer war der Mann, den ich gesehen habe?“
Der Riss im Stein leuchtete ein letztes Mal auf.
Die Stimme antwortete:
„Der Weg gehört nicht dem, der ihn findet.“
Dann erlosch das Licht.
Tim nahm das Amulett zurück. Auf seiner Oberfläche war das Zeichen verschwunden.
Der vierte Stein war wieder schwarz.
„Er hat uns geantwortet“, sagte Tim.
„Nein“, erwiderte Eva. „Er hat uns eine Grenze gezeigt.“
Professor Albrecht blickte zum Waldrand.
„Und er hat sie aufrechterhalten.“
Sie versuchten es noch einmal. Albrecht las die beiden Fassungen der Prophezeiung vor. Tim richtete das Amulett nach den Linien der Karte aus. Eva wiederholte die Worte aus ihrer Vision.
Nichts geschah.
Der vierte Stein gab sein Geheimnis nicht preis.
Keine weitere Vision. Kein Licht. Keine Stimme.
Nur die schmale Risslinie, die sich durch die Oberfläche zog.
Als sie schließlich aufgaben, war Eva nicht erleichtert. Sie hatte das Gefühl, dass sie etwas Wichtiges verstanden hatten – aber auch, dass sie nun näher an etwas standen, das sie noch nicht begreifen konnten.
Die Verbindung bestand.
Die Grenze war nicht gebrochen.
Und das Ritual der Bewahrung hatte seinen Zweck offenbar erfüllt.
Doch warum hatte Rowanna den Weg überhaupt offengehalten?
7. Der Fremde am Waldrand
Sie hatten die Lichtung fast erreicht, als Eva stehen blieb.
„Wartet.“
Zwischen den Bäumen bewegte sich etwas.
Ein Mann stand am Rand des Pfades. Dunkler Mantel, aufrechte Haltung, das Gesicht im Schatten. Er wirkte nicht überrascht, sie zu sehen.
Tim machte einen Schritt auf ihn zu.
„Wer sind Sie?“
Der Mann antwortete nicht.
Professor Albrecht blieb dicht bei Eva.
„Wissen Sie etwas über die Steine?“
Der Fremde hob langsam den Kopf.
„Mehr, als ihr wissen solltet.“
„Dann erklären Sie uns, was hier geschehen ist“, verlangte Tim.
Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes.
„Ihr habt die Funktion der Steine erkannt. Das ist nicht dasselbe, wie ihre Bedeutung zu verstehen.“
Eva trat vor.
„Kannten Sie Rowanna?“
Der Mann sah sie lange an.
„Manche Erinnerungen sind älter als die Menschen, die sie tragen.“
„Wer sind Sie?“
Der Fremde wich einen Schritt zurück.
„Das ist nicht die Frage, die ihr stellen solltet.“
„Welche Frage dann?“, rief Eva.
Er blickte zum Amulett in ihrer Hand.
„Warum hat Rowanna die Verbindung bewahrt, wenn sie sie nicht öffnen wollte?“
Eva spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Weil sie auf jemanden gewartet hat?“
Der Mann neigte den Kopf, als hätte sie etwas berührt, das er nicht erwartet hatte.
„Vielleicht.“
„Auf wen?“
Doch der Fremde antwortete nicht.
Stattdessen hob er die Hand und zeigte auf das Amulett.
„Solange ihr glaubt, dass der vierte Stein das Geheimnis enthält, werdet ihr scheitern.“
„Was enthält er dann?“, fragte Tim.
„Die Grenze.“
„Und was liegt dahinter?“
Der Mann sah in Richtung Dornhain.
„Das, was ihr noch nicht zu fragen wagt.“
Dann trat er in den Nebel.
Tim lief ihm nach, doch schon nach wenigen Schritten verlor sich die Gestalt zwischen den Bäumen. Es gab keinen Laut, kein Knacken von Ästen, keinen Hinweis darauf, in welche Richtung er verschwunden war.
Als Tim zurückkehrte, lag etwas auf dem Boden.
Ein alter Ring.
Er war dunkel angelaufen, mit einem Zeichen versehen, das keinem der Symbole auf dem Amulett entsprach. In der Mitte befand sich eine kleine Vertiefung, als hätte dort einst ein Stein gesessen.
Professor Albrecht betrachtete ihn, ohne ihn zu berühren.
„Ich kenne dieses Zeichen nicht.“
„Könnte es dem Fremden gehört haben?“, fragte Tim.
„Möglich. Mehr können wir nicht sagen.“
Eva sah auf den Ring.
„Er wollte, dass wir ihn finden.“
„Vielleicht“, sagte Albrecht. „Oder er hat ihn absichtlich zurückgelassen, damit wir glauben, er wolle uns helfen.“
Eva hob den Blick zum Wald.
Der Mann hatte gewusst, was sie entdeckt hatten. Er hatte die Funktion der Steine gekannt. Aber er hatte weder seinen Namen genannt noch erklärt, woher sein Wissen stammte.
Und er hatte eine Frage hinterlassen, die Eva nicht losließ.
Warum hatte Rowanna die Verbindung bewahrt, wenn sie sie nicht öffnen wollte?
8. Was die Grenze schützt
Auf dem Rückweg sprachen sie kaum. Die Ereignisse des Tages hatten mehr Fragen aufgeworfen, als sie beantworten konnten.
Erst als sie wieder im Wagen saßen, brach Tim das Schweigen.
„Wir wissen jetzt wenigstens, dass die Steine nicht zufällig angeordnet sind. Die großen und kleinen Steine markieren zwei Orte. Der vierte Stein bildet den Verbindungspunkt.“
„Und das Ritual sollte verhindern, dass diese Verbindung unkontrolliert genutzt wird“, sagte Albrecht.
„Aber nicht, dass sie für immer verschwindet“, ergänzte Eva.
Der Professor sah sie im Rückspiegel an.
„Das ist deine Deutung.“
„Ja. Aber sie passt zu allem, was wir gesehen haben.“
Sie holte das Amulett hervor.
Es lag still in ihrer Hand.
„Rowanna wollte die Verbindung bewahren. Vielleicht weil sie glaubte, dass die Wahrheit eines Tages gebraucht werden würde. Aber sie wollte verhindern, dass jemand sie aus Machtgier öffnete.“
Tim dachte nach.
„Dann könnte das Ritual zwei Aufgaben gehabt haben. Es sollte den Weg zwischen den Orten erhalten und zugleich verhindern, dass jemand die Grenze nach Belieben überschreitet.“
„Genau“, sagte Eva.
Professor Albrecht nickte langsam.
„Das würde auch die beiden Fassungen der Prophezeiung erklären. Der vierte Stein trägt die Schuld, weil er mit einer folgenschweren Entscheidung verbunden ist. Und er bewahrt die Entscheidung, weil diese Grenze aus genau dieser Entscheidung entstanden ist.“
Eva blickte aus dem Fenster. Zwischen den Bäumen schimmerte das letzte Tageslicht.
„Aber wir wissen immer noch nicht, welche Schuld gemeint ist.“
„Nein“, sagte Albrecht. „Und wir wissen nicht, ob die Schuld Artan, Rowanna oder jemand anderem gehört.“
„Und der Wächter?“
Der Professor schwieg einen Moment.
„Vielleicht schützt er die Grenze. Vielleicht ist er selbst an sie gebunden. Vielleicht hat er eine ganz andere Aufgabe. Wir sollten ihn nicht mit dem Fremden gleichsetzen, solange wir dafür keinen Beweis haben.“
Eva dachte an die Gestalt im Nebel.
Ihr habt die Funktion der Steine erkannt. Das ist nicht dasselbe, wie ihre Bedeutung zu verstehen.
Sie verstand nun, was der Mann gemeint hatte.
Sie hatten die Ordnung erkannt.
Aber nicht den Grund, aus dem sie geschaffen worden war.
9. Die letzte Botschaft
Als sie am Abend zu Professor Albrechts Arbeitszimmer zurückkehrten, legten sie den Ring neben die beiden Fassungen der Prophezeiung. Der Professor fotografierte das Zeichen und notierte alle Einzelheiten, ohne eine voreilige Zuordnung vorzunehmen.
Eva saß am Fenster und hielt das Amulett in beiden Händen.
„Ich glaube, Rowanna hat mir etwas zeigen wollen“, sagte sie.
Tim setzte sich ihr gegenüber.
„Was?“
„Dass Bewahren nicht bedeutet, etwas für immer einzuschließen. Es bedeutet, Verantwortung dafür zu übernehmen, wann es wieder ans Licht kommen darf.“
Tim schwieg.
„Vielleicht ist das der eigentliche Test“, fuhr Eva fort. „Nicht, ob wir die Verbindung öffnen können. Sondern ob wir bereit sind, sie geschlossen zu lassen, solange wir ihre Folgen nicht verstehen.“
Professor Albrecht legte den Stift beiseite.
„Das könnte der Grund sein, warum die Prophezeiung von einer Entscheidung spricht. Nicht von einem Schlüssel. Nicht von einer Tür. Von einer Entscheidung.“
In diesem Moment bewegte sich das Amulett.
Ein schwacher Lichtschein lief über die Oberfläche. Eva hielt es über die Karte, und das Licht fiel auf die Linie, die Dornhain mit dem Druidenhain verband.
Doch diesmal erschien kein neues Zeichen.
Stattdessen wurde ein kleiner Bereich der Karte sichtbar, den sie zuvor nicht beachtet hatten: eine kaum erkennbare Markierung zwischen den beiden Orten.
Dort stand ein einzelnes Wort.
CAERDAN.
Professor Albrecht beugte sich vor.
„Dieser Name stand bereits am Rand der zweiten Prophezeiung.“
Tim nahm die Karte.
„Dann ist es ein dritter Ort?“
„Oder ein Name“, sagte Albrecht. „Wir wissen es nicht.“
Eva betrachtete das Wort.
Es schien ihr vertraut, obwohl sie es noch nie zuvor gehört hatte. Für einen kurzen Moment glaubte sie, Rowanna hinter sich stehen zu sehen.
Die Druidin sagte nichts.
Sie legte Eva nur eine Hand auf die Schulter.
Dann verschwand das Bild.
Auf der Karte erschien eine letzte Zeile:
„DIE GRENZE HÄLT, SOLANGE DIE WAHRHEIT NICHT ERZWUNGEN WIRD.“
Eva schloss die Augen.
Sie hatte geglaubt, sie würden nach einem Geheimnis suchen, das unter einem Stein verborgen lag.
Nun wusste sie, dass der Stein nur ein Teil davon war.
Die Verbindung zwischen den beiden Orten bestand noch immer. Das Ritual der Bewahrung hatte sie nicht zerstört, sondern eine Grenze geschaffen, die den Weg erhielt und zugleich vor unbedachtem Zugriff schützte.
Doch was befand sich auf der anderen Seite?
Wer war der Wächter?
Und warum hatte ein Fremder, der offenbar mehr wusste als sie, sie davor gewarnt, die Verbindung zu öffnen?
Draußen strich der Wind durch die Bäume.
Weit entfernt, unter der alten Eiche von Dornhain, erklang ein einzelner dumpfer Schlag.
Diesmal antwortete kein zweiter.
Der vierte Stein schwieg.
Aber die Grenze hielt nicht, weil niemand sie öffnen konnte.
Sie hielt, weil noch niemand wusste, was es bedeuten würde, sie zu überschreiten.
Kapitel 10 – Das Vermächtnis der letzten Druidin
Der Regen hatte längst aufgehört, doch die Fenster von Professor Albrechts Arbeitszimmer waren noch immer von feinen Tropfen bedeckt. Draußen lag die Stadt im fahlen Licht eines frühen Abends. Drinnen herrschte eine Stille, die Eva zunehmend unruhig machte.
Auf dem großen Schreibtisch lagen die beiden Fassungen der Cathbad-Prophezeiung, die Karte mit den beiden Ritualplätzen und der dunkle Ring, den sie im Druidenhain gefunden hatten. Daneben befand sich das alte Lederbuch, dessen Geheimnisse sich ihnen bisher nur in Bruchstücken offenbart hatten.
Professor Albrecht hatte den Namen Caerdan mehrfach auf ein Blatt geschrieben.
„Ich komme nicht weiter“, sagte er schließlich. „Der Name taucht in einer beschädigten Abschrift auf, aber nicht in einer Weise, die eine eindeutige Zuordnung erlaubt.“
Tim saß vor seinem Laptop und verglich die Buchstaben mit digitalisierten Aufzeichnungen alter Inschriften.
„Es könnte ein Eigenname sein. Vielleicht auch ein Titel. In den überlieferten keltischen Sprachen gibt es ähnliche Lautfolgen, aber ich finde keine belastbare Grundlage, um daraus genau diese Bedeutung abzuleiten.“
„Und wenn Caerdan gar kein Mensch war?“, fragte Eva.
Beide Männer sahen sie an.
Sie legte die Hände auf den Tisch.
„Der Fremde im Wald wusste, was wir herausgefunden hatten. Er kannte die Funktion der Steine. Aber er hat uns nicht gesagt, wer er ist. Vielleicht suchen wir nach einem Namen, der gar nicht zu einem Menschen gehört.“
Albrecht lehnte sich zurück.
„Das ist möglich. Aber wir sollten uns nicht von einer Vermutung zur nächsten treiben lassen.“
„Dann müssen wir das Buch noch einmal untersuchen“, sagte Tim.
Eva zog es zu sich heran.
Seit ihrer letzten Vision hatte sie das Gefühl, dass sich darin etwas befand, das sie bisher übersehen hatten. Nicht, weil es verborgen war, sondern weil sie immer nach einem Hinweis auf einen Ort gesucht hatten.
Vielleicht war es nie eine Wegbeschreibung gewesen.
Vielleicht war es eine Erinnerung.
Die Seite, die nicht existieren durfte
Tim nahm eine kleine Lampe und richtete ihren Lichtkegel über den hinteren Einband des Buches.
„Hier“, sagte er plötzlich.
Unter dem abgewetzten Leder zeichnete sich eine feine, unregelmäßige Linie ab. Sie verlief parallel zum Buchrücken und verschwand unter einer Naht.
Professor Albrecht beugte sich näher.
„Das ist keine gewöhnliche Reparatur.“
Vorsichtig untersuchte er die Stelle mit einer Lupe. Schließlich löste sich ein schmaler Streifen des alten Materials. Dahinter kam eine hauchdünne Pergamentlage zum Vorschein.
Eva hielt den Atem an.
„Da ist etwas.“
Sie half, die versteckte Lage freizulegen. Darunter erschien eine einzelne Seite, dunkel verfärbt und an den Rändern brüchig. Die Schrift war verblasst, doch einzelne Zeilen waren noch lesbar.
Tim legte das Pergament unter eine Schutzfolie, bevor er es genauer betrachtete.
„Das ist eine andere Handschrift als die Notiz aus Kapitel zwei“, sagte er. „Aber das Zeichen oben rechts ist dasselbe wie auf dem Amulett.“
Professor Albrecht las die ersten Worte laut vor:
„Die letzte Aufzeichnung der Bewahrerin …“
Er hielt inne.
„Das könnte eine spätere Überschrift sein. Wir wissen nicht, ob Rowanna selbst diesen Text geschrieben hat.“
Eva betrachtete die Zeilen. Sie konnte die Schrift nicht lesen, doch sie spürte, wie sich etwas in ihr regte. Das Amulett lag in ihrer Handfläche. Langsam wurde es warm.
Tim entzifferte die nächsten Zeilen, Wort für Wort.
Ich konnte ihn nicht vor der Klinge retten.
Doch sein letzter Atemzug war nicht das Ende.
Er vertraute mir nicht sein Leben an.
Er vertraute mir seine Entscheidung an.
Wenn die Grenze fällt, wird die Wahrheit zurückkehren.
Wenn die Grenze hält, bleibt die Schuld bei den Lebenden.
Niemand sagte etwas.
Eva las die Zeilen noch einmal.
„Sein letzter Atemzug war nicht das Ende“, flüsterte sie.
„Das könnte sich auf das Vermächtnis beziehen“, sagte Albrecht. „Auf sein Wissen, seine Entscheidung oder etwas, das er hinterlassen hat.“
„Aber Rowanna unterscheidet ausdrücklich zwischen seinem Leben und seiner Entscheidung“, wandte Tim ein. „Das klingt, als hätte sie etwas bewahrt, das nicht mit seinem Körper gestorben ist.“
Eva hob den Kopf.
„Seine Erinnerung.“
Das Wort stand plötzlich zwischen ihnen, als wäre es schon die ganze Zeit dort gewesen.
Professor Albrecht schüttelte langsam den Kopf.
„Eine Erinnerung kann in einem Gegenstand, einer Erzählung oder einem Ritual bewahrt werden. Aber wir dürfen daraus nicht schließen, dass Artan selbst weiterlebt.“
„Das habe ich auch nicht gesagt“, erwiderte Eva. „Vielleicht lebt er nicht weiter. Vielleicht wurde nur etwas bewahrt, das sich an ihn erinnert.“
Das Amulett wurde heißer.
Und tief im Inneren des alten Buches ertönte ein leises Knacken.
Die letzte Nacht von Artan
Eva wollte das Amulett auf den Tisch legen, doch in dem Moment veränderte sich das Licht im Raum.
Nicht die Lampen flackerten.
Vielmehr schien die Dunkelheit selbst dichter zu werden.
Die Geräusche der Stadt verstummten. Der Regen, der irgendwo von einer Dachrinne tropfte, war plötzlich nicht mehr zu hören. Tim sagte etwas, doch seine Stimme erreichte Eva nur noch wie aus weiter Ferne.
Dann stand sie wieder im alten Wald.
Der Himmel war rotgolden vom letzten Licht des Tages. Rauch hing zwischen den Bäumen. In der Ferne hörte sie das Rufen verwundeter Männer und das Klirren von Waffen.
Artan lag unter einer Eiche.
Sein Gewand war zerrissen. Blut färbte den Stoff an seiner Seite dunkel. Neben ihm kniete Rowanna, beide Hände um seine gelegt.
„Du musst bei mir bleiben“, flüsterte sie.
Artan öffnete mühsam die Augen.
„Rowanna …“
„Sprich nicht.“
„Du musst mir zuhören.“
Sie schüttelte den Kopf. Tränen liefen über ihr Gesicht.
„Ich werde dich nicht verlieren.“
Artan versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm kaum.
„Du kannst nicht entscheiden, ob ich sterbe.“
„Dann werde ich wenigstens verhindern, dass du vergessen wirst.“
Bei diesen Worten veränderte sich sein Blick.
„Nein“, sagte er leise. „Das ist nicht genug.“
Rowanna sah ihn entsetzt an.
„Was soll ich denn noch tun?“
Artan hob zitternd die Hand und berührte das Amulett an ihrem Hals.
„Du musst bewahren, was ich erkannt habe.“
„Was hast du erkannt?“
Er schloss für einen Moment die Augen. Als er wieder sprach, lag in seiner Stimme eine Angst, die Eva noch nie bei ihm gesehen hatte.
„Movran glaubte, er könnte die Grenze beherrschen. Er glaubte, er könne sich nehmen, was jenseits davon liegt.“
„Was liegt dort?“
Artan antwortete nicht sofort.
„Etwas, das sich erinnert.“
Ein kalter Wind strich durch die Äste.
„Es erinnert sich an jeden, der die Grenze überschritten hat. An jeden Gedanken, jedes Versprechen, jede Entscheidung. Es bewahrt, was wir längst vergessen haben.“
Rowanna schüttelte den Kopf.
„Das ist unmöglich.“
„Ich habe es gesehen.“
Artan packte ihre Hand.
„Es hat mir gezeigt, was geschehen wird, wenn die Verbindung geöffnet bleibt. Movran wollte es benutzen, um seine Macht zu sichern. Doch er hat nicht verstanden, dass man eine Erinnerung nicht beherrschen kann, ohne sich selbst darin zu verlieren.“
Eva spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Das war es.
Nicht ein Geist. Nicht ein Toter, der aus dem Jenseits zurückkehren wollte.
Etwas anderes.
Etwas, das Erinnerungen bewahrte.
Etwas, das aus den Spuren der Vergangenheit bestehen konnte, ohne selbst der Mensch zu sein, an den es sich erinnerte.
„Was soll ich tun?“, fragte Rowanna.
Artan zog das Amulett von ihrem Hals und legte es in ihre Hand.
„Bewahre die Grenze. Nicht, um mich einzuschließen. Sondern damit niemand das, was dort bewahrt wird, zu seinem eigenen Willen machen kann.“
Rowanna presste das Amulett an ihre Brust.
„Und wenn eines Tages jemand kommt, der die Wahrheit wissen muss?“
Artan sah sie lange an.
„Dann muss er zuerst verstehen, dass Erinnern nicht dasselbe ist wie Zurückholen.“
Sein Atem wurde flacher.
„Versprich es mir.“
Rowanna beugte sich über ihn.
„Ich verspreche es.“
Artan schloss die Augen.
Seine Hand glitt aus ihrer.
Rowanna schrie seinen Namen.
Doch als sie ihn an sich zog, geschah etwas, das sie nicht verstand.
Aus dem Amulett löste sich kein Geist. Keine Gestalt erhob sich aus Artans Körper. Es gab kein Flüstern und keine unsichtbare Hand, die nach ihr griff.
Stattdessen erschien über dem Amulett ein feines Netz aus silbernen Linien.
Es sah aus wie eine Landkarte, deren Wege sich ständig veränderten. In den Linien flackerten Bilder auf: Artan als Kind, Artan im Kampf, Artan unter der Eiche. Augenblicke seines Lebens, die niemand außer ihm hätte kennen können.
Dann wurden die Bilder still.
Die Linien zogen sich zusammen und verschwanden im Amulett.
Rowanna starrte darauf.
„Was hast du bewahrt?“, flüsterte sie.
Eine Stimme antwortete aus der Tiefe der Erde.
„Nicht den Mann. Nicht sein Leben. Seine Erinnerung.“
Rowanna wich zurück.
Der vierte Stein begann zu beben.
Und irgendwo jenseits der Lichtung antwortete etwas mit einem tiefen, dumpfen Schlag.
Die Vision zerbrach.
Was von Artan geblieben ist
Eva fuhr hoch.
Tim hielt sie an den Schultern, während Professor Albrecht das Amulett vom Tisch genommen hatte. Es lag in seiner Hand, doch das silberne Licht war bereits verschwunden.
„Was ist passiert?“, fragte Tim. „Du warst wieder weg.“
Eva atmete schwer.
„Ich habe Artans letzte Nacht gesehen.“
Sie erzählte von Rowanna, von Artans Warnung und von dem, was im Amulett geschehen war. Als sie beschrieb, wie die Erinnerungsbilder in den silbernen Linien verschwunden waren, wurde Professor Albrecht auffallend still.
„Eine gespeicherte Erinnerung“, sagte er schließlich.
„Mehr als das“, erwiderte Eva. „Artan hat nicht einfach etwas aufgeschrieben oder erzählt. Es war, als hätte das Ritual die Erinnerung selbst bewahrt.“
Tim sah auf die alte Buchseite.
„Dann könnte das Amulett ein Träger dieser Erinnerung sein.“
„Und die Verbindung zwischen den beiden Orten könnte erklären, wie diese Erinnerung überhaupt zugänglich wird“, ergänzte Albrecht.
Er stand auf und ging zur Tafel.
„Wir müssen vorsichtig sein. Wir können das nicht mit bekannten historischen oder naturwissenschaftlichen Vorgängen gleichsetzen. Aber innerhalb dessen, was wir bisher erlebt haben, ergibt sich ein mögliches Bild.“
Er zeichnete zwei Kreise.
„Der Druidenhain war möglicherweise der Ort, an dem die Bewahrung vollzogen wurde. Dornhain markierte den anderen Punkt der Verbindung. Der vierte Stein hielt die Grenze aufrecht.“
Tim ergänzte eine Linie zwischen den Kreisen.
„Und das Amulett ist der Träger der Erinnerung.“
Eva betrachtete die Zeichnung.
„Aber nicht die ganze Erinnerung“, sagte sie.
Die beiden Männer sahen sie an.
„Artan hat gesagt, er habe Rowanna seine Entscheidung anvertraut. Nicht sein Leben. Vielleicht wurde nur ein Teil seiner Erinnerung bewahrt – der Teil, der mit dieser Entscheidung zusammenhängt.“
Albrecht nickte langsam.
„Das würde erklären, warum wir bisher nur einzelne Bilder sehen. Vielleicht ist die Erinnerung unvollständig. Oder sie zeigt nur das, was für das Ritual von Bedeutung ist.“
„Dann kann das, was aus dem Amulett zu uns spricht, Artan ähneln, ohne Artan selbst zu sein“, sagte Tim.
Eva spürte einen kalten Schauer.
„Es könnte seine Stimme, seine Bilder und seine Gedanken bewahren. Aber das bedeutet nicht, dass es weiß, was Artan heute sagen würde.“
„Ganz genau“, sagte Albrecht. „Eine Erinnerung ist kein Mensch. Selbst wenn sie vollkommen erscheint, bleibt sie eine Bewahrung dessen, was war.“
Eva dachte an den letzten Satz der Vision.
Erinnere dich.
Vielleicht hatte sie bisher geglaubt, Rowanna wolle Artan zurückbringen.
Doch sie hatte etwas anderes getan.
Sie hatte dafür gesorgt, dass seine Entscheidung nicht ausgelöscht werden konnte.
Und nun begann dieses Vermächtnis, sich ihnen zu zeigen.
Der Wächter ist nicht der Fremde
Tim nahm den Ring vom Tisch und legte ihn neben das Amulett.
„Was ist mit dem Mann im Wald? Er wusste von der Verbindung. Er wusste, dass der vierte Stein die Grenze bildet.“
Professor Albrecht betrachtete das Zeichen im Inneren des Rings.
„Vielleicht gehört er zu einer Tradition, die den Ort seit Jahrhunderten kennt. Vielleicht ist er ein Nachfahre derjenigen, die das Ritual bewahren sollten.“
„Oder er ist der Wächter“, sagte Tim.
Eva schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht, dass wir das wissen.“
„Warum?“
Sie erinnerte sich an ihre Vision. An die Gestalt auf der anderen Seite der Verbindung, an den Mann im dunklen Mantel und an seine Worte.
„Weil der Mann in meiner Vision die Grenze bedroht hat. Der Fremde im Wald hat uns davor gewarnt, sie zu öffnen. Das könnte bedeuten, dass er uns helfen will. Oder dass er nur verhindern möchte, dass wir etwas erfahren.“
Albrecht nickte.
„Wir dürfen den Fremden nicht mit dem Wächter gleichsetzen. Der Wächter könnte eine Aufgabe sein, kein Name. Vielleicht wird jemand zum Wächter, weil er eine Entscheidung trifft. Vielleicht ist der Wächter an den Ort gebunden. Oder wir verstehen die Überlieferung noch immer falsch.“
Tim drehte den Ring zwischen den Fingern.
„Dann wissen wir nur, dass jemand unser Wissen über die Grenze teilt.“
„Und dass dieser Jemand nicht will, dass wir sie einfach öffnen“, sagte Eva.
Sie nahm den Ring und hielt ihn neben das Amulett.
Für einen Augenblick schien das Zeichen auf dem Ring mit dem Muster auf dem Amulett übereinzustimmen.
Dann verschwand die Ähnlichkeit.
Es war, als hätten beide Gegenstände nur für einen kurzen Moment aufeinander reagiert.
„Habt ihr das gesehen?“, fragte sie.
Tim nickte.
Professor Albrecht nahm den Ring vorsichtig wieder an sich.
„Wir werden ihn genauer untersuchen. Aber vorerst wissen wir nicht, wem er gehört und was sein Zeichen bedeutet.“
Eva sah zum Fenster.
Draußen war die Dunkelheit hereingebrochen.
„Vielleicht will jemand, dass wir glauben, wir seien kurz vor der Lösung.“
„Das könnten wir sein“, sagte Albrecht. „Oder wir stehen erst am Anfang der eigentlichen Frage.“
Die Erinnerung, die nicht schläft
Sie beschlossen, die verborgene Buchseite neben das Amulett zu legen und zu prüfen, ob weitere Zeichen sichtbar würden.
Zunächst geschah nichts.
Tim verglich die Schrift mit den beiden Fassungen der Prophezeiung. Professor Albrecht machte sich Notizen über die Vision und die mögliche Funktion des Rituals.
Eva saß schweigend daneben.
Dann spürte sie es.
Eine Wärme in ihrer Hand.
Sie blickte hinunter.
Das Amulett begann erneut zu leuchten.
Diesmal erschien kein Bild. Keine Lichtung, keine Gestalt, kein Blick in die Vergangenheit.
Stattdessen hörte sie ein leises Geräusch.
Ein Atemzug.
Dann eine Stimme.
„Du hast dich erinnert.“
Eva erstarrte.
„Wer bist du?“, flüsterte sie.
Tim hob den Kopf. „Was hast du gesagt?“
Eva hörte ihn kaum.
Die Stimme kam nicht aus dem Raum. Sie schien aus dem Amulett selbst zu stammen, doch sie war nicht die Stimme eines Mannes, der direkt zu ihr sprach.
Sie klang, als würden viele Erinnerungen gleichzeitig versuchen, eine einzige Sprache zu finden.
„Ich bewahre, was anvertraut wurde.“
Eva schluckte.
„Bist du Artan?“
Eine lange Stille folgte.
Dann antwortete die Stimme:
„Ich trage, woran Artan sich erinnerte.“
Das Licht im Amulett flackerte.
„Ich bewahre, was er sah. Was er fürchtete. Was er entschied.“
Eva spürte, wie ihre Hände zitterten.
„Dann bist du nicht Artan.“
„Ich bin nicht der, der starb.“
Ein Bild erschien auf der Oberfläche des Amuletts: ein junger Mann unter einer Eiche, sein Gesicht von Schmerzen gezeichnet. Es war Artan. Doch das Bild war starr, wie ein Abbild aus einer längst vergangenen Zeit.
Dann veränderte es sich.
Artan stand auf der Lichtung und blickte zu Rowanna. Seine Lippen bewegten sich, doch diesmal war kein Ton zu hören.
Das Bild zerfiel in silberne Linien.
„Ich bin, was von seiner Erinnerung bewahrt wurde.“
Eva spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Kannst du dich an alles erinnern, was er erlebt hat?“
Das Amulett wurde dunkler.
„Nicht alles, was geschieht, wird bewahrt.“
„Was fehlt?“
Eine Pause.
Dann:
„Die letzte Entscheidung ist unvollständig.“
Professor Albrecht war inzwischen aufgestanden. Er hatte die Stimme nicht gehört, aber er sah das Licht und die Veränderungen auf der Oberfläche des Amuletts.
„Eva, was sagt es?“
Sie wandte sich nicht von dem Gegenstand ab.
„Es sagt, dass Artans Erinnerung unvollständig ist. Es trägt das, was bewahrt wurde. Aber es kennt nicht alles.“
Tim trat näher.
„Kannst du uns sagen, was sich auf der anderen Seite der Grenze befindet?“
Das Licht erlosch.
Für einige Sekunden blieb alles still.
Dann erschien ein einziges Zeichen auf dem Amulett: zwei Kreise, die sich an einem Punkt berührten.
„Die Grenze bewahrt nicht nur einen Ort.“
Eva beugte sich vor.
„Was bewahrt sie noch?“
Die Antwort kam so leise, dass sie kaum mehr als ein Flüstern war.
„Die Entscheidung, die noch nicht vollendet wurde.“
Dann verstummte die Stimme.
Das Amulett war wieder kalt.
Das beinahe gelöste Rätsel
Professor Albrecht setzte sich langsam.
„Wenn das stimmt, dann hat Rowanna nicht einfach Artans Erinnerung in einem Gegenstand eingeschlossen. Sie hat einen Teil davon an das Ritual gebunden.“
Tim blickte auf die Karte.
„Und die Verbindung zwischen den beiden Orten sorgt dafür, dass diese Erinnerung zugänglich wird.“
„Möglicherweise“, sagte Albrecht. „Aber wir wissen noch nicht, was genau die Erinnerung mit dem vierten Stein verbindet.“
Eva betrachtete die alte Buchseite.
Jetzt ergaben die Worte einen anderen Sinn.
Er vertraute mir nicht sein Leben an.
Er vertraute mir seine Entscheidung an.
Artan hatte gewusst, dass er sterben würde. Er hatte gewusst, dass Movran etwas geweckt oder berührt hatte, das niemand beherrschen konnte. Und er hatte Rowanna nicht gebeten, ihn zurückzuholen.
Er hatte sie gebeten, seine Entscheidung zu bewahren.
„Vielleicht war die Entscheidung selbst der Schutz“, sagte Eva.
Tim sah sie an.
„Wie meinst du das?“
„Rowanna hätte versuchen können, Artan zurückzuholen. Aber dann wäre die Grenze gefallen. Stattdessen hat sie sich entschieden, ihn gehen zu lassen und das zu bewahren, was er erkannt hatte.“
Professor Albrecht nickte nachdenklich.
„Dann könnte die Schuld, von der die Prophezeiung spricht, nicht allein Movrans Verrat sein. Vielleicht liegt sie auch in der Entscheidung, die Rowanna treffen musste.“
„Sie musste zwischen Artan und der Grenze wählen“, sagte Tim.
Eva schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. Sie musste zwischen dem Wunsch, Artan zurückzubekommen, und der Verantwortung für das entscheiden, was er ihr anvertraut hatte.“
Sie sah auf das Amulett.
„Und sie hat sich für die Verantwortung entschieden.“
Für einen Moment schien der Raum stiller zu werden.
Die wichtigsten Teile des Rätsels lagen nun vor ihnen:
Die Steine markierten zwei miteinander verbundene Orte.
Das Ritual der Bewahrung hatte eine Grenze geschaffen, die den Zugang zwischen ihnen kontrollierte.
Das Amulett trug einen Teil von Artans Erinnerung, aber nicht seine Seele und nicht sein Leben.
Und Rowanna hatte diese Erinnerung bewahrt, weil sie eine Entscheidung enthielt, deren Folgen noch immer nicht verstanden waren.
Doch eine Frage blieb offen.
Warum hatte Artan die Verbindung nicht endgültig zerstören lassen?
Wenn die Grenze so gefährlich war, warum hatte Rowanna sie nicht vollständig geschlossen?
Vielleicht, weil Artan wusste, dass irgendwann jemand die Wahrheit erfahren musste.
Oder weil die Grenze nicht nur etwas zurückhielt.
Vielleicht hielt sie auch etwas auf der anderen Seite fest, das nicht verloren gehen durfte.
Die letzte Zeile
Tim nahm die verborgene Buchseite erneut unter die Lampe.
„Hier ist noch etwas.“
Am unteren Rand verlief eine feine Linie, die zuvor kaum sichtbar gewesen war. Sie führte zu einem kleinen Symbol: einem offenen Kreis mit einem Punkt außerhalb der Linie.
Professor Albrecht beugte sich darüber.
„Das Zeichen kennen wir.“
„Es ist das Symbol der Grenze“, sagte Eva.
Tim drehte die Seite vorsichtig. Auf der Rückseite erschien eine weitere Zeile, so blass, dass sie zunächst wie ein Schatten wirkte.
Er las langsam:
Wenn Artans Name erneut gesprochen wird,
wird die Grenze erkennen,
wer zurückkehren darf.
Eva spürte einen kalten Schauer.
„Zurückkehren“, flüsterte sie.
„Das muss sich nicht auf Artan beziehen“, sagte Albrecht sofort. „Es könnte eine Person, eine Erinnerung oder etwas ganz anderes meinen.“
„Aber das Amulett hat gesagt, es sei nicht der, der starb“, erwiderte Tim. „Es trägt seine Erinnerung. Wenn die Grenze erkennt, wer zurückkehren darf, könnte es um etwas gehen, das die Grenze bereits einmal passiert hat.“
Eva dachte an den Mann in der Vision.
An die Stimme aus dem vierten Stein.
An den Fremden im Wald.
„Oder um jemanden, der nie hätte zurückkehren dürfen.“
Das Amulett begann ein letztes Mal zu leuchten.
Tiefblaues Licht breitete sich über der Karte aus. Die beiden Kreise schienen sich zu bewegen, bis ihre Ränder beinahe ineinandergriffen. Eine schmale Linie führte vom Druidenhain über Dornhain hinaus zu einem dritten Punkt.
Dort stand ein Name.
CAERDAN.
Dann hörte Eva wieder die Stimme.
Nicht die Stimme Artans, sondern etwas, das seine Erinnerung trug.
„Die Grenze wurde nicht geschaffen, um die Wahrheit für immer zu verbergen.“
Eine Pause.
„Sie wurde geschaffen, damit die Wahrheit nicht zurückkehrt, bevor jemand bereit ist, sie zu tragen.“
Das Licht erlosch.
Auf dem Pergament erschien eine letzte Zeile:
„DER WÄCHTER IST NICHT DER, DER DEN WEG VERSCHLIESST. SONDERN DER, DER ENTSCHEIDET, WER ZURÜCKKEHREN DARF.“
Eva starrte auf die Worte.
Sie hatte geglaubt, das Rätsel beinahe gelöst zu haben.
Nun verstand sie, warum es sich ihr immer wieder entzog.
Sie wusste, was die Steine bewahrten. Sie wusste, warum Rowanna das Ritual vollzogen hatte. Und sie wusste, dass Artan nicht als Geist zurückkehrte, sondern dass etwas seine Erinnerungen trug.
Doch sie wusste nicht, was diese Erinnerung unvollständig ließ.
Sie wusste nicht, wer oder was Caerdan war.
Und sie wusste nicht, wer die Grenze einst überschritten hatte – oder wer eines Tages zurückkehren sollte.
Draußen, weit entfernt unter der alten Eiche von Dornhain, erklang ein einzelner dumpfer Schlag.
Dann ein zweiter.
Beim dritten Schlag begann der vierte Stein zu leuchten.
Und tief in seinem Inneren erschien ein Zeichen, das weder Eva noch Tim noch Professor Albrecht jemals zuvor gesehen hatten.
Ein Zeichen, das aussah wie eine offene Tür.
Und auf der anderen Seite dieser Tür wartete keine Gestalt.
Dort wartete eine Erinnerung, die noch nicht vollständig war.
Fortsetzung folgt
