Die Like-Falle: Warum uns die digitale Scheinwelt einsam macht

Wer kennt es nicht? Ein kurzer Blick aufs Display, und schon gerät man in den Sog perfekt inszenierter Momente und vermeintlicher Erfolge. Doch hinter der glänzenden Fassade der digitalen Netze brodelt es gewaltig. Als Social-Media-Blogger beobachte ich täglich die Dynamiken unseres Online-Verhaltens – und die Schattenseiten, die wir dringend hinterfragen müssen.

Hier sind die zentralen Probleme des digitalen Miteinanders und konkrete Wege, wie wir den Ausweg finden.

Die Dynamiken der digitalen Entfremdung

  • Die Endlosschleife der Selbstdarstellung: Die digitale Welt ist zu einer permanenten Bühne mutiert. Zuviel Selbstdarstellung bestimmt den Content. Statt authentischer Einblicke dominiert der krampfhafte Versuch, das eigene Leben als fehlerfreies Meisterwerk zu präsentieren. Dieser konstante Druck, sich perfekt zu inszenieren, belastet Sender und Empfänger gleichermaßen.
  • Die Sucht nach digitalem Applaus: Eng damit verknüpft ist das zwanghafte Sammeln von Likes. Wir machen unseren Selbstwert von der Zahl auf dem Bildschirm abhängig. Jede Interaktion schüttet kurzfristig Dopamin aus, hinterlässt uns im nächsten Moment aber nur noch hungriger nach Bestätigung – eine emotionale Achterbahnfahrt, die niemals satt macht.
  • Wenn der Ton die Musik verliert: Die Distanz durch den Bildschirm führt in Foren und Kommentarspalten oft zu einem absolut nicht angemessenen Ton. Wo im echten Leben Respekt und Empathie gelten, dominieren online viel zu oft Aggression, ungefilterte Kritik und Missgunst.
  • Die Illusion der digitalen Nähe: Wir sind global vernetzt, aber einsam. Fakt ist: Es entstehen online keine richtigen Freundschaften wie im realen Leben. Ein virtuelles „Gefällt mir“ ersetzt keine Umarmung, ein Emoji keinen tiefgründigen Blickwechsel und eine Textnachricht kein echtes Gespräch am Küchentisch. Wahre Verbundenheit braucht physische Präsenz und geteilte Erlebnisse.

Drei Tipps für den Weg zurück ins echte Leben

Wie brechen wir aus diesem Kreislauf aus? Es braucht keine radikale Abkehr, sondern ein bewusstes Gegensteuern im Alltag:

  1. Likes unsichtbar machen: Nutze, wann immer möglich, die Option, die Anzahl von Interaktionen und Bewertungen auszublenden. Wenn der Fokus schwindet, wer wie viel Applaus bekommt, postet und liest es sich wieder deutlich unbeschwerter.
  2. Die 24-Stunden-Regel für Content: Bevor du ein Bild, einen Erfolg oder einen Gedanken teilst, warte einen Tag. Oft verfliegt der Drang nach der schnellen digitalen Validierung, und der Moment gehört wieder ganz dir und deinem realen Umfeld.
  3. Beziehungen offline pflegen: Ersetze die flüchtigen digitalen Interaktionen gezielt durch echte Treffen. Verabrede dich fest zum Kaffee, telefoniere statt Sprachnachrichten zu schicken und schaffe Erlebnisse, die ganz ohne Kamera und Netz auskommen.

Fazit:
Die digitale Kommunikation ist ein Werkzeug. Doch wenn die Jagd nach Likes überhandnimmt, der Ton verroht und die virtuelle Welt die echte ersetzt, sollten wir den Stecker ziehen. Wahres Leben findet immer noch offline statt.

Die letzten Tage in einem Kodak Fotolabor

Blick in den Ansatzraum
Papierentwicklung 6 Bahnen mit je 24 meter/min
Endverarbeitung
Filmscanner im Hintergrund CD-Brennstationen
CD-Brennstationen
Kopierautomant für Digitale Medien
Analog Nachbestellvorbereitung
Analoge Kopierstationen
Filmentwicklung
Sortieranlage für 2.500 Kunden
Wareneingang Splicer

Die Belegschaft verabschiedet sich

Das Amulett des letzten Kelten


Prolog – Vor zweitausend Jahren

Der Wald brannte.

Roter Feuerschein wanderte über die Stämme der alten Eichen und spiegelte sich auf den Schilden der Männer, die zwischen den Bäumen kämpften.

Es war das Jahr, in dem das Schicksal des Stammes entschieden werden sollte.

Auf der Anhöhe stand Fürst Artan.

Sein Schwert war blutig, sein Mantel zerrissen. Hinter ihm sammelten sich die letzten Krieger seines Stammes.

Ihnen gegenüber standen die Männer von Fürst Movran.

Movran hatte Artan einst seinen Bruder genannt.

Nun wollte er dessen Land.

Und etwas, das noch wertvoller war.

Ein Geheimnis.

Seit Generationen bewahrte Artans Familie etwas, von dem nur wenige wussten.

Etwas, das niemals in die Hände eines Feindes gelangen durfte.

Neben Artan stand die Druidin Rowanna.

Ihr langes, graues Haar bewegte sich im Wind. In ihrer Hand hielt sie einen Stab aus Eichenholz.

„Du musst fliehen“, sagte sie leise.

Artan schüttelte den Kopf.

„Ein Fürst flieht nicht, wenn sein Volk hinter ihm steht.“

Rowanna sah ihn lange an.

„Dann wirst du heute sterben.“

Artan blickte in ihre Augen.

„Vielleicht.“

Er griff unter seinen Mantel und holte ein kleines Amulett hervor.

Es bestand aus dunklem Silber.

Auf seiner Oberfläche befanden sich mehrere geheimnisvolle Zeichen.

Rowanna nahm es entgegen.

„Du weißt, was darauf steht?“

Artan nickte.

„Nicht alles.“

Die Druidin betrachtete die Zeichen.

„Dann ist es gut.“

Artan sah sie fragend an.

„Warum?“

Rowanna schloss ihre Finger um das Amulett.

„Weil niemand das Geheimnis finden kann, solange er die Zeichen nicht versteht.“

In diesem Augenblick ertönte ein Horn.

Movrans Männer griffen an.

Artan zog sein Schwert.

Der Kampf begann.


Stunden später war der Wald still.

Artan lag auf einer Lichtung.

Sein Schwert lag wenige Schritte entfernt.

Movran stand über ihm.

„Wo ist es?“, fragte er.

Artan antwortete nicht.

Movran kniete sich hin.

„Das Geheimnis deiner Familie. Wo ist es?“

Artan lächelte schwach.

„Du wirst es niemals finden.“

Movrans Gesicht verhärtete sich.

Dann stieß er sein Schwert in Artans Brust.

Der Fürst starb ohne ein weiteres Wort.

Doch Movran hatte nicht gewonnen.

Denn Rowanna hatte gesehen, was geschehen war.

Sie wartete, bis Movran und seine Männer verschwunden waren.

Dann ging sie zu Artan.

Sie kniete neben seinem Körper nieder.

Eine Träne lief über ihre Wange.

„Du hast dein Wort gehalten.“

Sie nahm das Amulett aus ihrer Tasche.

Dann setzte sie sich unter die älteste Eiche des Waldes.

Mit einem kleinen Messer begann sie, die Zeichen auf dem Amulett zu verändern.

Nicht die Runen selbst.

Sie fügte ihnen etwas hinzu.

Eine verborgene Ordnung.

Eine Folge.

Eine Bedeutung, die nur jemand erkennen konnte, der wusste, wonach er suchen musste.

Schließlich hielt Rowanna das Amulett gegen das Mondlicht.

Nun war ein Satz darin verborgen.

Doch kein Mensch konnte ihn einfach lesen.

Er musste die Zeichen verstehen.

Und genau darin lag Artans letztes Geheimnis.

Rowanna stand auf.

Sie ging zu einem abgelegenen Hügel tief im Wald.

Dort lagen drei gewaltige Steine.

Zwischen ihnen befand sich eine schmale Öffnung.

Rowanna legte das Amulett hinein.

Bevor sie den Eingang mit Steinen verschloss, flüsterte sie:

„Du hast gesagt, die Wahrheit müsse warten.“

Sie blickte zum Mond.

„Dann soll sie warten.“

Ein letzter Stein fiel an seinen Platz.

Das Grab verschwand.

Und mit ihm das Geheimnis von Fürst Artan.


Kapitel 1 – Das Vermächtnis

Eva

Der Regen hatte gerade aufgehört, als Eva die Tür der Buchhandlung abschloss.

Sie zog den Schlüssel aus dem Schloss und blieb einen Moment stehen. Die nasse Straße glänzte im Licht der Laternen. Es war ein kühler Herbstabend, und aus den Schornsteinen der alten Häuser stieg bereits der erste Rauch.

Eva mochte diese Stunden.

Wenn die Stadt langsam stiller wurde und die Bücher hinter ihr in ihren Regalen ruhten.

Seit fast sechs Jahren arbeitete sie in der kleinen Buchhandlung. Sie liebte alte Bücher, ihren Geruch, die vergilbten Seiten und die kleinen Spuren, die frühere Besitzer hinterlassen hatten.

Doch mit Geschichte hatte sie eigentlich wenig zu tun.

Schon gar nicht mit der keltischen Kultur.

Für Eva waren Kelten bisher hauptsächlich eine Mischung aus alten Steinkreisen, geheimnisvollen Druiden und Geschichten, die man auf Mittelaltermärkten erzählte.

Mehr wusste sie nicht darüber.

An diesem Abend sollte sich das ändern.

Als sie noch einmal durch das Schaufenster sah, bemerkte sie ein Paket auf dem Verkaufstresen.

Eva runzelte die Stirn.

Das war merkwürdig.

Sie war allein gewesen, als sie vor zehn Minuten die Kasse geschlossen hatte.

Das Paket war definitiv vorher nicht dort gewesen.

Sie schloss die Tür wieder auf.

Auf dem braunen Packpapier stand nur ein Name.

Eva.

Kein Absender.

Keine Adresse.

Nur ihr Name.

Sie nahm das Paket und stellte es auf den Tresen.

„Sehr lustig“, murmelte sie.

Vielleicht hatte einer ihrer Kollegen es dort hingelegt.

Sie öffnete die Schnur.

Zum Vorschein kam ein altes Buch.

Der Einband war dunkelbraun und an den Ecken stark abgenutzt. Es war schwerer, als es aussah.

Eva drehte es um.

Kein Titel.

Sie schlug die erste Seite auf.

Nichts.

Die zweite.

Wieder nichts.

Dann bemerkte sie auf der dritten Seite eine handgeschriebene Zeile.

Die Tinte war bereits verblasst.

„Was verborgen wurde, wird eines Tages wiedergefunden.“

Eva lächelte unsicher.

„Na toll.“

Sie blätterte weiter.

Viele Seiten waren leer.

Andere enthielten Zeichnungen, die sie nicht verstand.

Kreise.

Linien.

Seltsame Zeichen.

Und dann fiel etwas aus dem Buch.

Ein leises metallisches Klirren.

Eva blickte nach unten.

Ein kleines Amulett lag auf dem Holzboden.

Sie hob es auf.

Es war dunkel angelaufen und hing an einer alten Lederschnur.

Auf der Vorderseite befanden sich mehrere Zeichen.

Eva betrachtete sie.

Sie hatte keine Ahnung, was sie bedeuteten.

Runen vielleicht.

Oder irgendeine alte Schrift.

Sie drehte das Amulett um.

Auf der Rückseite war ein einziges Wort eingeritzt.

Eva konnte es lesen.

ARTAN

„Artan?“

Der Name sagte ihr nichts.

Sie legte das Amulett neben das Buch.

Dann bemerkte sie etwas.

Auf einer der letzten Seiten befand sich eine Zeichnung.

Drei große Steine.

Dahinter ein Hügel.

Und unter der Zeichnung standen vier Worte:

„Wo der Stein schweigt.“

Eva schloss das Buch.

Sie wusste nicht, warum.

Aber plötzlich hatte sie das Gefühl, als würde sie etwas in der Hand halten, das sie besser nicht hätte finden sollen.


Tim

Fast zur gleichen Zeit brannte im Archiv der Universität noch Licht.

Tim saß allein an einem langen Holztisch.

Vor ihm lagen mehrere Bücher, Kopien alter Dokumente und Fotografien archäologischer Fundstücke.

Er arbeitete seit Jahren über die keltische Kultur Mitteleuropas.

Nicht über die romantische Vorstellung von Druiden und geheimnisvollen Zauberwäldern.

Tim interessierte sich für die Menschen selbst.

Ihre Siedlungen.

Ihre religiösen Vorstellungen.

Ihre Bestattungsrituale.

Ihre Schriftzeugnisse.

Und besonders für die Frage, wie viel von ihrer Geschichte tatsächlich verloren gegangen war.

Vor ihm lag ein Dokument, das er erst am Nachmittag aus einem bislang kaum beachteten Universitätsbestand erhalten hatte.

Ein Bericht aus dem späten 19. Jahrhundert.

Tim las die letzten Zeilen erneut.

Dann hielt er inne.

Dort standen zwei Namen.

Artan.

Und:

Rowanna.

Tim lehnte sich zurück.

Diese Namen kannte er nicht.

Zumindest nicht aus den bekannten Quellen.

Er griff nach einem Notizbuch und schrieb sie auf.

ARTAN – Fürst?

ROWANNA – Druidin?

Daneben setzte er ein Fragezeichen.

Er las weiter.

Der alte Bericht erwähnte eine mündliche Überlieferung über einen keltischen Fürsten, der während eines Stammeskonflikts getötet worden sein sollte.

Der Name seines Gegners:

Movran.

Tim wurde aufmerksam.

Er suchte in seinen Datenbanken.

Nichts.

Er nahm ein weiteres Buch aus dem Regal.

Dann noch eines.

Er verglich Namen, Ortsangaben und alte Fundberichte.

Immer wieder tauchte eine ähnliche Geschichte auf.

Ein Fürst.

Ein Verrat.

Eine Druidin.

Ein verborgenes Grab.

Aber keine dieser Quellen verriet, wo das Grab gelegen hatte.

Tim stand auf und ging zu einem alten Kartenschrank.

Nach einigen Minuten fand er eine historische Karte des Gebietes.

Er breitete sie auf dem Tisch aus.

Mit einem Bleistift markierte er die wenigen Stellen, an denen in alten Aufzeichnungen keltische Gräber erwähnt wurden.

Dann entdeckte er einen handschriftlichen Vermerk am Rand der Karte.

Er stammte nicht aus dem 19. Jahrhundert.

Er war deutlich älter.

Tim beugte sich darüber.

Die Schrift war kaum zu entziffern.

Doch ein Wort konnte er erkennen.

Rowanna.

Darunter befand sich ein Zeichen.

Tim kannte es.

Eine alte keltische Darstellung, deren genaue Bedeutung bis heute nicht eindeutig geklärt war.

Er setzte sich wieder.

Langsam begann er, die verstreuten Hinweise zusammenzufügen.

Artan.

Rowanna.

Movran.

Ein verschwundenes Grab.

Und immer wieder ein Hinweis auf einen Schlüssel.

Tim schrieb das Wort auf ein frisches Blatt.

SCHLÜSSEL

Darunter:

Was sollte geöffnet werden?

Er starrte auf seine Notizen.

Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass sich hinter der alten Geschichte mehr verbarg als eine überlieferte Stammesfehde.

Vielleicht hatte jemand absichtlich dafür gesorgt, dass die Geschichte vergessen wurde.


Zwei Wege

Eva saß inzwischen zu Hause an ihrem Küchentisch.

Das alte Buch lag vor ihr.

Das Amulett daneben.

Sie hatte es mehrmals fotografiert und versucht, die Zeichen im Internet zu finden.

Ohne Erfolg.

Schließlich nahm sie ihr Handy.

Sie tippte:

„Artan keltisch“

Die Suchergebnisse waren enttäuschend.

Ein paar moderne Namen.

Einige Fantasyfiguren.

Nichts, was mit ihrem Fund zu tun hatte.

Eva legte das Handy weg.

Sie nahm das Amulett in die Hand.

Das Metall war kalt.

Sie betrachtete die Zeichen.

Noch wusste sie nicht, dass zur gleichen Zeit ein Mann an einer Universität über genau diese Zeichen nachdachte.

Sie wusste nichts von Artan.

Nichts von Rowanna.

Nichts von Movran.

Und schon gar nichts von dem Grab.

Tim wiederum wusste nicht, dass sich das Amulett, nach dem er gerade suchte, bereits in den Händen einer jungen Frau befand.

Zwei Menschen.

Zwei völlig unterschiedliche Leben.

Und zwischen ihnen ein Geheimnis, das fast zweitausend Jahre gewartet hatte.

Eva legte das Amulett zurück auf das Buch.

In diesem Augenblick glaubte sie, aus dem Inneren des alten Einbands ein leises Geräusch zu hören.

Ein Kratzen.

Sie hielt den Atem an.

Dann war es wieder still.

Kapitel 2 – Der alte Zettel

Eva war noch immer nicht aufgestanden.

Das alte Buch lag vor ihr auf dem Küchentisch.

Daneben das Amulett.

ARTAN, stand auf seiner Rückseite.

Und darunter, auf der letzten Seite des Buches:

Wo der Stein schweigt.

Eva hatte den Satz bestimmt zehnmal gelesen.

Er ergab keinen Sinn.

Sie kannte keinen Artan. Sie wusste nicht, was es mit den seltsamen Zeichen auf dem Amulett auf sich hatte, und mit Steinen konnte sie überhaupt nichts anfangen.

Dann war da noch dieses Geräusch.

Ein leises Kratzen aus dem Inneren des Buches.

Eva nahm es wieder in die Hand.

Sie drehte es herum und klopfte vorsichtig gegen den hinteren Einband.

Klopf.

Diesmal war das Geräusch deutlich zu hören.

Eva sah das Buch misstrauisch an.

„Da ist doch irgendetwas drin.“

Sie strich mit dem Finger über die Kante des Einbands. An einer Stelle hatte sich das Leder gelöst. Darunter zeichnete sich ein schmaler Spalt ab.

Vorsichtig schob sie den Fingernagel hinein.

Das Leder gab nach.

Eva zog daran.

Ein kleines Stück Papier kam zum Vorschein.

Sie hielt den Atem an.

Langsam zog sie den Zettel heraus.

Er war dünn, brüchig und an mehreren Stellen eingerissen. Die Schrift darauf war kaum noch lesbar.

Eva legte ihn unter die Lampe.

Zunächst konnte sie nur einzelne Buchstaben erkennen.

Dann ein Wort.

Artan.

Ihr Herz schlug schneller.

Sie sah zum Amulett.

„Du schon wieder.“

Sie legte den Zettel neben das Amulett und begann erneut zu lesen.

„Artan …“

Danach fehlten mehrere Wörter.

Dann:

„… wenn er fällt …“

Eva fröstelte.

Sie las weiter.

„Rowanna …“

Der Name sagte ihr nichts.

Aber er stand eindeutig dort.

Darunter befand sich eine Zeichnung.

Eva beugte sich näher heran.

Ein Kreis.

Vier Linien.

Und in seiner Mitte ein Zeichen.

Eva nahm das Amulett.

Sie hielt es über die Zeichnung.

Ihre Finger wurden plötzlich kalt.

Die Zeichnung auf dem Papier und die Zeichen auf dem Amulett waren identisch.

Nicht ähnlich.

Identisch.

Eva legte das Amulett direkt auf die Zeichnung.

Es passte genau darauf.

Für einen Augenblick sagte sie nichts.

Das bedeutete, dass der Zettel nicht zufällig im Buch gesteckt hatte.

Er gehörte zum Amulett.

Und wahrscheinlich auch zu Artan.

Eva nahm die Lupe.

Unter der Zeichnung konnte sie weitere Wörter erkennen.

„… das Zeichen bewahren …“

Eine Lücke.

Dann:

„… bis der Weg gefunden wird …“

Und darunter, fast vollständig verblasst:

„… wo der Stein schweigt.“

Eva erstarrte.

Sie kannte diese Worte.

Sie standen bereits im Buch.

Genau dieselben Worte.

Sie griff nach dem Buch und schlug die letzte Seite auf.

Dort stand:

WO DER STEIN SCHWEIGT.

Sie sah zwischen Buch, Zettel und Amulett hin und her.

Jetzt war sie sicher.

Das waren keine drei voneinander unabhängigen Dinge.

Das Buch führte zu dem Zettel.

Der Zettel führte zum Amulett.

Und das Amulett führte offenbar zu einem Ort.

Zu einem Ort, an dem ein Stein schwieg.

Eva wusste nicht, was das bedeutete.

Aber plötzlich erschien ihr der Satz nicht mehr poetisch.

Vielleicht war er eine Wegbeschreibung.

Vielleicht war er ein Hinweis auf einen Ort.

Vielleicht sogar auf ein Grab.

Sie nahm den Zettel erneut.

Ganz unten befand sich eine letzte Zeile.

Sie war fast vollständig zerstört.

Eva konnte nur noch einige Worte entziffern:

„Wenn Artan fällt … Rowanna wird …“

Der Rest fehlte.

Doch direkt darunter war ein einziges Wort noch deutlich lesbar.

BEWAHREN.

Eva sah das Amulett an.

Sie verstand noch immer nicht, was die Zeichen bedeuteten.

Aber eines begann sie zu begreifen:

Rowanna hatte etwas bewahrt.

Etwas, das mit Artan zu tun hatte.

Etwas, das mit seinem Tod verbunden war.

Und jemand hatte dafür gesorgt, dass dieses Wissen fast zweitausend Jahre lang verborgen blieb.

Eva nahm das Amulett in die Hand.

„Was hast du mit Artan zu tun?“

Natürlich antwortete es nicht.

Doch als ihre Finger über die eingravierten Zeichen glitten, hatte Eva für einen kurzen Moment das Gefühl, dass sie nicht einfach einen alten Gegenstand gefunden hatte.

Sie hatte etwas gefunden, das darauf gewartet hatte, gefunden zu werden.

Und zum ersten Mal dachte sie daran, dass sie vielleicht jemanden brauchte, der diese Zeichen lesen konnte.

Jemanden, der wusste, was sie bedeuteten.

Jemanden, der sich mit alten Kulturen auskannte.

Sie wusste noch nicht, dass es an der Universität einen Historiker gab, der seit Wochen nach genau diesen beiden Namen suchte.

Artan.

Rowanna.

Kapitel 3 – Die Namen aus der Vergangenheit

Am nächsten Morgen lag das Amulett noch immer auf Evas Küchentisch.

Sie hatte kaum geschlafen.

Immer wieder hatte sie den alten Zettel gelesen. Die wenigen Worte gingen ihr nicht aus dem Kopf.

Artan.

Rowanna.

Wo der Stein schweigt.

Und dann dieser merkwürdige Satz:

Wenn Artan fällt … Rowanna wird … bewahren.

Eva wusste, dass sie allein nicht weiterkommen würde.

Sie brauchte jemanden, der sich mit alten Schriften und Geschichte auskannte.

Nach kurzer Suche fand sie heraus, dass an der Universität ein Institut für Alte Geschichte und Archäologie existierte. Dort beschäftigte sich ein Wissenschaftler mit keltischer Kultur.

Sein Name war Tim Berger.

Eva steckte das Buch, den Zettel und das Amulett vorsichtig in ihre Tasche.

Dann machte sie sich auf den Weg.


Die Universität war größer, als Eva erwartet hatte.

Sie fragte sich bis zum historischen Institut durch und blieb schließlich vor einer Tür stehen.

Dr. Tim Berger
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Alte Geschichte – Keltische Kultur

Eva atmete tief durch und klopfte.

„Herein.“

Sie öffnete die Tür.

Ein Mann Anfang dreißig saß hinter einem Schreibtisch. Vor ihm lagen Bücher, alte Karten und mehrere Ausdrucke.

Tim sah auf.

„Ja?“

„Entschuldigung. Ich hoffe, ich störe nicht.“

„Eigentlich immer“, sagte er mit einem leichten Lächeln. „Aber das gehört zum Beruf.“

Eva musste ebenfalls lächeln.

„Ich suche jemanden, der sich mit keltischer Geschichte auskennt.“

Tim deutete auf den Stuhl.

„Dann sind Sie vermutlich richtig.“

Eva setzte sich.

Sie öffnete ihre Tasche.

„Ich habe etwas gefunden.“

Tim sah zunächst nur auf das alte Buch.

Doch als Eva das Amulett danebenlegte, veränderte sich sein Gesichtsausdruck.

Er beugte sich vor.

„Woher haben Sie das?“

„Aus dem Buch.“

„Was für ein Buch?“

„Das weiß ich nicht.“

Eva erzählte ihm von dem Paket, das plötzlich in der Buchhandlung gelegen hatte. Sie erzählte von dem Buch, den Zeichnungen und dem Satz „Wo der Stein schweigt.“

Tim hörte aufmerksam zu.

Als sie schließlich den alten Zettel hervorholte, nahm er ihn vorsichtig entgegen.

Er las.

Dann noch einmal.

„Artan“, sagte er leise.

Eva sah ihn an.

„Sie kennen den Namen?“

Tim antwortete nicht sofort.

Stattdessen stand er auf und ging zu einem Regal.

Er zog einen Ordner heraus.

Dann noch einen.

„Ich habe diesen Namen gestern Abend gelesen.“

Eva sah ihn überrascht an.

„Artan?“

Tim nickte.

„Und Rowanna.“

Jetzt wurde Eva aufmerksam.

„Sie haben nach ihnen gesucht?“

„Seit gestern.“

Er legte einige Kopien auf den Tisch.

„Ich bin auf einen alten Bericht gestoßen. Darin werden beide Namen erwähnt. Allerdings ist die Geschichte sehr lückenhaft.“

Eva sah auf die Dokumente.

„Was wissen Sie über sie?“

Tim nahm das Amulett noch einmal in die Hand, ohne die Oberfläche zu berühren.

„Nicht genug.“

Dann sagte er:

„Aber ich kenne jemanden, der Ihnen mehr darüber erzählen kann.“


Wenige Minuten später gingen sie gemeinsam durch einen langen Korridor.

Tim blieb vor einer Tür stehen.

Prof. Dr. Friedrich Albrecht
Lehrstuhl für Alte Geschichte und Archäologie

Er klopfte.

„Herein.“

Im Büro saß ein älterer Mann mit grauem Haar hinter einem Schreibtisch. An den Wänden standen Regale voller Bücher. Alte Karten hingen eingerahmt neben Fotografien archäologischer Fundstätten.

Der Professor blickte zunächst zu Tim.

„Was gibt es?“

„Ich glaube, wir haben etwas gefunden.“

Der Professor lächelte.

„Das sagst du jedes Mal.“

„Diesmal meine ich es ernst.“

Tim legte den Zettel auf den Tisch.

Der Professor nahm seine Brille ab.

Er las.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Woher haben Sie das?“

Eva trat näher.

„Ich habe es gefunden.“

Der Professor sah sie lange an.

Dann nahm er das Amulett.

Er drehte es vorsichtig um.

Als er den Namen auf der Rückseite sah, wurde er plötzlich sehr still.

ARTAN

„Das ist unmöglich“, sagte er.

Tim sah ihn an.

„Sie kennen ihn.“

Der Professor legte das Amulett langsam zurück.

„Artan ist eine der rätselhaftesten Gestalten in unseren regionalen Überlieferungen.“

Er ging zu einem Schrank und holte ein altes Buch heraus.

„Es gibt keine zeitgenössische schriftliche Quelle, die seine Geschichte vollständig bestätigt. Das meiste, was wir wissen, stammt aus späteren Aufzeichnungen und mündlichen Überlieferungen.“

Er schlug das Buch auf.

„Artan soll ein keltischer Fürst gewesen sein. Ein Stammesführer. Einer Überlieferung zufolge geriet er in einen Konflikt mit einem anderen Fürsten namens Movran.“

Eva erinnerte sich an den Zettel.

„Und Rowanna?“

Der Professor sah sie an.

„Eine Druidin.“

Tim trat näher.

„Was ist über sie bekannt?“

„Sehr wenig. Aber sie scheint in den Überlieferungen eine ungewöhnlich wichtige Rolle zu spielen.“

Der Professor blätterte einige Seiten weiter.

„Nach der Legende wurde Artan während eines Kampfes getötet. Angeblich nicht im offenen Zweikampf, sondern durch Verrat.“

Eva sah auf das Amulett.

„Von Movran?“

Der Professor nickte langsam.

„So erzählt es die Geschichte.“

Er zeigte auf eine Zeichnung in dem Buch.

Ein Hügel.

Drei Steine.

Und ein Kreis.

Eva bekam eine Gänsehaut.

Es war dieselbe Darstellung, die sie in ihrem Buch gesehen hatte.

„Das ist es“, flüsterte sie.

Tim sah sie an.

„Was?“

Eva holte ihr eigenes Buch aus der Tasche und schlug es auf.

Sie zeigte die Zeichnung.

Der Professor beugte sich darüber.

Sein Gesicht wurde ernst.

„Woher haben Sie dieses Buch?“

„Das weiß ich nicht.“

„Und das Amulett?“

„Es lag darin.“

Der Professor schwieg lange.

Dann sagte er:

„Dann haben Sie etwas gefunden, nach dem andere Menschen seit mehr als hundert Jahren suchen.“

Eva sah ihn fragend an.

„Was?“

Der Professor deutete auf das Amulett.

„Artans Grab.“

Tim atmete tief ein.

„Das Grab wurde nie gefunden.“

„Offiziell nicht.“

Der Professor ging zum Fenster.

„Die Überlieferung erzählt, dass Rowanna nach Artans Tod etwas vor Movran verbarg. Etwas, das Artan zu Lebzeiten bewahrt hatte.“

„Was?“, fragte Eva.

Der Professor schüttelte den Kopf.

„Das ist das eigentliche Rätsel.“

Er drehte sich zu ihr um.

„Man spricht von einem Geheimnis. Manche Quellen nennen es einen Schatz. Andere sprechen von Wissen. Wieder andere behaupten, Artan habe etwas hinterlassen, das niemals in die Hände seines Feindes gelangen durfte.“

Tim nahm den alten Zettel.

„Und das Amulett?“

Der Professor sah auf die Runen.

„Es soll der Schlüssel gewesen sein.“

Eva spürte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief.

„Der Schlüssel zu seinem Grab?“

„Vielleicht.“

Der Professor deutete auf die Inschrift.

„Aber wahrscheinlich nicht im wörtlichen Sinne.“

Er betrachtete die Zeichen genauer.

„Diese Runen sind nicht einfach eine Wegbeschreibung.“

Tim sah ihn überrascht an.

„Was dann?“

Der Professor antwortete leise:

„Eine Botschaft.“

Im Raum wurde es still.

Eva sah auf das Amulett.

Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, dass sie vielleicht nicht zufällig auf dieses Buch gestoßen war.

Der Professor legte den Zettel neben das Amulett.

„Wenn diese Überlieferung stimmt, dann hat Rowanna das Geheimnis nach Artans Tod verschlüsselt.“

Tim nahm seine Notizen.

„Und wir müssen die Runen verstehen, bevor wir herausfinden können, wo das Grab liegt.“

Der Professor nickte.

„Genau.“

Er sah Eva und Tim an.

„Aber eines sollten Sie beide verstehen.“

Sein Blick blieb auf dem Amulett.

„Wenn dieses Stück wirklich zweitausend Jahre alt ist und tatsächlich zu Artan gehört, dann haben wir es nicht mit einer gewöhnlichen archäologischen Spur zu tun.“

Eva fragte:

„Warum?“

Der Professor antwortete erst nach einigen Sekunden.

„Weil die Überlieferung behauptet, dass Rowanna dafür gesorgt hat, dass das Geheimnis nur von denjenigen gefunden werden kann, die die Bedeutung der Zeichen verstehen.“

Tim sah Eva an.

Eva sah Tim an.

Keiner von beiden sagte etwas.

Doch beide wussten in diesem Moment:

Ihre Suche hatte gerade erst begonnen.

Kapitel 4 – Die Spur des Fürsten

Der Regen hatte aufgehört.

Doch die dunklen Wolken hingen noch immer tief über der Stadt, als Eva am nächsten Morgen die Universität betrat.

Sie hatte kaum geschlafen.

Immer wieder war sie in Gedanken zu dem Moment zurückgekehrt, in dem sie das Amulett berührt hatte.

Rowanna.

Dieser Name ließ sie nicht los.

Und noch weniger die Stimme, die ihn ausgesprochen hatte.

Artan … mein Fürst …

Es war kein Traum gewesen.

Davon war Eva inzwischen überzeugt.

Trotzdem wusste sie nicht, was sie davon halten sollte.

Vielleicht gab es eine vollkommen natürliche Erklärung.

Vielleicht war sie einfach übermüdet.

Vielleicht hatte ihr Verstand aus den wenigen Informationen, die sie inzwischen kannte, ein Bild zusammengesetzt.

Aber eines wusste sie sicher:

Das Amulett war nicht einfach nur ein altes Schmuckstück.

Und die Geschichte von Artan und Rowanna war offenbar noch lange nicht erzählt.

Tim wartete bereits vor Professor Albrechts Büro.

„Du siehst aus, als hättest du überhaupt nicht geschlafen.“

Eva lächelte müde.

„Habe ich auch nicht.“

„Wegen Rowanna?“

Eva nickte.

„Und wegen dem Amulett.“

Tim sah sie einen Moment lang schweigend an.

„Ich habe gestern Abend noch einmal alles durchgesehen, was ich über Artan finden konnte.“

„Und?“

„Nicht viel. Zumindest nichts, was uns direkt weiterbringt.“

Er öffnete die Tür zum Büro.

Professor Albrecht saß bereits an seinem Schreibtisch. Vor ihm lagen mehrere Bücher, alte Kopien von Karten und einige handschriftliche Notizen.

Das Amulett lag in der Mitte des Tisches.

Eva blieb stehen.

„Sie haben es aus meiner Tasche genommen?“

Der Professor sah sie ruhig an.

„Nein. Sie haben es gestern hier liegen lassen.“

Eva war sich sicher, dass sie es eingesteckt hatte.

Aber sie sagte nichts.

Professor Albrecht deutete auf einen Stuhl.

„Setzen Sie sich.“

Tim nahm neben Eva Platz.

Der Professor schob ihnen ein vergilbtes Blatt Papier entgegen.

„Ich habe die Nacht damit verbracht, die Hinweise aus Ihrem Buch mit verschiedenen historischen Quellen zu vergleichen.“

Eva sah auf das Blatt.

Darauf waren mehrere Namen vermerkt.

ARTAN

MOVRAN

ROWANNA

Darunter stand ein weiterer Name:

ARDANN

„Was ist Ardann?“, fragte Eva.

„Das wissen wir nicht genau.“

Tim beugte sich über das Blatt.

„Ich habe diesen Namen gestern schon auf einer alten Karte gesehen.“

Professor Albrecht nickte.

„Richtig. Das Problem ist, dass sich die Schreibweise im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Ardann, Ardan, Ardainn. In einigen Abschriften taucht sogar eine Form auf, die kaum noch Ähnlichkeit mit dem ursprünglichen Namen besitzt.“

Eva betrachtete die Karte.

Ein Fluss zog sich durch eine bewaldete Landschaft.

Nördlich davon erhob sich ein Hügel.

Und dort, zwischen Wald und Fluss, stand ein kleines Zeichen.

Drei Steine.

Drei senkrechte Linien, die durch eine waagerechte Linie verbunden waren.

Eva erstarrte.

„Das.“

Tim sah sie an.

„Was?“

Sie holte ihr Buch hervor.

Vorsichtig schlug sie es auf.

Auf der Zeichnung, die sie am Tag zuvor entdeckt hatte, war dasselbe Symbol zu sehen.

Drei Steine.

Genau wie auf der Karte.

„Das ist das Zeichen aus dem Buch.“

Professor Albrecht nahm die Karte und verglich sie mit der Zeichnung.

Sein Gesicht wurde ernst.

„Dann haben wir möglicherweise endlich eine Verbindung.“

„Zu Artan?“, fragte Eva.

„Vielleicht.“

Der Professor breitete eine weitere Karte aus.

„Diese Gegend war vor ungefähr zweitausend Jahren Teil eines größeren Siedlungsraumes. Wir wissen, dass dort mehrere befestigte Anlagen existierten. Von einer davon gibt es nur noch wenige Hinweise.“

„Ardann?“

„Möglicherweise.“

Tim zeigte auf den Hügel.

„Und was ist dort?“

„Heute? Ein Waldgebiet.“

„Und damals?“

Professor Albrecht schwieg einen Augenblick.

„Das ist die interessante Frage.“

Eva spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Sie glauben, dort könnte Artan gewesen sein?“

„Ich glaube, dass wir einen Ort gefunden haben, der in mehreren voneinander unabhängigen Quellen mit seiner Geschichte verbunden werden kann.“

„Das klingt fast wie dasselbe.“

Der Professor lächelte schwach.

„In unserer Arbeit ist ein Unterschied zwischen möglich und bewiesen manchmal lebenswichtig.“

Tim griff nach einer Kopie.

„Hier steht etwas über Artans Tod.“

Professor Albrecht nickte.

„Eine spätere Chronik berichtet, dass Artan während eines Treffens mit Movran getötet wurde.“

„Von Movran?“

„Das wird behauptet.“

„Aber Sie glauben es nicht?“

Der Professor lehnte sich zurück.

„Ich glaube, dass wir sehr vorsichtig sein müssen. Die meisten Quellen über Artan wurden erst Jahrhunderte später niedergeschrieben. Und je älter eine Geschichte wird, desto stärker vermischen sich Wahrheit, Erinnerung und Legende.“

Eva dachte an Rowanna.

„Und sie?“

„Rowanna taucht in mehreren Überlieferungen auf.“

„Als seine Druidin?“

„Ja. Aber nicht nur.“

Professor Albrecht nahm ein weiteres Blatt.

„In manchen Fragmenten wird sie als Beraterin bezeichnet. In anderen als Hüterin seines Wissens. Und in einer besonders interessanten Überlieferung heißt es, Rowanna sei die einzige Person gewesen, der Artan vor seinem Tod vollständig vertraute.“

Eva sagte nichts.

Das Bild vom vergangenen Abend erschien wieder vor ihren Augen.

Eine Frau mit langen dunklen Haaren.

Artan in ihren Armen.

Blut auf seiner Brust.

Verzweiflung in ihrem Gesicht.

Und ihre Stimme:

Artan … mein Fürst …

„Was wissen wir über ihre Beziehung?“, fragte Eva schließlich.

Professor Albrecht sah sie aufmerksam an.

„Historisch? Sehr wenig.“

„Und die Legenden?“

„Sie sprechen von einer außergewöhnlich engen Verbindung.“

Tim hob den Blick.

„Politisch?“

Der Professor zögerte.

„Vielleicht. Aber manche Texte klingen persönlicher.“

Eva sah auf das Amulett.

„Vielleicht hat sie sein Geheimnis bewahrt.“

Professor Albrecht antwortete nicht sofort.

„Das ist möglich.“

„Und wenn sie wusste, wo er begraben wurde?“

„Dann könnte sie diejenige gewesen sein, die den Ort verborgen hat.“

Eva nahm das Amulett vorsichtig zwischen zwei Finger.

„Dann könnte dieses Amulett von ihr stammen.“

Tim sah auf die Zeichen.

„Oder von jemandem, der später versucht hat, ihre Botschaft zu bewahren.“

Eine Weile sagte niemand etwas.

Dann nahm Professor Albrecht eine Lupe und untersuchte die Zeichen.

„Wir müssen versuchen, die Inschrift zu entschlüsseln.“

Sie verbrachten die nächsten Stunden damit.

Ogham-Zeichen.

Frühe keltische Schriftformen.

Abweichungen durch spätere Abschriften.

Professor Albrecht verglich jedes einzelne Zeichen mit historischen Beispielen.

Doch je länger sie suchten, desto weniger schien sich die Inschrift erklären zu lassen.

„Es ergibt keinen Sinn“, sagte Tim schließlich.

Eva sah ihn an.

„Gar keinen?“

„Einzelne Zeichen lassen sich zuordnen. Aber als Satz funktioniert es nicht.“

Professor Albrecht legte die Lupe beiseite.

„Weil es möglicherweise gar kein Satz ist.“

„Was dann?“

„Eine Verschlüsselung.“

Eva blickte auf.

„Rowanna hat die Botschaft verschlüsselt?“

„Vielleicht.“

„Warum?“

Der Professor sah sie ernst an.

„Wenn sie wusste, dass jemand nach Artans Geheimnis suchen würde, wäre eine einfache Inschrift zu gefährlich gewesen.“

Tim fuhr mit dem Finger über die Karte.

„Dann müssen wir nicht die Zeichen lesen.“

„Sondern?“

„Verstehen, worauf sie verweisen.“

Professor Albrecht nickte.

„Genau.“

Sie begannen, die Geschichte rückwärts zu rekonstruieren.

Artan.

Movran.

Rowanna.

Der Streit zwischen den beiden Fürsten.

Die Machtkämpfe innerhalb der Stämme.

Die letzte Reise Artans.

Und schließlich sein Verschwinden.

Immer wieder tauchte dieselbe Gegend auf.

Der Fluss.

Der Hügel.

Der Wald.

Ardann.

Eva betrachtete die Karte.

„Wenn Artan dort getötet wurde, müsste es doch irgendeinen Hinweis auf sein Grab geben.“

„Das wäre zu erwarten“, sagte Professor Albrecht.

„Aber?“

„Es gibt keinen.“

Tim runzelte die Stirn.

„Gar keinen?“

„Keinen eindeutigen.“

Professor Albrecht zog eine weitere Karte hervor.

„Allerdings gibt es etwas Merkwürdiges.“

Er legte sie neben die erste.

Auf beiden Karten war derselbe Hügel eingezeichnet.

Und auf beiden fand sich das Symbol der drei Steine.

„Das kann kein Zufall sein“, sagte Tim.

Eva berührte die Zeichnung.

„Vielleicht sind die drei Steine der Ort.“

„Oder der Weg dorthin“, sagte Professor Albrecht.

Eva dachte an den Satz im Buch.

Wo der Stein schweigt.

Plötzlich schien alles miteinander verbunden.

Das Buch.

Der Zettel.

Das Amulett.

Die drei Steine.

Ardann.

Artan.

Rowanna.

„Wir müssen dorthin“, sagte sie.

Professor Albrecht sah sie lange an.

„Das wollte ich gerade vorschlagen.“

Tim stand auf.

„Wann?“

„Morgen.“

Eva sah ihn überrascht an.

„So schnell?“

„Wenn wir tatsächlich eine Spur gefunden haben, sollten wir sie verfolgen, solange sie noch nachvollziehbar ist.“

Professor Albrecht begann, die Karten zusammenzulegen.

„Aber Sie beide bleiben zusammen. Keine Alleingänge.“

Tim nickte.

Eva steckte das Amulett wieder ein.

Da fiel ihr Blick auf den alten Zettel.

Sie nahm ihn heraus.

„Professor.“

„Ja?“

„Sie sagten gestern, der Zettel sei vollständig untersucht worden.“

„Ja.“

„Dann erklären Sie mir bitte das.“

Sie drehte den Zettel um.

Professor Albrecht nahm ihn.

Er hielt ihn gegen das Licht.

Zuerst war nichts zu erkennen.

Dann bewegte er das Papier langsam.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Das war vorher nicht sichtbar.“

„Was?“, fragte Tim.

Professor Albrecht legte den Zettel unter die Lampe.

Ganz schwach erschienen auf der Rückseite zusätzliche Linien.

Ein Satz.

Verblasst.

Fast unsichtbar.

Der Professor las ihn langsam.

„Wer den Stein findet …“

Er hielt inne.

Eva beugte sich näher.

„… weckt, was darunter schläft.“

Niemand sagte etwas.

Tim sah Professor Albrecht an.

„Was soll das bedeuten?“

Der Professor antwortete nicht.

Eva spürte plötzlich wieder dieses unangenehme Kribbeln in ihren Fingern.

Das Amulett.

Es war warm geworden.

Sie zog es aus ihrer Tasche.

„Es reagiert.“

Tim trat näher.

„Worauf?“

Eva sah auf die Karte.

Das Symbol der drei Steine schien für einen Moment heller zu werden.

Nur für einen Augenblick.

Dann war alles wieder normal.

Professor Albrecht stand auf.

„Wir sollten für heute Schluss machen.“

Eva wollte gerade antworten, als sie eine Stimme hörte.

Ganz leise.

Direkt neben ihrem Ohr.

„Rowanna.“

Eva fuhr herum.

Niemand stand hinter ihr.

„Was ist?“, fragte Tim.

Sie sah ihn an.

„Nichts.“

Doch dann hörte sie die Stimme erneut.

Noch leiser.

Fast wie ein Atemzug.

„Findet ihn.“

Eva griff nach dem Amulett.

„Wen?“, flüsterte sie.

Keine Antwort.

Stattdessen wurde das Metall plötzlich eiskalt.

Professor Albrecht sah sie aufmerksam an.

„Eva?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich glaube … ich habe nur etwas gehört.“

„Was?“

Eva zögerte.

„Ihre Stimme.“

„Wessen?“

Sie sah auf das Amulett.

„Rowannas.“

Stille.

Dann geschah etwas, das keiner von ihnen erwartet hatte.

Das alte Buch, das die ganze Zeit unbeachtet auf dem Tisch gelegen hatte, begann sich zu bewegen.

Ganz langsam.

Die Seiten flatterten.

Obwohl kein Fenster geöffnet war.

Eine Seite schlug um.

Dann noch eine.

Bis das Buch von selbst auf der letzten Seite liegen blieb.

Dort, wo zuvor nur das verblasste Papier gewesen war, erschien eine feine dunkle Linie.

Eva trat näher.

Die Linie bewegte sich.

Langsam.

Als würde eine unsichtbare Hand schreiben.

Ein zweiter Strich entstand.

Dann ein dritter.

Die Linien verbanden sich.

Ein Zeichen entstand.

Drei Steine.

Tim wich einen Schritt zurück.

„Das war eben noch nicht da.“

Professor Albrecht wurde bleich.

„Nein.“

Eva starrte auf das Zeichen.

„Was bedeutet es?“

Der Professor antwortete zunächst nicht.

Dann sagte er leise:

„Das ist nicht das Zeichen der drei Steine.“

Tim sah ihn an.

„Was dann?“

Professor Albrecht hob langsam den Kopf.

„Das Zeichen für ein Grab.“

In diesem Moment wurde das Amulett heiß.

Eva schrie leise auf und ließ es beinahe fallen.

Und wieder hörte sie Rowannas Stimme.

Diesmal so deutlich, als würde die Frau direkt neben ihr stehen.

„Findet ihn …“

Eva presste die Hand auf den Mund.

Dann kam der zweite Satz.

Nur zwei Worte.

Aber sie ließen ihr das Blut in den Adern gefrieren.

„Bevor er erwacht.“

Das Amulett wurde schlagartig kalt.

Im selben Augenblick schlug irgendwo auf dem Flur eine Tür zu.

Hart.

Einmal.

Alle drei fuhren herum.

Dann hörten sie Schritte.

Langsam.

Schwer.

Einen Schritt.

Dann noch einen.

Sie kamen näher.

Professor Albrecht trat von der Tür zurück.

Tim stellte sich neben Eva.

Die Schritte verstummten.

Direkt vor dem Büro.

Stille.

Niemand bewegte sich.

Dann senkte sich langsam der Türgriff.

Eva hielt den Atem an.

Die Tür begann sich zu öffnen.

Und in diesem Augenblick wusste sie:

Sie waren nicht allein.

Kapitel 5 – Der Weg nach Ardann

Der Türgriff bewegte sich langsam nach unten.

Eva hielt den Atem an.

Tim stand dicht neben ihr. Professor Albrecht war einige Schritte zurückgewichen und starrte auf die Tür.

Dann öffnete sie sich.

Langsam.

Ein Spalt.

Noch ein Stück.

Doch niemand stand auf dem Flur.

Nur Dunkelheit.

Und dann kam der Wind.

Ein eisiger Luftzug schoss durch die geöffnete Tür und fegte durch das Büro. Die Papiere auf dem Schreibtisch wirbelten durcheinander. Eine Karte löste sich von der Wand und segelte zu Boden.

Eva wich erschrocken zurück.

„Wo kommt der Wind her?“

Tim sah zu den Fenstern.

Alle waren geschlossen.

Professor Albrecht ging langsam zur Tür und blickte in den Flur.

Leer.

Keine Schritte.

Keine Person.

Nichts.

Er schloss die Tür.

Im selben Augenblick verstummte der Wind.

Eine unheimliche Stille legte sich über den Raum.

„Das war nicht normal“, sagte Tim.

Professor Albrecht antwortete nicht.

Eva bemerkte etwas auf dem Schreibtisch.

„Professor …“

Er drehte sich um.

Zwischen den verstreuten Papieren lag etwas, das dort zuvor nicht gelegen hatte.

Ein schmales Stück Pergament.

Alt.

Vergilbt.

An den Rändern dunkel verfärbt.

Tim trat näher.

„Das war eben noch nicht da.“

„Nein“, sagte Professor Albrecht.

Eva blieb stehen.

Sie wusste nicht warum, aber sie hatte plötzlich das Gefühl, dass das Pergament für sie bestimmt war.

Langsam ging sie zum Tisch.

Vier Zeichen waren darauf zu erkennen.

Ein Fluss.

Drei aufrecht stehende Steine.

Eine Eiche.

Und ein Halbmond.

Darunter stand eine Zeile in einer alten Schrift.

Professor Albrecht nahm seine Lupe.

„Ich versuche es zu lesen.“

Er beugte sich darüber.

„Wo der Fluss den Schatten des Steins berührt …“

Er hielt inne.

Dann las er weiter:

„… beginnt der Weg.“

Eva bekam eine Gänsehaut.

„Der Weg wohin?“

Tim hatte inzwischen eine alte Karte aus dem Stapel genommen.

„Vielleicht dorthin.“

Er breitete sie auf dem Tisch aus.

Ein Fluss zog sich durch eine bewaldete Landschaft.

Nördlich davon erhob sich ein Hügel.

Und an seinem Fuß waren drei kleine Steine eingezeichnet.

Eva sah das Symbol.

„Das ist es.“

„Was?“

Sie holte das alte Buch hervor.

Schlug es auf.

Dort war dasselbe Zeichen.

Drei Steine.

Professor Albrecht verglich beide Darstellungen.

„Das kann kein Zufall sein.“

Tim fuhr mit dem Finger über die Karte.

„Der Fluss. Der Hügel. Die drei Steine.“

Dann zeigte er auf eine kaum lesbare Beschriftung.

„Und hier.“

Eva trat näher.

Ardann.

„Ardann“, sagte sie leise.

Der Name schien plötzlich schwer im Raum zu liegen.

Professor Albrecht nickte.

„Wir haben möglicherweise den ersten wirklichen Anhaltspunkt.“

Eva nahm das Amulett aus ihrer Tasche.

Sofort wurde es warm.

„Es reagiert.“

Tim sah sie an.

„Auf Ardann?“

Eva legte das Amulett vorsichtig auf das Pergament.

Zunächst geschah nichts.

Dann begann die Oberfläche des Metalls schwach zu schimmern.

Eine Linie erschien.

Sie verlief vom Fluss zu den drei Steinen.

Dann weiter in den Wald.

Tim beugte sich vor.

„Das ist eine Wegbeschreibung.“

Professor Albrecht nickte.

„Aber wohin genau?“

Die Linie endete mitten im Wald.

Nicht bei einem Gebäude.

Nicht bei einem Grab.

Einfach irgendwo zwischen den Bäumen.

„Das wissen wir noch nicht“, sagte Tim.

Eva blickte auf die Eiche.

„Und die?“

Professor Albrecht deutete auf das Zeichen.

„Vielleicht ist sie ein weiterer Orientierungspunkt.“

„Eine bestimmte Eiche?“

„Möglich.“

Tim sah auf die Karte.

„Hier ist keine eingezeichnet.“

„Dann müssen wir sie vor Ort suchen.“

Eva betrachtete den Halbmond.

„Und was bedeutet der?“

Niemand wusste es.

Das war das Beunruhigende.

Die Hinweise zeigten ihnen einen Weg.

Aber sie erklärten nicht, wohin dieser Weg letztlich führte.

Oder warum Rowanna ihn vor zweitausend Jahren verborgen hatte.

Eva sah auf das Pergament.

„Es gibt noch etwas.“

Sie drehte es um.

Die Rückseite war leer.

Professor Albrecht hielt es gegen die Lampe.

Nichts.

Dann legte er es zurück.

Und plötzlich veränderte sich die Oberfläche.

Dunkle Linien erschienen.

Langsam.

Wie von einer unsichtbaren Hand geschrieben.

Zuerst standen dort vier Worte.

ICH KONNTE IHN NICHT RETTEN.

Eva bekam keine Luft.

Das Büro verschwand vor ihren Augen.

Sie hörte keinen Tim mehr.

Keinen Professor Albrecht.

Nur Wind.

Und das Knacken eines Feuers.

Dann sah sie eine Frau.

Rowanna.

Sie saß unter einer alten Eiche.

Neben ihr Artan.

Lebendig.

Jünger.

Sein Gesicht war entspannt.

Er hielt das Amulett in der Hand.

Rowanna sah ihn an.

Nicht wie eine Druidin ihren Fürsten.

Nicht wie eine Beraterin ihren Herrscher.

Sondern wie eine Frau einen Menschen ansah, den sie über alles liebte.

Artan lächelte.

„Du solltest mich nicht immer so ansehen.“

Rowanna hob eine Augenbraue.

„Wie sehe ich dich denn an?“

„Als wüsstest du bereits, was ich sagen werde.“

„Vielleicht weiß ich es.“

Er setzte sich neben sie.

Eine Weile schwiegen sie.

Es war ein vertrautes Schweigen.

Eines, das keine Erklärung brauchte.

Artan nahm ihre Hand.

Rowanna sah auf ihre Finger.

„Du bist der Fürst“, sagte sie leise.

„Das weiß ich.“

„Und trotzdem glaubst du, du könntest alles allein entscheiden.“

Artan lächelte.

„Ich entscheide nicht allein.“

„Doch.“

„Nein.“

Er sah sie an.

„Nicht, solange du bei mir bist.“

Rowannas Gesicht veränderte sich.

Für einen Moment war die starke Druidin verschwunden.

Eva sah nur eine Frau, die Angst hatte, den Menschen zu verlieren, den sie liebte.

„Artan …“

Er strich mit dem Daumen über ihre Hand.

„Du hast Angst.“

„Nicht um mich.“

Artan sah sie lange an.

„Um mich.“

Rowanna antwortete nicht.

Artan nahm das Amulett ab.

Er legte es in ihre Hand.

„Wenn etwas geschieht …“

„Sag das nicht.“

„Rowanna.“

„Nein.“

Ihre Stimme wurde schärfer.

„Du wirst zurückkommen.“

Artan sah sie an.

Und Eva spürte plötzlich, dass er selbst nicht daran glaubte.

Er legte seine Hand auf Rowannas Wange.

„Wenn ich nicht zurückkomme, musst du es bewahren.“

Rowanna schüttelte den Kopf.

„Ich will nichts bewahren.“

„Doch.“

„Ich will dich.“

Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern.

Artan schloss die Augen.

Dann zog er sie an sich.

Rowanna legte den Kopf an seine Brust.

Lange sagte keiner etwas.

Dann flüsterte Artan:

„Du bist die Einzige, der ich es anvertrauen kann.“

Rowanna hob den Kopf.

„Was?“

Artan sah in den Wald.

„Was kommen wird.“

Die Vision zerbrach.

Eva stand wieder im Büro.

Tim hielt ihren Arm.

„Eva!“

Sie atmete schwer.

„Sie war da.“

„Wer?“

„Rowanna.“

Professor Albrecht trat näher.

„Was haben Sie gesehen?“

Eva sah auf das Amulett.

„Artan und sie.“

Sie schluckte.

„Sie waren einander sehr nahe.“

Tim sagte nichts.

Eva sah ihn an.

„Sie liebte ihn.“

Stille.

Professor Albrecht senkte langsam den Blick.

„Dann erklärt das vielleicht, warum sie bereit war, alles zu riskieren.“

„Sie hat ihn verloren“, sagte Eva.

„Und trotzdem hat sie sein Geheimnis bewahrt.“

In diesem Augenblick erschien die nächste Zeile auf dem Pergament.

DOCH ICH KONNTE BEWAHREN, WAS ER MIR ANVERTRAUTE.

Eva trat näher.

„Was hat er ihr anvertraut?“

Keine Antwort.

Stattdessen begann das Pergament zu zittern.

Das erste Zeichen erschien.

Ein Fluss.

Die blaue Linie bewegte sich über das Pergament.

Rowannas Stimme erklang.

Diesmal klar.

„Das Erste führt euch.“

Der Fluss wurde länger.

Er schlängelte sich über das Papier.

Dann blieb er stehen.

Ein schwarzer Punkt erschien.

Professor Albrecht verglich ihn sofort mit der Karte.

„Das ist der alte Flusslauf.“

Unter dem Zeichen erschienen Worte:

DER SCHWEIGENDE FLUSS.

Dann erlosch das Zeichen.

Das zweite erschien.

Eine Eiche.

Doch sie war seltsam.

Kein Schatten fiel von ihr.

Nicht einmal im Licht des Mondes.

Eva flüsterte:

„Die Eiche ohne Schatten.“

Rowannas Stimme kam zurück.

„Das Zweite bewahrt, was nicht vergessen werden darf.“

Unter der Eiche erschienen feine Linien.

Sie führten tief in die Erde.

Ein dunkler Kreis zeichnete sich unter den Wurzeln ab.

Tim trat näher.

„Ist das ein Grab?“

Professor Albrecht schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es nicht.“

Der Kreis verschwand.

Die Eiche blieb.

Dann erschien das dritte Zeichen.

Der Halbmond.

Doch darunter erschien etwas, das Eva sofort erkannte.

Das Zeichen von Artan.

ᚐᚏᚈᚐᚅ

Das Amulett wurde heiß.

Eva keuchte auf.

Rowannas Stimme wurde leiser.

„Das Dritte führt euch zu dem, was er mir anvertraute.“

Eva schloss die Finger um das Amulett.

„Was hat er dir anvertraut?“

Keine Antwort.

Stattdessen erschien ein Satz.

WO DER FLUSS SCHWEIGT, SUCHT DEN BAUM OHNE SCHATTEN.

Tim sah auf die Karte.

„Das können wir finden.“

Eine zweite Zeile erschien.

DORT BEGINNT DER WEG NACH ARDANN.

Niemand sagte etwas.

Die drei sahen sich an.

Jetzt war es eindeutig.

Sie mussten nach Ardann.

Aber noch immer wussten sie nicht, was sie dort finden würden.

Und genau das machte den Weg dorthin so unheimlich.

Professor Albrecht nahm das Pergament.

Doch plötzlich erschien am unteren Rand eine weitere Zeile.

Viel kleiner.

Fast verborgen.

VERTRAUT NICHT DEM, DER DEN WEG BEREITS KENNT.

Professor Albrecht erstarrte.

Tim sah ihn an.

„Was bedeutet das?“

„Ich weiß es nicht.“

Eva sah ihn lange an.

„Sie wissen mehr.“

„Nein.“

„Professor.“

Albrecht senkte den Blick.

„Ich weiß nicht, wer damit gemeint ist.“

Er steckte das Pergament ein.

„Aber wir müssen davon ausgehen, dass jemand anderes ebenfalls nach Ardann sucht.“

Eva dachte an die Schritte vor der Tür.

An den eisigen Wind.

Und an Rowanna.

Dann spürte sie etwas in ihrer Hand.

Das Amulett.

Es war wieder warm.

Sie schloss die Finger darum.

Und plötzlich hörte sie Rowannas Stimme ein letztes Mal.

Ganz leise.

Nur für sie.

„Ich habe ihn verloren.“

Eva schloss die Augen.

„Verliert nicht, was er bewahren wollte.“

Dann war die Stimme fort.

Eva öffnete die Augen.

„Was hat sie gesagt?“, fragte Tim.

Eva sah ihn an.

„Sie hat Angst.“

„Wovor?“

Eva blickte auf die Karte.

Auf den Wald.

Auf Ardann.

„Ich glaube nicht, dass sie Angst davor hat, dass wir den Weg finden.“

„Wovor dann?“

Eva schwieg.

Denn plötzlich wusste sie, was sie beunruhigte.

Rowanna hatte nie gesagt:

Findet Artan.

Sie hatte gesagt:

Findet, was er zurückgelassen hat.

Und niemand wusste, was das bedeutete.

Professor Albrecht faltete die Karte zusammen.

„Wir fahren morgen.“

Tim nickte.

„Nach Ardann.“

Eva nahm das Amulett.

„Nach Ardann.“

Draußen begann es erneut zu regnen.

Doch weit entfernt, dort, wo der alte Fluss durch den Wald floss, bewegte sich etwas zwischen den Bäumen.

Etwas, das seit Jahrhunderten niemand mehr gesehen hatte.

Und unter einer alten Eiche ohne Schatten lag etwas verborgen.

Etwas, das auf sie wartete.

Seit zweitausend Ja

Kapitel 6 – Die Caturix-Halle

Der Morgen war grau und still, als Eva, Tim und Professor Albrecht sich auf den Weg nach Ardann machten.

Über den Wiesen lag dichter Nebel. Die Bäume am Straßenrand verschwanden darin wie dunkle Gestalten, die sich im letzten Moment zurückzogen, sobald das Auto näher kam.

Professor Albrecht saß am Steuer. Neben ihm hatte Tim eine alte Landkarte ausgebreitet, während Eva auf der Rückbank das Pergament und das Amulett in den Händen hielt.

Seit dem Erwachen der geheimnisvollen Zeichen in der vergangenen Nacht hatte sie kaum geschlafen.

Immer wieder hörte sie Rowannas Stimme in Gedanken.

Ich habe ihn verloren.

Und dann:

Verliert nicht, was er bewahren wollte.

Eva schloss die Finger um das Amulett. Das Metall fühlte sich kühl an, beinahe gewöhnlich. Doch sie wusste inzwischen, dass dieser Eindruck täuschen konnte.

„Ich glaube, wir haben die drei Hinweise bisher falsch verstanden“, sagte sie plötzlich.

Tim drehte sich halb zu ihr um. „Was meinst du?“

Eva breitete das Pergament auf ihren Knien aus. Die drei Symbole waren noch immer zu erkennen: der Fluss, die Eiche ohne Schatten und der Halbmond mit Artans Namen.

„Wir behandeln sie, als wären es drei Orte, die wir finden müssen. Aber vielleicht beschreiben sie einen einzigen Weg.“

Professor Albrecht warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel. „Erkläre das bitte.“

Eva deutete auf das erste Zeichen.

„Der schweigende Fluss ist unser Anfang. Dort sollen wir suchen. Die Eiche ohne Schatten ist nicht unbedingt ein zweiter Ort, den wir unabhängig davon finden müssen. Vielleicht steht sie in der Nähe des Flusses. Und die drei Steine zeigen uns dann, wo es weitergeht.“

„Das wäre möglich“, sagte Tim nachdenklich. „Eine Abfolge von Orientierungspunkten.“

„Und der Halbmond?“, fragte der Professor.

Eva strich mit dem Finger über das letzte Symbol.

„Vielleicht sagt er uns, wann wir den Weg erkennen können. Nicht nur, wo.“

Einen Augenblick lang sagte niemand etwas.

Dann nickte Tim langsam. „Du hast recht. Wir haben uns zu sehr auf die einzelnen Zeichen konzentriert. Wenn sie zusammengehören, müssen wir nach ihrer Verbindung suchen.“

„Dann fahren wir nicht einfach nach Ardann“, sagte Eva. „Wir suchen zuerst den Fluss. Und von dort aus die Eiche.“

Professor Albrecht lächelte schwach. „Offenbar haben wir unsere Führung gefunden.“

Eva erwiderte das Lächeln nicht. Sie blickte aus dem Fenster, wo der Nebel dichter wurde.

„Nein“, sagte sie leise. „Ich glaube, der Weg hat uns gefunden.“

In diesem Moment wurde das Amulett in ihrer Hand warm.

Nur für einen Augenblick.

Dann war es wieder kalt.

Die Straße, die es nicht geben durfte

Sie fuhren fast zwei Stunden.

Die breitere Landstraße ging schließlich in eine schmale Straße über, die sich durch bewaldete Hügel wand. Die Häuser wurden seltener, die Wälder dichter. Immer wieder ragten moosbewachsene Felsen zwischen den Bäumen hervor.

Tim verglich die Karte mit der Anzeige des Navigationsgeräts.

„Das ist merkwürdig.“

„Was denn?“, fragte Albrecht.

„Laut Karte müssten wir in wenigen Kilometern an einer Abzweigung vorbeikommen. Aber das Navigationsgerät zeigt hier eine Straße, die auf der Karte gar nicht eingezeichnet ist.“

„Vielleicht eine Forststraße“, meinte der Professor.

„Nein. Sie wird als öffentliche Straße angezeigt. Und sie führt direkt nach Ardann.“

Eva beugte sich zwischen die Vordersitze. Auf dem Bildschirm war eine dünne graue Linie zu sehen, die sich durch eine ansonsten leere Fläche zog.

„Wie lange ist diese Straße schon dort?“

„Das kann ich nicht sagen.“

Eva nahm das Amulett aus ihrer Tasche.

Sofort spürte sie die Wärme.

„Halten Sie bitte an.“

Professor Albrecht sah sie überrascht an. „Hier?“

„Ja. Bitte.“

Er lenkte das Auto an den Straßenrand. Eva stieg aus, ohne auf die Fragen der beiden Männer zu warten.

Der Wind roch nach feuchter Erde und Laub. Zwischen den Bäumen führte ein schmaler Weg in den Wald. Er war kaum zu erkennen, überwuchert von Farnen und niedrigen Zweigen.

Eva hielt das Amulett vor sich.

Die Spitze des eingravierten Zeichens zeigte genau auf den Weg.

„Hier müssen wir lang“, sagte sie.

Tim trat neben sie. „Eva, wir wissen nicht, wohin dieser Pfad führt.“

„Das weiß ich.“

„Woher?“

Sie sah ihn an. Für einen Moment suchte sie nach einer vernünftigen Erklärung.

„Weil Rowanna es mir zeigt.“

Tim schwieg.

Er hätte widersprechen können. Er hätte sagen können, dass sie sich von ihrer Angst und den Ereignissen der letzten Nacht beeinflussen ließ.

Doch er hatte selbst gesehen, wie sich Zeichen auf einem leeren Pergament verändert hatten. Er hatte die Kälte gespürt, als sich die Tür des Professorenzimmers von allein geöffnet hatte.

Und er hatte den Ausdruck in Evas Gesicht gesehen, als sie Rowannas Stimme hörte.

„Wir können den Wagen nicht hier stehen lassen“, sagte Albrecht schließlich. „Außerdem wissen wir nicht, wie weit es noch bis zur nächsten Ortschaft ist.“

„Dann fahren wir erst einmal weiter“, entschied Eva. „Aber wir behalten den Weg im Auge.“

Sie stiegen wieder ein.

Kaum hatte Professor Albrecht den Motor gestartet, flackerte die Anzeige des Navigationsgeräts. Die graue Linie verschwand.

Auf dem Bildschirm erschien für einen Sekundenbruchteil ein Zeichen.

Drei senkrecht stehende Steine.

Dann wurde der Bildschirm schwarz.

„Das gefällt mir überhaupt nicht“, murmelte Tim.

Niemand widersprach.

Der Wagen bleibt stehen

Eine halbe Stunde später begann der Motor zu stottern.

Professor Albrecht nahm den Fuß vom Gas.

„Das gibt es doch nicht.“

Der Wagen ruckelte, verlor an Geschwindigkeit und blieb schließlich mitten auf der einsamen Straße stehen.

Albrecht versuchte, den Motor erneut zu starten.

Ein kurzes Husten. Ein Knacken.

Dann Stille.

„Batterie?“, fragte Tim.

„Unwahrscheinlich. Vorhin lief noch alles einwandfrei.“

Der Professor stieg aus und öffnete die Motorhaube. Tim folgte ihm. Gemeinsam untersuchten sie den Motor, kontrollierten die Anschlüsse und versuchten herauszufinden, was geschehen war.

Eva blieb zunächst im Wagen sitzen.

Sie betrachtete das Amulett.

Es war eiskalt.

Nicht einfach kühl, wie Metall an einem Herbsttag. Die Kälte schien aus seinem Inneren zu kommen und kroch langsam in ihre Handfläche.

Plötzlich glitt es ihr aus den Fingern.

Das Amulett fiel auf den Fußraum.

Eva beugte sich hinunter, um es aufzuheben. Doch bevor sie es berühren konnte, drehte es sich auf dem Teppich.

Einmal.

Noch einmal.

Dann blieb es liegen.

Die Spitze zeigte auf die Beifahrertür.

Eva öffnete sie und stieg aus.

„Habt ihr etwas gefunden?“, fragte sie.

Albrecht schüttelte den Kopf. „Nichts, was den Ausfall erklären würde.“

Tim wischte sich die Hände an einem Tuch ab. „Es ist, als hätte jemand die gesamte Elektrik lahmgelegt.“

Eva sah zum Waldrand.

Dort, zwischen zwei knorrigen Bäumen, lag der schmale Pfad, den sie vorhin entdeckt hatten. Sie war sich sicher, dass sie ihn jetzt von einer anderen Stelle aus sah. Trotzdem erkannte sie dieselben gekrümmten Äste und denselben dunklen Felsen am Eingang.

„Wir müssen zu Fuß weiter“, sagte sie.

„In welche Richtung?“, fragte Albrecht.

Eva zeigte auf den Waldweg.

Tim sah zum Himmel. Dunkle Wolken zogen über die Hügel. Das Tageslicht schwand schneller, als es sollte.

„Wenn wir jetzt in den Wald gehen und uns verirren, haben wir ein ernstes Problem.“

„Und wenn wir hierbleiben, auch“, erwiderte Eva. „Wir haben weder Empfang noch einen funktionierenden Wagen. Wir brauchen einen Ort, an dem wir die Nacht verbringen können.“

„Du willst in den Wald?“, fragte Tim.

„Nein. Ich will einen Weg finden, der uns aus dieser Lage bringt.“

Sie hob das Amulett auf. Es fühlte sich wieder normal an.

Doch als sie sich umdrehte, sah sie zwischen den Bäumen etwas, das vorher nicht da gewesen war.

Ein Licht.

Schwach und gelblich.

Es flackerte wie eine alte Laterne.

„Dort“, sagte sie.

Die beiden Männer folgten ihrem Blick.

„Ein Haus?“, fragte Tim.

„Oder ein Gasthof“, vermutete Albrecht.

Eva steckte das Amulett ein.

„Dann gehen wir dorthin.“

Diesmal wartete sie nicht auf eine Zustimmung.

Die Caturix-Halle

Der Weg führte tiefer in den Wald, als Eva erwartet hatte. Feuchte Zweige streiften ihre Kleidung. Unter ihren Schuhen knirschten alte Blätter, und irgendwo in der Ferne rief ein Vogel, dessen Laut viel zu lang durch die Bäume hallte.

Nach etwa zwanzig Minuten öffnete sich der Wald.

Vor ihnen stand ein altes Gebäude.

Es war größer, als es aus der Ferne gewirkt hatte. Dunkle Holzbalken stützten ein schiefes Dach, die Mauern bestanden aus unregelmäßigen, moosbewachsenen Steinen. Kleine Fenster leuchteten warm in der Dämmerung. Über der schweren Eingangstür hing ein verwittertes Holzschild.

Darauf stand:

CATURIX-HALLE

Tim blieb stehen.

„Das ist interessant.“

„Was ist interessant?“, fragte Eva.

Er betrachtete die Buchstaben, als hätten sie eine längst vergessene Erinnerung geweckt.

„Caturix ist ein Name aus der gallischen Überlieferung. Er wird mit einer Gottheit beziehungsweise einem göttlichen Beinamen in Verbindung gebracht. Häufig wird er als ‚König des Kampfes‘ oder ‚Kampfkönig‘ gedeutet. Ganz eindeutig ist die sprachliche Herkunft allerdings nicht.“

„Und warum heißt ein Gasthof so?“, fragte Eva.

„Das weiß ich nicht. Vielleicht wurde das Gebäude auf einem alten Kultplatz errichtet. Vielleicht ist der Name aber auch nur eine spätere Erfindung.“

Albrecht betrachtete das Haus. „Es sieht jedenfalls nicht so aus, als wäre es erst gestern gebaut worden.“

Über der Tür war ein Zeichen in das Holz geschnitzt.

Drei Steine.

Eva spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Das ist unser Zeichen.“

Tim trat näher. „Tatsächlich.“

Unter den drei Steinen verlief eine gebogene Linie, die an einen Fluss erinnerte. Darüber war ein Baum dargestellt, dessen Äste ungewöhnlich gerade nach oben ragten.

Eva berührte das Amulett durch den Stoff ihrer Tasche.

Es wurde warm.

„Wir sollten hineingehen“, sagte sie.

Albrecht sah sie prüfend an. „Bist du sicher?“

„Nein.“ Eva blickte zur Tür. „Aber ich glaube, dass wir nicht zufällig hier sind.“

Sie klopfte dreimal.

Einen Moment geschah nichts.

Dann hörten sie Schritte.

Langsam. Schwer.

Die Tür öffnete sich.

Ein alter Mann stand im Eingang. Er war hager, hatte tief liegende Augen und schneeweißes Haar, das ihm bis über den Kragen reichte. Sein Gesicht war von Falten durchzogen, doch sein Blick war ungewöhnlich klar.

Er trug eine dunkle Weste über einem grauen Hemd.

„Wir suchen eine Unterkunft für die Nacht“, erklärte Professor Albrecht. „Unser Wagen ist liegen geblieben.“

Der Alte antwortete nicht sofort.

Sein Blick wanderte über Albrecht zu Tim und blieb schließlich an Eva hängen.

Genauer gesagt: an ihrer Tasche.

„Woher habt ihr das?“, fragte er.

Eva erstarrte.

„Was meinen Sie?“

Der Mann hob den Kopf. „Das Amulett.“

Tim machte einen Schritt nach vorn. „Sie kennen dieses Zeichen?“

Der Alte sah ihn nicht einmal an.

„Woher habt ihr es?“, wiederholte er.

Eva spürte, wie das Amulett unter dem Stoff ihrer Tasche heiß wurde.

„Es wurde mir übergeben“, sagte sie vorsichtig.

„Von wem?“

„Das weiß ich nicht.“

Zum ersten Mal veränderte sich der Ausdruck des Alten. Für einen kurzen Augenblick sah er nicht überrascht aus, sondern erschrocken.

Dann trat er zur Seite.

„Kommt herein.“

Die Halle war überraschend warm. Ein offener Kamin brannte an der Rückwand. An den dunklen Wänden hingen alte Werkzeuge, verblasste Bilder und schwere, beinahe schwarze Holztafeln. Der Boden bestand aus breiten Steinplatten, die in der Mitte glatt getreten waren.

Es roch nach Rauch, Kräutern und etwas anderem, das Eva nicht einordnen konnte.

Etwas, das sie an feuchte Erde und geöffnete Gräber erinnerte.

Der Wirt führte sie zu einem langen Tisch.

„Ich bin Roderik“, sagte er. „Ihr könnt hier übernachten. Mehrere Zimmer sind frei.“

„Gibt es hier ein Telefon?“, fragte Albrecht.

„Ja.“

„Und könnten wir einen Abschleppdienst rufen?“

Roderik sah ihn lange an.

„Morgen.“

„Aber unser Wagen steht mitten auf der Straße.“

„Morgen“, wiederholte der Alte.

Seine Stimme war nicht laut. Trotzdem widersprach der Professor nicht.

Tim betrachtete die Wände. „Wie lange gibt es diesen Gasthof schon?“

Roderik stellte drei Becher auf den Tisch.

„Länger, als die meisten Menschen glauben.“

„Und der Name? Caturix-Halle?“

Der Alte hielt mitten in der Bewegung inne.

„Manche nennen es einen Gasthof. Andere nennen es einen Zufluchtsort.“

„Und wieder andere?“, fragte Eva.

Roderik stellte den letzten Becher ab.

„Einen Ort, an dem alte Dinge nicht vergessen werden.“

Dann sah er Eva direkt an.

„In diesem Haus kennt man manches, das man besser vergessen sollte.“

Drei Zimmer und eine Warnung

Roderik brachte sie in den ersten Stock.

Der Flur war schmal und wurde nur von wenigen Wandlampen erhellt. Die Holzdielen knarrten bei jedem Schritt. An den Wänden hingen alte Gemälde, deren Farben so verblasst waren, dass die dargestellten Personen kaum noch zu erkennen waren.

Eva blieb vor einem Bild stehen.

Es zeigte einen bewaldeten Hügel, einen Fluss und drei große Steine.

Am Fuß des Hügels stand eine Frau mit langem Haar. Sie trug ein helles Gewand und hielt einen Stab in der Hand.

Eva trat näher.

Die Frau auf dem Bild hatte die gleiche Haltung wie die Gestalt, die sie in ihrer Vision gesehen hatte.

Rowanna.

„Tim“, flüsterte sie.

Er kam zu ihr und betrachtete das Bild.

„Das könnte irgendeine Darstellung einer Priesterin sein.“

„Nein.“

Eva wusste selbst nicht, warum sie so sicher war.

„Sie ist es.“

Tim sah sie an, sagte aber nichts.

Am Ende des Flurs blieb Roderik stehen.

„Professor Albrecht, Sie bekommen das Zimmer links. Herr Tim das nächste. Eva, Ihr Zimmer liegt gegenüber.“

„Warum bekomme ich ein eigenes Zimmer?“, fragte Eva.

„Weil es so vorgesehen ist.“

„Von wem?“

Roderik öffnete die Tür zu ihrem Zimmer.

„Von jemandem, der wusste, dass Ihr kommen würdet.“

Eva spürte einen kalten Schauer.

„Wer?“

Doch der Alte antwortete nicht. Er deutete auf das Bett, den kleinen Schreibtisch und den Kamin, in dem ein schwaches Feuer brannte.

„Ruhen Sie sich aus. Das Abendessen wird in einer Stunde serviert.“

Er wollte gehen.

„Herr Roderik?“, rief Eva.

Der Alte drehte sich um.

„Warum haben Sie so erschrocken reagiert, als Sie von dem Amulett erfahren haben?“

Lange sah er sie schweigend an.

„Weil es seit vielen Jahren nicht mehr hier gewesen ist.“

„Es war schon einmal hier?“

Roderik blickte kurz zum Fenster. Draußen bewegten sich die Äste im Wind.

„Nicht das Amulett allein“, sagte er schließlich. „Auch derjenige, der es trug.“

Dann ging er.

Eva blieb in der Tür stehen.

Sie hörte, wie seine Schritte den Flur entlang verklangen. Doch als sie die Tür schließen wollte, hörte sie noch etwas anderes.

Ein leises Flüstern.

Direkt hinter ihr.

Eva.

Sie fuhr herum.

Das Zimmer war leer.

Die Geschichte, die der Wirt nicht erzählen wollte

Beim Abendessen saßen sie wieder gemeinsam in der Halle.

Roderik servierte eine einfache Suppe, Brot und Käse. Das Feuer knackte im Kamin. Doch trotz der Wärme wollte sich keine entspannte Stimmung einstellen.

Tim hatte das Gemälde aus dem Flur nicht vergessen.

„Herr Roderik“, begann er, „wissen Sie etwas über die Geschichte dieser Gegend? Über die Kelten?“

Der Alte stellte den Brotkorb ab.

„Jeder hier kennt Geschichten über die Kelten.“

„Mich interessieren keine Geschichten. Mich interessieren die historischen Tatsachen.“

Roderik lächelte kaum merklich.

„Dann sind Sie vermutlich am falschen Ort.“

„Warum?“

„Weil die Tatsachen längst vergraben sind.“

Professor Albrecht legte den Löffel beiseite.

„Wir beschäftigen uns mit einem Fürsten namens Artan. Und mit einer Frau namens Rowanna.“

Bei diesen Namen veränderte sich Roderiks Gesicht.

Es war nur ein kurzer Augenblick. Doch Eva bemerkte ihn.

„Woher kennen Sie diese Namen?“, fragte der Alte.

„Aus historischen Aufzeichnungen“, antwortete Albrecht.

„Dann sollten Sie vorsichtig sein mit dem, was Sie darin lesen.“

Tim beugte sich vor.

„Wissen Sie etwas über Artans Tod?“

Roderik sah ihn an.

„Ich weiß, dass manche Menschen glauben, ein Toter sei vergessen, sobald niemand mehr seinen Namen ausspricht.“

„Und Sie glauben das nicht?“, fragte Eva.

„Nein.“

Der Alte wandte sich ihr zu.

„Manchmal wird ein Name so lange bewahrt, bis jemand kommt, der ihn wieder hören kann.“

Eva spürte das Amulett an ihrer Brust.

„Meinen Sie Rowanna?“

Roderik stand abrupt auf.

„Ihr solltet euch nicht mit Dingen beschäftigen, die ihr nicht versteht.“

„Wir haben keine Wahl“, sagte Eva.

Der Alte blieb stehen.

„Jeder Mensch hat eine Wahl.“

„Nicht, wenn etwas Hilfe braucht.“

Zum ersten Mal schien Roderik sie wirklich anzusehen. Nicht das Amulett, nicht die Tasche, sondern sie selbst.

„Du hast ihre Stimme gehört“, sagte er.

Es war keine Frage.

Eva antwortete nicht.

„Dann ist es bereits weiter, als ich befürchtet habe.“

Er nahm den leeren Brotkorb und ging zur Küche.

Tim wartete, bis die Tür hinter ihm geschlossen war.

„Eva, was meinte er damit?“

„Ich weiß es nicht.“

„Doch“, sagte Tim. „Du hast eine Vermutung.“

Eva blickte auf das Amulett, das sie inzwischen auf den Tisch gelegt hatte.

„Ich glaube, Rowanna versucht, uns etwas zu sagen. Und Roderik weiß, dass sie es tut.“

Albrecht verschränkte die Arme.

„Dann müssen wir herausfinden, was er verschweigt.“

Eva schüttelte den Kopf.

„Nein. Wir müssen herausfinden, warum er Angst hat.“

Die unruhige Nacht

Kurz nach zehn Uhr zogen sie sich auf ihre Zimmer zurück.

Eva konnte nicht schlafen.

Der Wind rüttelte an den Fensterläden. Das Feuer im Kamin war fast erloschen, und die Schatten der Möbel schienen sich mit jeder Bewegung der Flammen zu verändern.

Sie nahm das Amulett aus ihrer Tasche und legte es auf den Schreibtisch.

Daneben breitete sie das Pergament aus.

Fluss.

Eiche.

Halbmond.

Drei Steine.

Sie versuchte, die Hinweise in eine Reihenfolge zu bringen. Der Fluss führte zur Eiche. Die Eiche zu den drei Steinen. Und der Halbmond sagte ihnen möglicherweise, wann sie weitergehen mussten.

Doch wo lag die Verbindung zur Caturix-Halle?

Sie betrachtete das Zeichen über der Eingangstür, das sie aus dem Gedächtnis auf das Pergament gezeichnet hatte.

Drei Steine, ein Fluss, ein Baum.

Es war dasselbe Muster.

Nicht ähnlich.

Dasselbe.

Eva legte das Amulett auf die Zeichnung.

Das Metall vibrierte.

Sie zog erschrocken die Hand zurück.

Auf dem Pergament erschienen feine dunkle Linien, als würde unsichtbare Tinte durch das Papier sickern. Sie verbanden den Fluss mit dem Baum, den Baum mit den drei Steinen und die drei Steine schließlich mit einem kleinen Kreis.

Dem Ort, an dem die Caturix-Halle stand.

Eva beugte sich über die Zeichnung.

Am Rand erschien ein neuer Satz.

„DER ERSTE WEG FÜHRT NICHT NACH ARDANN.“

Darunter schrieb sich langsam eine zweite Zeile.

„ER FÜHRT ZU DEM, DER ARDANN BEWACHT.“

Eva hielt den Atem an.

Ein Geräusch kam aus dem Flur.

Schritte.

Langsam näherten sie sich ihrer Tür.

Dann hielten sie an.

Eva stand auf und ging zur Tür. Sie legte die Hand auf die Klinke, zögerte aber.

„Tim?“, fragte sie leise.

Keine Antwort.

Sie öffnete die Tür einen Spalt.

Der Flur war leer.

Doch am Ende des Ganges, dort, wo das Gemälde mit Rowanna hing, stand eine Gestalt.

Eine Frau mit langem Haar.

Eva konnte ihr Gesicht nicht erkennen. Die Gestalt stand mit dem Rücken zu ihr und blickte auf das Bild.

„Rowanna?“

Die Frau drehte sich nicht um.

Dann hob sie langsam die Hand und zeigte auf das Gemälde.

Als Eva blinzelte, war sie verschwunden.

Nur das Bild hing noch an der Wand.

Doch jetzt war etwas anders.

Die Frau darauf hielt nicht länger einen Stab.

In ihrer Hand lag ein Amulett.

Eva wich zurück und schloss ihre Tür.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Sie wollte Tim rufen, doch da hörte sie drei dumpfe Schläge.

Nicht an ihrer Tür.

Von unten.

Aus der Halle.

Drei Schläge, gleichmäßig und schwer, als hätte jemand mit einem Hammer gegen eine große Glocke geschlagen.

Eva öffnete die Tür erneut und lief zum Treppenabsatz.

Aus Tims Zimmer drang Licht. Er kam heraus, noch bevor sie ihn rufen konnte.

„Hast du das auch gehört?“

Sie nickte.

Gegenüber öffnete sich die Tür des Professors. Albrecht trat in den Flur und sah die beiden an.

„Was war das?“

„Eine Glocke“, sagte Tim.

„Hier gibt es keine Glocke“, erklang eine Stimme hinter ihnen.

Roderik stand am Ende des Flurs.

Er trug keine Schuhe. Sein weißes Haar hing ihm wirr ins Gesicht.

„Was ist hier los?“, fragte Albrecht.

Der Wirt sah an ihnen vorbei zur Treppe.

„Ihr hättet nicht hierherkommen dürfen.“

„Das haben Sie schon einmal gesagt“, erwiderte Eva. „Warum?“

Roderik hob den Kopf.

„Weil dieses Haus nicht für jeden Reisenden seine Türen öffnet.“

„Aber für uns hat es das getan.“

„Ja.“

„Warum?“

Der Alte schwieg.

Eva ging einen Schritt auf ihn zu.

„Sie wissen, wer Artan war. Sie kennen Rowanna. Und Sie wissen, warum das Amulett hierher zurückgekehrt ist.“

Roderik blickte sie lange an.

Dann sagte er leise: „Ich weiß, was dieses Haus bewacht.“

„Was bewacht es?“

„Nicht einen Schatz. Nicht ein Grab.“

Er wandte sich ab.

„Es bewacht eine Wahrheit, die niemals ans Licht kommen sollte.“

Der Raum unter der Halle

Eva konnte nicht zurück in ihr Zimmer.

Während Tim und Albrecht den Wirt mit weiteren Fragen bedrängten, bemerkte sie, dass sich hinter dem Kamin eine schmale Tür befand. Sie war fast vollständig von dunklen Wandbalken verdeckt.

Das Amulett in ihrer Hand wurde warm.

Eva ging darauf zu.

„Eva, warte!“, rief Tim.

Doch sie hatte die Tür bereits geöffnet.

Dahinter führte eine steinerne Treppe in die Tiefe.

Kalte Luft strömte ihr entgegen. Sie roch nach feuchtem Stein und altem Holz.

„Da geht es nach unten“, sagte sie.

Roderik erstarrte.

„Nicht dort hinein!“

Seine Stimme hallte durch die Halle.

Eva blieb auf der obersten Stufe stehen.

„Warum nicht?“

„Weil der Weg verschlossen ist.“

„Dann dürfte sich die Tür nicht öffnen lassen.“

Sie hielt das Amulett hoch.

„Aber sie hat sich geöffnet.“

Roderik trat auf sie zu, blieb jedoch abrupt stehen, als er das Zeichen sah.

Zum ersten Mal wirkte er nicht nur besorgt.

Er wirkte verängstigt.

„Das kann nicht sein“, flüsterte er.

Eva blickte in die Dunkelheit hinunter.

Ganz unten schimmerte ein schwaches silbernes Licht.

Und aus der Tiefe hörte sie eine Frauenstimme.

Eva.

Diesmal war sie so deutlich, als stünde Rowanna direkt neben ihr.

Er hat nicht alles bewahrt.

Eva drehte sich zu den anderen um.

„Ich muss dort hinunter.“

„Auf keinen Fall“, sagte Albrecht.

„Eva“, begann Tim vorsichtig, „wir wissen nicht, was sich dort unten befindet.“

Sie sah ihn an.

„Genau deshalb müssen wir es herausfinden.“

Roderik schüttelte langsam den Kopf.

„Ihr versteht nicht, was ihr weckt.“

Eva blickte wieder in die Tiefe.

„Dann erklären Sie es uns.“

Der Alte schloss die Augen.

Als er sie wieder öffnete, lag darin eine Müdigkeit, die viel älter schien als sein Gesicht.

„Vor langer Zeit kam ein Mann hierher“, sagte er. „Er trug ein Zeichen, das eurem Amulett glich. Er suchte den Weg nach Ardann. Er glaubte, dort die Wahrheit über Artan zu finden.“

„Und was geschah mit ihm?“, fragte Tim.

Roderik antwortete nicht sofort.

„Er kehrte zurück.“

„Dann hat er den Weg gefunden?“

„Nein“, sagte der Wirt. „Er kehrte zurück, weil er etwas mitgebracht hatte, das niemals hätte erwachen dürfen.“

Aus der Tiefe kam ein leises Knacken.

Als würde sich dort unten ein schwerer Stein bewegen.

Roderik sah Eva an.

„Und jetzt hat es deine Stimme gehört.“

Die Botschaft im Morgengrauen

Sie verbrachten den Rest der Nacht in der Halle.

Niemand wollte allein in sein Zimmer zurückkehren. Roderik entzündete weitere Holzscheite im Kamin, sagte jedoch kein Wort mehr über den Raum unter der Treppe.

Eva saß auf einer Bank und hielt das Amulett in beiden Händen.

Kurz vor Morgengrauen überkam sie eine seltsame Müdigkeit. Für einen Moment schloss sie die Augen.

Sie sah einen Fluss.

Schwarzes Wasser floss zwischen steilen Ufern. Auf der anderen Seite stand eine mächtige Eiche. Ihre Äste waren kahl, obwohl der Wald ringsum voller Blätter war.

Unter der Eiche lagen drei Steine.

Dahinter führte ein schmaler Pfad zu einem Hügel.

Auf dem Hügel stand ein Mann in einem dunklen Mantel.

Sein Gesicht lag im Schatten.

Als Eva näher kommen wollte, hob er den Kopf.

„Ihr dürft nicht zu dritt kommen“, sagte er.

Dann zerfiel das Bild.

Eva schreckte hoch.

Die Halle war leer.

Der Kamin glomm nur noch schwach. Das erste Morgenlicht fiel durch die Fenster.

Auf dem Tisch vor ihr lag ein Stück Pergament, das sie dort zuvor nicht gesehen hatte.

Daneben lag ein kleiner, dunkler Schlüssel.

Eva nahm das Pergament.

Darauf waren die drei Zeichen eingezeichnet: der Fluss, die Eiche ohne Schatten und die drei Steine.

Unter ihnen stand ein Satz.

„DER ERSTE WEG FÜHRT NICHT NACH ARDANN. ER FÜHRT ZU DEM, DER ARDANN BEWACHT.“

Eva las die Worte zweimal.

Hinter ihr knarrte eine Diele.

Roderik stand in der Tür.

„Jetzt weißt du, warum dieses Haus Caturix-Halle heißt“, sagte er.

Eva drehte sich zu ihm um.

„Nein. Das weiß ich noch nicht.“

Der Alte betrachtete den Schlüssel auf dem Tisch.

„Dann wirst du es bald erfahren.“

„Wer bewacht Ardann?“

Roderik antwortete nicht.

„Und was liegt unter dieser Halle?“

Wieder schwieg er.

Eva nahm den Schlüssel an sich.

„Ich werde es herausfinden.“

Der Wirt sah sie an, und für einen Augenblick glaubte sie, in seinen Augen Tränen zu erkennen.

„Das fürchte ich“, sagte er leise.

Draußen sprang plötzlich ein Motor an.

Sie liefen zur Tür.

Auf dem Waldweg stand Professor Albrechts Wagen. Die Scheinwerfer leuchteten, obwohl niemand am Steuer saß. Der Motor lief ruhig, als wäre nie etwas geschehen.

Tim trat neben Eva.

„Das ist unmöglich.“

Albrecht öffnete die Fahrertür und betrachtete die Instrumente.

„Die Batterie ist voll. Alles funktioniert.“

Eva blickte auf das Amulett. Es war kalt geworden.

Dann bemerkte sie etwas am Fenster neben der Eingangstür.

Auf der beschlagenen Scheibe erschien eine Schrift, als würde jemand von der anderen Seite mit dem Finger darauf schreiben.

Langsam bildeten sich drei Wörter.

GEHT NICHT ZU DRITT.

Tim las die Botschaft laut vor.

Albrecht wurde blass.

Eva spürte, wie sich die Kälte des Amuletts in ihrer Hand ausbreitete.

Sie dachte an den Mann aus ihrer Vision.

An den unbekannten Wächter von Ardann.

Und an Roderiks Worte:

Er kehrte zurück, weil er etwas mitgebracht hatte, das niemals hätte erwachen dürfen.

„Wir müssen trotzdem nach Ardann“, sagte Tim.

Eva nickte.

Doch sie sah nicht ihn an.

Sie blickte auf den Wirt.

„Herr Roderik, wer von uns dreien darf nicht mitkommen?“

Der alte Mann senkte den Blick.

Und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in der Caturix-Halle antwortete er nicht.

Kapitel 7 – Die Prophezeiung des Cathbad

Der Morgen über der Caturix-Halle war grau und still.

Eva stand vor dem beschlagenen Fenster und betrachtete die Worte, die in der vergangenen Nacht darauf erschienen waren.

GEHT NICHT ZU DRITT.

Die Schrift war inzwischen verschwunden. Nur ein schwacher Schleier auf dem Glas erinnerte daran, dass sie dort gestanden hatte.

Hinter ihr saßen Tim und Professor Albrecht am langen Tisch der Halle. Keiner von ihnen hatte besonders gut geschlafen. Zu viele Fragen waren offen geblieben, und die Begegnung mit dem alten Wirt hatte mehr Zweifel hinterlassen, als sie beantwortet hatte.

Eva drehte sich um.

„Wir können nicht einfach weiterfahren, als wäre nichts geschehen.“

„Das habe ich auch nicht vor“, erwiderte Professor Albrecht. „Aber solange wir nicht wissen, was die Warnung bedeutet, sollten wir keine überstürzten Entscheidungen treffen.“

„Und wenn wir gerade dadurch etwas verlieren?“

Der Professor sah sie nachdenklich an.

„Dann müssen wir lernen, zwischen einer Warnung und einer Aufforderung zu unterscheiden.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür zur Küche.

Roderik trat ein. In seinen Händen hielt er eine schmale, dunkle Holzschatulle.

„Ihr wollt nach Ardann“, sagte er. „Dann solltet ihr vorher etwas erfahren.“

Er stellte die Schatulle auf den Tisch.

„Was ist das?“, fragte Tim.

„Etwas, das ich lange genug verborgen gehalten habe.“

Roderik öffnete den Deckel.

Darin lag ein vergilbtes Pergament. Seine Ränder waren stellenweise verbrannt, und das Material war so brüchig, dass es aussah, als könne es bei der kleinsten Berührung zerfallen. Auf der Oberfläche standen mehrere Zeilen in einer fremdartigen Schrift. Darunter waren einige Wörter in einer jüngeren Handschrift ergänzt worden.

Eva beugte sich darüber.

„Ist das eine weitere Nachricht von Rowanna?“

„Das weiß ich nicht“, antwortete Roderik. „Aber die Worte werden seit Generationen in diesem Haus bewahrt.“

Professor Albrecht zog seine Brille aus der Tasche und setzte sie auf.

Dann erstarrte er.

„Woher haben Sie dieses Pergament?“

Der Wirt sah ihn an.

„Sie kennen die Schrift?“

„Nicht die Schrift. Den Namen, der am Rand steht.“

Albrecht deutete auf eine verblasste Zeile.

Dort war ein einziges Wort zu erkennen.

CATHBAD.

Der Professor lehnte sich zurück.

„Das ist unmöglich.“

„Was ist unmöglich?“, fragte Tim.

Albrecht antwortete nicht sofort. Er starrte auf das Pergament, als hätte er etwas entdeckt, das er lieber nicht gefunden hätte.

„Cathbad war ein Druide aus der irischen Sagenüberlieferung. Er erscheint vor allem im Ulster-Zyklus. Man schrieb ihm seherische Fähigkeiten zu, und seine Prophezeiungen kündigten häufig Unheil an.“

„Dann ist das Pergament sehr alt?“, fragte Eva.

„Das kann ich anhand einer einzelnen Zeile nicht beurteilen. Cathbad gehört zur Mythologie. Die Erzählungen wurden über lange Zeit mündlich überliefert und später niedergeschrieben. Wir dürfen nicht einfach behaupten, dieses Dokument stamme tatsächlich von ihm.“

„Aber Sie kennen den Namen“, sagte Tim.

„Mehr als mir lieb ist.“

Der Professor nahm das Pergament vorsichtig aus der Schatulle und legte es auf den Tisch.

„Vor vielen Jahren habe ich mich mit einer Sammlung düsterer Prophezeiungen beschäftigt, die Cathbad zugeschrieben wurden. Ihre Herkunft war umstritten. Einige Texte handelten von einem Fürsten, einem Verrat und einem Grab, dessen Ort nicht genannt werden durfte.“

Eva sah ihn an.

„Artan.“

Albrecht nickte langsam.

„Genau das befürchte ich.“

Roderik schloss die Tür zur Küche.

„Dann lest, was dort steht.“

Der Professor beugte sich über das Pergament und begann, die lesbaren Zeilen zu entziffern.

„Wenn der Fürst durch die Hand eines Freundes fällt, wird die Erde seinen Namen bewahren.“

Er hielt inne.

Tim blickte auf die nächsten Zeilen.

„Weiter.“

Albrecht las:

„Drei Steine stehen über dem Vergessenen. Der vierte steht außerhalb des Kreises.“

Ein kalter Schauer lief Eva über den Rücken.

„Der vierte Stein“, flüsterte sie.

Der Professor las weiter.

„Öffnet ihn nicht, wenn der Mond sein Gesicht verliert. Denn was dort gebunden liegt, kennt weder Leben noch Tod.“

Lange sagte niemand etwas.

Draußen rüttelte der Wind an den Fensterläden.

Eva dachte an die schwarze Steinplatte unter der Eiche. An den Namen Artan. An Rowannas verzweifelte Warnung.

Nicht den Stein öffnen!

„Woher stammen diese Worte?“, fragte Tim.

Roderik schüttelte den Kopf.

„Mein Vater bewahrte das Pergament auf. Sein Vater hatte es von seinem Vater erhalten. Mehr weiß ich nicht.“

„Und niemand hat versucht, es zu entschlüsseln?“, fragte Albrecht.

„Viele haben es versucht. Manche suchten nach dem Grab. Andere nach einem Schatz. Keiner fand, wonach er suchte.“

„Oder keiner kehrte zurück, um davon zu berichten“, murmelte Tim.

Roderik sah ihn scharf an.

„Auch das ist eine Möglichkeit.“

Eva nahm das Amulett aus ihrer Tasche und legte es neben das Pergament.

Sofort veränderte sich die Farbe des Metalls. Die Zeichen wurden dunkler, und für einen kurzen Moment schien ein silberner Schimmer über die Oberfläche zu laufen.

Dann erschien unter dem Namen Artan eine dünne Linie.

Eva beugte sich vor.

„Seht ihr das?“

Tim betrachtete das Amulett.

„Es sieht aus wie ein weiteres Zeichen.“

„Nein“, sagte Eva leise. „Es sieht aus wie eine Spur.“

Die Linie verschwand wieder.

Doch keiner der drei hatte sie sich eingebildet.

Der vierte Stein

Sie brachen wenig später auf.

Roderik begleitete sie bis zur Tür. Bevor Eva den Wagen erreichte, hielt er sie am Arm zurück.

„Eine Sache musst du verstehen.“

Sie sah ihn an.

„Welche?“

„Nicht alles, was dir antwortet, will dir helfen.“

Eva dachte an Rowannas Stimme. An die Worte, die sie in ihren Visionen gehört hatte. An das Gefühl, dass jemand sie aus einer längst vergangenen Zeit heraus erreichen wollte.

„Woher soll ich wissen, wem ich vertrauen kann?“

Roderik ließ ihren Arm los.

„Das wirst du nicht immer wissen können.“

„Das ist keine besonders hilfreiche Antwort.“

„Nein“, sagte er. „Aber eine ehrliche.“

Er wandte sich an die beiden Männer.

„Und ihr solltet euch an eines erinnern: Wenn ihr den vierten Stein findet, versucht nicht, ihn zu öffnen.“

Professor Albrecht nickte ernst.

„Wir haben die Prophezeiung gelesen.“

„Lesen ist nicht dasselbe wie verstehen.“

Dann trat der Wirt zurück in die Halle.

Die schwere Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

Eva blieb einen Moment stehen und betrachtete das geschnitzte Zeichen über dem Eingang. Drei Steine, ein Fluss und ein Baum.

Sie wusste nicht, warum, aber sie hatte das Gefühl, dass sie Roderik nicht zum letzten Mal gesehen hatte.

Vielleicht würde sie zurückkehren müssen.

Vielleicht würde die Caturix-Halle sie eines Tages wieder zu sich rufen.

„Eva?“, fragte Tim.

Sie drehte sich um.

„Wir sollten los.“

Sie stieg ein.

Der Wagen sprang sofort an.

Die Fahrt führte sie tiefer in die bewaldeten Hügel. Tim saß neben dem Professor und verglich die alten Karten mit seinen Aufzeichnungen. Eva betrachtete das Pergament auf ihrem Schoß.

Die Worte des Wirts gingen ihr nicht aus dem Kopf.

Drei Steine stehen über dem Vergessenen. Der vierte steht außerhalb des Kreises.

„Vielleicht haben wir den vierten Stein falsch verstanden“, sagte sie plötzlich.

Tim drehte sich zu ihr um.

„Inwiefern?“

„Wir dachten, die drei Steine zeigen uns den Weg. Aber vielleicht sind sie gar keine Wegweiser. Vielleicht bilden sie eine Grenze.“

Albrecht blickte kurz in den Rückspiegel.

„Eine Grenze zwischen was?“

„Das weiß ich nicht. Aber wenn der vierte Stein außerhalb des Kreises steht, könnte er etwas markieren, das nicht zu den anderen gehört.“

Tim dachte darüber nach.

„Ein verschlossener Zugang?“

„Oder etwas, das absichtlich getrennt wurde“, sagte Eva.

Der Professor nickte langsam.

„Das wäre mit der Prophezeiung vereinbar. Aber wir sollten daraus noch keine Gewissheit ableiten.“

„Dann finden wir es heraus“, sagte Eva.

Sie nahm die Karte und zeigte auf einen alten Waldabschnitt am Rand von Ardann.

„Dornhain. Der Name taucht auf zwei unserer Karten auf. Hier muss der Fluss verlaufen, den wir suchen.“

Tim verglich die Linien.

„Du hast recht. Der Fluss wurde offenbar später umgeleitet. Der alte Lauf müsste weiter östlich liegen.“

„Und wenn der schweigende Fluss unser Anfang ist, führt er uns zur Eiche.“

Professor Albrecht lenkte den Wagen auf eine schmale Straße.

„Dann fahren wir nach Dornhain.“

Keiner von ihnen bemerkte, dass auf der Rückseite des Pergaments langsam eine neue Zeile erschien.

Die Schrift war so blass, dass sie im wechselnden Licht kaum zu erkennen war.

WER DEN WEG KENNT, IST NICHT IMMER DER WÄCHTER.

Die Eiche ohne Schatten

Am frühen Nachmittag mussten sie den Wagen an einer überwucherten Weggabelung zurücklassen.

Der Wald war hier dichter als zuvor. Moos bedeckte die Steine am Wegesrand, und die Luft roch nach nasser Erde. Zwischen den Bäumen lag ein stiller Nebel, obwohl es seit Stunden nicht mehr geregnet hatte.

Tim trug die Karte. Professor Albrecht hatte das Pergament in einer Schutzhülle verstaut. Eva ging voraus und hielt das Amulett in der Hand.

Es war warm.

Nicht heiß, nicht bedrohlich.

Es fühlte sich an, als würde es auf etwas reagieren, das sie noch nicht sehen konnte.

„Hier entlang“, sagte sie.

Der Pfad führte zwischen zwei Felsen hindurch und fiel dann sanft ab. Nach einigen Minuten hörten sie Wasser.

„Der Fluss“, sagte Tim.

Sie folgten dem Geräusch, bis sie an ein schmales Gewässer kamen. Das Wasser floss langsam zwischen moosbewachsenen Ufern. Keine Wellen waren zu sehen, obwohl die Strömung deutlich erkennbar war.

„Der schweigende Fluss“, murmelte Albrecht.

Am gegenüberliegenden Ufer führte ein kaum sichtbarer Pfad in den Wald.

Eva überquerte den Fluss über einige flache Steine. Die anderen folgten ihr.

Je tiefer sie in den Wald gelangten, desto stiller wurde es. Schließlich öffnete sich zwischen den Bäumen eine kleine Lichtung.

In ihrer Mitte stand eine gewaltige Eiche.

Ihre Äste waren kahl. Keine Blätter bewegten sich im Wind, obwohl die Bäume ringsum noch dicht belaubt waren.

Eva blieb stehen.

„Die Eiche ohne Schatten.“

Tim blickte auf den Boden.

„Das ist unmöglich.“

Die Eiche warf tatsächlich keinen Schatten. Das Licht fiel auf ihren Stamm und die knorrigen Äste, doch unter ihr lag nur ein gleichmäßiges Grau.

Drei große Steine standen in einem Halbkreis vor dem Stamm.

Professor Albrecht trat näher und untersuchte ihre Oberfläche.

„Das Zeichen ist dasselbe wie auf dem Pergament.“

Auf dem mittleren Stein war ein Symbol eingeritzt, das dem Zeichen auf dem Amulett glich.

Eva legte das Amulett darauf.

Ein leises Summen ertönte.

Silbernes Licht glitt über den Stein und zog eine dünne Linie über den Boden. Sie endete an einer Stelle zwischen den drei Steinen.

Dort schoben sich unter dem Laub die Ränder einer flachen Steinplatte hervor.

Tim kniete sich hin und entfernte vorsichtig die Erde.

Die Platte war schwarz und glatt, als hätte jemand sie aus einem einzigen Stück dunklen Glases gefertigt.

In ihrer Mitte lag ein vierter Stein.

Er war kleiner als die anderen und teilweise in die Platte eingelassen.

Auf seiner Oberfläche stand ein Name.

ARTAN.

Eva wich zurück.

Das Amulett wurde eiskalt.

Sie hörte Rowannas Stimme.

Nicht den Stein öffnen!

„Was ist los?“, fragte Tim.

Eva konnte zunächst nicht antworten.

„Rowanna“, flüsterte sie schließlich. „Sie warnt uns. Sie will nicht, dass wir den Stein öffnen.“

Professor Albrecht beugte sich über die Platte, ohne sie zu berühren.

„Dann könnte der vierte Stein tatsächlich ein Verschluss sein.“

„Für Artans Grab?“, fragte Tim.

„Das wissen wir nicht.“

Eva starrte auf den Namen.

„Vielleicht ist es überhaupt kein Grab.“

Sie dachte an die Prophezeiung.

Denn was dort gebunden liegt, kennt weder Leben noch Tod.

„Vielleicht ist es etwas, das Rowanna dort eingeschlossen hat.“

Der Wind strich über die Lichtung.

Für einen Augenblick glaubte Eva, zwischen den Bäumen eine Gestalt zu sehen.

Eine Frau mit langem Haar.

Doch als sie genauer hinsah, war dort nur das dunkle Dickicht.

Die zweite Prophezeiung

Tim untersuchte die drei großen Steine genauer.

„Hier sind weitere Zeichen.“

Er deutete auf die Rückseite des linken Steins. Die Gravuren waren fast vollständig von Moos bedeckt. Mit einem Tuch reinigte er vorsichtig die Oberfläche.

Professor Albrecht kniete sich neben ihn.

„Diese Zeichen erinnern an eine alte Inschrift, aber ich kann sie nicht sicher zuordnen.“

„Können Sie etwas lesen?“, fragte Eva.

„Einzelne Zeichen vielleicht. Aber keine zusammenhängende Übersetzung.“

Er zog sein Notizbuch hervor und verglich die Inschrift mit der Abschrift aus der Caturix-Halle.

Dann hielt er inne.

„Das ist merkwürdig.“

„Was?“, fragte Tim.

„Einige Wörter stimmen mit der Prophezeiung überein, die ich vorhin vorgelesen habe. Aber diese Fassung enthält weitere Zeilen.“

Er begann, die lesbaren Worte zu entziffern.

„Der erste Stein zeigt den Weg.“

Er fuhr mit dem Finger über die nächste Zeile.

„Der zweite bewahrt die Erinnerung.“

Dann die dritte:

„Der dritte schützt den Namen.“

Eva sah auf den schwarzen Stein in der Mitte der Platte.

„Und der vierte?“

Albrecht zögerte.

„Der vierte aber trägt die Schuld.“

Niemand sprach.

Schließlich las der Professor weiter:

„Wenn der Mond ohne Gesicht am Himmel steht, wird der Wächter erwachen. Und wer den Namen spricht, muss entscheiden, wen er verliert.“

Tim richtete sich langsam auf.

„Das ist Cathbad.“

„Es ist eine Prophezeiung, die Cathbad zugeschrieben wird“, korrigierte Albrecht. „Ob sie wirklich aus der Zeit stammt, die wir untersuchen, ist nicht bewiesen.“

„Aber sie passt zu Artan“, sagte Eva.

Der Professor nickte widerwillig.

„Ja. Und das macht sie so beunruhigend.“

Eva betrachtete den vierten Stein.

„Was bedeutet es, dass er die Schuld trägt?“

„Vielleicht die Schuld des Verrats“, sagte Tim. „Movran hat Artan getötet.“

„Oder die Schuld dessen, der ihn nicht retten konnte“, erwiderte Eva.

Sie dachte an Rowannas Vision.

Ich will nichts bewahren. Ich will dich.

Und an die Worte, die später auf dem Pergament erschienen waren:

Doch ich konnte bewahren, was er mir anvertraute.

Vielleicht war Rowanna nicht nur die Hüterin eines Geheimnisses gewesen.

Vielleicht war sie auch diejenige, die eine Entscheidung getroffen hatte, deren Folgen bis in die Gegenwart reichten.

„Wir sollten den Stein nicht berühren“, sagte Albrecht.

Eva nickte.

Doch in diesem Augenblick veränderte sich das Licht über der Lichtung.

Die Wolken zogen zusammen. Der Wald wurde dunkler, obwohl es noch früher Nachmittag war.

Und aus der Tiefe der Erde kam ein leises Knacken.

Was den Tod überdauert

Eva trat einen Schritt zurück.

Auf der Oberfläche des vierten Steins erschien ein feiner Riss.

Er war kaum breiter als ein Haar.

Silbernes Licht schimmerte darin.

Tim starrte auf die Platte.

„Hat jemand den Stein berührt?“

„Nein“, sagte Albrecht.

Eva hielt das Amulett fest umschlossen.

Es vibrierte so stark, dass ihr die Hand schmerzte.

Dann hörten sie eine Stimme.

Sie kam aus dem Wald, aus dem Boden und zugleich aus einer unbestimmbaren Ferne.

Eine Männerstimme.

Tief. Rau. Zornig.

„Ihr habt den Namen gefunden.“

Tim fuhr herum.

„Wer ist da?“

Die Stimme antwortete:

„Aber ihr kennt die Schuld nicht.“

Die Luft auf der Lichtung wurde eisig.

Professor Albrecht wich von der Platte zurück. Zum ersten Mal sah Eva, dass auch er Angst hatte.

Der Riss im Stein wurde ein wenig breiter.

Rowannas Stimme erklang erneut, diesmal so deutlich, als stünde sie direkt hinter Eva.

Geht!

Eva packte Tim am Arm.

„Wir müssen weg.“

„Aber wir haben noch nicht—“

„Jetzt!“

Sie liefen zurück zum Pfad. Albrecht folgte ihnen, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Erst am Fluss blieben sie stehen.

Das Wasser floss wieder hörbar zwischen den Steinen hindurch. Vögel riefen in den Baumwipfeln, und der Wind bewegte die Äste.

Die unheimliche Stille war verschwunden.

Tim rang nach Atem.

„Was war das?“

Niemand antwortete.

Professor Albrecht sah auf seine Hände. Sie zitterten leicht.

„Ich weiß es nicht“, sagte er schließlich. „Und ich werde nicht so tun, als könnte ich es erklären.“

Eva öffnete ihre Hand.

Das Amulett war wieder kalt und dunkel.

Doch unter Artans Namen war ein neues Zeichen erschienen.

Ein kleiner Halbmond, dessen Mitte vollkommen schwarz war.

Eva zeigte es den beiden Männern.

Albrecht wurde bleich.

„Der mondlose Mond“, flüsterte er.

„Was bedeutet das?“, fragte Tim.

Der Professor schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es nicht. Aber wenn die Prophezeiung recht hat, dann könnte das, was dort gebunden liegt, bald erwachen.“

Eva blickte zurück in Richtung der Lichtung.

„Dann müssen wir herausfinden, was der vierte Stein bewahrt.“

„Und wie wollen wir das tun?“, fragte Tim.

Sie dachte an Roderik, an Cathbad und an Rowanna.

„Nicht, indem wir ihn öffnen.“

Sie steckte das Amulett ein.

„Wir müssen zuerst herausfinden, warum er verschlossen wurde.“

Die Worte, die fehlten

Als sie den Wagen erreichten, war es bereits später Nachmittag.

Professor Albrecht setzte sich auf den Fahrersitz, startete den Motor und wartete, bis Tim und Eva eingestiegen waren.

Doch bevor er losfuhr, holte er die Abschrift der Prophezeiung aus seiner Tasche.

„Etwas stimmt nicht“, sagte er.

Tim drehte sich zu ihm.

„Was meinen Sie?“

„Die Fassung, die ich vor Jahren untersucht habe, endete mit den Worten: Denn was dort gebunden liegt, kennt weder Leben noch Tod. Die Zeilen über den vierten Stein und den Wächter standen in meiner Abschrift nicht.“

„Vielleicht gibt es mehrere Fassungen“, sagte Eva.

„Das ist möglich. Aber es gibt noch etwas.“

Der Professor zeigte auf den unteren Rand des Pergaments.

Dort war ein Stück der Schrift abgeschabt worden. Nur wenige Buchstaben waren übrig geblieben.

Albrecht verglich sie mit seinen Notizen.

Dann schloss er das Notizbuch.

„Ich muss meine alten Unterlagen finden. Vielleicht gibt es eine vollständige Fassung.“

„Und wenn nicht?“, fragte Tim.

„Dann müssen wir nach einer anderen Quelle suchen.“

Eva sah aus dem Fenster.

Der Wald lag still da. Zwischen den Bäumen schien für einen Moment ein silbernes Licht aufzuleuchten.

Sie blinzelte.

Es war verschwunden.

„Rowanna wollte, dass wir den Ort finden“, sagte sie leise. „Aber sie wollte nicht, dass wir den Stein öffnen.“

Tim nickte.

„Vielleicht hat sie uns nur bis zu diesem Punkt führen können.“

„Oder sie versucht, uns vor etwas zu schützen, das sie selbst nicht mehr kontrollieren kann“, sagte Eva.

Der Professor startete den Wagen wieder und fuhr langsam vom Waldrand fort.

Keiner von ihnen bemerkte, dass auf der Rückseite des Pergaments eine letzte Zeile sichtbar wurde.

Sie erschien erst, als der Wagen die Straße nach Ardann erreichte.

Die Tinte war schwarz wie die Oberfläche des vierten Steins.

„DER WÄCHTER IST NICHT DER, DEN IHR SUCHT.“

Und tief im Wald, unter der Eiche ohne Schatten, antwortete etwas mit einem leisen, kaum hörbaren Klopfen.

Dreimal.

Dann ein viertes Mal.

Kapitel 8 – Das Ritual der Bewahrung

Der Regen hatte aufgehört, doch der Himmel über der Universität blieb grau. Professor Albrecht saß seit Stunden in seinem Arbeitszimmer. Vor ihm lagen Bücher über keltische Kultstätten, vergilbte Notizzettel und mehrere Abschriften alter Texte. Eine Schreibtischlampe warf einen gelblichen Lichtkreis auf die Dokumente.

Immer wieder kehrte sein Blick zu der Prophezeiung zurück, die sie unter der Eiche in Dornhain gefunden hatten.

Der vierte aber trägt die Schuld.

Und darunter die Warnung, die ihnen auf der Rückfahrt erschienen war:

DER WÄCHTER IST NICHT DER, DEN IHR SUCHT.

Albrecht rieb sich die müden Augen. Etwas stimmte nicht. Die Fassung, die er kannte, war unvollständig. Nicht nur ein paar Zeilen fehlten. Es schien, als hätte jemand bewusst jene Passagen ausgelassen, die den Sinn der Prophezeiung verändert hätten.

Er stand auf, ging zu einem hohen Schrank und zog eine schmale Schublade auf. Darin lagen seine älteren Forschungsnotizen, geordnet nach Fundorten und historischen Überlieferungen. Er blätterte, bis er auf eine Mappe stieß, die er seit Jahren nicht mehr geöffnet hatte.

Auf dem Deckblatt stand in seiner Handschrift:

Cathbad – Überlieferungen zu Schwellenorten und Totenriten.

Albrecht hielt inne.

„Das kann doch nicht sein“, murmelte er.

Zwischen zwei Seiten steckte eine Fotokopie eines handschriftlichen Dokuments. Am Rand hatte er vor vielen Jahren eine Notiz angebracht: Zweite Fassung. Herkunft ungeklärt. Möglicherweise Abschrift einer älteren Überlieferung.

Er legte das Blatt unter die Lampe.

Die Schrift war unregelmäßig. Manche Buchstaben waren kaum zu erkennen. Doch die Worte, die er entziffern konnte, ließen ihn langsam den Atem anhalten.

Drei Steine stehen im Kreis des Erinnerns.

Der vierte steht außerhalb des Kreises.

Drei bewahren den Weg.

Einer bewahrt die Entscheidung.

Öffne nicht, was der Druide versiegelte.

Denn nicht jeder Gefangene ist ein Feind.

Nicht jeder Tote ist verloren.

Und nicht jeder Wächter lebt.

Albrecht las die letzten Zeilen ein zweites Mal.

Dann griff er nach seinem Telefon.

„Tim?“, sagte er, als sein ehemaliger Student abhob. „Du musst mit Eva zu mir kommen. Sofort. Ich glaube, ich habe etwas gefunden, das wir bei der Eiche übersehen haben.“

„Die vierte Prophezeiung?“, fragte Tim.

„Nein.“ Albrechts Stimme wurde leiser. „Etwas, das uns erklären könnte, warum sie überhaupt existiert.“

Die zweite Fassung

Eine Stunde später saßen Eva und Tim dem Professor gegenüber. Zwischen ihnen lag die neue Abschrift. Eva betrachtete die verblassten Zeilen, während Tim bereits die Unterschiede zur ersten Fassung verglich.

„In der anderen Version hieß es, der vierte Stein trage die Schuld“, sagte er. „Hier bewahrt er die Entscheidung.“

„Vielleicht ist das dasselbe“, erwiderte Albrecht. „Eine Schuld entsteht oft durch eine Entscheidung. Aber wir wissen nicht, wessen Entscheidung gemeint ist.“

Eva legte die Fingerspitzen auf den Rand des Papiers.

„Rowannas“, sagte sie leise.

Tim sah sie an. „Warum glaubst du das?“

„Weil sie Artan nicht retten konnte.“ Eva schluckte. „Aber sie hat etwas bewahrt, das ihm wichtig war. Vielleicht musste sie sich zwischen zwei Dingen entscheiden. Ihn zu retten oder das zu schützen, was er ihr anvertraut hatte.“

Professor Albrecht lehnte sich zurück.

„Das ist möglich. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir bisher nur Bruchstücke einer Geschichte kennen. Wir wissen nicht, ob die Überlieferungen tatsächlich aus derselben Zeit stammen.“

„Und was bedeutet das Ritual?“, fragte Tim. „In der ersten Fassung wird von einem Druiden gesprochen, der etwas versiegelt hat.“

Der Professor zog ein weiteres Buch heran.

„Wir kennen aus verschiedenen keltischen Überlieferungen heilige Orte, Opfergaben, Weissagungen und Rituale im Zusammenhang mit bestimmten Festzeiten. Aber ein fest umrissenes historisches Ritual, das genau zu diesen vier Steinen passt, ist nicht belegt. Wenn wir die beiden Fassungen ernst nehmen, müssen wir das Ritual zunächst aus den Hinweisen rekonstruieren.“

Er deutete auf die Worte Kreis des Erinnerns.

„Vielleicht ging es nicht darum, etwas zu beschwören. Vielleicht sollte etwas geschützt werden.“

„Ein Ritual der Bewahrung“, flüsterte Eva.

Das Wort schien den Raum zu verändern.

Nicht wirklich. Es wurde nicht dunkler, und kein Windstoß fuhr durch die Fenster. Trotzdem hatte Eva für einen Moment das Gefühl, als hätte jemand ihren Satz gehört.

Jemand, der sehr lange darauf gewartet hatte.

Das Ritual der Bewahrung

Albrecht stand auf und holte eine weitere Mappe aus dem Schrank. Darin befand sich die Zeichnung einer steinernen Kultstätte. Sie zeigte drei größere Steine, die einen offenen Halbkreis bildeten. Ein vierter Stein stand außerhalb davon.

In der Mitte war ein kleines Zeichen eingezeichnet: ein Kreis, durch den eine senkrechte Linie führte.

„Diese Zeichnung stammt aus einer späteren Abschrift“, erklärte der Professor. „Ob sie einen realen Ort zeigt oder eine symbolische Darstellung, ist unklar. Aber die Anordnung erinnert auffällig an das, was wir in Dornhain gesehen haben.“

Tim beugte sich über die Zeichnung.

„Drei Steine im Halbkreis. Der vierte außerhalb.“

„Ja. Doch hier gibt es einen Unterschied.“ Albrecht tippte auf den Mittelpunkt. „Der Innenraum ist leer. Es ist nichts eingezeichnet, das dort eingeschlossen wäre.“

„Vielleicht sollte dort etwas liegen“, sagte Eva.

„Oder jemand“, entgegnete Tim.

Niemand sprach weiter.

Schließlich zog Albrecht ein leeres Blatt heran und begann, die Hinweise aufzuschreiben.

„Nehmen wir an, Rowanna wollte etwas bewahren, das Artan ihr anvertraut hatte. Dann könnte das Ritual aus drei Teilen bestanden haben.“

Er schrieb:

Erstens: Das Erinnern.

„Der Name desjenigen, für den das Ritual vollzogen wurde, musste ausgesprochen oder in ein Zeichen übertragen werden. Nicht, um ihn zurückzurufen, sondern damit er nicht vergessen wurde.“

Zweitens: Das Bewahren.

„Ein Gegenstand, ein Wissen oder eine Wahrheit wurde einem Ort anvertraut. Die Steine markierten möglicherweise die Grenze. Das Amulett könnte dabei eine Rolle gespielt haben.“

Drittens: Die Entscheidung.

Albrecht hielt inne.

„Und hier wird es schwierig. Wer etwas bewahrt, entscheidet zugleich, was verborgen bleiben muss. Vielleicht durfte das Geheimnis nicht geöffnet werden, solange die Folgen seiner Enthüllung nicht verstanden waren.“

Tim sah auf das Amulett, das vor Eva auf dem Tisch lag.

„Dann ist es kein gewöhnlicher Schlüssel.“

„Vielleicht ist es überhaupt kein Schlüssel, wie wir ihn verstehen“, sagte der Professor. „Vielleicht zeigt es uns nicht nur, wo etwas verborgen liegt. Vielleicht prüft es auch, wer bereit ist, die Wahrheit zu erfahren.“

Eva hörte kaum noch zu.

Das Amulett lag still auf dem Tisch.

Doch unter seiner dunklen Oberfläche glaubte sie einen silbrigen Schimmer zu erkennen.

Sie beugte sich vor.

„Habt ihr das gesehen?“

Tim sah auf. „Was?“

Da begann das Amulett zu vibrieren.

Ganz leicht.

Das Papier unter ihm bewegte sich, obwohl kein Luftzug durch das Zimmer ging. Das silberne Licht wurde heller und zeichnete sich in feinen Linien auf der Tischplatte ab.

Ein Kreis entstand.

Drei kurze Striche erschienen darin.

Dann öffnete sich der Kreis an einer Stelle.

Eva hörte einen leisen Laut. Zuerst glaubte sie, es sei der Wind draußen. Doch der Laut wurde deutlicher.

Ein Flüstern.

Erinnere dich.

Eva wollte antworten, aber ihre Lippen gehorchten ihr nicht.

Die Lampe über dem Tisch flackerte.

Und plötzlich war das Arbeitszimmer verschwunden.

Die Vision

Eva stand in einem Wald, den sie noch nie betreten hatte.

Über ihr wölbten sich mächtige Eichen. Ihre Äste waren so dicht miteinander verwoben, dass nur einzelne Streifen des Abendhimmels hindurchdrangen. Zwischen den Stämmen lagen Nebelschwaden. Der Boden war mit feuchtem Moos bedeckt, und irgendwo in der Ferne rauschte Wasser.

Vor ihr befand sich eine Lichtung.

Drei große Steine bildeten einen offenen Halbkreis. Der vierte stand einige Schritte entfernt, dunkel und glatt wie erstarrte Nacht.

In der Mitte der Lichtung kniete eine Frau.

Rowanna.

Ihr langes, graues Haar fiel über ein schlichtes Gewand. In ihrer rechten Hand hielt sie einen Stab aus Eichenholz. In der linken lag ein kleines Amulett.

Eva erkannte es sofort.

Es war dasselbe Amulett, das jetzt auf dem Schreibtisch des Professors lag.

Doch in Rowannas Händen schien es lebendig zu sein. Ein schwaches Licht pulsierte darin, als würde es auf einen Herzschlag reagieren.

Neben der Druidin stand ein junger Mann.

Artan.

Sein Gesicht war blass, und an seiner Seite zeichnete sich unter dem zerrissenen Stoff eine dunkle Wunde ab. Er wirkte erschöpft, aber in seinen Augen lag eine Ruhe, die Eva beinahe mehr erschreckte als seine Verletzung.

Er nahm Rowannas Hand.

„Du musst es bewahren“, sagte er.

„Ich will nicht dein Vermächtnis bewahren.“ Rowannas Stimme brach. „Ich will, dass du bei mir bleibst.“

Artan schloss für einen Moment die Augen.

„Wenn du mich liebst, musst du mir vertrauen.“

„Vertrauen?“ Sie sah ihn verzweifelt an. „Du verlangst von mir, dich gehen zu lassen.“

„Nein“, flüsterte er. „Ich verlange von dir, nicht alles mit mir sterben zu lassen.“

Dann legte er das Amulett in ihre Hand.

Eva spürte einen heftigen Schmerz in ihrer Brust, als wäre diese Erinnerung nicht nur eine Geschichte, sondern etwas, das sie selbst erlebt hatte.

Artan trat aus dem Steinkreis.

Er ging zu dem vierten Stein und legte die Hand darauf.

Sofort lief ein dunkler Riss über dessen Oberfläche.

Rowanna schrie auf.

„Nicht! Du darfst ihn nicht berühren!“

Artan zog die Hand zurück. Der Riss verschwand, doch unter dem Stein glomm etwas auf, das weder Feuer noch Licht zu sein schien.

Eine Stimme erhob sich aus der Tiefe.

„Die Schuld ist noch nicht bezahlt.“

Artan erstarrte.

Rowanna sprang auf und stellte sich zwischen ihn und den Stein.

„Die Schuld gehört nicht ihm!“

„Noch nicht“, antwortete die Stimme.

Der Wald schien den Atem anzuhalten.

Dann begann Rowanna mit dem Ritual.

Sie legte das Amulett in die Mitte des Halbkreises und zog mit dem Eichenstab eine Linie in das feuchte Erdreich. Sie verband die drei Steine miteinander, ließ aber die Stelle zum vierten Stein offen.

Eva begriff, dass es kein geschlossener Kreis war.

Es sollte keiner sein.

Rowanna hob beide Hände.

Ihre Worte waren in einer Sprache gesprochen, die Eva nicht kannte. Sie klangen alt, voller harter und weicher Laute, und doch verstand Eva plötzlich ihre Bedeutung. Nicht mit dem Verstand. Es war, als würde die Erinnerung selbst die Worte in ihr übersetzen.

Was geliebt wurde, soll nicht verloren gehen.

Was anvertraut wurde, soll nicht verraten werden.

Was verborgen liegt, soll nicht erwachen, bevor die Wahrheit erkannt ist.

Mit jedem Satz glomm einer der drei Steine auf.

Beim ersten erschien ein silberner Lichtstreifen.

Beim zweiten leuchtete ein tiefes Blau.

Beim dritten breitete sich ein warmes Gold aus.

Der vierte Stein blieb schwarz.

Rowanna nahm das Amulett wieder an sich und drückte es an ihre Brust.

„Ich bewahre seinen Namen“, sagte sie. „Ich bewahre seine Erinnerung. Und ich bewahre das, was er mir anvertraut hat.“

Ein Windstoß fuhr durch die Lichtung.

Die Blätter der Eichen wirbelten auf. Der Nebel schoss zwischen den Steinen hindurch und schloss sich um Rowanna.

Artan stand nun am Rand des Waldes. Er war blasser geworden. Seine Gestalt begann sich aufzulösen, als würde die Dämmerung ihn verschlucken.

„Rowanna!“, rief Eva, ohne zu wissen, warum sie seinen Namen aussprach.

Die Druidin blickte direkt zu ihr.

Nicht an ihr vorbei.

Nicht durch sie hindurch.

Sie sah Eva an.

„Du bist gekommen“, sagte Rowanna.

Eva wollte zu ihr laufen, doch ihre Füße waren wie im Boden verwurzelt.

„Was muss ich tun?“, rief sie. „Was bewahrst du?“

Rowanna hob das Amulett.

„Nicht alles, was eingeschlossen ist, muss befreit werden.“

Der vierte Stein begann zu zittern.

Ein dumpfer Schlag drang aus seinem Inneren.

Dann ein zweiter.

Beim dritten Schlag zerbrach ein kleiner Teil der Oberfläche. Dahinter glomm silbernes Licht, durchzogen von schwarzen Fäden.

Rowanna wandte sich dem Stein zu.

„Du wirst nicht öffnen, was ich verschlossen habe“, sagte sie mit einer Kraft, die Eva ihr nicht zugetraut hätte.

Das Licht im Stein erlosch.

Die Stille kehrte zurück.

Rowanna sank auf die Knie. Das Amulett lag in ihren Händen, und Tränen liefen über ihr Gesicht.

„Ich konnte ihn nicht retten“, flüsterte sie.

Dann hob sie den Kopf und sah Eva ein letztes Mal an.

„Aber ich konnte bewahren, was er mir anvertraute.“

Die Lichtung verblasste.

Die Bäume verschwanden im Nebel.

Und Rowannas Stimme begleitete Eva in die Dunkelheit.

„Wenn ihr die Wahrheit sucht, verwechselt sie nicht mit der Erlösung.“

Die Botschaft aus der Vergangenheit

„Eva!“

Jemand rüttelte sanft an ihrer Schulter.

Sie fuhr hoch.

Sie saß noch immer im Arbeitszimmer des Professors. Tim kniete neben ihrem Stuhl, während Albrecht das Amulett mit einem Taschentuch vom Tisch gehoben hatte.

„Was ist passiert?“, fragte Tim. „Du warst plötzlich nicht mehr ansprechbar.“

Eva atmete schwer. Ihre Hände zitterten.

„Ich habe Rowanna gesehen.“

Albrecht legte das Amulett vorsichtig auf ein Stück Stoff.

„Eine Vision?“

Eva nickte. Sie erzählte von der Lichtung, den drei Steinen, dem schwarzen vierten Stein und dem Ritual. Je mehr sie berichtete, desto stiller wurden die beiden Männer.

Als sie die Worte wiederholte, die Rowanna gesprochen hatte, zog Tim die zweite Fassung der Prophezeiung näher heran.

„Drei bewahren den Weg. Einer bewahrt die Entscheidung“, murmelte er. „Das passt zu dem, was du gesehen hast.“

„Und die offene Stelle im Kreis“, sagte Eva. „Sie war absichtlich offen. Rowanna wollte den vierten Stein nicht in den Kreis aufnehmen.“

Albrecht sah sie nachdenklich an.

„Vielleicht sollte das Ritual etwas von der Welt trennen. Aber es könnte ebenso gut eine Grenze geschaffen haben, die nicht überschritten werden durfte.“

„Dann ist der vierte Stein kein Teil des Schutzes“, sagte Tim. „Er ist das, wovor geschützt werden soll.“

Eva schüttelte langsam den Kopf.

„Nein. Das glaube ich nicht.“

Beide sahen sie an.

„Rowanna hatte keine Angst vor dem Stein selbst. Sie hatte Angst davor, dass jemand ihn öffnen würde. Als sie das Ritual vollendete, sagte sie, dass nicht alles, was eingeschlossen ist, befreit werden muss.“

Sie sah auf ihre Hände. Noch immer glaubte sie, die Wärme des Amuletts darin zu spüren.

„Vielleicht hat sie nicht etwas Böses eingeschlossen. Vielleicht hat sie etwas bewahrt, das nur dann gefährlich wird, wenn wir es falsch verstehen.“

Professor Albrecht schwieg lange.

Dann nahm er die zweite Fassung der Prophezeiung und legte sie neben die erste.

„Wir haben bisher angenommen, dass Artans Geheimnis unter der Eiche verborgen liegt. Aber wenn deine Vision stimmt, dann könnte die Eiche nur ein Teil des Rituals gewesen sein.“

„Und der vierte Stein?“, fragte Tim.

„Vielleicht ist er die Grenze zwischen dem, was bewahrt wurde, und dem, was niemals wieder ans Licht gelangen sollte.“

Eva blickte zum Fenster.

Draußen hatte sich der Himmel verdunkelt, obwohl es noch nicht spät war. In der Scheibe spiegelte sich für einen kurzen Moment eine Gestalt mit langem, grauem Haar.

Eva drehte sich um.

Niemand stand hinter ihr.

Doch auf dem Tisch, unmittelbar neben den beiden Prophezeiungen, lag plötzlich ein dünner Streifen Pergament, den keiner von ihnen zuvor bemerkt hatte.

Die Schrift darauf war frisch und dunkel.

Eva beugte sich vor und las:

„WAS BEWAHRT WERDEN MUSS, LIEGT NICHT UNTER DEM STEIN.“

Darunter erschien langsam eine zweite Zeile.

„SUCHT DEN ORT, AN DEM ROWANNA ABSCHIED NAHM.“

Tim sah den Professor an.

„Der Druidenhain.“

Albrecht schüttelte den Kopf.

„Vielleicht. Oder ein anderer Ort, an dem das Ritual vollendet wurde.“

Eva spürte erneut die Gegenwart Rowannas. Diesmal war es kein Flüstern, keine Vision. Es war ein stilles Gefühl, als stünde die Druidin irgendwo in der Nähe und wartete darauf, dass Eva verstand.

Dann erschien auf dem Pergament ein letztes Zeichen: ein Halbkreis, drei Striche und ein einzelner Punkt außerhalb der Linie.

Das Amulett blieb dunkel.

Doch tief unter der Erde, weit entfernt in Dornhain, antwortete etwas auf das Zeichen.

Ein einzelner Schlag hallte durch den Wald.

Nicht dreimal wie zuvor.

Nur einmal.

Und diesmal klang es nicht wie eine Warnung.

Sondern wie eine Antwort.


Kapitel 9 – Das Tor zwischen den Welten

Der Morgen war grau und still, als Eva vor dem Fenster stand und auf die Straße hinunterblickte. Seit ihrer Vision im Arbeitszimmer von Professor Albrecht hatte sie kaum geschlafen. Immer wieder sah sie Rowanna vor sich, kniend zwischen den Steinen, das Amulett an ihre Brust gedrückt. Und immer wieder hörte sie ihre Stimme.

Was bewahrt werden muss, liegt nicht unter dem Stein.

Was hatte Rowanna damit gemeint?

Auf dem Tisch lag die zweite Fassung der Cathbad-Prophezeiung. Daneben befand sich die alte Karte, auf der Professor Albrecht am Vorabend die beiden Steinkreise eingezeichnet hatte. Die Linien schienen sich an einem einzigen Punkt zu berühren.

Eva strich mit dem Finger über die Zeichnung.

Zwei Orte.

Eine Verbindung.

Und ein Geheimnis, das selbst nach zweitausend Jahren nicht bereit war, sich preiszugeben.

Als es an der Tür klingelte, zuckte sie zusammen.

Tim stand draußen. Er hatte eine Thermoskanne Kaffee und eine Ledermappe unter dem Arm.

„Du siehst aus, als hättest du die ganze Nacht mit Rowanna gesprochen“, sagte er.

„Vielleicht habe ich das.“

Tim lächelte kurz, doch sein Blick wurde ernst, als er die Karte sah.

„Der Professor wartet bereits. Er hat etwas entdeckt.“

„Was?“

„Eine mögliche Erklärung dafür, was die Steine wirklich tun.“

Eva griff nach dem Amulett.

Es war ungewöhnlich kalt.

1. Die verborgene Ordnung

Professor Albrecht hatte seinen Wagen bereits vor dem Gebäude geparkt. Auf dem Beifahrersitz lagen mehrere Bücher und eine Mappe mit den Kopien alter Zeichnungen.

Als Eva und Tim einstiegen, reichte er ihnen eine Skizze.

„Ich habe die Steinpositionen von Dornhain mit der Zeichnung des Druidenhains verglichen“, erklärte er. „Dabei ist mir etwas aufgefallen, das wir bisher übersehen haben.“

Die Skizze zeigte zwei Kreise. Jeder bestand aus drei kleineren Zeichen, die um einen Mittelpunkt angeordnet waren. Zwischen den Kreisen verlief eine schmale Linie.

„Die Kreise stehen nicht für zwei Gruppen von Steinen“, sagte Tim nach kurzem Betrachten. „Sie stehen für zwei Orte.“

„Genau. Zumindest ist das die plausibelste Deutung unserer Zeichnung.“

Albrecht tippte auf den Verbindungspunkt.

„Dieser Punkt entspricht dem vierten Stein. Er steht weder im ersten noch im zweiten Kreis. Er liegt außerhalb beider Anordnungen und verbindet sie trotzdem.“

Eva betrachtete das Bild genauer.

„Dann gehört der vierte Stein zu keinem der beiden Orte.“

„Oder zu beiden“, sagte Tim.

Der Professor nickte langsam.

„Das ist der entscheidende Unterschied. Vielleicht war der vierte Stein nicht dazu bestimmt, einen Kreis zu vervollständigen. Vielleicht sollte er eine Verbindung ermöglichen, ohne die Grenze zwischen den beiden Orten aufzuheben.“

Eva dachte an ihre Vision zurück. An das Licht, das zwischen den Steinen aufgetaucht war. An die zweite Lichtung, die sie durch den Lichtbogen gesehen hatte.

„Rowanna hat diese Verbindung bewahrt“, sagte sie. „Aber sie wollte nicht, dass jemand sie einfach öffnen kann.“

„Das würde erklären, warum die beiden Prophezeiungen unterschiedlich formuliert sind“, erwiderte Albrecht. „In der einen trägt der vierte Stein die Schuld. In der anderen bewahrt er die Entscheidung.“

Tim beugte sich über die Zeichnung.

„Vielleicht ist die Schuld das, was damals geschehen ist. Und die Entscheidung ist das, was Rowanna daraus gemacht hat.“

Einen Moment lang herrschte Schweigen.

Dann sagte Eva: „Sie hat entschieden, die Verbindung bestehen zu lassen, aber den Zugang zu begrenzen.“

Albrecht sah sie nachdenklich an.

„Das ist eine Möglichkeit. Wir dürfen sie noch nicht als Tatsache behandeln. Aber wenn deine Vision einen historischen Kern bewahrt, dann war Rowannas Ritual womöglich kein gewöhnliches Verschließen. Es war eine Grenze.“

„Eine Grenze zwischen zwei Orten?“, fragte Tim.

„Vielleicht. Oder zwischen zwei Zuständen, die wir nicht verstehen.“

Eva blickte auf das Amulett in ihrer Hand.

„Und was ist auf der anderen Seite?“

Der Professor antwortete nicht.

Er wusste es nicht.

Und zum ersten Mal hatte Eva das Gefühl, dass gerade diese Unwissenheit sie alle schützen könnte.

2. Der Weg in den Druidenhain

Die Fahrt führte sie aus der Stadt hinaus, über schmale Landstraßen und schließlich auf einen unbefestigten Weg, der zwischen alten Bäumen verschwand.

Der Wald wirkte anders als bei ihrem letzten Besuch in Dornhain. Das Licht war blass, die Luft feucht. Über dem Boden lag ein dünner Nebel, der sich zwischen den Stämmen bewegte, obwohl kaum Wind zu spüren war.

Professor Albrecht hielt an einer kleinen Weggabelung.

„Hier müssen wir zu Fuß weiter.“

Tim nahm die Ledermappe, Eva steckte das Amulett unter ihren Mantel. Gemeinsam folgten sie einem kaum erkennbaren Pfad.

Nach etwa zwanzig Minuten öffnete sich der Wald.

Vor ihnen lag die Lichtung.

Sieben Steine standen im moosbedeckten Boden. Drei bildeten einen offenen Halbkreis. Ein vierter erhob sich abseits davon. Die übrigen drei waren kleiner und so stark von Moos und Erde bedeckt, dass sie auf den ersten Blick kaum auffielen.

Die alte Eiche am Rand der Lichtung neigte ihre mächtigen Äste über den Platz. Ihre Rinde war von tiefen Furchen durchzogen.

Eva blieb stehen.

„Hier war ich.“

Tim sah sie an. „In deiner Vision?“

Sie nickte.

„Die Fackeln standen dort. Rowanna kniete zwischen den drei großen Steinen. Artan stand auf der anderen Seite.“

Sie ging langsam über das feuchte Gras. Je näher sie dem Halbkreis kam, desto stärker spürte sie ein Ziehen in ihrer Brust.

Nicht Angst.

Eher das Gefühl, an einen Ort zurückzukehren, den sie nie zuvor betreten hatte.

Sie kniete sich neben den ersten Stein. In seiner Oberfläche waren feine Linien zu erkennen. Sie verliefen vom Rand zur Mitte und endeten in einem kleinen, kreisförmigen Zeichen.

„Tim, sieh dir das an.“

Er kniete sich neben sie und wischte vorsichtig das Moos an einer Stelle beiseite.

„Das ist kein einzelnes Symbol. Es besteht aus mehreren Linien.“

Professor Albrecht zog seine Lupe hervor.

„Die Linien könnten eine Richtung markieren. Oder sie bilden eine symbolische Darstellung des Rituals.“

Sie untersuchten auch den zweiten und dritten Stein. Unter der verwitterten Oberfläche kamen weitere Zeichen zum Vorschein. Jedes war anders, doch die Anordnung wiederholte sich: Linien führten von außen nach innen, ohne den Mittelpunkt vollständig zu schließen.

Dann untersuchte Tim die drei kleineren Steine.

„Hier ist es genauso“, sagte er. „Aber die Linien verlaufen in die entgegengesetzte Richtung.“

Albrecht richtete sich auf.

„Die großen Steine führen nach innen. Die kleinen führen nach außen.“

Eva blickte zwischen den beiden Gruppen hin und her.

„Als würde eine Seite etwas aufnehmen und die andere etwas weitergeben.“

„Oder als würden beide Seiten miteinander kommunizieren“, sagte Tim.

Der Professor schüttelte nachdenklich den Kopf.

„Das wäre eine denkbare symbolische Funktion. Wir sollten aber nicht behaupten, dass wir aus den Linien bereits ein vollständiges keltisches Ritual rekonstruieren können. Wir haben keine gesicherte historische Vorlage für genau diese Anordnung.“

„Aber die Steine sind absichtlich so aufgestellt“, sagte Eva.

„Davon bin ich überzeugt.“

Sie blickte zum vierten Stein.

Er stand außerhalb des Halbkreises, schwarz und glatt. Seine Oberfläche schien das Tageslicht zu verschlucken.

„Und er entscheidet, ob die Verbindung offen oder geschlossen ist.“

Niemand widersprach.

3. Was die Steine bewahren

Professor Albrecht breitete die alte Karte auf einer flachen Steinplatte aus. Tim übertrug die Positionen der Steine auf die Zeichnung und verband sie mit den bereits bekannten Markierungen aus Dornhain.

Nach mehreren Versuchen entstand ein klares Muster.

Die drei großen Steine des Druidenhains bildeten einen offenen Halbkreis. Die drei kleineren lagen auf einer Linie, die in Richtung eines alten Wasserlaufs führte. Beide Anordnungen waren durch den vierten Stein miteinander verbunden.

„Seht euch das an“, sagte Tim.

Er zog zwei Linien über die Karte.

„Wenn wir diese Richtung verlängern, landen wir bei Dornhain. Die zweite Linie führt zum Druidenhain. Beide Orte liegen auf derselben Achse.“

„Dann ist die Verbindung nicht zufällig“, sagte Eva.

„Nein“, antwortete Albrecht. „Zumindest deutet die Anordnung darauf hin, dass die beiden Plätze zusammengehören.“

Er zeigte auf die drei großen Steine.

„Vielleicht markierten sie den Ort, an dem das Ritual begonnen wurde.“

Dann deutete er auf die kleineren Steine.

„Diese könnten den zweiten Ort bezeichnet haben, an dem es vollendet wurde.“

Tim fuhr mit dem Finger die Linie entlang.

„Und der vierte Stein?“

„Der Übergang.“

Eva schloss die Augen.

Sofort sah sie wieder das silberne Licht zwischen den Steinen. Dahinter hatte sich die zweite Lichtung gezeigt, so deutlich, als wäre sie nur wenige Schritte entfernt gewesen.

Sie öffnete die Augen.

„Ich glaube, es war mehr als eine symbolische Verbindung.“

Der Professor musterte sie.

„Was meinst du?“

„In meiner Vision konnte ich durch das Licht hindurchsehen. Ich sah Dornhain, obwohl ich im Druidenhain stand. Es war, als wären beide Orte gleichzeitig vorhanden gewesen.“

Tim sah sie lange an.

„Du glaubst, das Ritual konnte die Entfernung zwischen ihnen überwinden?“

„Ich weiß nicht, wie. Aber Rowanna hat die Verbindung nicht zerstört. Sie hat sie bewahrt.“

Albrecht strich sich über das Kinn.

„Dann müssen wir zwischen zwei Dingen unterscheiden. Eine Verbindung kann bestehen, ohne dass jemand sie betreten kann. Und eine Grenze kann etwas schützen, ohne es vollständig von der Welt abzuschneiden.“

„Das bedeutet, der vierte Stein ist keine Tür, die einfach aufgeschlossen werden kann“, sagte Tim.

„Vielleicht ist er eher der Teil des Rituals, der darüber wacht, ob die Verbindung überhaupt zugänglich wird.“

Eva dachte an die Worte, die sie auf dem Pergament gelesen hatten.

Was bewahrt werden muss, liegt nicht unter dem Stein.

Vielleicht hatte Rowanna das Geheimnis nicht im vierten Stein versteckt. Vielleicht hatte sie dort lediglich die Grenze verankert, die das Geheimnis schützte.

Und wenn das stimmte, dann war der Stein nicht das Ziel ihrer Suche.

Er war die letzte Warnung vor dem Ziel.

4. Die Erinnerung erwacht

Eva trat in die Mitte des offenen Halbkreises.

„Was tust du?“, fragte Tim.

„Ich weiß es nicht.“

Sie holte das Amulett hervor. Seine Oberfläche war nun warm. Das Zeichen auf seiner Vorderseite schimmerte schwach silbern.

Eva hielt es über die flache Steinplatte in der Mitte des Ritualplatzes.

Zunächst geschah nichts.

Dann ertönte ein tiefes, kaum wahrnehmbares Summen.

Es schien aus dem Boden zu kommen.

Die feinen Linien auf den drei großen Steinen begannen zu leuchten. Ein silberner Schimmer wanderte von einem Stein zum nächsten, bis sich ein dünner Lichtbogen über dem offenen Halbkreis bildete.

Tim wich einen Schritt zurück.

„Professor …“

„Ich sehe es.“

Albrecht hatte die Hand gehoben, als wolle er die anderen warnen, nichts zu berühren.

Das Licht wurde heller.

Der vierte Stein blieb dunkel.

Eva hörte Rowannas Stimme.

Erinnere dich.

Die Lichtung vor ihren Augen verschwamm.

Für einen Augenblick war der Wald verschwunden. Stattdessen sah sie die Lichtung so, wie sie vor zweitausend Jahren gewesen sein musste. Fackeln brannten zwischen den Bäumen. Menschen standen schweigend um die Steine. Einige hielten Schalen in den Händen, andere trugen Zweige und kleine Bündel aus Kräutern.

In der Mitte kniete Rowanna.

Vor ihr lag das Amulett.

Artan stand am Rand der Lichtung. Er wirkte schwer verletzt, doch er hielt sich aufrecht. Sein Blick ruhte auf der Druidin.

„Wenn du den Weg bewahrst“, sagte er, „darfst du ihn niemals für dich allein beanspruchen.“

Rowanna sah zu ihm auf.

„Und wenn jemand ihn findet?“

„Dann muss er verstehen, was er sucht.“

„Und wenn er es nicht versteht?“

Artan schwieg einen Moment.

„Dann muss die Grenze ihn zurückhalten.“

Rowanna senkte den Kopf.

Dann begann sie, die alten Worte zu sprechen.

Die Menschen im Kreis antworteten. Ihre Stimmen waren leise, doch gemeinsam erzeugten sie einen Klang, der durch den Boden zu wandern schien.

Die drei großen Steine leuchteten auf.

Die kleineren Steine antworteten aus der Ferne.

Zwischen beiden Gruppen entstand ein Lichtbogen.

Eva erkannte die zweite Lichtung.

Dornhain.

Der vierte Stein stand dort, dunkel wie ein Loch in der Welt.

Rowanna hob das Amulett.

„Was anvertraut wurde, soll bewahrt bleiben.“

Der Lichtbogen wurde schmaler.

„Was bewahrt wird, soll nicht vergessen werden.“

Die Verbindung zwischen den beiden Orten flackerte.

„Und was nicht verstanden wurde, soll nicht erzwungen werden.“

Der Lichtbogen schloss sich nicht vollständig. Er blieb als dünne silberne Linie zwischen den Steinen bestehen.

Dann trat eine Gestalt aus dem Nebel auf der anderen Seite.

Ein Mann.

Sein Gesicht war nicht zu erkennen. Er trug einen dunklen Mantel und stand jenseits des vierten Steins, als hätte er dort bereits auf Rowanna gewartet.

„Du kannst die Grenze nicht für immer halten“, sagte er.

Rowanna richtete sich auf.

„Ich muss sie nicht für immer halten. Nur so lange, bis die Wahrheit verstanden wird.“

Der Mann hob eine Hand.

Der vierte Stein erzitterte.

Ein Riss lief über seine Oberfläche.

Rowanna presste das Amulett an ihre Brust.

„Nicht durch Gewalt“, sagte sie. „Nicht durch Macht. Und nicht durch den Willen eines Einzelnen.“

Das Licht erlosch.

Die Gestalt verschwand.

Artan war nicht mehr zu sehen.

Rowanna sank auf die Knie. Ihre Hände zitterten, aber sie ließ das Amulett nicht los.

„Ich konnte ihn nicht retten“, flüsterte sie.

Dann hob sie den Kopf.

„Aber ich kann verhindern, dass sein Vermächtnis missbraucht wird.“

Die Vision zerbrach.

5. Zurück in der Gegenwart

Eva taumelte.

Tim fing sie auf, bevor sie zu Boden stürzte.

„Eva! Hörst du mich?“

Sie nickte, doch ihre Augen waren noch immer auf die Stelle gerichtet, an der der Lichtbogen erschienen war.

Professor Albrecht stand reglos neben der Steinplatte. Sein Gesicht war blass.

„Was hast du gesehen?“, fragte er schließlich.

Eva berichtete von der Vision. Von Artan, von Rowanna und von dem unbekannten Mann, der auf der anderen Seite der Verbindung gestanden hatte.

Als sie fertig war, sagte niemand etwas.

Schließlich brach Tim das Schweigen.

„Der Mann war bereits dort, bevor das Ritual beendet wurde.“

„Ja.“

„Dann könnte er gewusst haben, was Rowanna vorhatte.“

„Oder er war ein Teil des Rituals“, überlegte Albrecht. „Vielleicht ein Wächter. Vielleicht jemand, der die Verbindung kontrollieren sollte. Wir wissen es nicht.“

„Aber Rowanna wollte nicht, dass er die Grenze überwindet“, sagte Eva.

Der Professor nickte.

„Das scheint so.“

Tim blickte auf die Karte.

„Dann könnte die Verbindung zwischen den beiden Orten noch immer bestehen. Nur der Zugang ist versiegelt.“

„Nicht ganz“, sagte Eva.

Sie sah zum vierten Stein.

„Rowanna sagte, sie müsse die Grenze nur so lange halten, bis die Wahrheit verstanden wird. Vielleicht hat sie das Ritual nicht für immer geschlossen. Vielleicht hat sie es so eingerichtet, dass es erst auf jemanden reagiert, der die Bedeutung dahinter begreift.“

Albrecht schwieg.

„Das würde erklären, warum das Amulett uns hierhergeführt hat“, fuhr Eva fort. „Es zeigt uns nicht nur den Weg. Es bringt uns dazu, die Verbindung zu erkennen.“

„Aber noch nicht, sie zu öffnen“, ergänzte Tim.

„Genau.“

Eva ging zum vierten Stein. Sie blieb in einigem Abstand stehen.

„Ich glaube, er bewahrt nicht einfach etwas Gefährliches. Er bewahrt eine Entscheidung, die Rowanna getroffen hat.“

Sie dachte an Artans Worte.

Wenn du den Weg bewahrst, darfst du ihn niemals für dich allein beanspruchen.

Vielleicht hatte Rowanna damals eine Grenze geschaffen, die niemand allein überschreiten durfte.

Vielleicht war das die eigentliche Bedeutung des Rituals der Bewahrung.

Nicht alles, was verborgen war, sollte für immer verborgen bleiben.

Aber nichts sollte geöffnet werden, nur weil jemand die Macht dazu besaß.

6. Der vierte Stein schweigt

Sie beschlossen, das Ritual nicht weiter zu verändern, bevor sie mehr verstanden hatten. Doch bevor sie die Lichtung verließen, wollte Tim noch einmal überprüfen, ob das Amulett mit den Zeichen des vierten Steins übereinstimmte.

Er kniete sich vor den Stein und hielt das Amulett in geringem Abstand darüber.

„Wenn es wirklich der Verbindungspunkt ist, müsste es darauf reagieren“, sagte er.

Zunächst blieb alles still.

Dann glomm tief in der Risslinie ein schwaches Licht auf.

Eva trat näher.

Auf der schwarzen Oberfläche erschienen langsam zwei ineinandergreifende Kreise. Sie berührten sich an einem einzigen Punkt. Genau dort, wo in der Zeichnung die Verbindung zwischen den beiden Ritualplätzen verlief.

„Das ist es“, flüsterte Tim. „Die beiden Orte.“

Professor Albrecht betrachtete das Zeichen.

„Es könnte die Verbindung darstellen. Aber es sagt uns noch nicht, wie sie funktioniert.“

Eva legte ihre Hand auf den Stein.

Er war eiskalt.

„Rowanna?“, flüsterte sie.

Das Licht flackerte.

Sie hörte ein leises Geräusch, das beinahe wie ein Atemzug klang.

Dann eine Stimme.

„Ihr habt erkannt, was die Steine bewahren.“

Eva hielt den Atem an.

„Dann sag uns, was sich auf der anderen Seite befindet.“

Stille.

„Wer ist der Wächter?“, fragte sie. „Und wer war der Mann, den ich gesehen habe?“

Der Riss im Stein leuchtete ein letztes Mal auf.

Die Stimme antwortete:

„Der Weg gehört nicht dem, der ihn findet.“

Dann erlosch das Licht.

Tim nahm das Amulett zurück. Auf seiner Oberfläche war das Zeichen verschwunden.

Der vierte Stein war wieder schwarz.

„Er hat uns geantwortet“, sagte Tim.

„Nein“, erwiderte Eva. „Er hat uns eine Grenze gezeigt.“

Professor Albrecht blickte zum Waldrand.

„Und er hat sie aufrechterhalten.“

Sie versuchten es noch einmal. Albrecht las die beiden Fassungen der Prophezeiung vor. Tim richtete das Amulett nach den Linien der Karte aus. Eva wiederholte die Worte aus ihrer Vision.

Nichts geschah.

Der vierte Stein gab sein Geheimnis nicht preis.

Keine weitere Vision. Kein Licht. Keine Stimme.

Nur die schmale Risslinie, die sich durch die Oberfläche zog.

Als sie schließlich aufgaben, war Eva nicht erleichtert. Sie hatte das Gefühl, dass sie etwas Wichtiges verstanden hatten – aber auch, dass sie nun näher an etwas standen, das sie noch nicht begreifen konnten.

Die Verbindung bestand.

Die Grenze war nicht gebrochen.

Und das Ritual der Bewahrung hatte seinen Zweck offenbar erfüllt.

Doch warum hatte Rowanna den Weg überhaupt offengehalten?

7. Der Fremde am Waldrand

Sie hatten die Lichtung fast erreicht, als Eva stehen blieb.

„Wartet.“

Zwischen den Bäumen bewegte sich etwas.

Ein Mann stand am Rand des Pfades. Dunkler Mantel, aufrechte Haltung, das Gesicht im Schatten. Er wirkte nicht überrascht, sie zu sehen.

Tim machte einen Schritt auf ihn zu.

„Wer sind Sie?“

Der Mann antwortete nicht.

Professor Albrecht blieb dicht bei Eva.

„Wissen Sie etwas über die Steine?“

Der Fremde hob langsam den Kopf.

„Mehr, als ihr wissen solltet.“

„Dann erklären Sie uns, was hier geschehen ist“, verlangte Tim.

Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes.

„Ihr habt die Funktion der Steine erkannt. Das ist nicht dasselbe, wie ihre Bedeutung zu verstehen.“

Eva trat vor.

„Kannten Sie Rowanna?“

Der Mann sah sie lange an.

„Manche Erinnerungen sind älter als die Menschen, die sie tragen.“

„Wer sind Sie?“

Der Fremde wich einen Schritt zurück.

„Das ist nicht die Frage, die ihr stellen solltet.“

„Welche Frage dann?“, rief Eva.

Er blickte zum Amulett in ihrer Hand.

„Warum hat Rowanna die Verbindung bewahrt, wenn sie sie nicht öffnen wollte?“

Eva spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

„Weil sie auf jemanden gewartet hat?“

Der Mann neigte den Kopf, als hätte sie etwas berührt, das er nicht erwartet hatte.

„Vielleicht.“

„Auf wen?“

Doch der Fremde antwortete nicht.

Stattdessen hob er die Hand und zeigte auf das Amulett.

„Solange ihr glaubt, dass der vierte Stein das Geheimnis enthält, werdet ihr scheitern.“

„Was enthält er dann?“, fragte Tim.

„Die Grenze.“

„Und was liegt dahinter?“

Der Mann sah in Richtung Dornhain.

„Das, was ihr noch nicht zu fragen wagt.“

Dann trat er in den Nebel.

Tim lief ihm nach, doch schon nach wenigen Schritten verlor sich die Gestalt zwischen den Bäumen. Es gab keinen Laut, kein Knacken von Ästen, keinen Hinweis darauf, in welche Richtung er verschwunden war.

Als Tim zurückkehrte, lag etwas auf dem Boden.

Ein alter Ring.

Er war dunkel angelaufen, mit einem Zeichen versehen, das keinem der Symbole auf dem Amulett entsprach. In der Mitte befand sich eine kleine Vertiefung, als hätte dort einst ein Stein gesessen.

Professor Albrecht betrachtete ihn, ohne ihn zu berühren.

„Ich kenne dieses Zeichen nicht.“

„Könnte es dem Fremden gehört haben?“, fragte Tim.

„Möglich. Mehr können wir nicht sagen.“

Eva sah auf den Ring.

„Er wollte, dass wir ihn finden.“

„Vielleicht“, sagte Albrecht. „Oder er hat ihn absichtlich zurückgelassen, damit wir glauben, er wolle uns helfen.“

Eva hob den Blick zum Wald.

Der Mann hatte gewusst, was sie entdeckt hatten. Er hatte die Funktion der Steine gekannt. Aber er hatte weder seinen Namen genannt noch erklärt, woher sein Wissen stammte.

Und er hatte eine Frage hinterlassen, die Eva nicht losließ.

Warum hatte Rowanna die Verbindung bewahrt, wenn sie sie nicht öffnen wollte?

8. Was die Grenze schützt

Auf dem Rückweg sprachen sie kaum. Die Ereignisse des Tages hatten mehr Fragen aufgeworfen, als sie beantworten konnten.

Erst als sie wieder im Wagen saßen, brach Tim das Schweigen.

„Wir wissen jetzt wenigstens, dass die Steine nicht zufällig angeordnet sind. Die großen und kleinen Steine markieren zwei Orte. Der vierte Stein bildet den Verbindungspunkt.“

„Und das Ritual sollte verhindern, dass diese Verbindung unkontrolliert genutzt wird“, sagte Albrecht.

„Aber nicht, dass sie für immer verschwindet“, ergänzte Eva.

Der Professor sah sie im Rückspiegel an.

„Das ist deine Deutung.“

„Ja. Aber sie passt zu allem, was wir gesehen haben.“

Sie holte das Amulett hervor.

Es lag still in ihrer Hand.

„Rowanna wollte die Verbindung bewahren. Vielleicht weil sie glaubte, dass die Wahrheit eines Tages gebraucht werden würde. Aber sie wollte verhindern, dass jemand sie aus Machtgier öffnete.“

Tim dachte nach.

„Dann könnte das Ritual zwei Aufgaben gehabt haben. Es sollte den Weg zwischen den Orten erhalten und zugleich verhindern, dass jemand die Grenze nach Belieben überschreitet.“

„Genau“, sagte Eva.

Professor Albrecht nickte langsam.

„Das würde auch die beiden Fassungen der Prophezeiung erklären. Der vierte Stein trägt die Schuld, weil er mit einer folgenschweren Entscheidung verbunden ist. Und er bewahrt die Entscheidung, weil diese Grenze aus genau dieser Entscheidung entstanden ist.“

Eva blickte aus dem Fenster. Zwischen den Bäumen schimmerte das letzte Tageslicht.

„Aber wir wissen immer noch nicht, welche Schuld gemeint ist.“

„Nein“, sagte Albrecht. „Und wir wissen nicht, ob die Schuld Artan, Rowanna oder jemand anderem gehört.“

„Und der Wächter?“

Der Professor schwieg einen Moment.

„Vielleicht schützt er die Grenze. Vielleicht ist er selbst an sie gebunden. Vielleicht hat er eine ganz andere Aufgabe. Wir sollten ihn nicht mit dem Fremden gleichsetzen, solange wir dafür keinen Beweis haben.“

Eva dachte an die Gestalt im Nebel.

Ihr habt die Funktion der Steine erkannt. Das ist nicht dasselbe, wie ihre Bedeutung zu verstehen.

Sie verstand nun, was der Mann gemeint hatte.

Sie hatten die Ordnung erkannt.

Aber nicht den Grund, aus dem sie geschaffen worden war.

9. Die letzte Botschaft

Als sie am Abend zu Professor Albrechts Arbeitszimmer zurückkehrten, legten sie den Ring neben die beiden Fassungen der Prophezeiung. Der Professor fotografierte das Zeichen und notierte alle Einzelheiten, ohne eine voreilige Zuordnung vorzunehmen.

Eva saß am Fenster und hielt das Amulett in beiden Händen.

„Ich glaube, Rowanna hat mir etwas zeigen wollen“, sagte sie.

Tim setzte sich ihr gegenüber.

„Was?“

„Dass Bewahren nicht bedeutet, etwas für immer einzuschließen. Es bedeutet, Verantwortung dafür zu übernehmen, wann es wieder ans Licht kommen darf.“

Tim schwieg.

„Vielleicht ist das der eigentliche Test“, fuhr Eva fort. „Nicht, ob wir die Verbindung öffnen können. Sondern ob wir bereit sind, sie geschlossen zu lassen, solange wir ihre Folgen nicht verstehen.“

Professor Albrecht legte den Stift beiseite.

„Das könnte der Grund sein, warum die Prophezeiung von einer Entscheidung spricht. Nicht von einem Schlüssel. Nicht von einer Tür. Von einer Entscheidung.“

In diesem Moment bewegte sich das Amulett.

Ein schwacher Lichtschein lief über die Oberfläche. Eva hielt es über die Karte, und das Licht fiel auf die Linie, die Dornhain mit dem Druidenhain verband.

Doch diesmal erschien kein neues Zeichen.

Stattdessen wurde ein kleiner Bereich der Karte sichtbar, den sie zuvor nicht beachtet hatten: eine kaum erkennbare Markierung zwischen den beiden Orten.

Dort stand ein einzelnes Wort.

CAERDAN.

Professor Albrecht beugte sich vor.

„Dieser Name stand bereits am Rand der zweiten Prophezeiung.“

Tim nahm die Karte.

„Dann ist es ein dritter Ort?“

„Oder ein Name“, sagte Albrecht. „Wir wissen es nicht.“

Eva betrachtete das Wort.

Es schien ihr vertraut, obwohl sie es noch nie zuvor gehört hatte. Für einen kurzen Moment glaubte sie, Rowanna hinter sich stehen zu sehen.

Die Druidin sagte nichts.

Sie legte Eva nur eine Hand auf die Schulter.

Dann verschwand das Bild.

Auf der Karte erschien eine letzte Zeile:

„DIE GRENZE HÄLT, SOLANGE DIE WAHRHEIT NICHT ERZWUNGEN WIRD.“

Eva schloss die Augen.

Sie hatte geglaubt, sie würden nach einem Geheimnis suchen, das unter einem Stein verborgen lag.

Nun wusste sie, dass der Stein nur ein Teil davon war.

Die Verbindung zwischen den beiden Orten bestand noch immer. Das Ritual der Bewahrung hatte sie nicht zerstört, sondern eine Grenze geschaffen, die den Weg erhielt und zugleich vor unbedachtem Zugriff schützte.

Doch was befand sich auf der anderen Seite?

Wer war der Wächter?

Und warum hatte ein Fremder, der offenbar mehr wusste als sie, sie davor gewarnt, die Verbindung zu öffnen?

Draußen strich der Wind durch die Bäume.

Weit entfernt, unter der alten Eiche von Dornhain, erklang ein einzelner dumpfer Schlag.

Diesmal antwortete kein zweiter.

Der vierte Stein schwieg.

Aber die Grenze hielt nicht, weil niemand sie öffnen konnte.

Sie hielt, weil noch niemand wusste, was es bedeuten würde, sie zu überschreiten.

Kapitel 10 – Das Vermächtnis der letzten Druidin

Der Regen hatte längst aufgehört, doch die Fenster von Professor Albrechts Arbeitszimmer waren noch immer von feinen Tropfen bedeckt. Draußen lag die Stadt im fahlen Licht eines frühen Abends. Drinnen herrschte eine Stille, die Eva zunehmend unruhig machte.

Auf dem großen Schreibtisch lagen die beiden Fassungen der Cathbad-Prophezeiung, die Karte mit den beiden Ritualplätzen und der dunkle Ring, den sie im Druidenhain gefunden hatten. Daneben befand sich das alte Lederbuch, dessen Geheimnisse sich ihnen bisher nur in Bruchstücken offenbart hatten.

Professor Albrecht hatte den Namen Caerdan mehrfach auf ein Blatt geschrieben.

„Ich komme nicht weiter“, sagte er schließlich. „Der Name taucht in einer beschädigten Abschrift auf, aber nicht in einer Weise, die eine eindeutige Zuordnung erlaubt.“

Tim saß vor seinem Laptop und verglich die Buchstaben mit digitalisierten Aufzeichnungen alter Inschriften.

„Es könnte ein Eigenname sein. Vielleicht auch ein Titel. In den überlieferten keltischen Sprachen gibt es ähnliche Lautfolgen, aber ich finde keine belastbare Grundlage, um daraus genau diese Bedeutung abzuleiten.“

„Und wenn Caerdan gar kein Mensch war?“, fragte Eva.

Beide Männer sahen sie an.

Sie legte die Hände auf den Tisch.

„Der Fremde im Wald wusste, was wir herausgefunden hatten. Er kannte die Funktion der Steine. Aber er hat uns nicht gesagt, wer er ist. Vielleicht suchen wir nach einem Namen, der gar nicht zu einem Menschen gehört.“

Albrecht lehnte sich zurück.

„Das ist möglich. Aber wir sollten uns nicht von einer Vermutung zur nächsten treiben lassen.“

„Dann müssen wir das Buch noch einmal untersuchen“, sagte Tim.

Eva zog es zu sich heran.

Seit ihrer letzten Vision hatte sie das Gefühl, dass sich darin etwas befand, das sie bisher übersehen hatten. Nicht, weil es verborgen war, sondern weil sie immer nach einem Hinweis auf einen Ort gesucht hatten.

Vielleicht war es nie eine Wegbeschreibung gewesen.

Vielleicht war es eine Erinnerung.

Die Seite, die nicht existieren durfte

Tim nahm eine kleine Lampe und richtete ihren Lichtkegel über den hinteren Einband des Buches.

„Hier“, sagte er plötzlich.

Unter dem abgewetzten Leder zeichnete sich eine feine, unregelmäßige Linie ab. Sie verlief parallel zum Buchrücken und verschwand unter einer Naht.

Professor Albrecht beugte sich näher.

„Das ist keine gewöhnliche Reparatur.“

Vorsichtig untersuchte er die Stelle mit einer Lupe. Schließlich löste sich ein schmaler Streifen des alten Materials. Dahinter kam eine hauchdünne Pergamentlage zum Vorschein.

Eva hielt den Atem an.

„Da ist etwas.“

Sie half, die versteckte Lage freizulegen. Darunter erschien eine einzelne Seite, dunkel verfärbt und an den Rändern brüchig. Die Schrift war verblasst, doch einzelne Zeilen waren noch lesbar.

Tim legte das Pergament unter eine Schutzfolie, bevor er es genauer betrachtete.

„Das ist eine andere Handschrift als die Notiz aus Kapitel zwei“, sagte er. „Aber das Zeichen oben rechts ist dasselbe wie auf dem Amulett.“

Professor Albrecht las die ersten Worte laut vor:

„Die letzte Aufzeichnung der Bewahrerin …“

Er hielt inne.

„Das könnte eine spätere Überschrift sein. Wir wissen nicht, ob Rowanna selbst diesen Text geschrieben hat.“

Eva betrachtete die Zeilen. Sie konnte die Schrift nicht lesen, doch sie spürte, wie sich etwas in ihr regte. Das Amulett lag in ihrer Handfläche. Langsam wurde es warm.

Tim entzifferte die nächsten Zeilen, Wort für Wort.

Ich konnte ihn nicht vor der Klinge retten.

Doch sein letzter Atemzug war nicht das Ende.

Er vertraute mir nicht sein Leben an.

Er vertraute mir seine Entscheidung an.

Wenn die Grenze fällt, wird die Wahrheit zurückkehren.

Wenn die Grenze hält, bleibt die Schuld bei den Lebenden.

Niemand sagte etwas.

Eva las die Zeilen noch einmal.

„Sein letzter Atemzug war nicht das Ende“, flüsterte sie.

„Das könnte sich auf das Vermächtnis beziehen“, sagte Albrecht. „Auf sein Wissen, seine Entscheidung oder etwas, das er hinterlassen hat.“

„Aber Rowanna unterscheidet ausdrücklich zwischen seinem Leben und seiner Entscheidung“, wandte Tim ein. „Das klingt, als hätte sie etwas bewahrt, das nicht mit seinem Körper gestorben ist.“

Eva hob den Kopf.

„Seine Erinnerung.“

Das Wort stand plötzlich zwischen ihnen, als wäre es schon die ganze Zeit dort gewesen.

Professor Albrecht schüttelte langsam den Kopf.

„Eine Erinnerung kann in einem Gegenstand, einer Erzählung oder einem Ritual bewahrt werden. Aber wir dürfen daraus nicht schließen, dass Artan selbst weiterlebt.“

„Das habe ich auch nicht gesagt“, erwiderte Eva. „Vielleicht lebt er nicht weiter. Vielleicht wurde nur etwas bewahrt, das sich an ihn erinnert.“

Das Amulett wurde heißer.

Und tief im Inneren des alten Buches ertönte ein leises Knacken.

Die letzte Nacht von Artan

Eva wollte das Amulett auf den Tisch legen, doch in dem Moment veränderte sich das Licht im Raum.

Nicht die Lampen flackerten.

Vielmehr schien die Dunkelheit selbst dichter zu werden.

Die Geräusche der Stadt verstummten. Der Regen, der irgendwo von einer Dachrinne tropfte, war plötzlich nicht mehr zu hören. Tim sagte etwas, doch seine Stimme erreichte Eva nur noch wie aus weiter Ferne.

Dann stand sie wieder im alten Wald.

Der Himmel war rotgolden vom letzten Licht des Tages. Rauch hing zwischen den Bäumen. In der Ferne hörte sie das Rufen verwundeter Männer und das Klirren von Waffen.

Artan lag unter einer Eiche.

Sein Gewand war zerrissen. Blut färbte den Stoff an seiner Seite dunkel. Neben ihm kniete Rowanna, beide Hände um seine gelegt.

„Du musst bei mir bleiben“, flüsterte sie.

Artan öffnete mühsam die Augen.

„Rowanna …“

„Sprich nicht.“

„Du musst mir zuhören.“

Sie schüttelte den Kopf. Tränen liefen über ihr Gesicht.

„Ich werde dich nicht verlieren.“

Artan versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm kaum.

„Du kannst nicht entscheiden, ob ich sterbe.“

„Dann werde ich wenigstens verhindern, dass du vergessen wirst.“

Bei diesen Worten veränderte sich sein Blick.

„Nein“, sagte er leise. „Das ist nicht genug.“

Rowanna sah ihn entsetzt an.

„Was soll ich denn noch tun?“

Artan hob zitternd die Hand und berührte das Amulett an ihrem Hals.

„Du musst bewahren, was ich erkannt habe.“

„Was hast du erkannt?“

Er schloss für einen Moment die Augen. Als er wieder sprach, lag in seiner Stimme eine Angst, die Eva noch nie bei ihm gesehen hatte.

„Movran glaubte, er könnte die Grenze beherrschen. Er glaubte, er könne sich nehmen, was jenseits davon liegt.“

„Was liegt dort?“

Artan antwortete nicht sofort.

„Etwas, das sich erinnert.“

Ein kalter Wind strich durch die Äste.

„Es erinnert sich an jeden, der die Grenze überschritten hat. An jeden Gedanken, jedes Versprechen, jede Entscheidung. Es bewahrt, was wir längst vergessen haben.“

Rowanna schüttelte den Kopf.

„Das ist unmöglich.“

„Ich habe es gesehen.“

Artan packte ihre Hand.

„Es hat mir gezeigt, was geschehen wird, wenn die Verbindung geöffnet bleibt. Movran wollte es benutzen, um seine Macht zu sichern. Doch er hat nicht verstanden, dass man eine Erinnerung nicht beherrschen kann, ohne sich selbst darin zu verlieren.“

Eva spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

Das war es.

Nicht ein Geist. Nicht ein Toter, der aus dem Jenseits zurückkehren wollte.

Etwas anderes.

Etwas, das Erinnerungen bewahrte.

Etwas, das aus den Spuren der Vergangenheit bestehen konnte, ohne selbst der Mensch zu sein, an den es sich erinnerte.

„Was soll ich tun?“, fragte Rowanna.

Artan zog das Amulett von ihrem Hals und legte es in ihre Hand.

„Bewahre die Grenze. Nicht, um mich einzuschließen. Sondern damit niemand das, was dort bewahrt wird, zu seinem eigenen Willen machen kann.“

Rowanna presste das Amulett an ihre Brust.

„Und wenn eines Tages jemand kommt, der die Wahrheit wissen muss?“

Artan sah sie lange an.

„Dann muss er zuerst verstehen, dass Erinnern nicht dasselbe ist wie Zurückholen.“

Sein Atem wurde flacher.

„Versprich es mir.“

Rowanna beugte sich über ihn.

„Ich verspreche es.“

Artan schloss die Augen.

Seine Hand glitt aus ihrer.

Rowanna schrie seinen Namen.

Doch als sie ihn an sich zog, geschah etwas, das sie nicht verstand.

Aus dem Amulett löste sich kein Geist. Keine Gestalt erhob sich aus Artans Körper. Es gab kein Flüstern und keine unsichtbare Hand, die nach ihr griff.

Stattdessen erschien über dem Amulett ein feines Netz aus silbernen Linien.

Es sah aus wie eine Landkarte, deren Wege sich ständig veränderten. In den Linien flackerten Bilder auf: Artan als Kind, Artan im Kampf, Artan unter der Eiche. Augenblicke seines Lebens, die niemand außer ihm hätte kennen können.

Dann wurden die Bilder still.

Die Linien zogen sich zusammen und verschwanden im Amulett.

Rowanna starrte darauf.

„Was hast du bewahrt?“, flüsterte sie.

Eine Stimme antwortete aus der Tiefe der Erde.

„Nicht den Mann. Nicht sein Leben. Seine Erinnerung.“

Rowanna wich zurück.

Der vierte Stein begann zu beben.

Und irgendwo jenseits der Lichtung antwortete etwas mit einem tiefen, dumpfen Schlag.

Die Vision zerbrach.

Was von Artan geblieben ist

Eva fuhr hoch.

Tim hielt sie an den Schultern, während Professor Albrecht das Amulett vom Tisch genommen hatte. Es lag in seiner Hand, doch das silberne Licht war bereits verschwunden.

„Was ist passiert?“, fragte Tim. „Du warst wieder weg.“

Eva atmete schwer.

„Ich habe Artans letzte Nacht gesehen.“

Sie erzählte von Rowanna, von Artans Warnung und von dem, was im Amulett geschehen war. Als sie beschrieb, wie die Erinnerungsbilder in den silbernen Linien verschwunden waren, wurde Professor Albrecht auffallend still.

„Eine gespeicherte Erinnerung“, sagte er schließlich.

„Mehr als das“, erwiderte Eva. „Artan hat nicht einfach etwas aufgeschrieben oder erzählt. Es war, als hätte das Ritual die Erinnerung selbst bewahrt.“

Tim sah auf die alte Buchseite.

„Dann könnte das Amulett ein Träger dieser Erinnerung sein.“

„Und die Verbindung zwischen den beiden Orten könnte erklären, wie diese Erinnerung überhaupt zugänglich wird“, ergänzte Albrecht.

Er stand auf und ging zur Tafel.

„Wir müssen vorsichtig sein. Wir können das nicht mit bekannten historischen oder naturwissenschaftlichen Vorgängen gleichsetzen. Aber innerhalb dessen, was wir bisher erlebt haben, ergibt sich ein mögliches Bild.“

Er zeichnete zwei Kreise.

„Der Druidenhain war möglicherweise der Ort, an dem die Bewahrung vollzogen wurde. Dornhain markierte den anderen Punkt der Verbindung. Der vierte Stein hielt die Grenze aufrecht.“

Tim ergänzte eine Linie zwischen den Kreisen.

„Und das Amulett ist der Träger der Erinnerung.“

Eva betrachtete die Zeichnung.

„Aber nicht die ganze Erinnerung“, sagte sie.

Die beiden Männer sahen sie an.

„Artan hat gesagt, er habe Rowanna seine Entscheidung anvertraut. Nicht sein Leben. Vielleicht wurde nur ein Teil seiner Erinnerung bewahrt – der Teil, der mit dieser Entscheidung zusammenhängt.“

Albrecht nickte langsam.

„Das würde erklären, warum wir bisher nur einzelne Bilder sehen. Vielleicht ist die Erinnerung unvollständig. Oder sie zeigt nur das, was für das Ritual von Bedeutung ist.“

„Dann kann das, was aus dem Amulett zu uns spricht, Artan ähneln, ohne Artan selbst zu sein“, sagte Tim.

Eva spürte einen kalten Schauer.

„Es könnte seine Stimme, seine Bilder und seine Gedanken bewahren. Aber das bedeutet nicht, dass es weiß, was Artan heute sagen würde.“

„Ganz genau“, sagte Albrecht. „Eine Erinnerung ist kein Mensch. Selbst wenn sie vollkommen erscheint, bleibt sie eine Bewahrung dessen, was war.“

Eva dachte an den letzten Satz der Vision.

Erinnere dich.

Vielleicht hatte sie bisher geglaubt, Rowanna wolle Artan zurückbringen.

Doch sie hatte etwas anderes getan.

Sie hatte dafür gesorgt, dass seine Entscheidung nicht ausgelöscht werden konnte.

Und nun begann dieses Vermächtnis, sich ihnen zu zeigen.

Der Wächter ist nicht der Fremde

Tim nahm den Ring vom Tisch und legte ihn neben das Amulett.

„Was ist mit dem Mann im Wald? Er wusste von der Verbindung. Er wusste, dass der vierte Stein die Grenze bildet.“

Professor Albrecht betrachtete das Zeichen im Inneren des Rings.

„Vielleicht gehört er zu einer Tradition, die den Ort seit Jahrhunderten kennt. Vielleicht ist er ein Nachfahre derjenigen, die das Ritual bewahren sollten.“

„Oder er ist der Wächter“, sagte Tim.

Eva schüttelte den Kopf.

„Ich glaube nicht, dass wir das wissen.“

„Warum?“

Sie erinnerte sich an ihre Vision. An die Gestalt auf der anderen Seite der Verbindung, an den Mann im dunklen Mantel und an seine Worte.

„Weil der Mann in meiner Vision die Grenze bedroht hat. Der Fremde im Wald hat uns davor gewarnt, sie zu öffnen. Das könnte bedeuten, dass er uns helfen will. Oder dass er nur verhindern möchte, dass wir etwas erfahren.“

Albrecht nickte.

„Wir dürfen den Fremden nicht mit dem Wächter gleichsetzen. Der Wächter könnte eine Aufgabe sein, kein Name. Vielleicht wird jemand zum Wächter, weil er eine Entscheidung trifft. Vielleicht ist der Wächter an den Ort gebunden. Oder wir verstehen die Überlieferung noch immer falsch.“

Tim drehte den Ring zwischen den Fingern.

„Dann wissen wir nur, dass jemand unser Wissen über die Grenze teilt.“

„Und dass dieser Jemand nicht will, dass wir sie einfach öffnen“, sagte Eva.

Sie nahm den Ring und hielt ihn neben das Amulett.

Für einen Augenblick schien das Zeichen auf dem Ring mit dem Muster auf dem Amulett übereinzustimmen.

Dann verschwand die Ähnlichkeit.

Es war, als hätten beide Gegenstände nur für einen kurzen Moment aufeinander reagiert.

„Habt ihr das gesehen?“, fragte sie.

Tim nickte.

Professor Albrecht nahm den Ring vorsichtig wieder an sich.

„Wir werden ihn genauer untersuchen. Aber vorerst wissen wir nicht, wem er gehört und was sein Zeichen bedeutet.“

Eva sah zum Fenster.

Draußen war die Dunkelheit hereingebrochen.

„Vielleicht will jemand, dass wir glauben, wir seien kurz vor der Lösung.“

„Das könnten wir sein“, sagte Albrecht. „Oder wir stehen erst am Anfang der eigentlichen Frage.“

Die Erinnerung, die nicht schläft

Sie beschlossen, die verborgene Buchseite neben das Amulett zu legen und zu prüfen, ob weitere Zeichen sichtbar würden.

Zunächst geschah nichts.

Tim verglich die Schrift mit den beiden Fassungen der Prophezeiung. Professor Albrecht machte sich Notizen über die Vision und die mögliche Funktion des Rituals.

Eva saß schweigend daneben.

Dann spürte sie es.

Eine Wärme in ihrer Hand.

Sie blickte hinunter.

Das Amulett begann erneut zu leuchten.

Diesmal erschien kein Bild. Keine Lichtung, keine Gestalt, kein Blick in die Vergangenheit.

Stattdessen hörte sie ein leises Geräusch.

Ein Atemzug.

Dann eine Stimme.

„Du hast dich erinnert.“

Eva erstarrte.

„Wer bist du?“, flüsterte sie.

Tim hob den Kopf. „Was hast du gesagt?“

Eva hörte ihn kaum.

Die Stimme kam nicht aus dem Raum. Sie schien aus dem Amulett selbst zu stammen, doch sie war nicht die Stimme eines Mannes, der direkt zu ihr sprach.

Sie klang, als würden viele Erinnerungen gleichzeitig versuchen, eine einzige Sprache zu finden.

„Ich bewahre, was anvertraut wurde.“

Eva schluckte.

„Bist du Artan?“

Eine lange Stille folgte.

Dann antwortete die Stimme:

„Ich trage, woran Artan sich erinnerte.“

Das Licht im Amulett flackerte.

„Ich bewahre, was er sah. Was er fürchtete. Was er entschied.“

Eva spürte, wie ihre Hände zitterten.

„Dann bist du nicht Artan.“

„Ich bin nicht der, der starb.“

Ein Bild erschien auf der Oberfläche des Amuletts: ein junger Mann unter einer Eiche, sein Gesicht von Schmerzen gezeichnet. Es war Artan. Doch das Bild war starr, wie ein Abbild aus einer längst vergangenen Zeit.

Dann veränderte es sich.

Artan stand auf der Lichtung und blickte zu Rowanna. Seine Lippen bewegten sich, doch diesmal war kein Ton zu hören.

Das Bild zerfiel in silberne Linien.

„Ich bin, was von seiner Erinnerung bewahrt wurde.“

Eva spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Kannst du dich an alles erinnern, was er erlebt hat?“

Das Amulett wurde dunkler.

„Nicht alles, was geschieht, wird bewahrt.“

„Was fehlt?“

Eine Pause.

Dann:

„Die letzte Entscheidung ist unvollständig.“

Professor Albrecht war inzwischen aufgestanden. Er hatte die Stimme nicht gehört, aber er sah das Licht und die Veränderungen auf der Oberfläche des Amuletts.

„Eva, was sagt es?“

Sie wandte sich nicht von dem Gegenstand ab.

„Es sagt, dass Artans Erinnerung unvollständig ist. Es trägt das, was bewahrt wurde. Aber es kennt nicht alles.“

Tim trat näher.

„Kannst du uns sagen, was sich auf der anderen Seite der Grenze befindet?“

Das Licht erlosch.

Für einige Sekunden blieb alles still.

Dann erschien ein einziges Zeichen auf dem Amulett: zwei Kreise, die sich an einem Punkt berührten.

„Die Grenze bewahrt nicht nur einen Ort.“

Eva beugte sich vor.

„Was bewahrt sie noch?“

Die Antwort kam so leise, dass sie kaum mehr als ein Flüstern war.

„Die Entscheidung, die noch nicht vollendet wurde.“

Dann verstummte die Stimme.

Das Amulett war wieder kalt.

Das beinahe gelöste Rätsel

Professor Albrecht setzte sich langsam.

„Wenn das stimmt, dann hat Rowanna nicht einfach Artans Erinnerung in einem Gegenstand eingeschlossen. Sie hat einen Teil davon an das Ritual gebunden.“

Tim blickte auf die Karte.

„Und die Verbindung zwischen den beiden Orten sorgt dafür, dass diese Erinnerung zugänglich wird.“

„Möglicherweise“, sagte Albrecht. „Aber wir wissen noch nicht, was genau die Erinnerung mit dem vierten Stein verbindet.“

Eva betrachtete die alte Buchseite.

Jetzt ergaben die Worte einen anderen Sinn.

Er vertraute mir nicht sein Leben an.

Er vertraute mir seine Entscheidung an.

Artan hatte gewusst, dass er sterben würde. Er hatte gewusst, dass Movran etwas geweckt oder berührt hatte, das niemand beherrschen konnte. Und er hatte Rowanna nicht gebeten, ihn zurückzuholen.

Er hatte sie gebeten, seine Entscheidung zu bewahren.

„Vielleicht war die Entscheidung selbst der Schutz“, sagte Eva.

Tim sah sie an.

„Wie meinst du das?“

„Rowanna hätte versuchen können, Artan zurückzuholen. Aber dann wäre die Grenze gefallen. Stattdessen hat sie sich entschieden, ihn gehen zu lassen und das zu bewahren, was er erkannt hatte.“

Professor Albrecht nickte nachdenklich.

„Dann könnte die Schuld, von der die Prophezeiung spricht, nicht allein Movrans Verrat sein. Vielleicht liegt sie auch in der Entscheidung, die Rowanna treffen musste.“

„Sie musste zwischen Artan und der Grenze wählen“, sagte Tim.

Eva schüttelte langsam den Kopf.

„Nein. Sie musste zwischen dem Wunsch, Artan zurückzubekommen, und der Verantwortung für das entscheiden, was er ihr anvertraut hatte.“

Sie sah auf das Amulett.

„Und sie hat sich für die Verantwortung entschieden.“

Für einen Moment schien der Raum stiller zu werden.

Die wichtigsten Teile des Rätsels lagen nun vor ihnen:

Die Steine markierten zwei miteinander verbundene Orte.

Das Ritual der Bewahrung hatte eine Grenze geschaffen, die den Zugang zwischen ihnen kontrollierte.

Das Amulett trug einen Teil von Artans Erinnerung, aber nicht seine Seele und nicht sein Leben.

Und Rowanna hatte diese Erinnerung bewahrt, weil sie eine Entscheidung enthielt, deren Folgen noch immer nicht verstanden waren.

Doch eine Frage blieb offen.

Warum hatte Artan die Verbindung nicht endgültig zerstören lassen?

Wenn die Grenze so gefährlich war, warum hatte Rowanna sie nicht vollständig geschlossen?

Vielleicht, weil Artan wusste, dass irgendwann jemand die Wahrheit erfahren musste.

Oder weil die Grenze nicht nur etwas zurückhielt.

Vielleicht hielt sie auch etwas auf der anderen Seite fest, das nicht verloren gehen durfte.

Die letzte Zeile

Tim nahm die verborgene Buchseite erneut unter die Lampe.

„Hier ist noch etwas.“

Am unteren Rand verlief eine feine Linie, die zuvor kaum sichtbar gewesen war. Sie führte zu einem kleinen Symbol: einem offenen Kreis mit einem Punkt außerhalb der Linie.

Professor Albrecht beugte sich darüber.

„Das Zeichen kennen wir.“

„Es ist das Symbol der Grenze“, sagte Eva.

Tim drehte die Seite vorsichtig. Auf der Rückseite erschien eine weitere Zeile, so blass, dass sie zunächst wie ein Schatten wirkte.

Er las langsam:

Wenn Artans Name erneut gesprochen wird,

wird die Grenze erkennen,

wer zurückkehren darf.

Eva spürte einen kalten Schauer.

„Zurückkehren“, flüsterte sie.

„Das muss sich nicht auf Artan beziehen“, sagte Albrecht sofort. „Es könnte eine Person, eine Erinnerung oder etwas ganz anderes meinen.“

„Aber das Amulett hat gesagt, es sei nicht der, der starb“, erwiderte Tim. „Es trägt seine Erinnerung. Wenn die Grenze erkennt, wer zurückkehren darf, könnte es um etwas gehen, das die Grenze bereits einmal passiert hat.“

Eva dachte an den Mann in der Vision.

An die Stimme aus dem vierten Stein.

An den Fremden im Wald.

„Oder um jemanden, der nie hätte zurückkehren dürfen.“

Das Amulett begann ein letztes Mal zu leuchten.

Tiefblaues Licht breitete sich über der Karte aus. Die beiden Kreise schienen sich zu bewegen, bis ihre Ränder beinahe ineinandergriffen. Eine schmale Linie führte vom Druidenhain über Dornhain hinaus zu einem dritten Punkt.

Dort stand ein Name.

CAERDAN.

Dann hörte Eva wieder die Stimme.

Nicht die Stimme Artans, sondern etwas, das seine Erinnerung trug.

„Die Grenze wurde nicht geschaffen, um die Wahrheit für immer zu verbergen.“

Eine Pause.

„Sie wurde geschaffen, damit die Wahrheit nicht zurückkehrt, bevor jemand bereit ist, sie zu tragen.“

Das Licht erlosch.

Auf dem Pergament erschien eine letzte Zeile:

„DER WÄCHTER IST NICHT DER, DER DEN WEG VERSCHLIESST. SONDERN DER, DER ENTSCHEIDET, WER ZURÜCKKEHREN DARF.“

Eva starrte auf die Worte.

Sie hatte geglaubt, das Rätsel beinahe gelöst zu haben.

Nun verstand sie, warum es sich ihr immer wieder entzog.

Sie wusste, was die Steine bewahrten. Sie wusste, warum Rowanna das Ritual vollzogen hatte. Und sie wusste, dass Artan nicht als Geist zurückkehrte, sondern dass etwas seine Erinnerungen trug.

Doch sie wusste nicht, was diese Erinnerung unvollständig ließ.

Sie wusste nicht, wer oder was Caerdan war.

Und sie wusste nicht, wer die Grenze einst überschritten hatte – oder wer eines Tages zurückkehren sollte.

Draußen, weit entfernt unter der alten Eiche von Dornhain, erklang ein einzelner dumpfer Schlag.

Dann ein zweiter.

Beim dritten Schlag begann der vierte Stein zu leuchten.

Und tief in seinem Inneren erschien ein Zeichen, das weder Eva noch Tim noch Professor Albrecht jemals zuvor gesehen hatten.

Ein Zeichen, das aussah wie eine offene Tür.

Und auf der anderen Seite dieser Tür wartete keine Gestalt.

Dort wartete eine Erinnerung, die noch nicht vollständig war.

Fortsetzung folgt

Das geheimnisvolle Buch 3


Kapitel 22 – Die Uhr schlägt 22

Patrick schlug das Lederbuch zu und klemmte es unter den Arm.

Emilia nahm die alte Ledertasche an sich.

„Los“, sagte Patrick.

Gemeinsam verließen sie den Waggon.

Kaum traten sie hinaus, schlug ihnen der Regen entgegen. Der Wind heulte über die Gleise, und das Wasser lief in Strömen über das alte Pflaster des Bahnhofs.

Sie rannten.

Vorbei an den rostigen Schienen.

Vorbei an den überwucherten Bahnsteigen.

Direkt auf das alte Bahnhofsgebäude zu.

Plötzlich hörte Patrick hinter sich ein Geräusch.

Ein dumpfes Klopfen.

Als hätte jemand gegen eine Scheibe geschlagen.

Er blieb stehen und blickte zurück.

Der Waggon stand noch immer auf dem Abstellgleis.

Reglos.

Dunkel.

Doch im Fenster war nun eine Gestalt zu erkennen.

Die Silhouette eines jungen Mannes.

Er stand direkt am Fenster und blickte ihnen nach.

Regungslos.

Für einen Augenblick glaubte Patrick sogar, dessen Hand auf der Scheibe zu erkennen.

Dann zuckte ein Blitz über den Himmel.

Das Licht erlosch.

Und die Gestalt war verschwunden.

„Patrick!“

Emilias Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

„Komm!“

Er nickte und lief weiter.


Wenig später erreichten sie den alten Wartesaal.

Die schweren Holztüren standen offen.

Als sie eintraten, schien die Luft sich schlagartig zu verändern.

Der Regen war plötzlich weit entfernt.

Die Halle wirkte heller.

Lebendiger.

Fast warm.

Und dann geschah etwas Unmögliches.

Die alte Bahnhofsuhr, die seit Jahrzehnten stillgestanden hatte, begann sich zu bewegen.

Langsam.

Tick.

Tick.

Tick.

Die Zeiger rückten vor.

Bis sie genau auf 22:00 Uhr standen.

In diesem Moment schlug die Uhr.

Einmal.

Dann ein zweites Mal.

Der Klang hallte durch die gesamte Halle.

Und plötzlich knackte ein Lautsprecher über ihnen.

Eine verzerrte Stimme ertönte:

„Der Zug nach Falkenau fährt heute von Gleis 3 ab. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt.“

Patrick und Emilia sahen sich erschrocken an.

Dann hörten sie es.

Das ferne Pfeifen.

Tief.

Langgezogen.

Und kurz darauf rollte eine Dampflokomotive in den Bahnhof ein.

Weiße Dampfwolken füllten die Halle.

Menschen erschienen aus allen Richtungen.

Wie aus dem Nichts.

Frauen in langen Kleidern.

Männer mit Hüten und Mänteln.

Reisende mit Koffern.

Kinder, die an den Händen ihrer Eltern liefen.

Alle wirkten, als wären sie direkt aus dem vergangenen Jahrhundert gekommen.

Die Halle füllte sich mit Stimmen.

Mit Schritten.

Mit Leben.

Patrick konnte kaum glauben, was er sah.

„Es ist wieder passiert“, flüsterte Emilia.

Patrick nickte.

„Diesmal sind wir mitten darin.“

Sie drängten sich durch die Menschenmenge.

Immer weiter zur großen Bahnhofsuhr in der Mitte der Halle.

Dort hatte das Lederbuch sie hingeführt.

Dort sollte der Brief geöffnet werden.

Doch plötzlich stieß jemand gegen Patrick.

Hart.

So hart, dass er beinahe das Gleichgewicht verlor.

„He!“

Im selben Augenblick hörte Emilia einen erschrockenen Schrei.

„Die Tasche!“

Patrick fuhr herum.

Ein junger Mann hatte ihr die Ledertasche aus der Hand gerissen.

Keine zwanzig Jahre alt.

Dunkler Mantel.

Nasse Haare.

Entschlossener Blick.

Mit der Tasche unter dem Arm rannte er durch die Menschenmenge.

„Nein!“, rief Emilia.

„Bleib stehen!“

Doch der junge Mann verschwand zwischen den Reisenden.

Patrick setzte sofort zur Verfolgung an.

Vergeblich.

Die Menge war zu dicht.

Innerhalb weniger Sekunden war der Dieb verschwunden.

Einfach verschwunden.

Als hätte die Halle ihn verschluckt.

Patrick kehrte keuchend zurück.

Emilia stand bleich unter der Uhr.

„Der Brief…“

Ihre Stimme zitterte.

„Der Brief ist weg.“ Patrick sah sich hektisch um. Überall Menschen. Überall Bewegung.

Keine Spur von dem jungen Mann. Keine Spur der Tasche. Die beiden standen sprachlos da.

Entsetzt. Ratlos.

Und genau in diesem Augenblick erklang hinter ihnen eine vertraute Stimme.

„Ich hatte gehofft, dass ihr ihn nicht aus den Augen verliert.“ Patrick drehte sich um.

Emilia ebenfalls.

Dort, zwischen den Reisenden, stand Herr Winter.

Trocken.

Ruhig.

Als wäre er nie verschwunden gewesen.

Und in seinen Augen lag ein Ausdruck, der Patrick sofort klar machte:

Herr Winter wusste genau, wer den Brief gestohlen hatte.


Kapitel 23 – Die Uhr bleibt stehen

Patrick starrte Herrn Winter an.

Zwischen ihnen lag die verlassene Bahnhofshalle voller Menschen, Stimmen und Geheimnisse. Die Dampflok zischte noch immer auf Gleis 3, Reisende drängten an ihnen vorbei, und über allem hing das Ticken der großen Bahnhofsuhr.

Doch Patrick hatte nur eine Frage.

Wer war der junge Mann, der die Tasche gestohlen hatte?

Neben ihm verlor Emilia die Geduld.

„Wer war der Mann?“

Ihre Stimme hallte durch die Halle.

Mehrere Reisende drehten sich kurz um.

Emilia trat einen Schritt auf Herrn Winter zu.

„Sie wissen es doch!“

Herr Winter sah sie ruhig an.

„Ja.“

„Dann sagen Sie es!“

Patrick bemerkte zum ersten Mal, dass Herr Winter traurig wirkte.

Nicht erschrocken.

Nicht überrascht.

Traurig.

Als hätte er diesen Augenblick lange erwartet.

Er öffnete den Mund.

Doch bevor er antworten konnte, begann das Lederbuch erneut zu vibrieren.

Heftiger als jemals zuvor.

Patrick hielt es fest.

Die Seiten flatterten wild auf und zu.

Ein kalter Windstoß fegte durch die Bahnhofshalle.

Die Lampen flackerten.

Menschen blieben stehen.

Dann verschwammen sie.

Wie Nebel.

Wie Erinnerungen.

Ein Mann mit Hut löste sich auf.

Eine Frau mit einem Koffer verschwand.

Die Dampflok wurde durchsichtig.

Die Stimmen verklangen.

Innerhalb weniger Sekunden begann die ganze Welt um sie herum zu zerfallen.

Emilia keuchte erschrocken.

„Patrick!“

Die Bahnhofsuhr schlug ein letztes Mal.

Dann wurde alles still.

Vollkommen still.

Als Patrick wieder aufsah, war die Halle leer.

Verlassen.

Dunkel.

Die Dampflok war verschwunden.

Die Menschen waren fort.

Staub lag auf dem Boden.

Fenster waren zerbrochen.

Die Wände wieder verfallen.

Die alte Ruine war zurück.

Nur sie drei standen noch dort.

Patrick.

Emilia.

Und Herr Winter.

Langsam wanderten ihre Blicke zur Bahnhofsuhr.

Die Zeiger bewegten sich nicht mehr.

Sie waren stehen geblieben.

Auf 22:17 Uhr.

Genau wie zuvor.

Das Lederbuch wurde ruhig.

Die Seiten lagen offen.

Leer.

Zum ersten Mal seit langer Zeit erschien keine neue Schrift.

Herr Winter trat unter die Uhr.

Sein Blick ruhte auf den Zeigern.

„22:17 Uhr.“

Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Zu dieser Zeit geschah alles.“

Patrick spürte eine Gänsehaut.

„Was geschah?“

Herr Winter schwieg einen Moment.

Dann setzte er sich auf eine alte Holzbank.

Als würde ihn eine Last niederdrücken, die er viele Jahre getragen hatte.

„Der junge Mann, der die Tasche gestohlen hat…“

Er sah zu Patrick.

„…war kein Dieb.“

Emilia runzelte die Stirn.

„Er hat die Tasche genommen und ist weggelaufen!“

Herr Winter nickte langsam.

„Ja.“

Dann blickte er zur Uhr.

„Weil die Tasche ursprünglich ihm gehörte.“

Stille.

Patrick erstarrte.

„Was?“

Herr Winter faltete die Hände.

„Der junge Mann, den ihr gesehen habt…“

Ein ferner Donner rollte über den Himmel.

„…war Adrian.“

Niemand sagte etwas.

Nicht einmal der Wind war zu hören.

„Das ist unmöglich“, flüsterte Emilia.

Herr Winter sah sie an.

„Für die Welt da draußen vielleicht.“

Sein Blick wanderte zur Bahnhofsuhr.

„Aber nicht hier.“

Patrick spürte, wie sein Herz schneller schlug.

„Dann lebt Adrian?“

Herr Winter schüttelte langsam den Kopf.

„Nein.“

Eine Pause.

„Aber manche Geschichten enden nicht, wenn die Menschen sterben.“

Die Worte hingen schwer in der Luft.

Dann stand Herr Winter auf.

Langsam.

Und blickte zu den dunklen Gleisen hinaus.

„Vor über hundert Jahren geschah in diesem Bahnhof etwas, das nie abgeschlossen wurde.“

Er drehte sich wieder zu ihnen um.

„Und solange die Wahrheit nicht ihren Weg findet, kehren die Erinnerungen immer wieder zurück.“

Patrick sah auf das Lederbuch.

Emilia auf die Uhr.

22:17 Uhr.

Die Zeit des Unglücks.

Die Zeit, in der alles begann.

Und plötzlich erschien auf einer zuvor leeren Seite des Buches eine neue Zeile:

„Findet Adrian, bevor die Uhr erneut schlägt.“

Darunter erschien noch ein letzter Satz:

„Denn diesmal wird nicht nur eine Erinnerung verloren gehen.“


Kapitel 24 – Fragen in der Dunkelheit

Die Worte im Lederbuch standen regungslos auf der Seite:

„Findet Adrian, bevor die Uhr erneut schlägt.“

„Denn diesmal wird nicht nur eine Erinnerung verloren gehen.“

Patrick starrte auf die Schrift.

Emilia ebenso.

Dann sahen beide gleichzeitig zu Herrn Winter.

„Wie sollen wir ihn finden?“, fragte Patrick.

Herr Winter antwortete nicht sofort.

„Und wo?“, fügte Emilia hinzu.

Ihre Stimme hallte durch die verlassene Bahnhofshalle.

Draußen trommelte der Regen gegen die zerbrochenen Fensterscheiben.

Die alte Uhr über ihnen zeigte weiterhin 22:17 Uhr.

Unverändert.

Regungslos.

Patrick fuhr sich durch die nassen Haare.

„Sollen wir im Waggon suchen?“

Keine Antwort.

„Oder auf dem Bahnsteig?“

Herr Winter schwieg.

„Oder ganz woanders?“

Emilia verschränkte die Arme.

„Und überhaupt…“

Sie sah Herrn Winter direkt an.

„Wer sind Sie wirklich?“

Stille.

Eine unangenehme Stille.

Herr Winter senkte den Blick.

Als hätte er diese Frage lange gefürchtet.

Patrick dachte an den alten Mann im Park.

An seine Geschichten.

An sein plötzliches Verschwinden.

An sein Wissen.

„Und der alte Mann?“

Herr Winter blickte auf.

„Was hat er damit zu tun?“

Die Fragen sammelten sich wie Gewitterwolken.

Wer war Adrian?

Wer war die Frau mit dem roten Regenschirm?

Wer war Melisande?

Wer war der alte Mann?

Und warum schien Herr Winter mehr zu wissen als alle anderen?

Fragen über Fragen.

Doch Antworten gab es keine.

Noch nicht.

Plötzlich begann ein kalter Wind durch die Halle zu ziehen.

Lose Papierfetzen bewegten sich über den Boden.

Die Lampen flackerten.

Und wieder begann das Lederbuch zu vibrieren.

Patrick hob es vorsichtig auf.

„Nicht schon wieder…“

Doch das Buch öffnete sich bereits.

Langsam.

Seite für Seite.

Diesmal erschien die Schrift nicht sofort.

Erst nach einigen Sekunden floss schwarze Tinte über das Papier.

Ein Satz entstand.

Dann ein zweiter.

„Nicht jeder, der euch führt,

gehört in eure Zeit.“

Patrick runzelte die Stirn.

Neue Worte erschienen.

„Nicht jeder, der verschwindet,

ist fort.“

Emilia sah Herrn Winter an.

Der alte Buchhändler wirkte plötzlich angespannt.

Sehr angespannt.

Die Schrift schrieb weiter.

„Folgt den Schritten des Mannes,

der niemals einen Schatten wirft.“

Die Tinte hielt an.

Stille.

Patrick blickte langsam auf.

„Der alte Mann.“

Emilia nickte sofort.

„Im Park.“

„Im Buchladen.“

„Im Waggon.“

Herr Winter schloss kurz die Augen.

Als hätte er genau diese Erkenntnis verhindern wollen.

Dann erschien die letzte Zeile.

Dunkler als alle zuvor.

„Er wartet dort,

wo die Reise wirklich begann.“

Die Schrift stoppte.

Das Buch schloss sich.

Mit einem dumpfen Schlag.

Niemand sprach.

Draußen zuckte ein Blitz über den Himmel.

Und in seinem Licht glaubte Patrick für einen Sekundenbruchteil eine Gestalt am anderen Ende der Bahnhofshalle zu erkennen.

Einen alten Mann.

Mit grauem Mantel.

Und dunklem Hut.

Als der Donner folgte, war die Gestalt verschwunden.

Herr Winter atmete tief aus.

Dann sagte er leise:

„Ich hatte gehofft, dass es nicht so weit kommt.“

Patrick sah ihn an.

„Was meinen Sie damit?“

Herr Winter blickte zur Uhr.

22:17 Uhr.

Dann antwortete er:

„Weil ihr nun herausfinden werdet, wer der alte Mann wirklich ist.“


Kapitel 25 – Zurück nach Waggon 3

„Dort!“

Patrick zeigte zum anderen Ende der Bahnhofshalle.

Die Gestalt des alten Mannes war im Licht des Blitzes eindeutig zu erkennen gewesen.

Grauer Mantel.

Dunkler Hut.

Reglos zwischen den Schatten.

Ohne nachzudenken liefen Patrick und Emilia los.

Ihre Schritte hallten durch die verlassene Halle. Vorbei an den alten Bänken, vorbei an den zerbrochenen Fenstern und den verstaubten Fahrplantafeln.

„Warten Sie!“, rief Patrick.

Keine Antwort.

Sie erreichten das Ende der Halle.

Doch dort war niemand.

Der alte Mann war verschwunden.

Einfach fort.

Patrick sah sich hektisch um.

Links.

Rechts.

Zwischen den Säulen.

Hinter den Türen.

Nichts.

Nur Dunkelheit.

Nur Staub.

Und das ferne Grollen des Gewitters.

Emilia blieb stehen und atmete schwer.

„Das ist unmöglich.“

Patrick nickte.

„Er war hier.“

„Ich habe ihn gesehen.“

„Ich auch.“

Für einen Moment standen sie schweigend da.

Dann drehte sich Emilia um.

„Herr Winter!“

Sie wollte seinen Rat.

Er musste wissen, was das alles bedeutete.

Doch als sie zur Mitte der Halle zurückblickte, stockte ihr der Atem.

Der Platz unter der Bahnhofsuhr war leer.

Herr Winter war verschwunden.

Auch er.

Ohne ein Geräusch.

Ohne eine Spur.

Patrick und Emilia liefen zurück.

Doch dort war niemand.

Nur die große Uhr.

Unbeweglich.

Ihre Zeiger standen weiterhin auf 22:17 Uhr.

„Nein…“

Emilia schüttelte ungläubig den Kopf.

„Nicht schon wieder.“

Patrick sah sich um.

„Sie sind beide weg.“

Die Erkenntnis ließ die Halle noch leerer erscheinen als zuvor.

Herr Winter.

Der alte Mann.

Beide verschwunden.

Und mit ihnen jede Hoffnung auf Antworten.

Für einige Sekunden sagte keiner etwas.

Dann fiel Patricks Blick auf die Gleise vor dem Bahnhof.

Und auf das Abstellgleis dahinter.

„Der Waggon.“

Emilia sah ihn an.

„Waggon 3.“

Patrick nickte.

„Das Buch hat uns dorthin geführt.“

„Die Tasche war dort.“

„Der Brief auch.“

Emilia dachte kurz nach.

Dann nickte sie langsam.

„Vielleicht haben wir etwas übersehen.“

Es war die einzige Spur, die ihnen geblieben war.

Gemeinsam verließen sie die Bahnhofshalle.

Draußen peitschte ihnen zunächst noch der Regen entgegen.

Doch je näher sie dem Abstellgleis kamen, desto schwächer wurde er.

Das Donnern entfernte sich.

Der Wind legte sich.

Und schließlich hörte der Regen vollständig auf.

Eine unnatürliche Stille breitete sich aus.

Der Waggon stand noch immer dort.

Dunkel.

Schweigend.

Als hätte er auf sie gewartet.

Die Messingbeschläge glänzten schwach im Licht des Mondes, der nun zwischen den Wolken hervorkam.

Patrick blieb kurz stehen.

„Kommt dir das nicht seltsam vor?“

Emilia blickte zum Himmel.

Kein Regen mehr.

Kein Wind.

Nicht einmal ein Geräusch.

„Ja.“

Langsam gingen sie näher.

Vor ihnen hing noch immer das Schild:

Waggon 3

Patrick legte die Hand auf den Türgriff.

Das kalte Metall fühlte sich überraschend warm an.

Er tauschte einen Blick mit Emilia.

Dann öffnete er die Tür.

Der vertraute goldene Lichtschein fiel nach draußen.

Der Waggon war erleuchtet.

Genau wie zuvor.

Als wäre seit ihrer letzten Begegnung keine einzige Minute vergangen.

Gemeinsam stiegen sie die Stufen hinauf.

Und kaum hatten sie den Waggon betreten, fiel die Tür hinter ihnen mit einem dumpfen Geräusch ins Schloss.

Die beiden fuhren erschrocken herum.

Doch die Tür ließ sich nicht mehr öffnen.

Im selben Moment begann irgendwo im Inneren des Waggons eine alte Taschenuhr zu ticken.

Langsam.

Regelmäßig. Tick. Tick. Tick.

Und das Lederbuch unter Patricks Arm begann erneut zu vibrieren.


Kapitel 26 – Das Lächeln im Mondlicht

Das regelmäßige Ticken der unsichtbaren Uhr erfüllte den Waggon.

Tick.

Tick.

Tick.

Patrick spürte das Vibrieren des Lederbuches in seinen Händen.

Diesmal war es anders.

Ruhiger.

Fast so, als wolle es nicht warnen, sondern etwas zeigen.

Er legte das Buch vorsichtig auf einen der kleinen Tische zwischen den Polstersitzen.

Sofort schlug es sich auf.

Die Seiten blätterten langsam.

Doch diesmal erschien keine Schrift.

Keine Botschaft.

Nur leere Seiten.

Patrick fuhr sich durch die Haare.

„Wo ist der Hinweis auf Adrian?“

Emilia sah sich im Waggon um.

Die Samtvorhänge.

Die Messinglampen.

Die dunklen Holzvertäfelungen.

Alles wirkte unverändert.

Und doch hatte Patrick das Gefühl, dass sie etwas Entscheidendes übersahen.

„Vielleicht ist dieser Waggon selbst der Hinweis“, sagte Emilia.

Patrick blickte durch den Gang.

„Aber was ist hier passiert?“

Seine Stimme hallte leise zwischen den Wänden wider.

„Warum führt uns alles immer wieder hierher?“

Keine Antwort.

Nur das Ticken.

Tick.

Tick.

Tick.

Plötzlich bemerkte Emilia etwas.

„Patrick.“

Sie zeigte auf eines der Fenster.

„Dort.“

Patrick drehte sich um.

Und erstarrte.

Vor dem Waggon stand eine Frau.

Regungslos.

Wie schon so oft.

Der dunkle Mantel.

Die langen hellen Haare.

Die schlanke Gestalt.

Doch diesmal hielt sie keinen roten Regenschirm in der Hand.

Der Regen hatte längst aufgehört.

Mondlicht lag über den Gleisen.

Silbern.

Still.

Die Frau stand nur wenige Meter entfernt.

Und sah direkt zu ihnen.

Emilia trat näher an das Fenster.

„Sie ist wieder da.“

Patrick spürte, wie sein Herz schneller schlug.

Seit Beginn dieser Geschichte hatte die geheimnisvolle Frau sie geführt.

Zum Buchladen.

Zum Bahnhof.

Zum Waggon.

Immer war sie erschienen.

Immer war sie verschwunden.

Doch diesmal war etwas anders.

Die Frau wirkte nicht traurig.

Nicht geheimnisvoll.

Nicht unerreichbar.

Langsam hob sie den Blick.

Und lächelte.

Zum ersten Mal.

Ein warmes, sanftes Lächeln.

Fast erleichtert.

Emilia flüsterte:

„Glaubst du…“

Sie sprach den Gedanken kaum aus.

„…dass sie Melisande ist?“

Patrick antwortete nicht sofort.

Er erinnerte sich an die Geschichte im Buch.

An die junge Frau, die ihr Leben lang auf eine Wahrheit gewartet hatte.

An den Brief.

An Adrian.

An den Bahnhof.

Und plötzlich schien alles miteinander verbunden.

Die Frau draußen nickte leicht.

Als hätte sie Emilias Frage gehört.

Dann hob sie langsam ihre Hand.

Nicht zum Gruß.

Nicht als Warnung.

Sie zeigte auf das andere Ende des Waggons.

Ganz nach hinten.

Dort, wo sie die Tasche gefunden hatten.

Patrick und Emilia drehten sich gleichzeitig um.

Der letzte Tisch stand noch immer dort.

Leer.

Zumindest glaubten sie das.

Doch im Licht der Messinglampe lag nun etwas auf dem Tisch, das zuvor nicht dort gewesen war.

Ein kleiner, vergilbter Fahrschein.

Und direkt daneben begann das Lederbuch, das bis eben still gewesen war, erneut zu vibrieren.


Kapitel 27 – Die Abfahrt

Patrick und Emilia standen am Ende von Waggon 3 und starrten auf den vergilbten Fahrschein.

Das Lederbuch auf dem Tisch begann erneut zu vibrieren.

Zunächst nur leicht.

Dann immer stärker.

Die Seiten flatterten aufgeregt.

Fast hektisch.

„Es will uns etwas zeigen“, sagte Emilia leise.

Patrick nickte.

Doch bevor einer von beiden das Buch berühren konnte, ertönte plötzlich eine Stimme.

Dumpf.

Verzerrt.

Wie aus großer Entfernung.

Eine Lautsprecherdurchsage.

„Der Zug nach Falkenau fährt in wenigen Augenblicken ab. Reisende werden gebeten einzusteigen.“

Patrick und Emilia blickten sich erschrocken an.

Die Stimme kam eindeutig aus dem Bahnhof.

Doch eben war dort noch nichts gewesen.

Dann ging ein Ruck durch den Waggon.

Kräftig genug, dass die Messinglampen schwankten.

Die Gläser klirrten.

Emilia musste sich am Tisch festhalten.

„Habst du das gespürt?“

Doch Patrick hatte die Antwort bereits gehört.

Draußen.

Vor dem Waggon.

Ein langgezogenes Zischen.

Dampf.

Metall.

Maschinenkraft.

Dann ertönte das tiefe, kraftvolle Schnaufen einer Dampflokomotive.

Die Lok hatte angekuppelt.

Und setzte den Zug in Bewegung.

Langsam.

Mit einem schweren Ruck.

Der Waggon begann zu rollen.

Patrick lief zum Fenster.

Draußen bewegte sich das Abstellgleis an ihnen vorbei.

Die dunklen Schienen.

Das überwucherte Gras.

Die verlassene Ruine.

Doch während der Zug Fahrt aufnahm, veränderte sich die Welt erneut.

Wie Nebel, der sich auflöst.

Die verfallenen Mauern wurden neu.

Fensterscheiben erschienen.

Laternen entzündeten sich.

Die Dunkelheit wich warmem Licht.

Der Bahnhof erwachte.

Wieder.

Innerhalb weniger Sekunden war aus der Ruine ein lebendiger Bahnhof geworden.

Genau wie vor hundert Jahren.

Menschen liefen über die Bahnsteige.

Kofferträger eilten durch den Dampf.

Kinder lachten.

Reisende verabschiedeten sich.

Pferdekutschen standen vor dem Gebäude.

Der Zug rollte zischend in die Bahnhofshalle ein.

Bremsen quietschten.

Dampf füllte die Luft.

Und sofort strömten Menschen herbei.

Frauen in langen Mänteln.

Männer mit Hüten.

Soldaten.

Geschäftsleute.

Familien mit Gepäck.

Sie stiegen ein.

Direkt in Waggon 3.

An Patrick und Emilia vorbei.

Doch niemand beachtete sie.

Niemand sah sie an.

Eine ältere Dame ging sogar direkt durch den Platz, an dem Patrick stand, als wäre er gar nicht da.

Emilia erschrak.

„Sie können uns nicht sehen.“

Patrick schluckte.

„Wir sind nicht wirklich hier.“

Die Menschen setzten sich.

Unterhielten sich.

Lasen Zeitungen.

Als wäre alles vollkommen normal.

Und mitten in diesem geschäftigen Treiben begann das Lederbuch plötzlich von selbst aufzuschlagen.

Die Seiten blätterten schneller als je zuvor.

Wind fuhr durch den Waggon.

Die Lampen flackerten.

Dann stoppte das Buch.

Eine leere Seite lag vor ihnen.

Langsam erschien schwarze Tinte.

Zeile für Zeile.

Wort für Wort.

„Ihr seid angekommen.“

Weitere Schrift entstand.

„Die letzte Reise hat begonnen.“

Patrick spürte eine Gänsehaut.

Die Tinte schrieb weiter:

„Sucht den Mann mit dem Fahrschein.“

„Er trägt die Antwort bei sich.“

Dann erschien eine letzte Zeile.

Langsam.

Dunkel.

Fast feierlich.

„Und wenn die Uhr 22:17 schlägt,

wird sich entscheiden, wer erinnert wird.“

Die Schrift verstummte. Das Buch blieb geöffnet liegen.

Und genau in diesem Moment öffnete sich die Tür am anderen Ende des Waggons.

Ein junger Mann trat ein. Dunkler Mantel.

Nasse Haare.

Und in seiner Hand hielt er einen vergilbten Fahrschein.


Kapitel 28 – Der Mann mit dem Fahrschein

Mit einem langen Pfeifen setzte sich der Zug endgültig in Bewegung.

Langsam glitt er aus der Bahnhofshalle hinaus.

Dampf zog an den Fenstern vorbei. Die Lichter des Bahnhofs wurden kleiner und verschwanden schließlich in der Dunkelheit der Nacht.

Das rhythmische Klackern der Räder erfüllte den Waggon.

Klack-klack.

Klack-klack.

Klack-klack.

Patrick und Emilia nahmen an einem kleinen Tisch Platz.

Zwischen ihnen lag das Lederbuch.

Noch immer geöffnet auf der letzten Seite.

Die Worte standen unverändert dort:

„Sucht den Mann mit dem Fahrschein.“

„Er trägt die Antwort bei sich.“

„Und wenn die Uhr 22:17 schlägt, wird sich entscheiden, wer erinnert wird.“

Emilia las die Zeilen erneut.

Und noch einmal.

Doch sie wurden dadurch nicht verständlicher.

„Wer erinnert wird?“

Sie blickte zu Patrick.

„Was soll das bedeuten?“

Patrick schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es nicht.“

Sein Blick wanderte durch den Waggon.

Zu dem jungen Mann.

Der saß einige Reihen weiter am Fenster.

Allein.

Schweigend.

Der vergilbte Fahrschein lag noch immer in seiner Hand.

Von Zeit zu Zeit blickte er darauf.

Als wolle er sich vergewissern, dass er noch da war.

Dann sah er wieder hinaus in die Nacht.

„Er weiß etwas“, sagte Patrick.

Emilia nickte.

„Die Frage ist nur was.“

Sie beobachteten ihn aufmerksam.

Der junge Mann wirkte nervös.

Immer wieder schaute er sich um.

Nicht hektisch.

Eher vorsichtig.

Als hätte er Angst, von jemandem erkannt zu werden.

Oder verfolgt zu werden.

Plötzlich zog er eine Taschenuhr aus seiner Manteltasche.

Er öffnete sie.

Sah auf die Zeit.

Und schloss sie wieder.

Patrick bemerkte es sofort.

„Hast du das gesehen?“

„Ja.“

„Er wartet auf etwas.“

Emilia sah erneut zum Lederbuch.

„Oder auf jemanden.“

Für einige Minuten sagte keiner etwas.

Der Zug fuhr weiter durch die Nacht.

Draußen zogen Wälder und Felder vorbei.

Silbern beleuchtet vom Mond.

Im Waggon unterhielten sich die Reisenden.

Eine ältere Dame las eine Zeitung.

Ein Geschäftsmann schrieb in ein Notizbuch.

Ein Kind schlief auf dem Schoß seiner Mutter.

Alles wirkte normal.

Und doch wusste Patrick, dass nichts daran normal war.

Er schlug eine weitere Seite des Lederbuches auf.

Leer.

Die nächste Seite ebenfalls.

Dann plötzlich erschien Tinte.

Ganz langsam.

Als würde jemand zögern.

Ein einzelner Satz entstand:

„Vertraut nicht dem ersten Eindruck.“

Patrick runzelte die Stirn.

Neue Worte erschienen.

„Der Suchende ist nicht der Gejagte.“

Emilia las die Zeilen mehrmals.

„Das ergibt keinen Sinn.“

Doch Patrick war sich nicht sicher.

Er blickte erneut zum jungen Mann.

Und bemerkte etwas.

Der junge Mann beobachtete nicht die anderen Reisenden.

Nicht den Schaffner.

Nicht die Landschaft.

Er beobachtete die Tür am Ende des Waggons.

Ununterbrochen.

Als würde er auf jemanden warten.

Oder sich vor jemandem fürchten.

Dann geschah etwas Seltsames.

Der junge Mann wurde plötzlich blass.

Sein Blick richtete sich auf die Fensterscheibe neben ihm.

Langsam.

Sehr langsam.

Stand er auf.

Patrick und Emilia folgten seinem Blick.

Und sahen nichts.

Nur ihr eigenes Spiegelbild.

Doch der Ausdruck im Gesicht des jungen Mannes verriet etwas anderes.

Er hatte dort etwas gesehen.

Etwas, das ihn erschreckte.

Er griff den Fahrschein fester.

Und flüsterte ein einziges Wort.

So leise, dass Patrick es kaum hören konnte.

„Melisande.“

Im selben Augenblick begann das Lederbuch erneut zu vibrieren.


Kapitel 29 – Der Bahnhof in der Nacht

Das Lederbuch vibrierte erneut.

Nicht heftig.

Nicht warnend.

Eher wie ein Herzschlag.

Ruhig.

Regelmäßig.

Patrick und Emilia saßen noch immer an ihrem Tisch, während der Zug durch die mondbeschienene Nacht fuhr.

Der junge Mann mit dem Fahrschein stand weiterhin am Fenster.

Sein Blick war angespannt.

Seine Finger umklammerten das vergilbte Ticket.

Und dann geschah etwas.

Die Bremsen quietschten.

Ein langes Zischen hallte durch den Zug.

Die Reisenden blickten kurz auf.

Einige schlossen ihre Bücher.

Andere richteten ihre Hüte.

Langsam wurde der Zug langsamer.

Noch langsamer.

Bis er schließlich zum Stehen kam.

Mitten in der Nacht.

Mitten im Nirgendwo.

Patrick blickte aus dem Fenster.

Ein kleiner Bahnhof lag vor ihnen.

Kaum mehr als ein einzelner Bahnsteig.

Eine Wartehalle.

Eine Laterne.

Und ein Schild, dessen Schrift im Dunkeln kaum zu erkennen war.

Kein Laut war zu hören.

Keine Stimmen.

Kein Wind.

Nur das leise Zischen der Dampflok.

Dann bemerkte Emilia etwas.

„Patrick…“

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Dort.“

Sie zeigte auf den Bahnsteig.

Unter einer einzelnen Laterne stand eine Frau.

Ganz allein.

Regungslos.

Der Schein der Lampe fiel auf ihre hellen Haare.

Ihr Mantel bewegte sich leicht.

Patrick spürte sofort eine Gänsehaut.

„Die Frau…“

Emilia nickte langsam.

„Ist sie das?“

Niemand sprach den Namen aus.

Doch beide dachten dasselbe.

Melisande.

Die Frau bewegte sich nicht.

Sie stand einfach dort.

Als würde sie auf den Zug warten.

Oder auf jemanden darin.

Das Lederbuch begann stärker zu vibrieren.

Patrick legte seine Hand darauf.

Die Seiten bewegten sich leicht.

Fast unmerklich.

Dann flackerten die Lampen im Waggon.

Einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Die Schatten an den Wänden tanzten.

Doch etwas war seltsam.

Niemand sonst reagierte.

Die ältere Dame las weiter ihre Zeitung.

Der Geschäftsmann schrieb weiter in sein Notizbuch.

Das schlafende Kind rührte sich nicht.

Als würden nur Patrick und Emilia das Flackern bemerken.

„Sie sehen es nicht“, sagte Emilia leise.

Patrick nickte.

Die Lampen flackerten erneut.

Diesmal stärker.

Für einen Augenblick wurde der gesamte Waggon dunkel.

Als das Licht zurückkehrte, stand die Frau auf dem Bahnsteig näher am Zug.

Viel näher.

Fast direkt vor ihrem Fenster.

Patrick zuckte zusammen.

Er war sicher, dass sie sich nicht bewegt hatte.

Und doch war sie näher gekommen.

Langsam hob die Frau ihren Kopf.

Ihre Augen blickten direkt in den Waggon.

Direkt zu Patrick.

Direkt zu Emilia.

Und dann geschah etwas noch Seltsameres.

Der junge Mann mit dem Fahrschein hatte sie ebenfalls gesehen.

Sein Gesicht wurde schlagartig blass.

Er stand auf.

Stieß beinahe seinen Sitz um.

Und flüsterte erschrocken:

„Nein…“

Das Lederbuch schlug plötzlich von selbst auf.

Die Seiten flatterten.

Schneller.

Immer schneller.

Dann stoppten sie.

Schwarze Tinte erschien.

Nur ein einziger Satz schrieb sich auf das Papier:

„Steigt nicht aus, bevor die Frau den Zug betritt.“

Im selben Augenblick öffnete sich draußen auf dem Bahnsteig langsam eine Waggontür.


Kapitel 30 – Bevor der Zug abfährt

Patrick und Emilia starrten auf die Waggontür.

Langsam.

Knarrend.

Öffnete sie sich.

Der kalte Nachtwind strich durch den Wagen und ließ die Flammen der Messinglampen zittern.

Niemand sprach.

Die Reisenden schienen von alldem nichts zu bemerken.

Die ältere Dame las weiter ihre Zeitung.

Der Geschäftsmann schrieb noch immer in sein Notizbuch.

Das schlafende Kind bewegte sich nicht.

Nur Patrick und Emilia hielten den Atem an.

Kam jetzt die geheimnisvolle Frau?

Die Frau vom Bahnsteig?

Melisande?

Oder jemand ganz anderes?

Die Tür stand nun halb offen.

Doch niemand trat ein.

Draußen ertönte plötzlich eine Lautsprecherdurchsage.

Knisternd.

Verzerrt.

Wie aus weiter Ferne.

„Abfahrt in einer Minute. Bitte einsteigen.“

Im selben Moment erklang das tiefe Pfeifen der Dampflokomotive.

Ein langgezogener Ton durchschnitt die Nacht.

Emilia fuhr zusammen.

„Nein.“

Sie blickte zum Bahnsteig.

„Sie muss einsteigen.“

Patrick dachte sofort an die Warnung des Lederbuches.

„Steigt nicht aus, bevor die Frau den Zug betritt.“

Was würde geschehen, wenn der Zug vorher abfuhr?

War die Frau der Schlüssel?

Die Antwort?

Oder die Erinnerung, nach der sie suchten?

Draußen setzte sich der Schaffner bereits in Bewegung.

Mit seiner Kelle in der Hand ging er den Bahnsteig entlang.

Routiniert.

Unaufhaltsam.

Bereit, das Abfahrtsignal zu geben.

Patrick spürte, wie die Zeit gegen sie arbeitete.

„Wo ist sie?“

Emilia blickte hinaus.

Der Bahnsteig war fast leer.

Die geheimnisvolle Frau war nicht mehr zu sehen.

Und plötzlich fiel Patrick etwas auf.

„Der junge Mann.“

Emilia sah ihn an.

„Was ist mit ihm?“

Patrick blickte durch den Waggon.

Die Sitzreihe am Fenster.

Leer.

Der Platz, auf dem er eben noch gesessen hatte.

Verlassen.

Der junge Mann mit dem Fahrschein war verschwunden.

„Er ist weg.“

Emilia stand sofort auf.

„Wann?“

„Ich weiß es nicht.“

Beide sahen sich suchend um.

Doch nirgendwo war er zu entdecken.

Nicht im Gang.

Nicht zwischen den Reisenden.

Nicht an den Türen.

Als hätte er sich einfach in Luft aufgelöst.

Die Geschichte wurde immer verzwickter.

Mit jeder Antwort entstanden neue Fragen.

Wer war der junge Mann wirklich?

Warum hatte er Melisandes Namen geflüstert?

Warum war er verschwunden?

Und warum schien jeder Mensch in dieser Geschichte mehr zu wissen als Patrick und Emilia?

Ein weiterer Pfiff der Lokomotive hallte über den Bahnhof.

Dampf zog an den Fenstern vorbei.

Dann geschah etwas.

Nur für einen Augenblick.

Patrick glaubte, zwei Gestalten auf dem Bahnsteig zu erkennen.

Direkt unter einer flackernden Laterne.

Herr Winter.

Und der alte Mann.

Nebeneinander.

Regungslos.

Als würden sie den Zug beobachten.

Als würden sie auf etwas warten.

Patrick blinzelte.

Ein Reisender lief durch sein Blickfeld.

Als die Sicht wieder frei war, waren beide verschwunden.

„Emilia!“

„Ich habe sie gesehen.“

„Wen?“

„Herrn Winter. Und den alten Mann.“

Emilia sah sofort hinaus.

Doch dort war niemand mehr.

Nur Nebel. Dampf. Und die Nacht.

In diesem Augenblick begann das Lederbuch erneut zu vibrieren.

Heftig. Stärker als je zuvor. Die Seiten schlugen von selbst auf.

Wind fuhr durch den Waggon.

Die Lampen flackerten.

Die Reisenden bemerkten weiterhin nichts.

Schwarze Tinte erschien auf einer leeren Seite.

Schnell. Drängend.

Als hätte das Buch Angst, zu spät zu kommen.

Ein Satz entstand.

„Die Entscheidung fällt beim nächsten Halt.“

Noch eine Zeile erschien.

„Wenn die Tür geschlossen wird,

gibt es keinen zweiten Weg mehr.“

Patrick und Emilia sahen sich an.

Und genau in diesem Moment erklang draußen der Ruf des Schaffners:

„Einsteigen bitte! Türen schließen!“

Langsam begann sich die Waggontür zu bewegen.


Kapitel 31 – Die Notbremsung

Ein langes Pfeifen durchschnitt die Nacht.

Die Dampflokomotive stieß eine gewaltige Wolke aus Dampf aus und setzte sich zischend in Bewegung.

Langsam zuerst.

Dann schneller.

Immer schneller.

Der kleine Bahnhof verschwand hinter ihnen. Die Lichter wurden kleiner, bis sie schließlich vollkommen von der Dunkelheit verschluckt wurden.

Patrick und Emilia saßen noch immer an ihrem Tisch.

Das Lederbuch lag zwischen ihnen.

Geschlossen.

Unheimlich still.

Emilia blickte auf ihre Armbanduhr.

Dann zu Patrick.

In ihren Augen lag Verzweiflung.

„Es ist gleich 22:17 Uhr.“

Patrick sagte nichts.

Sie schüttelte den Kopf.

„Und wir sitzen hier im Zug.“

Draußen raste die Landschaft vorbei.

Mondbeschienene Felder.

Dunkle Wälder.

Nebel über Wiesen.

Alles verschwamm zu grauen Schatten.

„Wie sollen wir jemals dieses Rätsel lösen?“

Ihre Stimme wurde leiser.

„Wir wissen nicht einmal, wer Melisande wirklich war.“

„Oder Adrian“, ergänzte Patrick.

„Oder der alte Mann.“

„Oder Herr Winter.“

Emilia nickte.

„Und jetzt sind auch noch die Frau und der Junge verschwunden.“

Patrick blickte durch den Waggon.

Sie hatte recht.

Von der geheimnisvollen Frau fehlte jede Spur.

Ebenso vom jungen Mann mit dem Fahrschein.

Nur die übrigen Reisenden waren noch da.

Die ältere Dame las weiter ihre Zeitung.

Der Geschäftsmann schrieb noch immer in sein Notizbuch.

Andere unterhielten sich leise.

Niemand schien zu bemerken, dass sie durch eine Geschichte fuhren, die eigentlich längst vergangen war.

Der Zug beschleunigte weiter.

Das Stampfen der Lokomotive wurde lauter.

Die Räder hämmerten über die Schienen.

Klack-klack.

Klack-klack.

Klack-klack.

Immer schneller.

Immer schneller.

Plötzlich zog draußen ein Schatten vorbei.

Dann noch einer.

Patrick glaubte für einen Moment, eine Gestalt neben den Gleisen laufen zu sehen.

Doch schon war sie wieder verschwunden.

Der Zug raste inzwischen mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die Nacht.

Und dann geschah es.

Ein schrilles Kreischen.

Metall auf Metall.

Ein gewaltiger Ruck.

Der gesamte Zug erzitterte.

„Festhalten!“, rief Patrick.

Zu spät.

Die Notbremsung traf den Zug mit voller Wucht.

Koffer stürzten aus den Gepäcknetzen.

Zeitungen flogen durch die Luft.

Ein Serviertablett krachte zu Boden.

Mehrere Reisende wurden aus ihren Sitzen geschleudert.

Schreie hallten durch den Waggon.

Die Lampen schwankten wild.

Gläser zerbrachen.

Der Zug bremste mit einem ohrenbetäubenden Quietschen.

Dann—

Stille.

Absolute Stille.

Nur das leise Zischen der Lokomotive war noch zu hören.

Patrick blinzelte.

Er saß noch immer auf seinem Platz.

Emilia ebenfalls.

Wie durch ein Wunder hatte sich keiner von ihnen bewegt.

Um sie herum herrschte Chaos.

Koffer lagen verstreut.

Stühle waren umgekippt.

Mehrere Reisende standen erschrocken auf.

Doch Patrick bemerkte etwas Seltsames.

Sie alle wirkten wie eingefroren.

Als wäre die Zeit für einen Moment stehen geblieben.

Niemand sprach.

Niemand bewegte sich.

Emilia bemerkte es ebenfalls.

„Patrick…“

Ihre Stimme war kaum hörbar.

„Was ist hier los?“

Dann begann das Lederbuch zu vibrieren. Langsam. Rhythmisch.

Wie ein Herzschlag.

Bumm. Bumm. Bumm.

Die Vibration wurde stärker. Die Messinglampen flackerten. Ein kalter Luftzug zog durch den Waggon.

Und ganz langsam öffnete sich das Buch von selbst.

Seite für Seite. Bis es mitten im Buch innehielt. Leere Seiten. Schwarze Tinte begann zu erscheinen.

Ein Wort. Dann ein zweites. Patrick beugte sich vor. Emilia ebenfalls.

Die Schrift formte einen einzigen Satz:

„Jemand hat den Zug angehalten.“

Noch bevor weitere Worte erscheinen konnten, hörten sie draußen Schritte.

Langsame Schritte. Direkt neben dem Waggon. Jemand näherte sich.


Kapitel 32 – Die Geschichte der geheimnisvollen Frau

Die Schritte vor dem Waggon kamen näher.

Langsam.

Ruhig.

Als hätte die Person draußen alle Zeit der Welt.

Patrick und Emilia blickten gleichzeitig zur Waggontür.

Das Lederbuch vibrierte noch immer.

Die Messinglampen flackerten.

Der kalte Luftzug wurde stärker.

Dann öffnete sich die Tür.

Langsam.

Knarrend.

Im Türrahmen erschien eine Gestalt.

Eine junge Frau.

Lange, helle Haare fielen über ihren dunklen Mantel.

In ihrer Hand hielt sie den roten Regenschirm.

Auf ihrem Mantel glitzerten Regentropfen, obwohl draußen längst kein Regen mehr fiel.

Sie trat einen Schritt in den Waggon.

Dann noch einen.

Die Tür schloss sich lautlos hinter ihr.

Die übrigen Reisenden schienen sie nicht wahrzunehmen.

Die ältere Dame las weiter ihre Zeitung.

Der Geschäftsmann schrieb unbeirrt in sein Notizbuch.

Ein Schaffner ging an ihr vorbei, ohne auch nur den Blick zu heben.

Als wäre sie unsichtbar.

Doch für Patrick und Emilia war sie so wirklich wie alles andere in diesem Waggon.

Die junge Frau blieb in der Mitte des Ganges stehen.

Ihre hellen Augen ruhten auf Patrick.

Dann auf Emilia.

Und schließlich auf dem Lederbuch.

Sie lächelte.

Ein stilles, trauriges Lächeln.

Als würde sie wissen, dass dieser Augenblick irgendwann kommen musste.

„Sind Sie … Melisande?“, fragte Emilia vorsichtig.

Die Frau antwortete nicht.

Stattdessen trat sie langsam an den kleinen Tisch heran.

Sie legte eine Hand auf den Einband des Lederbuches.

Sofort hörte das Vibrieren auf.

Für einen Augenblick wurde es vollkommen still.

Dann schlug das Buch sich von selbst auf.

Die Seiten waren leer.

Doch nicht lange.

Wie flüssige schwarze Tinte erschienen die ersten Worte.

Langsam.

Zeile für Zeile.

Patrick und Emilia lasen schweigend.

„Sie hieß nicht Melisande.“

Patrick runzelte die Stirn.

Neue Zeilen entstanden.

„Melisande war der Name, unter dem sie in Erinnerung blieb.“

Die Frau schloss für einen Moment die Augen.

Als würde sie jedes einzelne Wort fühlen.

Die Schrift floss weiter über das Papier.

„Ihr wahrer Name war Elise.“

Emilia sah überrascht auf.

„Elise …“

Das Buch schrieb weiter.

„Sie liebte Adrian.“

„Sie wollten gemeinsam fortgehen.“

„Mit dem letzten Zug.“

Patrick spürte, wie sich die Puzzleteile langsam zusammenfügten.

Die Schrift hielt nicht an.

„In ihrer Tasche trug sie einen Brief.“

„In seiner Tasche trug Adrian den Fahrschein.“

„Beides sollte sie in eine gemeinsame Zukunft führen.“

Die junge Frau blickte aus dem Fenster.

Ihr Spiegelbild war darin nicht zu sehen.

Nur die vorbeiziehende Nacht.

Dann erschien ein neuer Satz.

„Doch sie erreichte den Zug nie.“

Patrick hob langsam den Blick.

„Warum?“

In diesem Moment schloss die Frau die Augen.

Eine einzelne Träne lief über ihre Wange.

Das Lederbuch antwortete an ihrer Stelle.

„Jemand hielt sie auf.“

Stille.

Patrick und Emilia wechselten einen Blick.

Sie wussten sofort, dass dies der entscheidende Teil der Geschichte war.

Doch das Buch schrieb weiter.

Langsam.

Fast widerwillig.

„Adrian wartete bis zur letzten Minute.“

„Dann musste der Zug abfahren.“

„Er glaubte, sie habe ihn verlassen.“

Die junge Frau öffnete die Augen.

Zum ersten Mal sprach sie.

Mit leiser, klarer Stimme sagte sie:

„Er hat nie erfahren, warum ich nicht gekommen bin.“

Ihre Worte ließen Patrick und Emilia erstarren.

Es war das erste Mal, dass sie ihre Stimme hörten.

Sie war ruhig.

Warm.

Und voller Traurigkeit.

Das Lederbuch vibrierte erneut.

Eine letzte Zeile erschien auf der Seite:

„Findet die Wahrheit über jene Nacht – und entscheidet, ob die Geschichte endlich enden darf.“

Als die Schrift verblasste, hob Elise langsam den Blick.

Dann sah sie Patrick direkt in die Augen und flüsterte:

„Ihr habt nur noch einen Halt.“


Kapitel 33 – Das letzte Kapitel

Stille.

Nur das leise Ticken der Räder auf den Schienen war noch zu hören.

Patrick und Emilia saßen schweigend am kleinen Tisch.

Zwischen ihnen lag das geheimnisvolle Lederbuch.

Die letzten Worte von Elise hallten noch in ihren Gedanken nach.

„Ihr habt nur noch einen Halt.“

Sie blickten aus dem Fenster.

Die Nacht glitt lautlos an ihnen vorbei.

Keiner von beiden wusste, was sie am nächsten Bahnhof erwarten würde.

Würden sie Adrian finden?

Würden Elise und Adrian endlich die Wahrheit erfahren?

Würde die Uhr jemals wieder weiterlaufen?

Oder würde die Geschichte für immer zwischen Vergangenheit und Gegenwart gefangen bleiben?

Vielleicht lag die Antwort im nächsten Augenblick.

Vielleicht auch nie.

Patrick schloss langsam das Lederbuch.

Für einen Moment schien es, als würde es ein letztes Mal warm werden.

Dann vibrierte es sanft.

Nicht mehr wie eine Warnung.

Nicht mehr wie ein Ruf.

Sondern wie ein leiser Abschiedsgruß.

Ganz langsam öffnete es sich ein letztes Mal.

Auf der letzten Seite erschien in schwarzer Tinte eine einzige Botschaft:

„Jede Geschichte lebt nur so lange, wie sich jemand an sie erinnert.“

Darunter entstand eine zweite Zeile.

„Danke, dass ihr diese Reise begleitet habt.“

Die Schrift wartete einen Augenblick.

Dann erschien der letzte Satz.

„Vielleicht begegnet euch eines Tages wieder ein dunkelblaues Lederbuch.“

Die Tinte verblasste.

Langsam.

Bis die Seiten wieder vollkommen leer waren.

Patrick legte behutsam seine Hand auf den Einband.

Emilia lächelte.

Keiner sagte ein Wort.

Manche Geschichten brauchen kein endgültiges Ende.

Sie leben in der Fantasie derjenigen weiter, die sie gelesen haben.

Und vielleicht fährt irgendwo, in einer regnerischen Nacht, noch immer ein alter Zug durch die Dunkelheit.

Mit einem geheimnisvollen Waggon.

Einem roten Regenschirm.

Und einem Lederbuch, das darauf wartet, die nächste Geschichte zu erzählen.

Das geheimnisvolle Buch 2

Kapitel 11 – Der Waggon im Regen

Patrick stand wie erstarrt auf dem Bahnsteig.

Um ihn herum tobte ein Bahnhof, der nicht existieren durfte.

Menschen liefen an ihm vorbei. Herren in dunklen Mänteln und Hüten. Frauen in langen Kleidern. Kofferträger riefen durcheinander, Kinder lachten, irgendwo pfiff ein Schaffner.

Dampf zog in dichten Wolken über die Gleise.

Und mitten darin stand Patrick.

Nass vom Regen.

Mit dem Lederbuch in den Händen.

Er konnte es noch immer nicht begreifen.

Vor wenigen Minuten war dies eine verlassene Ruine gewesen.

Und jetzt…

Leben.

Überall Leben.

Langsam ging Patrick den Bahnsteig entlang.

Sein Blick wanderte über die Menschenmengen.

Über Gesichter.

Fenster.

Waggons.

Immer wieder glaubte er, zwischen den Menschen lange helle Haare zu sehen.

Doch jedes Mal war sie verschwunden.

Dann blieb er plötzlich stehen.

Sein Herz setzte einen Schlag aus.

Dort.

Am dritten Waggon.

Ein Fenster stand offen.

Und aus dem Fenster lehnte sich eine Frau.

Lange helle Haare.

Dunkler Mantel.

Ihre Augen blickten direkt zu ihm.

Sie.

Es war sie.

Die geheimnisvolle Frau.

Für einen Moment schien alles um ihn herum still zu werden.

Kein Regen.

Keine Stimmen.

Keine Schritte.

Nur sie.

Und dieses Lächeln.

Ganz vorsichtig hob sie ihre Hand.

Und winkte ihm zu.

Patrick machte einen langsamen Schritt nach vorn.

Dann noch einen.

Die Frau sagte kein Wort.

Sie sah ihn nur an.

Und deutete dann langsam zur Tür des Waggons.

Komm.

Steig ein.

Patrick spürte, wie sein Herz schneller schlug.

Er wusste nicht warum.

Aber plötzlich hatte er das Gefühl, dass er diesen Moment bereits erlebt hatte.

Nicht hier.

Nicht heute.

Irgendwann.

Irgendwo.

Ein Blitz zuckte über den Himmel.

Und plötzlich vibrierte etwas in seiner Hand.

Das Lederbuch.

Wieder.

Stärker als jemals zuvor.

Fast panisch.

Patrick öffnete es sofort.

Die Seiten schlugen von selbst um.

Schneller.

Immer schneller.

Bis sie abrupt stoppten.

Neue Tinte erschien.

Unruhig.

Als würden die Worte unter Zeitdruck geschrieben.

„Wenn der Zug erneut abfährt,

kehrt zurück, was verloren war.“

Noch eine Zeile erschien.

Dann noch eine.

„Doch manche Türen öffnen nicht nur Wege.

Manche schließen sie für immer.“

Patrick wurde kalt.

Der Regen prasselte lauter gegen das Dach des Bahnsteigs.

Und als er langsam aufsah —

war die Frau noch immer dort.

Sie lächelte.

Aber diesmal lag etwas in ihrem Blick.

Etwas Trauriges.

Als würde sie wissen, was gleich geschehen würde.

Dann ertönte plötzlich ein lautes Pfeifen.

Die Dampflok stieß weißen Dampf aus.

Und der Zug begann sich langsam zu bewegen.


Kapitel 12 – Der Mann, der schon alles wusste

Das laute Pfeifen der Dampflok hallte noch in Patricks Ohren.

Der Regen.

Der Dampf.

Die Menschen.

Die Frau am Fenster.

Alles war noch vor wenigen Sekunden so echt gewesen.

Viel zu echt.

Patrick lief los.

Er rannte am Waggon entlang, vorbei an verschwommenen Gestalten, vorbei an Lichtern und Stimmen.

„Warte!“

Seine Stimme ging im Donner unter.

Noch ein Schritt.

Noch einer.

Dann—

Stille.

Absolute Stille.

Patrick blieb abrupt stehen.

Sein Herz raste.

Langsam hob er den Blick.

Der Bahnsteig war leer.

Vollkommen leer.

Kein Zug.

Keine Menschen.

Keine Stimmen.

Kein Dampf.

Nichts.

Nur Wind.

Nur Regen.

Die alten, zerbrochenen Lampen hingen wieder schief von der Decke. Rostige Schienen verschwanden in Dunkelheit. Das Unkraut wuchs zwischen den Gleisen.

Der Bahnhof war wieder eine Ruine.

Als wäre nie etwas geschehen.

Patrick drehte sich langsam im Kreis.

Ungläubig.

Verstört.

„Nein…“

Er ging einige Schritte.

Dann schneller.

Er suchte die Gleise ab.

Den Bahnsteig.

Den Waggon.

Doch da war nichts.

Nur Regenwasser auf altem Stein.

Und sein Spiegelbild in den Pfützen.

Unter seinem Arm vibrierte kurz das Lederbuch.

Einmal.

Dann hörte es wieder auf.

Patrick wollte es nicht öffnen.

Nicht jetzt.

Er wollte nur Antworten.

Und es gab nur einen Ort, an den er gehen konnte.

Winter & Sohn.


Der Regen hatte inzwischen die ganze Stadt verschluckt.

Straßenlaternen flackerten im Wind. Wasser rann über Fensterscheiben. Patrick lief durch die dunklen Straßen, bis endlich das vertraute Schild auftauchte.

Winter & Sohn

Die Glocke klingelte, als er die Tür aufstieß.

„Herr Winter!“

Keine Antwort.

Der Laden war still.

Zu still.

Patrick ging zwischen den Regalen hindurch.

„Herr Winter?“

Nichts.

Dann blieb er stehen.

Ganz hinten.

Am kleinen Tisch.

Dort saß jemand.

Ein alter Mann.

Grauer Mantel.

Dunkler Hut.

Freundliche Augen.

Und ein ruhiges Lächeln.

Patrick erstarrte.

Der Mann aus dem Park.

Der Alte hob langsam den Blick.

Als hätte er bereits auf ihn gewartet.

„Du warst also am Bahnhof.“

Keine Frage.

Eine Feststellung.

Patrick trat näher.

„Sie…“

Der Alte lächelte.

„Ja.“

„Wer sind Sie?“

Der Mann faltete ruhig die Hände.

„Im Moment stellt du die falsche Frage.“

Patrick spürte Wut in sich aufsteigen.

„Falsche Frage? Ich habe Dinge gesehen, die unmöglich sind! Menschen, die verschwinden! Einen Bahnhof aus einer anderen Zeit! Diese Frau—“

Der Alte hob leicht die Hand.

Und Patrick verstummte.

„Du hast sie gesehen.“

Stille.

Dann nickte Patrick langsam.

Der alte Mann sah ihn lange an.

Fast traurig.

„Und du hast sie erkannt.“

Patrick runzelte die Stirn.

„Erkannt? Ich kenne sie nicht.“

Der Alte schwieg.

Draußen grollte Donner.

Dann sah er auf das Lederbuch.

„Doch.“

Patrick blickte ebenfalls darauf.

Langsam.

Unsicher.

Der Alte lächelte wieder.

„Das Buch zeigt keine Zukunft.“

Patrick sagte nichts.

„Es zeigt Erinnerungen.“

Plötzlich wurde es still im Laden.

Unnatürlich still.

Und in diesem Moment öffnete sich das Lederbuch von selbst.

Langsam.

Die Seiten bewegten sich allein.

Blätterten.

Stopp.

Neue Tinte erschien.

Diesmal nur ein einziger Satz:

„Er erinnert sich noch nicht an den Tag, an dem er sie verlor.“

Der alte Mann sah Patrick an.

Und sagte leise:

„Aber bald wird er es.“


Kapitel 13 – Die Frau mit dem seltsamen Blick

Patrick starrte auf die Worte im Lederbuch.

„Er erinnert sich noch nicht an den Tag, an dem er sie verlor.“

Der Satz ließ ihn nicht los.

Verlor?

Wen verloren?

Die geheimnisvolle Frau?

Aber wie sollte man jemanden verlieren, den man nie gekannt hatte?

Der alte Mann saß ihm gegenüber und betrachtete ihn ruhig. Draußen prasselte Regen gegen die Fensterscheiben des Buchladens. Das warme Licht der alten Lampen flackerte leicht und tauchte die Regale in lange Schatten.

Patrick schüttelte langsam den Kopf.

„Nein.“

Seine Stimme klang müde.

„Nein… ich verstehe gar nichts mehr.“

Der Alte lächelte nicht mehr.

„Erinnerungen sind merkwürdige Dinge.“

Patrick sah ihn an.

„Dann sagen Sie es mir endlich.“

Stille.

„Wer ist sie?“

Der alte Mann antwortete nicht.

Stattdessen hob er langsam den Blick.

Zur Eingangstür.

Im selben Augenblick erklang das vertraute Läuten der kleinen Messingglocke.

Patrick drehte sich um.

Eine Frau betrat den Laden.

Sie trug einen hellen Mantel, auf dessen Schultern noch einzelne Regentropfen glitzerten. Langsam sah sie sich um.

Nicht hastig.

Nicht wie jemand, der ein bestimmtes Buch suchte.

Eher neugierig.

Fast vorsichtig.

Sie ging langsam zwischen den Regalen entlang und ließ ihre Finger über die Buchrücken gleiten.

Patrick beobachtete sie.

Etwas an ihr wirkte seltsam.

Nicht unheimlich.

Eher… vertraut.

Als hätte er sie schon einmal gesehen.

Aber wo?

Die Frau blieb plötzlich stehen.

Ihr Blick fiel auf den kleinen Tisch.

Auf das Lederbuch.

Patricks Lederbuch.

Sie trat näher.

Und in dem Moment veränderte sich ihr Gesichtsausdruck.

Ganz leicht.

Fast unmerklich.

Doch Patrick sah es.

Erst Überraschung.

Dann Verwirrung.

Und schließlich etwas anderes.

Etwas, das aussah wie Angst.

Oder Erinnerung.

Die Frau betrachtete das dunkelblaue Lederbuch lange.

Zu lange.

Dann hob sie langsam den Blick.

„Entschuldigung…“

Ihre Stimme war ruhig.

Aber unsicher.

„Darf ich… es mir einmal ansehen?“

Patrick sagte nichts.

Etwas in ihm zog sich zusammen.

Neben ihm wurde es plötzlich still.

Sehr still.

Langsam drehte er sich zum alten Mann.

Doch sein Platz war leer.

Die Tasse.

Der Stuhl.

Alles war da.

Nur der Alte war verschwunden.

Schon wieder.

Patrick sah erschrocken zurück zur Frau.

Sie blickte noch immer auf das Buch.

Und jetzt bemerkte er etwas.

Etwas Merkwürdiges.

Etwas, das ihm sofort eine Gänsehaut über den Rücken jagte.

Die Frau lächelte nicht.

Aber ihre Augen…

Ihre Augen wirkten plötzlich, als hätte sie Tränen zurückgehalten.

Und ganz leise sagte sie:

„Komisch…“

Eine kleine Pause.

Dann sah sie Patrick direkt an.

Und flüsterte:

„Ich habe das Gefühl… ich kenne dieses Buch.“


Kapitel 14 – Die Geschichte, die das Buch bereits kannte

Patrick stand regungslos neben dem kleinen Tisch.

Der Regen rann in dünnen Linien über die Fensterscheiben des Buchladens. Das warme Licht der alten Lampen spiegelte sich auf dem dunkelblauen Lederbuch, das die junge Frau noch immer vorsichtig in den Händen hielt.

Sie wirkte verändert.

Nicht mehr wie eine gewöhnliche Kundin.

Eher wie jemand, der etwas lange Verlorenes wiedergefunden hatte.

Patrick betrachtete sie aufmerksam.

„Wer sind Sie?“

Die Frau hob langsam den Blick.

Für einen Moment sagte sie nichts.

Dann lächelte sie schwach.

Traurig.

„Das versuche ich selbst herauszufinden.“

Patrick runzelte die Stirn.

„Was soll das heißen?“

Sie strich vorsichtig mit den Fingern über den Einband des Buches.

„Seit einigen Wochen… passieren seltsame Dinge.“

Ihre Stimme war ruhig geworden.

Fast so, als würde sie etwas erzählen, das sie selbst kaum verstand.

„Ich träume immer wieder denselben Traum.“

Patrick schwieg.

„Regen.“

Sie blickte kurz zum Fenster hinaus.

„Ein Bahnhof.“

Sein Herz zog sich zusammen.

„Und ein Mann.“

Jetzt sah sie ihn direkt an.

„Ich sehe sein Gesicht nie richtig.“

Patrick spürte eine Gänsehaut.

Die Frau sprach weiter.

„Aber jedes Mal habe ich das Gefühl… dass ich ihn suche.“

Der Laden wurde still.

Nur das leise Ticken einer alten Uhr war zu hören.

„Und dann“, sagte sie leise, „bin ich vor einigen Tagen zufällig an diesem Buchladen vorbeigegangen.“

Sie lächelte kurz unsicher.

„Seitdem zieht mich irgendetwas immer wieder hierher.“

Patrick sah auf das Lederbuch.

„Und das Buch?“

Die Frau atmete langsam aus.

„Ich habe es nie zuvor gesehen.“

Eine Pause.

„Und trotzdem kommt es mir vertraut vor.“

Plötzlich begann das Lederbuch leicht zu vibrieren.

Beide erschraken.

Langsam öffnete sich das Buch von selbst.

Die Seiten blätterten.

Eine.

Noch eine.

Dann stoppte es abrupt.

Neue schwarze Tinte erschien.

Langsam.

Fast feierlich.

Die Frau wich einen Schritt zurück.

Patrick las laut:

„Sie erinnert sich an den Regen.

An den Bahnhof.

An das Versprechen.“

Die Frau wurde blass.

Ihre Augen füllten sich plötzlich mit Tränen.

„Nein…“

Doch die Schrift schrieb weiter.

„Was verloren schien,

beginnt zurückzukehren.“

Patrick hob langsam den Blick.

„Was bedeutet das?“

Die Frau sah ihn an.

Und plötzlich wirkte ihr Gesicht verändert.

Nicht äußerlich.

Sondern in ihrem Blick.

Als würde sie sich an etwas erinnern.

An etwas Schmerzhaftes.

„Ich glaube…“

Ihre Stimme zitterte leicht.

„…das Buch kennt meine Geschichte.“

Im selben Moment flackerten die Lampen im Laden.

Ein kalter Luftzug zog zwischen den Regalen hindurch.

Und auf der nächsten Seite erschien ein neuer Satz.

Nur einer.

„Sie hieß einst Emilia.“

Die Frau erstarrte.

Ihre Lippen öffneten sich langsam.

Und kaum hörbar flüsterte sie:

„Woher kennt das Buch meinen Namen?“


Kapitel 15 – Der Ruf aus dem Regen

Die Worte standen noch immer auf der Seite.

„Sie hieß einst Emilia.“

Im Buchladen herrschte plötzlich eine Stille, die schwerer wirkte als zuvor. Selbst der Regen draußen schien für einen Moment leiser geworden zu sein.

Die Frau – Emilia – sah auf das Lederbuch, als würde sie hoffen, dass die Tinte verschwand.

Aber sie blieb.

Schwarz.

Unverändert.

Und ihr Blick veränderte sich.

„Emilia…“

Sie sprach den Namen langsam aus.

Vorsichtig.

Als würde sie ein vergessenes Wort wieder lernen.

„Ich weiß nicht, warum… aber als ich ihn gelesen habe…“

Sie legte ihre Hand auf ihre Brust.

„…hat es sich richtig angefühlt.“

Patrick sah sie an.

Noch vor wenigen Tagen hätte er sich selbst ausgelacht, wenn ihm jemand erzählt hätte, dass ein geheimnisvolles Buch Namen kennt, Erinnerungen schreibt und Menschen zusammenführt.

Doch jetzt…

Jetzt fühlte sich alles anders an.

Plötzlich flackerte das Licht.

Einmal.

Zweimal.

Ein kalter Luftzug zog durch den Laden.

Patrick drehte sich instinktiv um.

Zum Fenster.

Und sein Atem stockte.

Draußen.

Auf der anderen Straßenseite.

Unter einer flackernden Straßenlaterne.

Stand sie.

Die Frau mit dem roten Regenschirm.

Der dunkle Mantel.

Die langen hellen Haare, die im Regen leicht vom Wind bewegt wurden.

Reglos.

Fast unwirklich.

Sie sah direkt zu ihm.

Zu Patrick.

Und langsam hob sie ihre Hand.

Nicht zum Gruß.

Nicht zum Winken.

Sie deutete.

In eine Richtung.

Zum Stadtrand.

Zum alten Bahnhof.

Patrick erstarrte.

„Nein…“

Er trat einen Schritt näher ans Fenster.

Die Frau blieb stehen.

Ihr Blick wirkte ruhig.

Fast erwartungsvoll.

Dann verstand Patrick plötzlich.

Schlagartig.

Er drehte sich zu Emilia um.

„Der Bahnhof.“

Sie sah ihn verwirrt an.

„Was?“

Patrick trat einen Schritt auf sie zu.

„Der alte Bahnhof.“

Seine Stimme wurde fester.

„Immer wieder führt alles dorthin.“

Er dachte an den Zug.

An die Menschen.

An den Bahnsteig.

An die Worte im Buch.

Und an sie.

Immer wieder an sie.

Er sah Emilia direkt an.

„Wir gehen dorthin.“

Sie blinzelte.

„Jetzt?“

Draußen grollte Donner.

Als Antwort zuckte ein Blitz über den Himmel.

Patrick blickte erneut aus dem Fenster.

Doch die Frau auf der anderen Straßenseite…

war verschwunden.

Nur der Regen fiel noch.

Nichts sonst.

Patrick sah zurück zu Emilia.

„Wir gehen zum alten Bahnhof“, sagte er leise.

„Und schauen, ob wir dort etwas finden, das uns weiterhilft.“

Emilia blickte auf das Lederbuch.

Und in genau diesem Moment begann es erneut zu vibrieren.


Kapitel 16 – Waggon 3

Patrick und Emilia standen regungslos am kleinen Tisch im Buchladen.

Draußen schlug der Regen unaufhörlich gegen die Scheiben. Der Wind ließ die alte Messingglocke an der Eingangstür leise zittern, und irgendwo zwischen den Regalen knarrte Holz.

Doch keiner von beiden sagte etwas.

Ihre Blicke ruhten auf dem Lederbuch.

Auf dem dunkelblauen Einband.

Auf diesem seltsamen Buch, das mehr wusste als es wissen durfte.

Dann begann es erneut.

Zuerst ganz leicht.

Ein Zittern.

Dann vibrierte es stärker.

Der Tisch bewegte sich kaum sichtbar.

Emilia wich einen halben Schritt zurück.

Patrick hielt den Atem an.

Langsam öffnete sich das Buch.

Von selbst.

Die Seiten blätterten.

Eine Seite.

Zwei.

Zehn.

Zwanzig.

Immer schneller.

Der Wind im Laden wurde stärker. Lose Zettel bewegten sich über den Boden. Die Lampen flackerten.

Dann—

Stopp.

Mitten im Buch.

Leere Seiten.

Nichts.

Sekunden vergingen.

Patrick und Emilia sahen schweigend darauf.

Dann erschien ein schwarzer Punkt.

Klein.

Mitten auf der Seite.

Noch einer.

Und plötzlich begann sich schwarze Tinte über das Papier auszubreiten.

Nicht wie sonst.

Schneller.

Direkter.

Nur ein einziges Wort entstand.

Groß.

Dunkel.

Fast in das Papier gedrückt.

Waggon 3

Stille.

Kein weiteres Wort.

Keine Erklärung.

Nur:

Waggon 3

Emilia sah Patrick an.

Patrick sah Emilia an.

Für einen Moment sagte keiner etwas.

Dann flüsterte Emilia:

„Der Zug.“

Patrick nickte langsam.

Sofort dachte er an den Bahnhof.

An die Menschen aus einer anderen Zeit.

An die Frau im Fenster.

Und plötzlich erinnerte er sich.

Die Zahl am Waggon.

Die dunklen Wände.

Das geöffnete Fenster.

Waggon 3.

Er sprang auf.

„Das war der Waggon.“

Emilia blickte ihn an.

„Du bist sicher?“

Patrick zögerte nicht.

„Ja.“

Das Lederbuch vibrierte noch einmal.

Kurz.

Als würde es bestätigen, dass sie verstanden hatten.

Patrick griff danach und schlug es zu.

Zum ersten Mal fühlte es sich nicht an wie ein Rätsel.

Sondern wie ein Wegweiser.

Er nahm seinen Mantel.

Emilia ebenfalls.

Dann liefen beide zur Tür.

Als Patrick sie aufstieß, peitschte ihnen kalter Regen entgegen.

Draußen war die Straße leer.

Keine rote Frau.

Niemand.

Nur Regen.

Und irgendwo in der Ferne—

ganz leise—

hörte Patrick ein Geräusch.

Ein langgezogenes Pfeifen.

Wie das einer alten Dampflok.

Er sah Emilia an.

Sie hatte es ebenfalls gehört.

Keiner sagte etwas.

Dann rannten beide los.

Durch den Regen.

Zum alten Bahnhof.


Kapitel 17– Waggon 3

Der Regen peitschte ihnen ins Gesicht, als Patrick und Emilia den Weg zum alten Bahnhof hinaufstiegen.

Pfützen spiegelten das fahle Licht des Mondes. Alles wirkte verlassen. Verfallen. Vergessen.

Als sie den Bahnhof erreichten, stockten sie.

Die Ruine lag genau so da wie zuvor.

Zerbrochene Fenster. Abgeblätterte Farbe. Verrostete Schienen.

Keine Lokomotive.

Keine Menschen.

Keine geheimnisvolle Frau.

Nur Wind.

Nur Regen.

Nur Stille.

Patrick und Emilia sahen sich an.

„Das kann nicht sein“, flüsterte Emilia.

Patrick sagte nichts. Er spürte, dass sie einfach warten mussten.

Und dann geschah es.

Mitten auf dem Abstellgleis, wo vorher nichts war, begann der Nebel sich zu verdichten.

Er wirbelte, drehte sich, bewegte sich wie Rauch in Zeitlupe.

Ein metallisches Knarzen erklang, obwohl kein Wetterzug zu hören war.

Der Nebel wurde dichter.

Dichter.

Dichter.

Und dann stand er da.

Ein einzelner alter Waggon.

Eine Donnerbüchse.

Dunkel.

Schwer.

Real.

Patrick und Emilia starrten ungläubig.

Langsam traten sie näher.

An der Seite des Waggons war ein Schild befestigt.

„Waggon 3“

Patrick schluckte.

Emilia legte eine Hand auf seine Schulter.

Gemeinsam stiegen sie die Stufen hinauf und öffneten die schwere Tür.

Ein warmer, goldener Schein schlug ihnen entgegen.

Sie traten ein.

Und blieben atemlos stehen.

Der Innenraum war pompös eingerichtet.

Dunkle Holzvertäfelungen.

Samtvorhänge.

Messinglampen.

Polsterstühle.

Alles wirkte wie aus einer anderen Zeit.

Luxuriös.

Majestätisch.

Als wäre dieser Waggon für jemanden bestimmt gewesen, der mehr als nur ein Ziel hatte.

Sie gingen langsam den Mittelgang entlang.

Vorbei an kleinen Tischen, die mit weißen Tischtüchern gedeckt waren.

Vorbei an Spiegeln. Vorbei an alten Gemälden. Bis sie ganz hinten ankamen.

Der letzte Tisch. Auf dem weißen Tischtuch lag eine Tasche.

Eine alte Ledertasche. Dunkelbraun. Abgenutzt. Doch nicht zerfallen.

Patrick und Emilia sahen die Tasche an.

Und beide wussten im selben Moment: Diese Tasche gehörte hier nicht zufällig hin.


Kapitel 18 – Melisande

Patrick und Emilia standen am Ende des luxuriösen Waggons.

Vor ihnen lag die alte Ledertasche auf dem weißen Tischtuch.

Der Regen trommelte gegen die Fensterscheiben des Waggons. Draußen war der verlassene Bahnhof kaum noch zu erkennen. Nur gelegentlich erhellte ein Blitz die Dunkelheit.

Niemand sprach.

Beide sahen die Tasche an.

„Sollen wir sie öffnen?“, fragte Emilia schließlich.

Patrick antwortete nicht sofort.

Etwas hielt ihn zurück.

Als würde die Tasche nicht nur Gegenstände enthalten, sondern Erinnerungen.

Geheimnisse.

Vielleicht sogar Antworten.

Vorsichtig trat Emilia näher.

Da bemerkte sie etwas.

An einem der Verschlüsse hing ein kleiner Messinganhänger.

Alt.

Leicht angelaufen.

Sie nahm ihn zwischen die Finger.

Darauf war ein Name eingraviert.

Melisande

Patrick las ihn laut vor.

„Melisande.“

Der Name kam ihm fremd vor.

Und doch löste er etwas in ihm aus.

Ein kaum greifbares Gefühl.

Eine Erinnerung, die sich hinter einem Schleier verbarg.

„Wer ist Melisande?“, flüsterte Emilia.

In diesem Moment vibrierte das Lederbuch.

Zuerst leicht.

Dann stärker.

Es lag noch immer unter Patricks Arm.

Fast erschrocken nahm er es hervor.

„Nicht schon wieder“, murmelte er.

Doch das Buch reagierte nicht auf ihn.

Langsam öffnete es sich von selbst.

Die Seiten blätterten.

Immer schneller.

Dann hielten sie an.

Eine vollkommen leere Seite.

Für einen Augenblick geschah nichts.

Dann erschien ein einzelner schwarzer Buchstabe.

Und noch einer.

Wort für Wort begann sich eine Geschichte zu schreiben.

Patrick und Emilia traten näher.

Die Tinte floss über das Papier wie lebendige Schatten.

Und sie lasen:

„Vor langer Zeit lebte eine junge Frau namens Melisande.“

Neue Zeilen erschienen.

„Sie war die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns und für ihre Schönheit in der ganzen Region bekannt.“

Die Schrift schrieb weiter.

„Doch ihr Herz gehörte einem Mann, den ihre Familie niemals akzeptieren würde.“

Emilia spürte eine Gänsehaut.

Patrick konnte den Blick nicht abwenden.

Die Geschichte wuchs Zeile um Zeile.

„Sein Name war Adrian. Er besaß weder Reichtum noch Ansehen. Nur seine Liebe zu Melisande.“

Draußen grollte Donner.

Die Lampen im Waggon flackerten.

Und das Buch schrieb weiter.

„Jede Nacht trafen sie sich heimlich am Bahnhof.“

Patrick und Emilia wechselten einen Blick.

Bahnhof.

Natürlich.

Alles führte immer wieder hierher.

Die Tinte floss weiter.

„Sie planten gemeinsam fortzugehen.“

„Fort von den Erwartungen ihrer Familien.“

„Fort von einer Zukunft, die andere für sie bestimmt hatten.“

Dann verlangsamte sich die Schrift.

Die nächsten Worte erschienen schwerer.

Dunkler.

„Doch in der Nacht ihrer Flucht kam Adrian nie zum Bahnsteig.“

Emilia hielt unwillkürlich den Atem an.

Patrick spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.

Das Buch schrieb weiter.

„Melisande wartete im Regen.“

„Eine Stunde.“

„Zwei Stunden.“

„Die ganze Nacht.“

Ein Blitz zuckte am Himmel.

Die Fensterscheiben erzitterten.

Und schließlich erschienen die nächsten Zeilen.

„Am Morgen erfuhr sie die Wahrheit.“

„Adrian war auf dem Weg zum Bahnhof verunglückt.“

„Er hatte sie nie verlassen wollen.“

Die Tinte wurde dunkler.

Fast schwarz wie Kohle.

„Doch Melisande glaubte, er habe sie im Stich gelassen.“

„Sie lebte viele Jahre mit diesem Schmerz.“

„Und starb, ohne die Wahrheit zu erfahren.“

Die Schrift stoppte.

Stille erfüllte den Waggon.

Nur der Regen war zu hören.

Patrick blickte langsam zu Emilia.

„Das ist furchtbar.“

Emilia nickte.

Doch bevor einer von beiden etwas sagen konnte, erschien eine neue Zeile.

Nur eine einzige.

Langsam.

Fast zögernd.

„Die Tasche enthält den Brief, den Adrian niemals übergeben konnte.“

Die beiden starrten auf die Worte.

Dann blickten sie gleichzeitig zur alten Ledertasche.

Und plötzlich wirkte sie schwerer als zuvor.

Als würde darin mehr liegen als nur Papier.

Als läge darin das Ende einer Geschichte, die über hundert Jahre auf ihre Wahrheit gewartet hatte.


Kapitel 19 – Die Wahrheit über Adrian

Patrick und Emilia standen noch immer vor der alten Ledertasche.

Das Lederbuch lag geöffnet auf dem Tisch. Die letzten Worte waren noch nicht verblasst:

„Die Tasche enthält den Brief, den Adrian niemals übergeben konnte.“

Keiner von beiden wagte es, die Tasche zu öffnen.

Zu groß war das Gefühl, dass sie an etwas rührten, das über ein Jahrhundert verborgen geblieben war.

Dann hörten sie Schritte.

Langsam.

Ruhig.

Nicht draußen auf dem Bahnsteig.

Sondern im Waggon.

Patrick fuhr herum.

Am anderen Ende des Waggons stand der alte Mann aus dem Park.

Als wäre er schon immer dort gewesen.

Grauer Mantel.

Dunkler Hut.

Freundliche Augen.

Und dieses geheimnisvolle Lächeln.

„Sie schon wieder“, sagte Patrick.

Der Alte nickte.

„Manche Geschichten brauchen einen Zeugen.“

Emilia betrachtete ihn aufmerksam.

„Kennen Sie Melisande?“

Der alte Mann trat langsam näher.

Sein Blick fiel auf den Anhänger an der Tasche.

Dann nickte er.

„Ja.“

Er strich mit den Fingern über die Tischkante.

„Melisande ist ein sehr alter Name.“

Der Regen wurde stärker.

Donner grollte über dem verlassenen Bahnhof.

„Der Name stammt aus alten Legenden.“

Patrick hörte aufmerksam zu.

„Er bedeutet nicht nur Stärke oder Schönheit.“

Der Alte sah zu Emilia.

„Melisande wird oft mit verlorener Liebe verbunden.“

Stille.

„Mit einer Liebe, die nicht erfüllt werden konnte.“

Emilia blickte auf den Anhänger.

Der Name wirkte plötzlich schwerer.

Trauriger.

„Und Adrian?“, fragte Patrick.

Der Alte wurde ernst.

Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung.

„Adrian liebte sie mehr als sein eigenes Leben.“

Die Lampen im Waggon flackerten.

„In jener Nacht wollte er zum Bahnhof kommen.“

Der Alte blickte hinaus in die Dunkelheit.

Als würde er etwas sehen, das längst vergangen war.

„Er hatte alles vorbereitet.“

„Was geschah?“, fragte Emilia leise.

Der Alte schwieg einen Moment.

Dann erzählte er:

„Es war dieselbe Strecke, die zum Bahnhof führte.“

Vor Patricks innerem Auge entstanden Bilder.

Regen.

Dunkle Straßen.

Pferdekutschen.

Nasses Kopfsteinpflaster.

„Ein schweres Gewitter zog über die Stadt.“

Der Alte sprach ruhig weiter.

„Adrian war spät dran.“

„Er wusste, dass Melisande wartete.“

„Also nahm er den kürzesten Weg.“

Ein Blitz erhellte den Himmel.

Im selben Augenblick erschien im Fenster des Waggons für einen Sekundenbruchteil die Silhouette eines jungen Mannes.

Dann war sie verschwunden.

Der Alte bemerkte es nicht.

Oder tat zumindest so.

„Auf einer alten Brücke über dem Fluss wurde sein Pferd vom Donner aufgeschreckt.“

Emilia hielt den Atem an.

„Die Kutsche geriet ins Schleudern.“

„Das Geländer brach.“

Patrick spürte eine Kälte in seiner Brust.

„Und Adrian stürzte mit der Kutsche in die Tiefe.“

Stille.

Nur Regen.

Nichts sonst.

Der Alte senkte den Blick.

„Er starb noch in derselben Nacht.“

Emilia schloss die Augen.

„Und Melisande wusste nichts davon.“

Der Alte nickte.

„Sie wartete bis zum Morgen.“

„Und glaubte schließlich, er hätte sie verlassen.“

Patrick dachte an die Geschichte im Buch.

An die Jahre des Schmerzes.

An das Missverständnis.

Ein ganzes Leben voller Trauer.

Nur wegen einer Wahrheit, die nie ankam.

Dann sah der Alte zur Ledertasche.

„Doch Adrian hatte etwas bei sich.“

Sein Blick wurde ernst.

„Etwas, das Melisande niemals erhielt.“

Patrick und Emilia folgten seinem Blick.

Zur Tasche.

Zum Brief.

Der Brief, der über hundert Jahre zu spät war.

Und plötzlich begann sich der Verschluss der Tasche ganz von allein zu öffnen.


Kapitel 20 – Der Brief in der Tasche

Patrick und Emilia standen regungslos vor dem letzten Tisch im Waggon.

Die alte Ledertasche lag vor ihnen.

Der Verschluss hatte sich gerade wie von unsichtbarer Hand geöffnet.

Langsam.

Lautlos.

Fast ehrfürchtig.

Der Regen trommelte gegen die Fensterscheiben.

Irgendwo in der Ferne grollte Donner.

Niemand sprach.

Beide blickten gespannt auf die Tasche.

Dann hob Emilia vorsichtig den Deckel an.

Ein Geruch von altem Papier und Leder stieg auf.

Im Inneren lagen einige vergilbte Dokumente.

Ein altes Taschentuch.

Ein silbernes Medaillon.

Und ganz unten…

Ein zusammengefalteter Brief.

Versiegelt mit rotem Wachs.

Patrick spürte, wie sein Herz schneller schlug.

„Das muss er sein“, flüsterte Emilia.

„Adrians Brief.“

Für einen Moment wagte keiner von beiden, ihn zu berühren.

Dann drehte sich Patrick um.

Er wollte dem alten Mann eine Frage stellen.

Doch sein Satz blieb ihm im Hals stecken.

Der Platz hinter ihnen war leer.

Der alte Mann war verschwunden.

Keine Schritte.

Kein Geräusch.

Kein Schatten.

Nichts.

Als hätte er niemals im Waggon gestanden.

Patrick sah sich um.

„Nein…“

Er ging einige Schritte den Gang entlang.

„Wo ist er?“

Doch natürlich erhielt er keine Antwort.

Emilia stand noch immer am Tisch.

„Patrick.“

Ihre Stimme klang angespannt.

Er drehte sich um.

In diesem Moment begann das Lederbuch erneut zu vibrieren.

Diesmal stärker.

Viel stärker.

Es lag auf einem der Sitze neben dem Tisch.

Die Seiten bewegten sich von selbst.

Erst langsam.

Dann immer schneller.

Der ganze Waggon schien auf das Buch zu reagieren.

Die Lampen flackerten.

Die Fensterscheiben erzitterten.

Draußen heulte der Wind.

Patrick trat näher.

„Nicht schon wieder…“

Doch das Buch hatte längst begonnen.

Die Seiten blätterten wild.

Bis sie plötzlich stoppten.

Mitten im Buch.

Eine leere Seite.

Sekundenlang erschien nichts.

Dann floss schwarze Tinte über das Papier.

Schnell.

Drängend.

Als hätte die Geschichte es eilig.

Eine Zeile entstand:

„Der Brief enthält die Wahrheit.“

Noch eine.

„Doch die Wahrheit hat ihren Preis.“

Emilia schluckte.

Die Tinte schrieb weiter.

Langsamer nun.

Fast warnend.

„Wenn der Brief gelesen wird,

wird die letzte Erinnerung erwachen.“

Stille.

Patrick und Emilia sahen sich an.

Der Brief lag noch immer in der geöffneten Tasche.

Unberührt.

Als hätte er über hundert Jahre genau auf diesen Augenblick gewartet.

Und plötzlich begann das rote Wachssiegel ganz von allein zu knacken.


Kapitel 21 – Die Anweisung

Patrick nahm den Brief vorsichtig aus der Ledertasche.

Das vergilbte Papier fühlte sich erstaunlich gut erhalten an. Das rote Wachssiegel war bereits aufgebrochen, als hätte die Zeit selbst entschieden, dass sein Inhalt endlich gelesen werden musste.

Emilia trat näher.

„Mach ihn auf“, sagte sie leise.

Patrick nickte.

Langsam schob er einen Finger unter die Lasche des Briefes.

In diesem Moment zuckte ein greller Blitz über den Himmel.

Das Licht erfüllte den gesamten Waggon.

Für einen Sekundenbruchteil.

Dann folgte ein gewaltiger Donnerschlag.

Emilia fuhr erschrocken zusammen.

Patrick blickte instinktiv zum Fenster.

Und erstarrte.

Draußen.

Direkt vor dem Waggon.

Stand die Frau mit dem roten Regenschirm.

Regungslos.

Der Regen fiel durch sie hindurch wie ein Schleier.

Ihr dunkler Mantel bewegte sich leicht im Wind.

Ihre langen hellen Haare glänzten im Licht des Gewitters.

Und ihre Augen blickten direkt in den Waggon.

Direkt zu Patrick.

Direkt zu Emilia.

Keiner von beiden sagte ein Wort.

Die Frau hob langsam ihre Hand.

Nicht warnend.

Nicht drohend.

Eher als wolle sie auf etwas aufmerksam machen.

Dann verschwand das Licht des Blitzes.

Und die Gestalt war wieder kaum zu erkennen.

„Hast du das gesehen?“, flüsterte Emilia.

Patrick nickte nur.

Sein Herz schlug bis zum Hals.

Plötzlich begann das Lederbuch erneut zu vibrieren.

Heftiger als jemals zuvor.

Es lag auf dem Tisch neben der geöffneten Tasche.

Die Seiten flatterten.

Schneller.

Immer schneller.

Der Wind im Waggon wurde stärker, obwohl alle Fenster geschlossen waren.

Die Lampen flackerten.

Die Vorhänge bewegten sich.

Dann schlug das Buch auf.

Mitten im Buch.

Leere Seiten.

Langsam erschien schwarze Tinte.

Zeile für Zeile.

Patrick und Emilia traten näher.

Die Schrift formte klare Worte:

„Lest den Brief nicht hier.“

Die beiden sahen sich an.

Neue Zeilen erschienen.

„Der Waggon bewahrt Erinnerungen.“

„Die Wahrheit darf nicht an diesem Ort erwachen.“

Draußen donnerte es erneut.

Die Frau vor dem Fenster stand noch immer dort.

Unbeweglich.

Als würde sie warten.

Das Buch schrieb weiter:

„Geht zum alten Wartesaal.“

„Unter der Uhr, die niemals weiterlief.“

Patrick erinnerte sich sofort.

Die alte Bahnhofsuhr.

22:17 Uhr.

Die Uhr, die seit Jahrzehnten stillstand.

Noch eine Zeile erschien.

Langsamer als die anderen.

Fast feierlich.

„Dort wurde das Versprechen gegeben.“

Die Tinte stockte kurz.

Dann entstand der letzte Satz.

Der Satz, der beiden eine Gänsehaut über den Rücken jagte:

„Nur dort kann der Brief gefahrlos geöffnet werden.“

Die Schrift verblasste.

Das Lederbuch schloss sich mit einem dumpfen Schlag.

Stille.

Nur der Regen war noch zu hören.

Patrick blickte auf den Brief in seiner Hand.

Dann zur Frau mit dem roten Regenschirm.

Und schließlich zu Emilia.

„Dann gehen wir zum Wartesaal.“

In diesem Augenblick lächelte die geheimnisvolle Frau draußen zum ersten Mal. Nur ganz leicht.

Und verschwand im nächsten Blitzlicht spurlos aus der Dunkelheit.

Das geheimnisvolle Buch 1

Kapitel 1 – Das geheimnisvolle Buch

Der Regen fiel in feinen, silbernen Fäden vom Himmel, als Patrick die schmale Kopfsteinpflasterstraße entlangging. Es war ein Donnerstagabend wie viele andere zuvor. Die Straßenlaternen spiegelten sich auf dem nassen Boden, und der Duft von frischem Kaffee zog aus dem kleinen Café an der Ecke herüber. Doch Patrick achtete kaum darauf. Seine Gedanken waren bereits bei dem Ort, den er jede Woche besuchte.

Der Buchladen.

Zwischen einer alten Schneiderei und einem Antiquitätengeschäft lag „Winter & Sohn“, ein kleiner Laden mit dunklen Holzregalen, knarrendem Boden und staubigen Fenstern. Für andere wirkte er unscheinbar. Für Patrick war er ein zweites Zuhause.

Als er die Tür öffnete, erklang das vertraute Läuten der kleinen Messingglocke.

„Du bist spät dran heute“, sagte eine warme Stimme hinter dem Tresen.

Herr Winter, der Besitzer, hob den Blick von seiner Zeitung. Sein grauer Bart war ordentlich gestutzt, und seine runden Brillengläser spiegelten das Licht der alten Lampen wider.

Patrick lächelte leicht.
„Die Arbeit.“

„Die Arbeit wird dich noch eines Tages umbringen.“

„Und Bücher retten mich wieder.“

Herr Winter lachte leise.
„Dann bist du hier genau richtig.“

Patrick zog seinen Mantel aus und begann wie immer langsam durch die Regale zu wandern. Er liebte diesen Laden nicht nur wegen der Bücher, sondern wegen der Ruhe. Hier schien die Zeit langsamer zu vergehen.

Seine Finger glitten über Buchrücken voller Geschichten, Geheimnisse und vergessener Leben.

Doch an diesem Abend war etwas anders.

Ganz hinten im Laden, dort wo normalerweise nur alte Lexika und beschädigte Ausgaben standen, bemerkte Patrick ein einzelnes Buch auf einem kleinen Tisch. Er war sich sicher, dass es gestern noch nicht dort gelegen hatte.

Das Buch war in dunkelblaues Leder gebunden, fast schwarz im schwachen Licht. Keine Schrift auf dem Einband. Kein Titel.

Neugierig trat Patrick näher.

„Interessierst du dich dafür?“

Patrick drehte sich um. Herr Winter stand plötzlich hinter ihm. Seltsam war nur, dass Patrick seine Schritte nicht gehört hatte.

„Woher kommt dieses Buch?“

Der alte Mann schwieg einen Moment.
„Ich weiß es nicht.“

„Du weißt es nicht? Du weißt sonst von jedem Buch hier die Geschichte.“

Herr Winter betrachtete das Buch mit einem merkwürdigen Ausdruck.
„Dieses hier wurde heute Morgen vor der Tür abgelegt. Ohne Namen. Ohne Nachricht.“

Patrick hob es vorsichtig an. Das Leder fühlte sich ungewöhnlich warm an.

„Darf ich?“

Herr Winter nickte langsam.
„Wenn das Buch von dir gefunden werden wollte.“

Patrick runzelte die Stirn.
„Das klingt unheimlich.“

„Vielleicht ist es das.“

Er öffnete die erste Seite.

Keine Worte.

Nur ein einzelner Satz, geschrieben in feiner schwarzer Tinte:

„Die Geschichte beginnt mit der Frau am Fenster.“

Patrick blätterte weiter.

Leere Seiten.

Alle leer.

„Komisch …“

In diesem Moment zog ein kalter Luftzug durch den Laden. Die Lampen flackerten kurz.

Und dann sah Patrick sie.

Draußen, auf der anderen Straßenseite, stand eine junge Frau unter einer Straßenlaterne. Sie trug einen dunklen Mantel und hielt einen roten Regenschirm in der Hand. Ihr Gesicht war halb im Schatten verborgen, doch ihre Augen blickten direkt zu ihm herüber.


Patrick spürte plötzlich ein seltsames Ziehen in der Brust.

Als würde er sie kennen.

Obwohl er sie noch nie zuvor gesehen hatte.

Für einen kurzen Augenblick lächelte die Frau.

Dann fuhr ein Bus vorbei.

Und als die Sicht wieder frei war, war sie verschwunden.

Patrick trat näher ans Fenster.
„Wer war das?“

Doch Herr Winter antwortete nicht sofort.

Als Patrick sich umdrehte, stand der alte Buchhändler regungslos da und sah ihn mit ernster Miene an.

„Patrick“, sagte er leise.
„Manche Bücher erzählen keine Geschichten.“

Er deutete auf das geheimnisvolle Buch in Patricks Händen.

„Manche Bücher beginnen sie.“


Kapitel 2 – Die leeren Seiten

Patrick konnte in dieser Nacht kaum schlafen.

Immer wieder sah er die Frau vor sich. Den roten Regenschirm. Die dunklen Augen, die ihn angesehen hatten, als hätten sie ihn schon lange gekannt. Und dieses kurze Lächeln, das sofort wieder im Regen verschwunden war.

Er hatte versucht, sich einzureden, dass es Zufall gewesen war. Eine Fremde auf der Straße. Nichts weiter.

Doch tief in ihm wusste er, dass etwas nicht stimmte.

Vor allem wegen des Buches.

Das dunkelblaue Lederbuch lag die ganze Nacht auf seinem Küchentisch. Patrick hatte mehrmals versucht, darin weiterzulesen. Doch jedes Mal waren die Seiten leer geblieben.

Bis auf den ersten Satz.

„Die Geschichte beginnt mit der Frau am Fenster.“

Nicht ein weiteres Wort war erschienen.

Am nächsten Morgen stand Patrick früher auf als gewöhnlich. Der Himmel war grau, und feiner Nebel hing zwischen den Häusern. Ohne Frühstück zog er seinen Mantel an, nahm das Buch unter den Arm und machte sich auf den Weg zu „Winter & Sohn“.

Die Glocke über der Tür klingelte, als er eintrat.

Der Laden war noch leer. Der Duft von altem Papier und Holz lag in der Luft. Herr Winter stand hinter dem Tresen und sortierte einige Bücherstapel.

„Du siehst aus, als hättest du Geister gesehen“, sagte der alte Mann ohne aufzusehen.

Patrick legte das Buch auf den Tresen.
„Die Seiten sind leer.“

Herr Winter nickte langsam, als hätte er genau das erwartet.
„Und trotzdem bist du zurückgekommen.“

„Wer war diese Frau gestern Abend?“

„Ich dachte, du würdest nach dem Buch fragen.“

„Ich frage nach beidem.“

Herr Winter schwieg einen Moment. Dann nahm er seine Brille ab und sah Patrick ernst an.

„Manche Geschichten zeigen dir nur das, was du sehen sollst.“

„Das beantwortet meine Frage nicht.“

„Nein“, sagte Herr Winter ruhig. „Aber vielleicht beantwortet das Buch sie.“

Patrick öffnete das Lederbuch erneut. Wieder leere Seiten.

Frustriert blätterte er weiter.

Nichts.

Dann blieb sein Blick plötzlich hängen.

Mitten auf einer zuvor leeren Seite erschienen langsam Worte. Als würden sie direkt in das Papier geschrieben werden.

Patrick erstarrte.

Die schwarze Tinte bewegte sich Zeile für Zeile über das Papier.

„Patrick suchte sie am nächsten Morgen zwischen den Straßen der Stadt.“

Er schluckte.

Weitere Worte erschienen.

„Doch die Frau mit dem roten Regenschirm war verschwunden.“

Patrick hob den Blick.
„Das ist unmöglich.“

Herr Winter sagte nichts.

Die Schrift schrieb weiter.

„Er wusste noch nicht, dass manche Menschen nicht zufällig in unser Leben treten.“

Plötzlich fiel draußen ein lautes Donnern vom Himmel. Die Lampen im Laden flackerten erneut.

Und mitten zwischen den Regalen hörte Patrick ein Geräusch.

Leise Schritte.

Er drehte sich um.

Niemand.

Doch auf einem kleinen Tisch am Ende des Ganges lag etwas, das vorher nicht dort gewesen war.

Ein roter Regenschirm.

Noch nass vom Regen.

Kapitel 3

Patrick und Herr Winter sehen sich im Buchladen um.
Zwischen den hohen Regalen herrschte ein unheimliches Schweigen.

Nur das Knistern des Regens gegen die Fensterscheiben war zu hören. Hin und wieder rollte ein ferner Donner über die Stadt, als wollte der Himmel selbst warnen.

Patrick hielt das Lederbuch fest in der Hand. Es war, als würde es auf etwas warten.

„Glauben Sie, sie hat etwas mit dem Buch zu tun?“, flüsterte Patrick.

Herr Winter antwortete nicht sofort. Seine Augen waren nachdenklich. „Manche Menschen treten in unser Leben, weil eine Geschichte sie ruft.“

In diesem Moment peitschte der Regen gegen die Fenster. Das Gewitter tobte nun mit voller Kraft.

Die Frau mit den hellen, langen Haaren. Sie stand auf der anderen Straßenseite, unter dem roten Regenschirm.

Ihre Augen trafen das Fenster. Und vielleicht … vielleicht sah sie Patrick.

Doch im Nächsten Moment senkte sie den Blick, und der Regen verschlang sie.

Patrick spürte ein Ziehen in der Brust.

Etwas Unerklärliches hatte begonnen.


Kapitel 4 – Stimmen im Regen

Patrick verließ den Buchladen früher als sonst.

Er sagte nichts. Herr Winter ebenfalls nicht.

Zwischen den hohen Regalen hatte plötzlich eine seltsame Stille geherrscht. Eine Stille, die schwer auf seinen Gedanken lag. Und dieses Gefühl wurde stärker, je länger er an die Frau dachte.

An ihre hellen, langen Haare.

An den roten Regenschirm.

An diesen kurzen Blick zum Fenster.

Als hätte sie gewusst, dass er dort stand.

Patrick zog den Kragen seines Mantels hoch und klemmte das dunkelblaue Lederbuch fest unter den Arm. Draußen hatte der Regen inzwischen an Stärke gewonnen. Schwere Tropfen peitschten gegen Schaufenster und Hausfassaden. Der Wind jagte durch die Straßen und riss kleine Wasserströme über das Pflaster.

Ein fernes Donnergrollen zog über die Dächer.

Dann noch eines.

Der Himmel schien unruhig geworden zu sein.

Patrick ging schneller.

Vorbei an geschlossenen Geschäften. Vorbei an flackernden Straßenlaternen. Vorbei an Menschen, die ihre Köpfe gesenkt hielten und so schnell wie möglich nach Hause wollten.

Doch seine Gedanken waren längst woanders.

Bei ihr.

Wer war sie?

Die Frage tauchte immer wieder in seinem Kopf auf.

Wer war sie?

Er hatte sie nur wenige Augenblicke gesehen. Eigentlich viel zu kurz.

Und trotzdem fühlte es sich seltsam vertraut an.

Fast so, als würde er sich an etwas erinnern, das nie passiert war.

Ein Blitz zuckte am Himmel.

Für den Bruchteil einer Sekunde wurde die Straße taghell.

Und Patrick blieb abrupt stehen.

Auf der anderen Straßenseite — zwischen Regen und Schatten — glaubte er eine Gestalt zu erkennen.

Eine Frau.

Dunkler Mantel.

Lange, helle Haare.

Sein Herz schlug schneller.

Er trat einen Schritt auf die Straße.

Ein Auto fuhr vorbei und spritzte Wasser auf.

Patrick hob den Arm, blinzelte.

Die Stelle war leer.

Niemand stand dort.

Nur Regen.

Nichts als Regen.

„Du bildest dir das ein“, murmelte er leise.

Doch seine Stimme klang nicht überzeugt.

Wenige Minuten später erreichte er seine Wohnung. Er schloss die Tür hinter sich, lehnte sich dagegen und atmete tief durch.

Stille.

Endlich.

Er legte seinen nassen Mantel ab und sah auf das Lederbuch.

Noch immer fühlte es sich merkwürdig warm an.

Langsam setzte er sich an den Küchentisch.

Draußen trommelte der Regen gegen die Fensterscheiben.

Patrick öffnete das Buch.

Die Seiten waren leer.

Wieder.

Er wollte es gerade enttäuscht schließen —

da erschien plötzlich ein neuer Satz.

Langsam.

Wort für Wort.

Schwarze Tinte breitete sich über das Papier aus.

„In dieser Nacht begann Patrick zu begreifen, dass nicht er die Geschichte las.“

Die Schrift hielt an.

Für einen Moment geschah nichts.

Dann erschien die nächste Zeile.

„Die Geschichte las ihn.“

Im selben Augenblick erlosch in der Wohnung das Licht.

Und im dunklen Fenster hinter ihm spiegelte sich plötzlich eine zweite Gestalt.

Eine Frau.

Reglos.

Direkt hinter Patrick.

Kapitel 5


Kapitel 6 – Das Rätsel unter den Bäumen

Patrick saß regungslos auf der alten Parkbank.

Die Morgensonne fiel durch die Baumkronen und zeichnete helle Flecken auf den Weg vor ihm. Um ihn herum begann der Tag ganz gewöhnlich. Menschen gingen spazieren, irgendwo bellte ein Hund, und in der Ferne lachte ein Kind.

Doch für Patrick fühlte sich nichts mehr gewöhnlich an.

Sein Blick ruhte auf dem geöffneten Lederbuch in seinen Händen.

Leere Seiten.

Und trotzdem starrte er hinein, als würde er erwarten, dass jeden Moment etwas geschah.

Er dachte an die Nacht.

An die Gestalt im Fenster.

An den Buchladen.

Und an sie.

Die Frau mit den langen, hellen Haaren.

Wer bist du?

Plötzlich hörte er langsame Schritte auf dem Kiesweg.

Patrick blickte auf.

Ein alter Mann näherte sich der Bank. Er trug einen langen grauen Mantel, einen dunklen Hut und hatte freundliche Augen. Sein Gesicht war von tiefen Falten durchzogen, doch sein Lächeln wirkte seltsam vertraut.

Er blieb stehen.

„Entschuldigen Sie“, sagte er freundlich. „Darf ich mich setzen?“

Patrick wollte gerade antworten.

Doch im selben Augenblick geschah es.

Direkt vor seinen Augen erschienen schwarze Linien auf dem Papier.

Worte.

Zeile für Zeile.

Langsam breitete sich die Tinte aus.

Patrick erstarrte.

Der alte Mann bemerkte seinen Blick und setzte sich schweigend neben ihn.

Die Schrift schrieb weiter:

„Wer den Regen sucht, findet keine Antwort.

Wer den Schatten folgt, sieht keine Wahrheit.

Doch wer in Augen blickt, die ihn längst kennen,

wird finden, was niemals verloren war.“

Patrick las die Zeilen zweimal.

Dann ein drittes Mal.

„Was soll das bedeuten?“, flüsterte er.

Neben ihm lächelte der alte Mann.

„Ein Rätsel.“

Patrick sah ihn überrascht an.

„Sie… haben das gelesen?“

Der Mann blickte nach oben in die stillen Baumkronen.

„Manche Worte erscheinen nicht zufällig.“

Ein leises Rauschen ging durch die Blätter.

Wieder.

Obwohl kein Wind wehte.

Patrick spürte eine Gänsehaut.

Der alte Mann schwieg einen Moment. Dann sah er geradeaus, als würde er in Erinnerungen blicken.

„Vor vielen Jahren“, begann er ruhig, „erzählte man sich hier eine seltsame Geschichte.“

Patrick hörte sofort zu.

„Es ging um eine junge Frau.“

Er machte eine kleine Pause.

„Sie hatte lange, helle Haare.“

Patricks Herz schlug schneller.

„Die Menschen sagten, sie tauche immer dann auf, wenn Regen und Gewitter die Stadt erreichten.“

Er schluckte.

Der alte Mann sprach weiter.

„Manche begegneten ihr nur für Sekunden. Andere sahen sie mehrfach.“

Patrick umklammerte das Buch fester.

„Und diejenigen, die ihr begegneten“, sagte der Mann leise, „vergaßen sie nie wieder.“

Stille.

Patrick sah ihn an.

Langsam.

Unsicher.

„Wie… sah sie aus?“

Der alte Mann drehte den Kopf und lächelte.

„Dunkler Mantel.“

Patrick hielt den Atem an.

„Lange, helle Haare.“

Seine Finger wurden kalt.

„Und oft trug sie…“

Der alte Mann sah zu ihm.

„…einen roten Regenschirm.“

Patrick wurde blass.

Es war dieselbe Frau.

Genau dieselbe.

Er sprang auf.

„Wer ist sie?“

Doch in diesem Moment zog eine Wolke vor die Sonne.

Der Park wurde dunkler.

Und als Patrick sich wieder zur Bank umdrehte —

war der alte Mann verschwunden.

Einfach verschwunden.

Nur das Lederbuch lag noch aufgeschlagen da.

Und auf der letzten Seite erschien langsam ein neuer Satz:

„Manche Geschichten beginnen nicht beim ersten Treffen.“

„Manche begannen schon vor langer Zeit.“


Kapitel 7 – Der Satz, der nicht da sein sollte

Patrick stand noch immer im Park.

Die Morgensonne schien unverändert durch die Bäume, Menschen gingen vorbei, irgendwo zwitscherten Vögel — und doch fühlte sich plötzlich alles fremd an.

Der alte Mann war verschwunden.

Nicht langsam gegangen.

Nicht zwischen den Wegen verschwunden.

Einfach fort.

Als hätte er nie dort gesessen.

Patrick sah sich hektisch um. Die Kieswege waren leer. Keine Spur von ihm.

Nur das Lederbuch lag auf der Bank.

Aufgeschlagen.

Und die Worte auf den Seiten standen noch immer dort:

„Manche Geschichten beginnen nicht beim ersten Treffen.“

„Manche begannen schon vor langer Zeit.“

Patrick schlug das Buch zu.

Zu viele Fragen.

Viel zu viele.

Er griff danach und machte sich sofort auf den Weg.

Es gab nur einen Menschen, der vielleicht Antworten hatte.

Herr Winter.

Der Himmel hatte sich inzwischen zugezogen. Die Sonne verschwand hinter grauen Wolken, und je näher Patrick dem Buchladen kam, desto schwerer wurde die Luft.

Als er „Winter & Sohn“ erreichte, läutete die kleine Glocke über der Tür.

Herr Winter hob sofort den Blick.

Und noch bevor Patrick etwas sagen konnte, musterte der alte Buchhändler ihn aufmerksam.

„Du siehst aus, als hättest du etwas gesehen, das nicht gesehen werden sollte.“

Patrick blieb stehen.

„Woher wissen Sie das?“

Herr Winter antwortete nicht.

Patrick legte das Lederbuch auf den Tresen.

„Im Park saß ein alter Mann neben mir.“

Keine Reaktion.

„Er erzählte mir von einer Frau.“

Herr Winter wurde still.

Patrick sprach weiter:

„Lange helle Haare. Dunkler Mantel. Roter Regenschirm.“

Jetzt hob Herr Winter langsam den Blick.

Zum ersten Mal wirkte selbst er beunruhigt.

„Und dann war er plötzlich verschwunden.“

Stille.

Draußen begann es wieder leicht zu regnen.

Ein fernes Grollen zog über die Stadt.

Patrick trat näher.

„Wer ist sie?“

Keine Antwort.

„Und dieses Rätsel…“

Er schlug das Buch auf.

„Wer den Regen sucht, findet keine Antwort. Wer den Schatten folgt, sieht keine Wahrheit… Was bedeutet das alles?“

Herr Winter sah auf die Seiten.

Dann auf Patrick.

Langsam nahm er seine Brille ab.

„Vor langer Zeit“, sagte er leise, „gab es Geschichten über Menschen, die auf seltsame Weise miteinander verbunden waren.“

Patrick schwieg.

„Menschen, die sich begegneten… obwohl ihre Geschichte viel früher begonnen hatte.“

„Früher?“

Herr Winter nickte.

„Manche glaubten, Erinnerungen könnten verloren gehen.“

Eine Pause.

„Andere glaubten… sie warten nur darauf, wiedergefunden zu werden.“

Ein Blitz erhellte kurz den Laden.

Die Lampen flackerten.

Patrick spürte wieder dieses Ziehen in der Brust.

„Sie wissen mehr.“

Herr Winter sah ihn nur an.

„Ja.“

„Dann sagen Sie es mir.“

Doch der alte Mann schwieg. Minuten vergingen.

Nur der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben.

Patrick atmete schwer aus.

„Gut“, sagte er schließlich. „Wenn Sie nichts sagen wollen…“

Er nahm das Lederbuch.

„…dann finde ich es selbst heraus.“

Er drehte sich zur Tür.

Ein Schritt.

Noch einer.

Doch plötzlich wurde das Buch warm.

Sehr warm.

Patrick blieb stehen.

Langsam öffnete er es.

Neue schwarze Tinte erschien.

Nicht langsam wie sonst.

Schneller.

Unruhiger.

Zeile für Zeile.

Dann hielt sie an.

Patrick las:

„Die Frau sucht ihn nicht mehr.“

„Denn heute Nacht wird er sie finden.“

Stille.

Und darunter erschien noch eine letzte Zeile.

Dunkler.

Fast so, als hätte jemand die Worte in das Papier gedrückt:

„Dort, wo die Geschichte einst endete.“

Herr Winter wurde blass.

Und flüsterte kaum hörbar:

„Nein…“


Kapitel 8 – Der Ort, an dem alles endete

Das Wort hallte noch in Patricks Gedanken nach.

„Dort, wo die Geschichte einst endete.“

Herr Winter stand regungslos hinter dem Tresen. Sein Gesicht war bleich geworden, und zum ersten Mal wirkte der alte Buchhändler nicht geheimnisvoll.

Sondern verängstigt. Patrick sah ihn an.

„Was bedeutet das?“ Keine Antwort.

„Herr Winter.“ Stille.

Dann griff der alte Mann langsam nach dem Rand des Tresens und atmete tief ein. „Es gibt Orte“, sagte er leise, „die Erinnerungen festhalten.“

Patrick runzelte die Stirn. „Erinnerungen?“

„Nicht deine gewöhnlichen Erinnerungen.“

Draußen peitschte der Regen stärker gegen die Fensterscheiben. Wieder grollte Donner über der Stadt. Herr Winter sah aus dem Fenster.

„Manche Orte vergessen nie.“

Patrick spürte Unruhe in sich aufsteigen.

„Welcher Ort?“

Herr Winter schwieg lange.

Zu lange.

Dann flüsterte er:

„Der alte Bahnhof.“

Patrick blickte ihn verwirrt an.

„Der Bahnhof draußen am Stadtrand? Der seit Jahren geschlossen ist?“

Herr Winter nickte langsam.

Patrick erinnerte sich.

Der alte Bahnhof war verlassen. Zerbrochene Fenster, rostige Gleise, überwucherte Wege. Früher war dort Leben gewesen.

Heute mied ihn fast jeder.

Und plötzlich erinnerte Patrick sich an etwas.

Als Kind hatte er Geschichten darüber gehört.

Von Lichtern in den Fenstern.

Von Schritten in leeren Hallen.

Von Menschen, die glaubten, dort Stimmen gehört zu haben.

Er schluckte.

„Warum dort?“

Herr Winter antwortete nicht sofort.

Dann sah er Patrick an.

„Weil dort vor vielen Jahren etwas geschah.“

Ein Blitz erhellte den Laden.

Für einen Augenblick wirkte Herr Winters Gesicht alt. Sehr alt.

„Etwas, das nie beendet wurde.“

Patrick spürte wieder dieses seltsame Ziehen in der Brust.

Wie bei ihrem ersten Blick.

Wie im Park.

Wie jedes Mal.

Er nahm das Lederbuch erneut in die Hand.

Warm.

Fast lebendig.

Langsam öffnete er es.

Die Seiten waren leer.

Dann erschien Tinte.

Langsam.

Ungewöhnlich langsam.

Nur ein Satz:

„Manche Herzen erinnern sich früher als der Verstand.“

Patrick starrte auf die Worte.

Und plötzlich sah er Bilder. Nur für einen Augenblick.

Regen.

Ein Bahnsteig. Nasses Pflaster.

Eine Frau mit langen hellen Haaren.

Ein roter Regenschirm.

Und ihre Augen.

Dieselben Augen.

Sie lächelte.

Traurig.

Dann war alles verschwunden.

Patrick keuchte auf und griff an den Tresen.

„Was war das?“

Herr Winter sah ihn erschrocken an.

„Was hast du gesehen?“

Patrick antwortete nicht.

Denn in diesem Moment begann die Glocke über der Ladentür zu klingeln.

Einmal.

Dann noch einmal.

Obwohl niemand den Laden betreten hatte.

Langsam drehte sich Patrick um.

Die Tür stand offen.

Draußen fiel dichter Regen.

Und auf der anderen Straßenseite — unter einer flackernden Straßenlaterne —

stand sie.

Die Frau.

Lange helle Haare.

Dunkler Mantel.

Roter Regenschirm.

Und diesmal verschwand sie nicht.

Sie sah direkt zu ihm.

Dann hob sie langsam ihre Hand.

Und deutete in eine Richtung.

Zum Stadtrand.

Zum alten Bahnhof.


Kapitel 9 – Der Bahnhof der Erinnerungen

Patrick blieb im Eingang des Buchladens stehen.

Der Regen fiel unaufhörlich vom Himmel. Schwere Tropfen schlugen gegen das Pflaster, liefen in kleinen Strömen die Straßen hinab und ließen die Lichter der Stadt verschwimmen.

Noch immer sah er die Stelle vor sich.

Die Frau. Der rote Regenschirm. Und ihre ausgestreckte Hand.

Sie hatte ihm den Weg gezeigt. Zum alten Bahnhof.

Patrick schloss kurz die Augen.

Das ist verrückt.

Der Bahnhof war seit Jahren verlassen. Eine Ruine. Ein Ort voller Staub, Rost und alter Geschichten.

Und doch…

Dieses Ziehen in seiner Brust war wieder da. Stärker als zuvor. Als würde etwas ihn dorthin rufen.

Hinter ihm sagte Herr Winter leise:

„Nicht jeder Ort möchte erinnert werden.“

Patrick drehte sich nicht um. Dann trat er hinaus in den Regen.


Der Weg zum Stadtrand schien heute länger zu sein als sonst.

Der Wind wurde stärker. Regen peitschte durch die dunklen Straßen. Immer wieder erhellten Blitze den Himmel für wenige Sekunden.

Schließlich tauchte er vor ihm auf.

Der alte Bahnhof. Verlassen. Dunkel.

Die Fenster waren zerbrochen. Rost hatte sich durch die Schienen gefressen. Alte Lampen hingen schief von den Wänden. Unkraut wuchs zwischen den Gleisen und überwucherte die Wege.

Früher war dort Leben gewesen.

Lachende Menschen. Abschiede. Wiedersehen.

Heute war nur noch Stille geblieben.

Patrick blieb vor dem Eingang stehen.

Ein Donnerschlag ließ die Fensterscheiben zittern.

Dann ging er hinein.

Die schwere Tür bewegte sich knarrend.

Im Inneren war die Luft kalt.

Zu kalt.

Wassertropfen fielen von der Decke auf den Boden. Wind strich durch die verlassenen Hallen und bewegte lose Papierfetzen über die alten Fliesen.

Patrick sah sich um.

Niemand.

Keine Schritte.

Keine Stimme.

Keine Frau.

Er ging langsam weiter.

Vorbei an alten Fahrplänen.

Vorbei an verrosteten Sitzbänken.

Vorbei an einer Uhr, deren Zeiger seit Jahren stillstanden.

22:17 Uhr.

Plötzlich blieb Patrick stehen. Er hatte etwas gehört.

Ein Geräusch. Ganz leise. Als würde irgendwo entfernt eine Durchsage erklingen.

Verzerrt.

Kaum hörbar.

Dann Stille.

Patrick drehte sich langsam um.

Nichts. Nur Schatten.

Und dann spürte er es. Unter seinem Arm.

Das Lederbuch. Es vibrierte.

Zuerst nur leicht.

Dann stärker.

Immer stärker.

Patrick nahm es langsam in die Hände.

Das dunkelblaue Leder fühlte sich warm an.

Fast lebendig.

Er öffnete es.

Die Seiten flatterten von allein.

Schneller. Schneller.

Bis sie plötzlich stoppten. Mitten im Buch.

Neue schwarze Tinte erschien.

Nicht Zeile für Zeile. Sondern auf einmal.

Als hätte es die Worte eilig.

„Sie wartet dort,

wo Regen niemals aufhört.

Wo ein Versprechen nie gehalten wurde.

Wo zwei Wege einst getrennt wurden.“

Patrick starrte auf die Schrift. Dann hörte er plötzlich Schritte.

Nicht vor sich. Nicht hinter sich.

Über sich. Langsam hob er den Blick.

Oben. Auf dem alten Bahnsteig.

Zwischen Dunkelheit und Regen stand eine Gestalt.

Lange helle Haare.

Reglos.

Und in ihrer Hand — ein roter Regenschirm.

Kapitel 10

Der goldene Faden

Liora saß auf einem Ast und schaute hinunter auf eine kleine Stadt. Es war eine dieser Nächte, in denen der Mond still war und die Straßenlaternen wie freundliche Augen leuchteten.

Etwas in der Luft fühlte sich unerfüllt an.

Nicht traurig. Aber… als würde etwas fehlen.

Wie ein Lied, bei dem die letzte Note nie gespielt wurde.

„Hier ist jemand allein“, flüsterte Liora.

Sie holte ihre goldene Spindel hervor – ein Werkzeug, das sie nur selten benutzte.

Denn es war nicht für Wind oder Sternenstaub gedacht. Sondern für Herzen, die aufeinander warteten. Sie schloss die Augen.

Und sie sah zwei Lichtpunkte – in derselben Stadt, nicht weit voneinander entfernt. Der eine war Leo, ein junger Mann, der jede Nacht auf dem Dach seines Hauses saß, um Sternbilder zu zeichnen. Er liebte den Himmel – aber fühlte sich oft wie ein Punkt zwischen Milliarden: klein, bedeutungslos. Die andere war Mira, eine Buchhändlerin mit einer alten Schreibmaschine und einem Herz voller Geschichten. Sie glaubte an Magie – aber hatte sie seit Jahren nicht mehr gespürt. Liora lächelte. „Zeit, euch zu finden.“ Mit ihrer Spindel spann sie einen goldenen Faden zwischen ihnen. Dünn wie Licht, zart wie Hoffnung.

Doch Menschen müssen den Weg selbst gehen.

Am nächsten Tag war es windig – und einer von Leos gezeichneten Sternkarten flog davon. Er jagte ihr nach, über Dächer, durch Gassen… bis sie vor einem kleinen Buchladen landete. Er trat ein, leicht verlegen. „Entschuldigung… meine Karte hat sich verirrt.“ Mira hob sie auf – und lächelte. „Das Sternbild der Füchsin“, sagte sie. „Fast niemand kennt das.“ Leo war überrascht. „Du kennst Sternbilder?“ „Ich schreibe manchmal über sie“, sagte sie und tippte auf ihre Schreibmaschine. „Sie führen Menschen – auch wenn sie’s nicht wissen.“ Es war kein Blitz. Kein lautes Herzklopfen. Nur ein Gefühl von Ankommen. Sie sprachen. Lachten. Blieben. Liora saß unsichtbar auf dem Fenstersims und betrachtete, wie sich der goldene Faden zwischen ihnen spannte – fester, heller, lebendiger. Und als Leo Mira zum Abschied fragte, ob sie sich wiedersehen wollten, war der Faden schon nicht mehr sichtbar. Denn dann war er Teil von ihnen geworden.

Und so sagt man:

Wenn zwei Menschen sich finden, die füreinander bestimmt sind –

…könnte es sein, dass irgendwo in der Nacht eine kleine Elfe mit einer goldenen Spindel saß

und still das Band spann, das ihre Wege kreuzte.

Hier ist die Geschichte, wie Merlin die kleine Elfe Liora kennenlernte

Es war in jener Dämmerstunde, in der das Licht wie flüssiges Gold durch die Bäume sickerte und der Wald zu flüstern begann. Merlin wanderte langsam zwischen den alten Eichen hindurch, seinen Stab locker in der Hand, denn er spürte, dass dieser Tag anders war – voller Magie, die nicht von ihm stammte.

Er folgte einem kaum hörbaren Klang, wie das helle Klingen eines winzigen Glöckchens. Je näher er kam, desto stärker schien die Luft selbst zu schimmern. Und dann stand er still.

Vor ihm, auf einem Mooshügel, tanzte eine kleine Gestalt. Zart wie Morgentau, mit Flügeln, die in allen Farben des Regenbogens funkelten, schwebte eine Elfe. Ihr goldenes Haar wehte wie Sonnenstrahlen im Wind, und ihr Lachen klang wie das Erblühen einer Blume.

„Du bist nicht aus unserem Wald“, sagte Merlin ruhig und versuchte, sie nicht zu erschrecken.

Die Elfe wirbelte herum, blickte ihn mit großen, bernsteinfarbenen Augen an und funkelte kurz misstrauisch. Doch dann neigte sie ihren Kopf. „Ich bin Liora“, sagte sie, „und ich habe mich verirrt.“

Merlin lächelte. „Verirrt? Das passiert selbst den mutigsten Wesen.“

Liora flatterte ein Stück näher. „Ich wollte den Ort finden, an dem die Sterne die Erde berühren. Aber der Weg wurde immer dunkler, und plötzlich war ich allein.“

Der Zauberer setzte sich neben sie, und für einen Moment lauschten beide den Stimmen des Waldes. „Vielleicht“, sagte er schließlich, „solltest du nicht nach dem Ort suchen, an dem die Sterne die Erde berühren… sondern nach denen, die dich auf dem Weg begleiten.“

Liora betrachtete ihn lange und leise. „Willst du mir helfen, Merlin?“

„Natürlich“, antwortete er mit einem warmen Lächeln. „Denn manchmal findet nicht die Elfe den Zauberer—sondern der Zauberer findet die Elfe.“

Und so begann ihre Freundschaft: eine Begegnung aus Licht und Weisheit, aus Abenteuerlust und uralter Magie.
Ein Anfang, so zart wie ein Flügelschlag und doch stark genug, um die Welt zu verändern

Die Gezeiten von Sanddorn

Das Meer vor der kleinen Küstenstadt Sanddorn war kein stiller Nachbar. Es war ein Taktgeber, der das Leben der wenigen Hundert Einwohner bestimmte. Für Eleonor und Manuel bestimmte es vor allem die Sehnsucht.

Manuel war zweiundfünfzig, seine Hände waren rau vom Salzwind und seine Haare so grau wie die Gischt an stürmischen Tagen. Jeden Morgen, pünktlich um sechs Uhr, trat er seinen Dienst auf dem alten Leuchtturm an der Nordmole an. Er löschte das Licht, wartete die Mechanik und blickte hinab auf die erwachende Stadt. Zu diesem Zeitpunkt schlief Eleonor meistens noch. Sie war zweiunddreißig, hatte die hellen, suchenden Augen einer Frau, die noch auf etwas wartete, und führte seit einigen Jahren das kleine Abendcafé direkt am Marktplatz.

Ihre Leben kreuzten sich nie zur selben Stunde, und doch waren sie untrennbar miteinander verwoben – genau wie Ebbe und Flut. Wenn Manuel am Nachmittag seinen Dienst beendete und die Mole verließ, öffnete Eleonor die schweren Holztüren ihres Cafés. Sie atmeten dieselbe salzige Luft, sie sahen dieselben Möwen über den Dächern kreisen, aber sie blieben Gefangene ihrer eigenen Rhythmen.

Der Grund für ihre Distanz lag tiefer als die Arbeitszeiten. Er lag in den zwanzig Jahren, die wie ein tiefer Graben zwischen ihren Generationen standen. Er lag in den goldenen Ringen, die beide an ihren Fingern trugen. Manuel kehrte jeden Abend heim zu einer Ehe, die zu einer stillen Gewohnheit geworden war, getragen von Jahrzehnten des gemeinsamen Schweigens. Eleonor ging nachts nach Hause zu einem Mann, der ihre Träume vom Aufbruch nicht verstand, den sie aber aus Pflichtgefühl und Angst vor der Einsamkeit nicht verließ.

Nur einmal im Monat, wenn der Mond in einer bestimmten Phase stand und das Hochwasser die Flutgrenze überschritt, kam es zu jener kurzen Stunde, in der sich ihre Welten berührten. Dann stand Manuel am Fenster des Cafés, um ein Brot für den nächsten Tag zu holen, während Eleonor hinter dem Tresen stand.

In diesen wenigen Minuten sprachen sie kaum. Sie redeten über das Wetter, den Zustand der Boote im Hafen oder die schwindenden Touristenzahlen. Doch in ihren Blicken lag das ganze ungesagte Universum einer Liebe, die nicht sein durfte. Sie waren wie zwei Schiffe, die im Nebel aneinander vorbeizogen – nah genug, um die Lichter des anderen zu sehen, aber zu schwer beladen mit den Pflichten ihres Lebens, um den Kurs zu ändern.

Als Manuel an diesem Abend das Café verließ und den Kragen seiner Jacke gegen den aufkommenden Wind hochschlug, sah Eleonor ihm durch die beschlagene Scheibe nach. Sie wusste, dass morgen früh, wenn sie noch schlief, sein Licht wieder über das dunkle Meer wandern würde. Ein ewiges Kreisen, ein ständiges Erinnern, ohne sich jemals zu erreichen.